Jan 11

Tribut f√ľr die Todesopfer w√§hrend der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la R√©publique (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock √ľber das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mi√ütrauen gegen√ľber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anh√§ngern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die H√§lfte der √Ėsterreicher den Islam als Gefahr f√ľr die √∂sterreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in √Ėsterreich habe.

Eine der Ursachen f√ľr diese Entwicklung k√∂nnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bev√∂lkerung an der europ√§ischen Bev√∂lkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gef√ľhl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen wei√ü man, das hief√ľr bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gr√ľnde wie in kulturellen Unterschieden oder religi√∂sen Vorschriften begr√ľndete √Ąu√üerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verst√§rkt das Gef√ľhl von “unheimlichen”, “gef√§hrlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich h√§ufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam f√ľr nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass pers√∂nlich Bekannte nicht zuallererst √ľber ihren religi√∂sen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angeh√∂riger anderer religi√∂ser Richtungen den Islam √ľberhaupt korrekt einsch√§tzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion w√§re “wortw√∂rtlich zu nehmen”, w√§hrend andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewisserma√üen “Aktualisierungen” der urspr√ľnglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott wei√ü es besser.” abgeschlossen, also ausgedr√ľckt, dass man als Mensch die m√∂gliche Bedeutung des Verses wom√∂glich gar nicht verstehen k√∂nne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es m√∂glich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anf√ľhren, denen zufolge etwa “Ungl√§ubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angeh√∂rige eines stark christlich gepr√§gten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind get√∂tet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex w√§hrend der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgekl√§rten Gesellschaft” immer noch viele strenggl√§ubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen w√ľrden tats√§chlich solchen T√∂tungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch gepr√§gten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszu√ľben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gr√ľnden kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religi√∂s begr√ľndet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich m√∂chte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befa√üt hat, bef√ľrchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gew√ľnschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch st√§rkeren Isolierung der orthodox Gl√§ubigen f√ľhren d√ľrfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bev√∂lkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [√∂konomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive erm√∂glicht werden kann. In Europa w√§re es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angeh√∂rt (und zu dem √ľbrigens auch “originale” Mitteleurop√§er z√§hlen!), wo immer es relevant sein k√∂nnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorit√§t zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich √ľbrigens auch in den muslimischen L√§ndern selbst, wo sich selbstverst√§ndlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzuf√ľgen haben.

Hinsichtlich gef√ľrchteter Attent√§ter m√∂chte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen k√∂nnen Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei sp√§ter gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltaus√ľbung f√ľhren. Die Unterdr√ľckten bleiben – gerade auch bei Hassgef√ľhlen den Beherrschenden gegen√ľber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gef√ľhlen und zu ihrer Kernidentit√§t verloren. Derartig emotional gest√∂rte Menschen agieren h√§ufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewaltt√§tig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tats√§chlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attent√§ter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa wei√ü man, dass sie h√§ufig unbewu√üt nach M√∂glichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerst√∂rung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann f√ľr sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewisserma√üen nur ein Vehikel f√ľr die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den f√ľr viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausl√§nder, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungl√§ubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als M√∂glichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzuf√ľgen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbr√ľdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen bef√ľrchten zu m√ľssen. Der Islam wird damit f√ľr derartige, in ihrer Pers√∂nlichkeit und Humanit√§t schwerst gest√∂rte Menschen zu einer Projektionsfl√§che und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen m√ľssen: erstere, indem sie der Bev√∂lkerung gegen√ľber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bev√∂lkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) W√§hlerstimmen fischen. Islamische Schl√ľsselpers√∂nlichkeiten wiederum m√ľ√üten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz f√ľr Gewaltt√§ter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach au√üen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religi√∂ser Pluralit√§t und kultureller Vielfalt bringt erh√∂hten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrit√§t unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten st√§rken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, ben√∂tigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schlie√üen und durch gezielten Dialog zu √ľberbr√ľcken.

Quellen:

 

Sep 25

Zur Abwechslung wieder einmal eine Buchvorstellung – und zwar eine, die den Bereich der Psychotherapie erst auf den zweiten Blick ber√ľhrt:

The Boddhisattva’s Brain: Buddhism Naturalized von Owen Flanagan

“Wissenschaft trifft Buddhismus” – so etwa k√∂nnte man dieses Buch zusammenfassen.

Flanagan stellt u.a. diverse wissenschaftliche Untersuchungen rund um den Buddhismus vor und analysiert diese eingehend und kritisch in seinem Buch hinsichtlich ihres realen Wertes f√ľr ein konstruktives und zufriedenes Leben (und Zusammenleben) der Menschen – insbesondere dann, wenn man mal die h√§ufig mit dem Buddhismus verbundenen metaphysisch-religi√∂sen Aspekte wie Nirwana, Wiedergeburt, G√∂tter und Geister usw. von der zugrundeliegenden Philosophie trennt…

Beinahe Pflichtlekt√ľre f√ľr jeden, der sich f√ľr den Buddhismus interessiert, der aber das Bed√ľrfnis hat, hinter die h√§ufig anzutreffende esoterisch-mystische Oberfl√§che zu blicken – und besser zu verstehen, was “wirklich” dahinter steckt.

Derzeit nur in englischer Sprache verf√ľgbar.

Mar 30

Und wieder ist es passiert: die Serie an aufgeflogenen F√§llen von P√§dophilie w√§hrend der letzten Wochen erschien wie ein Stich ins Wespennest, unweigerlich ertappte man sich bei der Frage: “..und was ist da alles noch nicht aufgedeckt?” Einzelne Theologen sehen sich veranla√üt, vor einer Gleichstellung von Z√∂libat mit P√§dophilie bzw. Ephebophilie zu warnen, w√§hrend andere zum Schrecken ihrer Kollegen einen direkten Zusammenhang zwischen beiden orten.

Einmal mehr scheint sich auch ein Konnex zwischen Berufen, in denen Erwachsene tagt√§glich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und sexuellen √úbergriffen auf diese zu zeigen. Wen das √ľberrascht oder schockiert, der mu√ü sich entgegenhalten lassen, da√ü wir seit Darwin, sp√§testens aber Freud eigentlich wissen sollten, da√ü wir Menschen – trotz eines enorm entwickelten Gro√ühirnes – immer noch sehr stark sexuell gesteuerte Wesen sind. Und auch wenn sich die Gendermedizin dem heute nicht mehr so generalisierend anschlie√üen w√ľrde: Abraham H. Maslow sah den Sexualtrieb neben Trinken, Essen und Schlafen als gleichrangig auf einer Stufe seiner “Bed√ľrfnispyramide” stehend, und auch zahlreiche Studien – etwa √ľber die Partnerwahl von Menschen – best√§tigen, da√ü uns sexuelle Antriebe in unserem allt√§glichen Tun wohl deutlich st√§rker steuern als sich dies viele von uns eingestehen m√∂gen. Ebenso, wie es Teil der (nicht immer nur charmanten) Realit√§t ist, da√ü an den allermeisten Arbeitspl√§tzen mitunter auch mal sexuelle Rituale und Signale ausgetauscht werden, mu√ü damit gerechnet werden, da√ü derartige Spannungsfelder zumindest gelegentlich auch in jenen Berufen existieren, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Eine tragf√§hige und vor allem konstante bewu√üte Abgrenzung ist in diesen Berufen auch deshalb schwierig, da unser Unbewu√ütes das letztendlich ja k√ľnstlich definierte “Schutzalter” (in den meisten L√§ndern liegt diese Grenze zwischen 14 und 18 Jahren) kaum verarbeiten kann: gerade in jenen L√§ndern, in denen es vergleichsweise sp√§t endet, wirken die laut Gesetz noch sch√ľtzenswerten Jugendlichen k√∂rperlich h√§ufig bereits “erwachsen”, zumeist agieren sie auch erwachsen, und nicht selten sind sie seit Jahren bereits auch sexuell aktiv – den “primitiven Es’s” der Umwelt wird sexuelle Reife signalisiert.
Wie ist aber mit der Problematik umzugehen, da√ü trotz dieser Umst√§nde Jugendliche und insbesondere Kinder vor sexueller Ausbeutung (hier beziehe ich mich auf das bewu√üte Ausnutzen der emotionalen Unreife von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene mit der Absicht, sexuelle Ziele zu erreichen), vor vorzeitiger sexueller Initiation (hier beziehe ich mich auf erste sexuelle Erfahrungen in einem Stadium der k√∂rperlichen und psychischen Reifung, in dem ein Sexualakt mit einer anderen Person¬† k√∂rperliche oder psychische Sch√§den nach sich ziehen kann) und nicht zuletzt vor einem k√∂rperlichen und emotionalen √úbergriff – der Verletzung der Schutzbed√ľrftigkeit und grunds√§tzlichster Elemente der Professionalit√§t in einem p√§dagogischen, √§rztlichen oder anderen vergleichbaren Umfeld mit “Machtgef√§lle” – gesch√ľtzt werden m√ľssten?

Ich bin davon √ľberzeugt, da√ü mit s√§mtlichen Ans√§tzen, in denen von Menschen verlangt wird, ihren Sexualtrieb zu negieren oder gar abzuschalten, dieser Konflikt nicht zu l√∂sen, und der Kampf gegen den Mi√übrauch im institutionellen Kontext nicht zu gewinnen ist. Unsere inneren Konflikte und die Versuchungen des Lebens lassen sich nicht l√∂sen, indem wir sie ausblenden oder negieren. Und die – zumindest gelegentlich – bei allen von uns aufkommenden Impulse k√∂rperlicher Lust lassen sich nicht besser kontrollieren, indem wir sie “wegdefinieren”: indem wir etwa sagen, da√ü “wir unsere Sexualit√§t Gott schenkten” , wenn das an die Oberfl√§che dringende sogleich wegzensiert wird oder wenn √ľber sexuelle Gedanken nicht einmal gesprochen werden kann, da dies sofort mit entr√ľsteten und funkelnden Blicken bestraft w√ľrde (etwas, das besonders h√§ufig im – von Frauen dominierten – p√§dagogischen Bereich beobachtbar ist).
Konsequenterweise prognostiziere ich auch, da√ü solange Institutionen existieren, in denen Sexualit√§t per definitionem nicht gelebt werden darf, sexuelle √úbergriffe auch weiterhin stattfinden werden – trotz aller, sicherlich gut gemeinter, Absichtsbekundungen der jeweiligen “Chefs”. Solange ein Z√∂libat existiert, werden sich die sexuellen Triebkr√§fte – Geister, die zumindest gelegentlich ihren Weg auch in das beste Kloster finden – unweigerlich auf jene richten, die greifbar sind und bei denen ein gewisses (alters- oder hierarchisch bedingtes) Machtgef√§lle die Hoffnung zul√§√üt, da√ü nichts davon je bekannt werden wird. Ganz unabh√§ngig von einem ebenfalls existierenden Kreis an Menschen, die sich ganz bewu√üt in Bereichen und Institutionen niederlassen, in denen Opfer verf√ľgbar sind. Und will man wirklich ehrlich sein, kann man auch die Anziehungskraft nicht verleugnen, welche Institutionen, in denen ein vor herk√∂mmlichen Anspr√ľchen an ein “gegl√ľcktes Leben” freier Raum existiert (wie etwa dem, eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau zu unterhalten) auf manche Menschen haben m√ľssen. Man kann davon ausgehen, da√ü religi√∂se Institutionen deshalb eine gewisse Sogwirkung auf homosexuelle M√§nner und Frauen aus√ľben, ebenso auf Menschen, die entweder eine eigene Mi√übrauchsvergangenheit haben und deshalb einst ein vor Sexualit√§t gesch√ľtztes Umfeld suchten, aber auch solche, die Mi√übrauchserfahrungen autorit√§rer Art machten und massive Selbstwertprobleme haben. Wer sich aber selbst als schwach erlebt oder tats√§chlich eine schwache Pers√∂nlichkeit ist, in dem w√§chst leicht der Wunsch, auch einmal der St√§rkere zu sein und dieses Gef√ľhl in einer Weise auszuleben, in der er existierende Machtgef√§lle ausn√ľtzt. Noch einmal: all dies sind gr√∂√ütenteils v√∂llig unbewu√üt ablaufende Prozesse und Emotionen, die gerade im Dunkel von Denkverboten und Tabus gut gedeihen.

Insofern scheint mir zus√§tzlich auch ein offenerer und weniger tabubestimmter Umgang mit Sexualit√§t in den Institutionen, ja in der Gesellschaft an sich notwendig. Auch erotische Gef√ľhle zwischen “Erwachsenen” und “Kindern” (die Anf√ľhrungszeichen sollen die Schwierigkeiten der Grenzziehung unterstreichen) m√ľssen sowohl in Berufen, in denen es “Helfer” und “Anvertraute” gibt, als auch in unserer Gesellschaft, artikulierbar werden. Es mu√ü dar√ľber gesprochen werden k√∂nnen, ohne, da√ü man sich “verd√§chtig” macht und einen die Berufslaufbahn gef√§hrdenden Schlag mit der moralischen Keule riskiert. Denn erst wenn Menschen √ľber ihre Gef√ľhle ohne Einschr√§nkung sprechen k√∂nnen und es keine der menschlichen Lebensrealit√§t widersprechenden Dogmen mehr gibt, ist es m√∂glich, sich √ľber potenziell destruktive Gedanken offen auszutauschen. Erst dann kann man das, was einem auf der Seele liegt, ans Tageslicht lassen, wird man es wagen, sich Hilfe und St√§rkung zu suchen. Ein Ja zum Menschen – das sich viele Religionen gerne auf die Fahne schreiben – das mu√ü auch das Ja zu seiner Sexualit√§t einschlie√üen!

(Lesetipp zu den K√§mpfen zwischen “√úber-Ich”, dem bewu√üten “Ich” und dem “Es”: Sigmund Freud, “Das Ich und das Es“; Photo: Shutterstock)

Feb 27

Neues aus der beliebten Forschungsreihe “was machen Menschen mit h√∂herem IQ eigentlich anders als solche mit vergleichsweise niedrigerem?”

Sie rauchen nicht [1], sind eher nicht religi√∂s [2], gehen nachts sp√§ter schlafen und stehen daf√ľr am Morgen sp√§ter auf (ebd.). Bei intelligenten M√§nnern best√ľnde dar√ľber hinaus auch eine Vorliebe f√ľr sexuelle Monogamie (ebd.), was vielleicht mit der rascheren Anpassung intelligenter Menschen an neue Werte und Lebensstile erkl√§rt werden k√∂nne.

Da seit Jahren alle paar Monate neue Studien rund um m√∂gliche Zusammenh√§nge zwischen Intelligenz und anderen Daten aus der Psychologie, Verhaltensforschung, Soziologie, Medizin u.dgl. erscheinen (merke: eine Koinzidenz bedeutet nicht unbedingt auch eine Korrelation… ;-)), werde ich diesen Blog-Eintrag laufend mit den neuesten “Erkenntnisen” zu diesem Thema erg√§nzen.

(Photo src:copyblogger.com)

Dec 30

Im Psychotherapie – Diskussionsforum meiner Website verwies ein Diskussionsteilnehmer k√ľrzlich auf ein Interview auf kath.net, in dem der Autor Manfred L√ľtz (welcher auch Facharzt f√ľr Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie ist) mit folgenden Aussagen zitiert wird:

“Seelsorge ist viel mehr als Psychotherapie! Sie ist eine existenzielle Beziehung zwischen zwei Menschen. Dagegen ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient eine zweckgerichtete Beziehung auf Zeit f√ľr Geld. Doch den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Zeit f√ľr Geld.

L√ľtz: [Der Seelsorger] darf von sich erz√§hlen und er darf sagen: “Ich bete f√ľr dich, vertrau auf Jesus Christus!” ‚Äď er darf also √ľber die wirklich wichtigen Dinge reden.

kath.net: Sie d√ľrfen das nicht?

L√ľtz: Nein!

kath.net: Warum nicht?

L√ľtz: Weil dann die Gefahr besteht, dass ich einen Menschen manipuliere. Wenn ich einem Menschen mit den Methoden der Wissenschaft aus der Depression geholfen habe, dann habe ich f√ľr ihn nat√ľrlich eine hohe Autorit√§t.
Und wenn ich diese Autorit√§t dazu missbrauche, diesem Menschen den Glauben aufzun√∂tigen, dann trete ich ihm zu nahe. Die Glaubensentscheidung ist eine freie Entscheidung. Es ist mir wichtig, dass es an unserem Krankenhaus gute Seelsorger gibt, die die Patienten existenziell begleiten. Und wer eine schwere psychische Krise √ľberwunden hat, der stellt sich oft tiefere Fragen als die oberfl√§chlich pl√§tschernden unheilbar Normalen.

Provozierend gesagt: Der Seelsorger kann echt sein, w√§hrend ich als Therapeut letztlich k√ľnstlich bin, da ich in der Therapie methodisch mit Menschen rede.”

Ich habe das Interview auch abseits der zitierten Textpassagen gelesen, und so interessant manche der dort vertretenen Gedanken zu lesen waren, so unbehaglich f√ľhlte ich mich beim Lesen anderer – u.a. bei den oben zitierten, speziell auch was seine (immerhin als prominenter Facharzt ge√§u√üerten) hemds√§rmeligen “Krankheits”-Definitionen sowie sein Verst√§ndnis von “Echtheit” (was auch immer er in diesem Kontext damit meinen mag) im Feld psychosozialer Beratung und Therapie betrifft. Zumindest f√ľr mich m√∂chte ich bittesch√∂n in Anspruch nehmen, ebenfalls “echt” zu sein, wenn ich mit Klientinnen und Klienten spreche. Zur in Nebens√§tzen mitvermittelten Botschaft, da√ü kirchliche Instutionen ohne Gegenleistung (gewisserma√üen selbstlos) agieren w√ľrden und nur am “ewigen” Wohl ihrer Klientel interessiert w√§ren, kann bei mit der aktuellen und historischen Kirchengeschichte auch nur halbwegs Vertrauten nur Stirnrunzeln erzeugen.

Bild: Canisius.at

Zur Fragestellung selbst: ich halte es f√ľr gut und wichtig, wenn gerade Menschen in einer Krisensituation wissen, was sie in einem Beratungs- oder Therapiekontext erwarten k√∂nnen.
Seelsorger, M√∂nche usw. k√∂nnen beraterisch √§u√üerst gut ausgebildete und einf√ľhlsame sowie hinsichtlich des Einflusses ihrer jeweiligen Religion sehr neutrale Helfer sein – das Problem ist lediglich, da√ü einem als Hilfesuchender das “package“, das ihn bei der jeweiligen Person erwartet, zun√§chst einmal ja unbekannt ist, wenn man sich ihr in einer extrem heiklen und verwundbaren Lebenslage anvertraut.
Bei Psychotherapie dagegen ist es so, daß das Setting und viele Grenzziehungen methodisch und gesetzlich recht klar abgesteckt sind Рi.d.R. weiß man als Klient also, was einen dort erwartet.
Unr√ľhmliche Ausnahmen (Seelsorger, die letztlich mehr oder weniger subtil indoktrinieren, oder aufgrund eigener psychischer Schw√§chen √ľbergriffige Therapeuten) gibt es in beiden Bereichen.

Nun wage ich zu behaupten, da√ü bei den √ľberwiegend meisten psychischen St√∂rungen und Erkrankungen (im Sinne des ICD-10) Psychotherapie allein “durchaus gut” ūüėČ weiterhelfen kann – f√ľr den entsprechenden seelischen Heilungsprozess ist also keinerlei religi√∂ser Glaube erforderlich (was Psychotherapie f√ľr Religionen √ľbrigens immer schon zu einer nat√ľrlichen und potenziell gef√§hrlichen Konkurrenz machte). Auf das lt. L√ľtz “wirklich Wichtige” (wof√ľr? und f√ľr wen?), n√§mlich das zitierte “Ich bete f√ľr dich, vertrau auf Jesus Christus!” kann man insofern verzichten – solang es “nur” um psychische Heilung und Gesundung geht.

Anders verh√§lt es sich, wenn man spirituellen (religi√∂sen) Beistand auf der Basis der eigenen spirituellen (religi√∂sen) Grund√ľberzeugungen sucht oder schlicht Zuspruch, menschliche W√§rme. Da kann Seelsorge, wie ich meine, Gro√ües leisten – etwas, auf das Menschen, die dasselbe im Grunde in einer Therapie suchen, verzichten m√ľssen (und davon dann mitunter, wie man ja auch hier im Psychotherapie-Forum immer wieder lesen kann, entt√§uscht sind). Der Seelsorger kann es sich aufgrund seiner weitgehend frei durch ihn selbst interpretierbaren Rolle leisten, Hilfesuchenden emotional und vielleicht auch k√∂rperlich sehr nahe zu kommen, ihnen auch nahezu Beliebiges z.B. √ľber den Nutzen von Gebeten an Jesus Christus oder Schutzheilige zu erz√§hlen – teils also auf eine Weise zu agieren, die f√ľr einen professionellen Psychotherapeuten einer Verletzung der Berufspflichten gleichk√§me. Aus demselben Grunde sind mir, wie ich nicht m√ľde werde, zu betonen, umgekehrt auch PsychotherapeutInnen suspekt, die die anerkannte Heilmethode Psychotherapie in der Praxis freiz√ľgigst (und unn√∂tigerweise!) mit Esoterik oder Religion vermanschen.

Die Thematik halte ich f√ľr insgesamt sehr spannend – und f√ľr wichtig, da ich absolut von der Wichtigkeit klarer Rahmenbedingungen √ľberzeugt bin. Unter den folgenden zwei Links finden sich weitere √úberlegungen und Analysen zur Thematik – dieser Text befa√üt sich mit Spiritualisierungstrends in der Psychotherapie und Therapeutisierungstrends in der christlichen Seelsorge, U. Rauchfleischs’ Buch “Wer sorgt f√ľr die Seele?: Grenzg√§nge zwischen Psychotherapie und Seelsorge” befa√üt sich mit den Problemen und Fragestellungen, die ich oben angerissen habe, jedoch naturgem√§√ü noch weitaus genauer, und versucht abzurei√üen, wie ein konstruktives Miteinander von Psychotherapie und Seelsorge aussehen kann.

In diesem Fall pers√∂nlich das “Therapeutenk√§ppi” tragend kann ich nur sagen, da√ü ich die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragestellungen im Leben f√ľr √§u√üerst bereichernd und wichtig halte – insofern haben diese nat√ľrlich auch (ebenso wie z.B. Fragen der Sexualit√§t) Raum in einer Psychotherapie zu bekommen, sofern TherapeutIn und KlientIn sich wohl damit f√ľhlen, sich mit diesem Bereich gemeinsam dialogisch auseinanderzusetzen! Allerdings ist mir daf√ľr der Arbeitstitel “Spiritualit√§t” wichtig – welchen religi√∂sen √úberzeugungen jemand nahesteht (oder nicht) ist f√ľr mich da eigentlich zweitrangig, solange der Rahmen f√ľr das Gespr√§ch offen und der Therapeut neutral genug ist (nur dann oder andererseits bei sehr √§hnlichen religi√∂sen Grund√ľberzeugungen hielte ich es f√ľr vertretbar, sich diesen in einer Therapie zu widmen). Das ist gleichzeitig auch noch ein weiterer klarer Unterschied zur Seelsorge, die ja letztendlich immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Religion des Anbieters stattfindet – ob dies der jeweilige Seelsorger, Rabbi, M√∂nch oder Imam sich selbst oder den sich ihm Anvertrauenden eingestehen mag oder nicht…

(Das zitierte Interview zum Nachlesen: “Das B√∂se ist Therapeuten nicht zug√§nglich“, in: kath.net, 12/2009; Bildquellen: GoYellow.de, Canisius.at)

ÔĽŅ10.06.18