Dec 07
Photo: Reset.me

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Die Nahrungs- und Arzneimittel-Behörde FDA in den USA könnte bis zum Jahr 2021 die chemische Substanz MDMA als Arzneimittel zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen legalisieren, wenn der Nachweis positiver Wirkungen unter kontrollierter Dosierung in Kombination mit Psychotherapie gelingt.

Die FDA hat damit gr√ľnes Licht f√ľr die sog. “Phase 3” der Versuche mit MDMA gegeben, die abschlie√üende Phase der Validierung, die erforderlich ist, um der Partydroge den Status einer im staatlichen Gesundheitssystem anerkannten Arzneimittels zu verleihen.

Die Behandlung beinhaltet die insgesamt 3-malige Verabreichung der Droge (1x pro Monat) erg√§nzt durch w√∂chentliche Psychotherapie-Sitzungen. Fr√ľhere Studien rund um die Substanz, welche derzeit von der DEA (Drug Enforcement Administration) gemeinsam mit Heroin und LSD in der Drogenkategorie 1 enthalten ist, zeigten ermutigende Ergebnisse f√ľr Patienten mit hartn√§ckigen Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). “Wir haben signifikante Hinweise darauf, dass sich MDMA in der unterst√ľtzenden Behandlung von PTSD als wirksam erweist,” sagte Brad Burge von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), einer gemeinn√ľtzigen Organisation in Santa Cruz, Kalifornien, die sich bem√ľht, MDMA medikamenten-Status zu verleihen: “Dass die FDA nun die Einleitung der Phase 3 bewilligte, ist ein starker Hinweis darauf, dass die Beh√∂rde dies genauso sieht”.

Etwa 50% der in “Phase 3” eingereichten Medikamente versagen. Passiert dies mit MDMA bei der Verwendung in der Therapie von PTBS-Patienten jedoch nicht, k√∂nnte die Substanz bereits im Jahre 2021 zur Verwendung eingereicht werden. Das Medikament w√§re dann nicht auf Verschreibung f√ľr die Patienten zu Hause (√§hnlich wie Marihuana in vielen US-Bundesstaaten) verf√ľgbar, sondern gem√§√ü dem Design der Studien w√ľrde es von ausgebildeten Psychotherapeuten in lizenzierten Zentren verwaltet und verabreicht werden. “Die Menschen kommen in eine Klinik, erhalten eine MDMA-Pille vom Arzt und nehmen sie sofort f√ľr ihre Therapiesitzung. Sie nehmen die Pille nicht nach Hause”, so Burge.

MDMA ist per se nicht mit der Partydroge Ecstasy oder “Molly” vergleichbar. “Weniger als die H√§lfte der auf der Stra√üe erh√§ltlichen Ecstasy- oder Molly-Pillen enth√§lt √ľberhaupt MDMA, sondern in der Regel sch√§dliche Ersatzstoffe”, erkl√§rt Burge. Das bedeute aber im Umkehrschlu√ü nicht, dass MDMA ungef√§hrlich sei. Die Droge kann unter bestimmten Bedingungen zu √úberhitzungssymptomen und Organversagen f√ľhren. Die MDMA-Pillen, die Patienten w√§hrend der Versuche verabreicht werden, haben pharmazeutische Qualit√§t mit einer festgelegten Dosis des Wirkstoffs und werden f√ľr die Versuchsreihe in Nordengland hergestellt.

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse k√∂nnen langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu k√∂rperlichen Erkrankungen f√ľhren, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) ein erh√∂htes Risiko f√ľr Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung ‚ÄěFolgen der interpersonellen Gewalt‚Äú an der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewaltt√§tige √úbergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf k√∂rperlicher Ebene beg√ľnstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen k√∂rperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des ‚ÄěUS Department of Veterans Affairs‚Äú etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) deutlich h√§ufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker f√ľr zuk√ľnftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddr√ľsenerkrankungen k√∂nnen Folge eines Traumas sein. Eine gro√üe, an der √§lteren deutschen Bev√∂lkerung durchgef√ľhrte epidemiologische Untersuchung der Universit√§tsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so h√§ufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erh√∂hter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und l√§nger anhaltenden Aussch√ľttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem h√§ufig Zeichen einer chronischen Entz√ľndung. ‚ÄěStresshormone und Entz√ľndungsbotenstoffe sind Risikofaktoren f√ľr Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen‚Äú, erkl√§rt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) werden ungewollt ‚Äď etwa in Albtr√§umen ‚Äď immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivit√§ten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenh√§ngen. Symptome wie Depressionen, Schlafst√∂rungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer R√ľckzug k√∂nnen Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

Mar 16

Die Medienberichte √ľber das Erdbeben in Japan wurden bereits nach wenigen Tagen von der atomaren Katastrophe, die sich in Fukushima ereignete, √ľberlagert. Nahezu jeder, der die Bilder im TV oder Zeitungen sah, wird betroffen gewesen sein … mich pers√∂nlich erinnerten sie an die im japanischen Hiroshima-Museum gezeigten Katastrophen-Bilder: menschenleere Strassen, Ruinen, Rauchwolken. Strassenpolizisten sind in weisse Strahlenschutzanz√ľge gekleidet und tragen Atemschutzmasken. Mindestens eine halbe Million Menschen mu√ü aus der Strahlenzone evakuiert werden.

Was in der Psyche vieler Japaner vorgeht, die nun bereits das zweite Mal innerhalb von knapp 70 Jahren auf ihrer Inselgruppe eine atomare Katastrophe -neben Tschernobyl- unerreichten Ausma√ües erleben, ist kaum vorzustellen. Japan hat die Atomenergie in eine Kraft des Friedens, des wirtschaftlichen Gedeihens verwandelt – das ist eine der gro√üen Nachkriegsleistungen Japans, real und symbolisch. Doch wieder hat sich das “Atom” in eine Gei√üel des Volkes verwandelt, und das, obwohl die japanischen Kernkraftwerke zu den “sichersten” der Welt geh√∂ren.

Dieses Trauma wegzustecken, wird nicht m√∂glich sein – wiederholt sich eine Schockerfahrung, fallen auch bei der stabilsten Psyche die letzten Barrieren. Oberfl√§chlich betrachtet reagieren die meisten Japaner zwar gefasst wie immer – man kann aber davon ausgehen, dass die Katastrophe massive Konsequenzen haben wird. Selbst eine Abkehr von der Atomenergie ist unter solchen Umst√§nden denkbar, obwohl Japan heute 20% seines Energiebedarfs damit deckt. Doch in Fukushima bekam die Menschheit (ein weiteres Mal) ihre Grenzen vorgef√ľhrt – es ist zu hoffen, dass die Karthasis des Traumas ultimativ in massiver Forschung nach alternativen Energiegewinnungstechniken m√ľndet. Japan k√∂nnte auch daf√ľr eine Keimzelle sein, √§hnlich, wie Traumapatienten aus einer erfolgreichen Therapie h√§ufig kr√§ftiger und kreativer hervorgehen als sie das vor dem tragischen Ereignis waren.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Augsburger Allgemeine)

Mar 14

F√ľr eine Studie zur Auswertung von Kriegsverletzungen wurden die Daten von 34.000 Pentagon-Mitarbeitern ausgewertet, die zwischen 2004 und 2007 aus dem Irak und aus Afghanistan zur Behandlung in das Milit√§rkrankenhaus in Landstuhl gebracht wurden. Normalerweise wird nach zwei Wochen entschieden, ob die Soldaten wieder im Konfliktgebiet eingesetzt oder zur weiteren Behandlung in die USA geschickt werden. Den Studienergebnissen zufolge ver√§ndern sich offenbar die Arten von Kriegsverletzungen, mit denen Soldaten konfrontiert sind – oder zumindest die Klassifikationssystem und damit auch die Genauigkeit der Diagnosem√∂glichkeiten (R.L.Fellner). Im Ersten Weltkrieg standen bei den US-Soldaten noch Infektions- und Atemwegserkrankungen sowie Magen-Darm-St√∂rungen an erster Stelle, nun sind es Muskel- und Knochen- sowie R√ľckgratverletzungen (24%), die sich die Soldaten allerdings nicht vorwiegend im Kampfeinsatz, sondern im Training oder in der Freizeit zuziehen. Danach kommen mit 14 Prozent erst Verletzungen oder Erkrankungen im Kampfeinsatz: 10 Prozent davon sind neurologische, 9 Prozent psychische St√∂rungen und 7 Prozent Schmerzen in der Wirbels√§ule.

Im Ersten Weltkrieg kamen psychische St√∂rungen erst an 11. Stelle, das blieb auch noch im Zweiten Weltkrieg so, in dem aber auf Atemwegs- und Infektionserkrankungen bereits nicht mit dem Kampfeinsatz verbundene Verletzungen folgten. Im Vietnamkrieg lagen letztere schon an erster Stelle, psychische St√∂rungen stiegen auf Platz 6. Im ersten Golfkrieg standen bei den Einlieferungen ins Krankenhaus Verletzungen an erster Stelle, psychische St√∂rungen lagen an achter Stelle. Die neurologischen (13%) und die psychischen St√∂rungen (13%) haben somit die Kampfverletzungen (12%) √ľberschritten – zumindest derer, die in Landstuhl -also nicht vor Ort- behandelt wurden. In aller Regel wurden Soldaten, die wegen psychischen St√∂rungen behandelt wurden, nicht mehr in den Einsatz zur√ľckgeschickt. W√§hrend sich der Anteil der √ľbrigen Verletzungen und Erkrankungen nicht ver√§ndert hat, sind die psychischen St√∂rungen 2004/2005 um 32,4 Prozent, 2005/2006 um 3 Prozent und 2006/2007 um 61,9 Prozent gestiegen. In Afghanistan ist die Zahl zun√§chst leicht gesunken, dann aber 2006/2007 gleich um 225 Prozent angestiegen. Dieser Anstieg sei auch deswegen √ľberraschend, weil zur selben Zeit die Zahl der Psychologenteams zur Behandlung von Kampfstress stark angehoben wurde (Anmerkung R.L.Fellner: m√∂glicherweise ist dies aber schlicht dadurch erkl√§rbar, da√ü PTSD’s von Medizinern h√§ufig nicht diagnostiziert werden, einfach, weil sie zu wenig hinsichtlich psychischer St√∂rungsbilder ausgebildet und sensibilisiert sind).¬†Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTSD) √ľberwiegen bei den psychischen St√∂rungen. Man geht davon aus, dass 11-17 Prozent aller in Afghanistan und im Irak eingesetzten Soldaten darunter leiden oder gelitten haben. (Quellen: The Lancet¬† Vol 375, Issue 9711, Pages 301 – 309, 23 January 2010, tp; Bild: US Air Force)

Nov 29

Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTBS oder PTSD) r√ľckten w√§hrend der letzten Jahre ins Zentrum psychologischer Forschung. Sie entstehen, wenn Menschen lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind – etwa bei Naturkatastrophen, Attentaten, Mi√übrauchserfahrungen oder Kriegsgeschehnissen. Sch√§tzungen zufolge leiden beispielsweise bis zu 50% aller aus Kriegsgebieten zur√ľckkehrenden US-Soldaten an Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen. Doch PTBS sind nur schwierig und zumeist auch langwierig therapeutisch zu behandeln, auch wenn diverse medikament√∂se Ans√§tze mittels dem Stresshormon Cortisol, dem Betablocker Propranolo u.a. [1] und Psychotherapie (v.a. die speziellen traumatherapeutischen Ans√§tze der Hypnotherapie bzw. EMDR sowie kombinierte Ans√§tze wie etwa die nach Reddemann) deutliche Fortschritte brachten.

Neue Hoffnung kommt nun aus einer ganz unerwarteten Richtung: in einer zusammen mit der Studentin E. Ganon-Elazar durchgef√ľhrten und im Journal of Neuroscience ver√∂ffentlichten Studie [2] wird dargelegt, dass die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren im basolateralen Kernkomplex der Amygdala (BLA) den verst√§rkenden Effekt von Stress bei der Konditionierung ausgleicht. Schon vor Jahren hatte der Pharmazeut Rafael Meshulam an der Jerusalemer Universit√§t positive einschl√§gige Wirkungen erzielt, als er es traumatisierten M√§usen verabreichte, nun konnten seine Ergebnisse in Versuchsreihen mit Ratten best√§tigt werden. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Kroatien in einem Berufungsverfahren gegen einen Mann, der im Jugoslawienkrieg gek√§mpft hatte und seitdem an einer PTBS leidet, d√ľrfen Kriegsveteranen mit Posttraumatischen Belastungsst√∂rungen mittlerweile sogar Marihuana zur Selbstbehandlung z√ľchten. [3]

Quellen: [1] Andrea Naica-Loebell: “Die Pille f√ľr das Vergessen” in: telepolis Online-Magazin, 08/2005; [2] Ganon-Elazar, E. & Akirav, I. (2009), Cannabinoid receptor activation in the basolateral amygdala blocks the effects of stress on the conditioning and extinction of inhibitory avoidance. Journal of Neuroscience, 29(36):11078-11088; [3] Der Standard 04.06.2009. Bildquelle:cannabisculture.com)

Jul 22

Das Erleben von Gewalt belastet nicht nur die Seele von Kindern, sondern beeintr√§chtigt offenbar auch die k√∂rperliche Gesundheit. Bei jungen Menschen aus Stadtvierteln mit hoher Kriminalit√§tsrate kommt es h√§ufig zu St√∂rungen in der Produktion des k√∂rpereigenen Hormons Cortisol, wie eine Studie an der Harvard School of Public Health ergab. Derartige √Ąnderungen an der Cortisolproduktion und -regulierung als Folge von Stress k√∂nnen jedoch das Immunsystem schw√§chen und erh√∂hte Fettablagerungen im Bauchbereich zur Folge haben, welche wiederum h√§ufig zu Erkrankungen der Herzkranzgef√§√üe oder Diabetes f√ľhren.

Das Hormon Cortisol wird vom Stressreaktionssystem des Körpers reguliert. Der Cortisolspiegel ist in der Regel morgens am höchsten und fällt im Verlauf des Tages ab. Die Wissenschaftler untersuchten nun an Burschen und Mädchen aus Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate den Einfluss posttraumatischer Stresssymptome wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen und schlechte Erinnerungen auf den täglichen Cortisolspiegel.

Das Ergebnis: Zwischen dem Erleben von Gewalt im direkten Umfeld und der St√∂rung der Stressbahnen im K√∂rper gibt es eine Verbindung. Je mehr die untersuchten Kinder unter den Stresssymptomen litten, desto st√§rker war die Cortisolproduktion beeintr√§chtigt und desto h√∂her war der Cortisolspiegel √ľber den Tag hinweg, vor allem am Nachmittag und am Abend, wie die Forscher berichteten.

(Quelle: Suglia et al. in: Posttraumatic Stress Symptoms Related to Community Violence and Children’s Diurnal Cortisol Response in an Urban Community-Dwelling Sample. International Journal of Behavioral Medicine, 2009; DOI: 10.1007/s12529-009-9044-6. Photo credit: L.Davilla/GettyImages)

Jun 28

Der k√ľrzliche Tod von Michael Jackson lie√ü wohl die wenigsten Menschen unber√ľhrt – selbst jene, die mit seiner Musik oder den von ihm entwickelten Tanzelementen nichts anfangen konnten. Wie nur wenige √∂ffentliche Ikonen polarisierte Jackson, und sein Lebensweg wurde in einem Ausma√ü von den √∂ffentlichen Medien verfolgt und kommentiert wie kein anderer. In krassem Kontrast zu unserer Aufmerksamkeitskultur wollte dieser K√ľnstler selbst diese Aufmerksamkeit jedoch niemals: bei seinen √∂ffentlichen Auftritten – selbst den inszenierten, vorbereiteten – erlebte man einen Menschen, der sich im Rampenlicht und unter Kamerascheinwerfern alles andere als wohlf√ľhlte und um Worte verlegen war. Als jemanden, dessen Beruf es ist, mich in andere einzuf√ľhlen, schmerzte es mich beinahe, diese Gewaltakte, zu denen Medienauftritte f√ľr ihn geworden waren, mitansehen zu m√ľssen. Seine Aussage, die bevorstehende Welttournee w√ľrde voraussichtlich gleichzeitig auch sein Abschied vom Pop-Business sein, war daher so glaubhaft wie von den wenigsten seiner Berufskollegen. Die Medien werden nat√ľrlich auch nach seinem Tod nicht ruhen – in den n√§chsten Wochen und Jahren wird man jedoch vermutlich Handfesteres als bisher √ľber die Hintergr√ľnde der dramatischen Metamorphose Michael Jacksons – von einem musikalischen Wunderkind in ein emotionales und auch k√∂rperliches Wrack, einen Schatten seiner selbst – erfahren als fr√ľher. Und vermutlich wird auch erst dann die volle Tragweite seiner Traumatisierungen durch einen gewaltt√§tigen Vater und den enormen Druck, dem er von fr√ľhester Kindheit an ausgesetzt war und der nie auch nur ansatzweise nachlie√ü, in vollem Ausma√ü erahnbar. Als Coping-Versuch kann u.a. die Verwirklichung eines seiner gr√∂√üten Tr√§ume, der sog. “Neverland-Ranch”, verstanden werden: ein in seiner Abgelegenheit Schutz bietender Kokon, ein Traumland inmitten der W√ľste, benannt nach der Phantasie-Insel in der Geschichte von Peter Pan, auf der Kinder niemals erwachsen werden (m√ľssen). Als Metapher f√ľr die Themen der Realit√§tsverweigerung, Weltflucht und Unsterblichkeit, dr√§ngen sich hier diverse Analogien zum Leben Jacksons geradezu auf.

Fr√ľhe Traumatisierungen und ein Gef√ľhl sozialer Isolation f√ľhren h√§ufig auch zu einer Affinit√§t zu Drogen – vor diesem Hintergrund ist die massive Abh√§ngigkeit Jacksons von Analgetika, Opiaten und Beruhigungsmitteln zu sehen, √ľber die erstmals bereits vor 15 Jahren Details an die √Ėffentlichkeit gelangten. Der Einstieg erfolgte wohl im Zuge der Folgetherapie der massiven medizinischen Eingriffe und Ver√§nderungen, welche Jackson an sich vornehmen lie√ü; die Suchtdynamik jedoch ist im Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen wie etwa seiner Angst vor Infektionen, sozialen √Ąngsten, vermutlich auch K√∂rperdysmorphophobie und Anorexie, allesamt in psychotherapeutischen Praxen bekannte Problembilder, zu sehen – “nicht einmal” Jackson mit seinem enormen Stab an Betreuern und Beratern war offenbar vor der typischen Suchtdynamik wie Einengung, Abkapselung usw. gefeit. Vertraute berichteten, Jackson habe bez√ľglich seines Suchtverhaltens seit Jahren sukzessive eine Mauer um sich herum aufgebaut, hinter die nur wenige Zutritt erhielten: darunter tragischerweise exakt die Personen, welche die Abw√§rtsspirale, in der er sich befand, ebenso wie er selbst verdr√§ngten und negierten, ja teils sogar beschleunigten, indem sie ihn weiterhin mit den einschl√§gigen Arzneimitteln versorgten. Seinem sonstigen Umfeld wiederum scheint, wohl aus Angst vor den Reaktionen der Medien, der Mut gefehlt zu haben, wirkungsvolle Hilfsma√ünahmen einzuleiten. Gegen√ľber seiner Ex-Frau Lisa-Marie Presley hatte Jackson schon vor mehreren Jahren angedeutet, da√ü ihm ein √§hnliches Schicksal wie ihrem Vater bevorstehen k√∂nnte – was nun tats√§chlich der Fall gewesen zu sein scheint. Die bevorstehende Konzertserie mu√ü f√ľr Jackson unvorstellbaren Druck bedeutet und immense Versagens√§ngste ausgel√∂st haben, von den Proben durchgesickerte Details lie√üen die Frage aufkommen, ob er √ľberhaupt in der Lage gewesen w√§re, die Konzerte k√∂rperlich und psychisch durchzustehen. Michael Jackson hat versucht, diese Ausnahmevariante von Leben, in die er bis unmittelbar vor seinem Ableben wohl von Dritten stets mehr hineingedr√§ngt wurde als er es sich selbst gew√ľnscht und ausgesucht h√§tte, zu bew√§ltigen. Seine Eltern hatten ihn zu einer Ikone und Marionette geformt, welche sich alleine, ohne Ziehf√§den, zunehmends ausgeliefert und dem aggressiv-invasiven Leben drau√üen immer weniger gewachsen f√ľhlte. Nicht zuf√§llig geh√∂rten wohl Kinder in ihrer Unbefangenheit und Naivit√§t zu jenen, denen gegen√ľber er am ehesten Vertrauen und ihm sicher erscheinende Beziehungen aufbauen konnte, und die er schlie√ülich als eigentliche Zielgruppe seiner Bem√ľhungen – sowohl was seine k√ľnstlerischen, als auch seine sozialen und karitativen Ambitionen betraf – sehen wollte. Wie weit diese Vertrautheit mit Kindern in einzelnen F√§llen ging, war die Schl√ľsselfrage aufsehenerregender Prozesse, die seinem bereits angeschlagenen Image in der √Ėffentlichkeit wohl nicht wieder zu reparierenden Schaden zuf√ľgten. Michael Jackson – glitzernder “King of Pop” und sanftes, verletzliches Kind zugleich – hat versucht, dieses Leben auszuhalten, und wohl an einen bestimmten Punkt festgestellt, da√ü ihm Bet√§ubung nicht nur die Schmerzen seines K√∂rpers, sondern wohl auch den Schmerz an der Welt und seinen Lebensumst√§nden ein St√ľck weit erleichtern konnte. Und so beschleicht einen bei aller Betroffenheit die Vermutung, ob es sich der “Peter Pan” des Pop – in seinen Lebensumst√§nden und immanenten Zw√§ngen eingeschlossen wie ein Paradiesvogel in einem zu kleinen K√§fig – nicht ausgesucht haben oder zumindest in Kauf genommen haben k√∂nnte, diesen Weg, dessen Verlauf er wohl nur selten jemals das Gef√ľhl gehabt hatte, kontrollieren zu k√∂nnen, nicht mehr weitergehen zu wollen. Was Michael Jackson neben einem Berg an Schulden und offenen Fragen hinterl√§√üt, ist jedoch vor allem auch eines: ein zeitloses kreatives Verm√§chtnis und ein Reigen unverge√ülicher Erinnerungen vor den Plattenspielern und TV-Ger√§ten (Thriller“!) seiner abermillionen Fans.

Nov 07

(Photo src: medicalnewstoday.com)

Herzinfarkt-√úberlebende mit posttraumatischen Belastungsst√∂rungen tragen ein deutlich erh√∂htes Risiko, fr√ľher zu sterben – dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie an rund 150 Patienten, die nach einem Herzinfarkt oder Herzstillstand einen Defibrillator erhalten hatten. Die Wissenschafter des Helmholtz Zentrums M√ľnchen, der TU M√ľnchen sowie des Deutschen Herzzentrums fordern, den psychischen Symptomen weitaus gr√∂√üere Aufmerksamkeit zu widmen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Das Team wies nach, dass Herzinfarkt-Patienten mit posttraumatischer Belastungsst√∂rung (PTBS) ein erh√∂htes Risiko tragen, fr√ľher zu sterben als Patienten ohne diese Diagnose. Dies wurde in der aktuellen Ausgabe der weltweit renommierten psychiatrischen Fachzeitschrift Archives of General Psychiatry ver√∂ffentlicht.

Im Zuge der Untersuchung fragten die Wissenschaftler insbesondere nach Symptomen, die typischerweise bei einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung auftreten: angstvolle, sich aufdr√§ngende bohrende “intrusive” Erinnerungen an das lebensbedrohliche Geschehen, das Vermeiden von Verhaltensweisen, die an das Ereignis erinnerten, sowie eine nach dem Erstereignis aufgetretene gesteigerte nerv√∂se Unruhe oder √úberwachheit (Hypervigilanz). Ein Teil der Patienten litt in gesteigerter Weise an diesen Symptomen. Ihr Leben war durch immer wiederkehrende bedrohliche Erinnerungen an ihre Erkrankung bestimmt. Sie lebten in einem dauerhaft angstvoll-angespannten Zustand. Diese Menschen wiesen ein 3,5fach erh√∂htes Risiko auf, fr√ľher als diejenigen Patienten zu sterben, die nicht an solchen Symptomen litten und sich mit ihrer Erkrankung hatten arrangieren k√∂nnen.
In keinem Zusammenhang mit dem Risiko der posttraumatischen Symptomatik standen Risikofaktoren wie das Alter, die Auswurffraktion des Herzens als Ma√ü f√ľr die verbliebene Herzmuskelkraft oder Diabetes. √úberraschenderweise fand sich auch keine Verbindung mit dem komorbiden Vorhandensein von Depression und Angst. “Dies bedeutet”, so Studienleiter Ladwig, “dass das PTBS-Risiko unabh√§ngig von den genannten weiteren Risikofaktoren besteht und keineswegs durch sie erkl√§rt werden kann.”

Als Konsequenz aus diesen deutlichen Studienergebnissen fordern Ladwig und sein Team, bei Herzinfarkt-Patienten den Symptomen einer PTBS in Zukunft weitaus gr√∂√üere Aufmerksamkeit zu widmen. Spezielle Hilfsangebote, bei Bedarf auch eine psychotherapeutische Begleitung, m√ľssen rasch entwickelt und auf ihre Wirksamkeit getestet werden. Zum anderen bedarf es weiterer Forschung nach den Mechanismen, die dazu f√ľhren, dass die PTSD-Symptomatik einen solch fatalen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Patienten mit Defibrillatoren aus√ľbt.

(Quelle: Der Standard, 07.11.2008)

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