Jan 09

In einem Artikel stellte K. McGonigal, Psychologin an der Stanford University, eine praktische Anwendung fĂŒr Erkenntnisse aus zwei kĂŒrzlich veröffentlichten Studien vor, die den Wert selbst einfachster schriftlicher Übungen auf unsere Psyche illustrieren.

In einer Studie reduzierte die Intervention Schadenfreude. Nach einer kurzen Schreibaufgabe berichteten die Teilnehmer, weniger Schadenfreude ĂŒber die Fehlleistungen einer anderen Person zu empfinden. Die meisten Menschen beschreiben Schadenfreude als positive Emotion – doch tatsĂ€chlich kann sie ein großes Hindernis fĂŒr unser GlĂŒck darstellen. Je mehr wir uns am Leiden anderer erfreuen, desto schwieriger ist es fĂŒr uns, aus dem GlĂŒck der anderen auch fĂŒr uns selbst positive GefĂŒhle zu beziehen, MitgefĂŒhl fĂŒr andere zu empfinden, aber auch eigene emotionale BedĂŒrfnisse adĂ€quat wahrzunehmen und zu nĂ€hren.

Die Versuche in der zweiten Studie, welche unter etwa denselben Versuchsbedingungen stattfand, erhöhten den Mut der Teilnehmer, Details ĂŒber ihre eigenen medizinischen Risiken zu erfahren – etwas, das die meisten Menschen aus Angst, etwaige bedrohliche Krankheiten herauszufinden, instinktiv abwehren. Doch Offenheit gegenĂŒber potenziell bedrohlichen Informationen kann nicht nur Leben retten, sie ist auch die Grundlage fĂŒr die Möglichkeit, neue Perspektiven und Sichtweisen auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.

Zusammen deuten diese Studien auf die Möglichkeit, mittels einer 15-Minuten-Aufgabe sowohl Mut als auch MitgefĂŒhl zu erhöhen, Stress zu reduzieren, die Selbstkontrolle und die Ausdauer im Angesicht von Herausforderungen zu erhöhen. So können Sie diese Methode McGonial zufolge auch fĂŒr sich selbst nutzen:

  1. Machen Sie eine Liste der 3 fĂŒr Sie wichtigsten Werte. “Werte”, das können Prinzipien, StĂ€rken, persönliche QualitĂ€ten,  Rollen oder Erfahrungen sein, die subjektiv sinnvoll und wichtig fĂŒr Sie sind. Typische Beispiele sind Tugenden (wie Ehrlichkeit, Geduld, Mut, MitgefĂŒhl), die FĂ€higkeit, die positiven Seiten und Potenziale des Lebens sehen zu können, Glaube, Verbindung zur Natur, Dienst an der Gemeinschaft oder Familie, Gesundheit, lebenslanges Lernen, Abenteuer, Tradition, KreativitĂ€t, und Ă€hnliche QualitĂ€ten.
  2. Wenn Sie kurzfristig eine Dosis zusĂ€tzlicher SelbstbestĂ€tigung benötigen, wĂ€hlen Sie einen dieser Werte und schreiben fĂŒr 5-15 Minuten auf, warum gerade dieser Wert fĂŒr Sie wichtig ist – und ein Beispiel dafĂŒr, wie Sie ihn leben. Sie könnten beispielsweise ĂŒber eine vergangene Erfahrung schreiben, eine Zeit in Ihrem Leben, wo Ihnen dieser Wert half, eine Herausforderung zu bestehen. Oder auch etwas, bei dem Ihnen dieser Wert tagtĂ€glich hilft. Wenn Ihr Wert beispielsweise GroßzĂŒgigkeit ist, könnten Sie ĂŒber ein Erlebnis schreiben, bei dem Sie einen Menschen in einer schwierigen Situation unterstĂŒtzten, oder warum Sie regelmĂ€ĂŸig Zeit und Geld fĂŒr einen bestimmten wohltĂ€tigen Zweck einsetzen.

Diese Technik hilft vermutlich nicht dabei, dauerhaft mehr SelbstwertgefĂŒhl, Selbstkontrolle etc. zu erwerben, kann aber vorĂŒbergehend dabei unterstĂŒtzen, sich selbstsicherer und gelassener hinsichtlich bestimmter Herausforderungen zu fĂŒhlen und diese damit besser zu bestehen.

(Quellen:  McGonial, K, “Find Your Courage and Compassion with One Question” in: psychologytoday.com; Howell JL & Shepperd JA, “Reducing information avoidance through affirmation. Psychological Science” in: Psychological Science; van Dijk WW, van Koningsbruggen GM, Ouwerkerk JW, & Wesseling YM (2011), “Self-esteem, self-affirmation, and schadenfreude.” in: Emotion, 11(6), 1445-1449. Photo Credit: lucilleroberts.com)

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach Möglichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verstĂ€rkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zurĂŒckspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre ursprĂŒngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu befĂ€higen, Niederlagen, UnglĂŒck, Stressoren und SchicksalsschlĂ€ge besser und schneller zu meistern oder den Körper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter Ă€hnlichen UmstĂ€nden. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese FĂ€higkeit eine Haltung innerer StabilitĂ€t, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre LebensqualitĂ€t noch weiter einzuschrĂ€nken. In der Regel erfolgt bereits nach verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden hĂ€ufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwĂ€hnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kulturĂŒbergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine FĂ€higkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erklĂ€rt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden FĂ€higkeiten zu entwickeln, und jĂŒngere Menschen haben diese eher als Ă€ltere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa frĂŒhe psychische oder körperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 SĂ€ulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren fĂŒr eine starke FĂ€higkeit zur Stress- und KrisenbewĂ€ltigung. Über je mehr dieser Eigenschaften jemand verfĂŒgt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren FĂ€higkeiten, ĂŒber kurz oder lang Problemlösungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie lösen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich dafĂŒr passende Partner aus. Ihren hĂ€ufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • GefĂŒhlsstabilitĂ€t: Resiliente Menschen verfĂŒgen ĂŒber gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch können sie die eigene GefĂŒhlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsfĂ€higer als andere bleiben.
  • Optimismus: eine GrundĂŒberzeugung hinsichtlich positiver Möglichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung fĂŒr WiderstandsfĂ€higkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen hören, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie „Diesmal hatte ich keinen Erfolg, nĂ€chstes Mal schon.“
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und ĂŒberlegt zu reagieren. Dazu gehört auch die FĂ€higkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines höheren Ziels in der Zukunft aufzuschieben – im Fachjargon heißt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln fĂŒr sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vorĂŒbergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine lĂ€ngere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • AnalysestĂ€rke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu lösen. Ihre FĂ€higkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, ermöglicht ihnen, adĂ€quate Lösungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von AnsĂ€tzen angefĂŒhrt, mit denen die eigene Resilienz ĂŒber bereits vorhandene FĂ€higkeiten hinaus erhöht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einfluß als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die StĂ€rken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese StĂ€rken dazu nutzen, um Probleme zu ĂŒberwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gefĂŒllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • FlexibilitĂ€t: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain benötigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, benötigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der ResilienzsĂ€ulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

May 03

Wenn der Blutdruck steigt, die Halsvenen anschwellen – und der rationale Verstand auszusetzen droht: Aggression “beamt” uns in ein FrĂŒhstadium unserer Entwicklung zurĂŒck 
 und ist der Adrenalinrausch erst einmal verflogen, kehrt hĂ€ufig Reue ein ĂŒber das, was im Rausch der Emotionen an Zerstörungsarbeit (verbal oder physisch) geleistet wurde.

GrundsĂ€tzlich gibt es 2 Kategorien von Aggression: affektive Aggression (Rache, Feindseligkeit, Neigung zu impulsivem und unkontrolliertem Verhalten) und sog. instrumentelle Aggression (z.B. Jagdverhalten, zielorientiert und ĂŒberlegt). Empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen mit einer Neigung zu affektiver Aggression ĂŒber einen niedrigeren IQ verfĂŒgen als andere. Aggression ist nicht gleichbedeutend mit Gewalt – sie kann diese aber auslösen. Die Ausdrucksweisen von Aggression sind außerdem kulturell unterschiedlich: so neigen diversen Studien zufolge die Bewohner sĂŒdlicher LĂ€nder oder auch von Amerikanern eher zu körperlicher Gewalt als Japaner oder die Bewohner nördlicher LĂ€nder, welche verbale Konfliktlösungen bevorzugen. Auch die Mordquote ist in diesen Regionen höher.

Bemerkenswerterweise gibt es auch einen wichtigen Zusammenhang zwischen der Neigung zur Gewalt und der Sozialisation: wuchsen Menschen in Familien mit hohem Aggressionspotenzial auf (verbale, psychische oder körperliche Gewalterfahrungen), passen sie ihr eigenes Verhalten entsprechend an und neigen – hĂ€ufig, ohne es ursprĂŒnglich zu wollen! – im spĂ€teren Leben auch selbst zu AusbrĂŒchen von Aggression. Dies gilt auch fĂŒr die soziale Akzeptanz von Gewalt, etwa bestimmten Volksgruppen gegenĂŒber: eine Dynamik, die wohl mitverantwortlich ist fĂŒr die nicht endenwollende Gewaltspirale im nahen und mittleren Osten. Viele Menschen reagieren darĂŒber hinaus aggressiv, wenn sie das GefĂŒhl haben, nicht verstanden oder ernst genommen zu werden, oder Ziele und Hoffnungen nicht realisieren zu können. Aus psychologischer Sicht ist dies meist in einem geringen SelbstwertgefĂŒhl begrĂŒndet.

Auch viele Partnerschaften werden durch inadĂ€quaten Ausdruck von Aggression belastet: Studien zufolge neigen MĂ€nner eher dazu, Aggression körperlich und direkt auszudrĂŒcken, Frauen dagegen tun dies eher verbal und indirekt. In Beziehungskrisen sind “Eskalationsspiralen” hĂ€ufig, bei denen zunĂ€chst ein verbaler Schlagabtausch erfolgt, und schliesslich einer der Partner die Kontrolle ĂŒber sich verliert und den anderen körperlich oder seelisch verletzt. Je regelmĂ€ĂŸiger derartige AblĂ€ufe vorkommen, desto schwieriger ist es selbst in einer Paartherapie, die Konfliktmuster aufzulösen. Auch hier gilt also: je frĂŒher erfahrene Hilfe gesucht wird, desto erfolgversprechender!

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle: allhealthsite.com)

Jan 16
Body Dysmorphic Disorder - Körperbildstörung

(Photo:Asia Group/Getty Images)

Feministinnen wettern zwar gegen angebliche “patriarchale Normierungen” – ein Blick auf den Boom der sogenannten “Schönheits-Chirurgie” und den Druck selbst innerhalb der peer groups junger SchĂŒlerinnen, als “sexy” zu gelten, demonstriert jedoch, dass es den meisten Menschen – in stark zunehmendem Maße auch MĂ€nnern – alles andere als leicht fĂ€llt, sich den durch Medien und Werbung geprĂ€gten AttraktivitĂ€ts- und Jugendlichkeits-Idealen zu entziehen.

Die Disziplinierung des möglichst normgerecht erotischen Körpers geschieht nĂ€mlich nicht, weil man bzw. frau muss, sondern weil sie will. Und gegen Freiwilligkeit lĂ€sst sich schwer argumentieren. NatĂŒrlich weiß heute jeder um die Manipulation der machtvollen Vorbilder aus endlos langen Streichholzbeinen, Minitaille und Superbusen mittels Photoshop, was aber am Streben, diese in glanzvollen Bildern “realisierten” Idealen auch selbst möglichst zu entsprechen, nichts Ă€ndert. Es vermittelt nun einmal Sicherheit, zu entsprechen, zu genĂŒgen.
All die Make-Over-Sendungen und Schönheits-OP-Tests haben darĂŒber hinaus den Nebeneffekt, die Schwellenangst, auch den eigenen Körper zu “modellieren”, zu reduzieren. Ja die dort auftretenden Ärzte erklĂ€ren sogar bescheiden, sie wĂŒrden der Natur “etwas nachhelfen” – suggerierend, dass es nur die Zustimmung der Patientin (Kundin) benötigte, und auch sie könne “optimiert” werden.

Zwei psychische Störungen, die Menschen fast zwangsartig in die Kliniken und Praxen der Chirurgen treiben, sind der sog. “Salome-Komplex” (der quĂ€lende Zwang, stets schön aussehen zu mĂŒssen, und nur dann liebenswert und wertvoll zu sein, wenn man attraktiv und anziehend ist) und die Dysmorphophobie (auch: körperdysmorphe Störung (DSM-IV-TR) oder Körperbildstörung, mitunter auch Thersites-Komplex oder Adonis-Komplex genannt).

Carla Bruni im MĂ€rz 2010

Carla Bruni im MĂ€rz 2010

Die von Dysmorphophobie Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile (zumeist das Gesicht oder Bereiche des Kopfes, BrĂŒste, Geschlechtsorgane, Bauch,..) als hĂ€ĂŸlich wahr. Um diese Wahrnehmung herum können sich regelrecht zwanghafte Gedanken und ritualisierte Verhaltensweisen entwickeln: bei jeder Gelegenheit wird das Aussehen kontrolliert oder mit dem anderer Personen verglichen, Puder, Cremes oder Makeup im Gesicht aufgetragen. In extremen FĂ€llen werden aus Furcht negativer Bewertung soziale Situationen (z.B. gesellschaftliche Veranstaltungen, Einkaufszentren etc.) vermieden (KomorbiditĂ€t mit  Sozialphobie). Signifikant fĂŒr die Symptomatik bei “OP-SĂŒchtigen” ist das Auseinanderklaffen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Es besteht nur selten Krankheitseinsicht, ĂŒberhaupt “werde ohnehin alles passen, wenn erst mal der Makel XY behoben ist…” Wenige Monate spĂ€ter verlegt sich dann der Fokus auf eine andere körperliche Eigenheit oder die “Optimierung” muß noch weiter vorangetrieben werden.

Symptomatisch ist auch, dass sich Betroffene zumeist nicht rechtzeitig in Behandlung begeben – meist aus Scham oder Unwissenheit, dass sie unter einer Krankheit leiden, die man psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln kann. Der berufsethischen Verpflichtung der “Schönheitschirurgen”, PatientInnen/KundInnen zu psychotherapeutischen oder psychologischen Konsultationen zu raten, sofern sie bereits mehr als 2 plastische Operationen hinter sich haben und eine weitere anstreben, und die gewĂŒnschte OP bis dahin abzulehnen, kommen leider nur die wenigsten Ärzte nach.

Apr 03

Interessante ZusammenhĂ€nge zwischen SelbstwertgefĂŒhl und spezifischen Faktoren der individuellen Lebenssituation ermittelte eine kĂŒrzlich abgeschlossene Studie der American Psychological Association (APA) an ca. 4000 zwischen 25 und 104 Jahre alten US-AmerikanerInnen, die zwischen 1986 und 2002 wiederholt befragt wurden.

Demnach ist die Selbstsicherheit unter Jugendlichen am niedrigsten (vermutlich, da wĂ€hrend den jĂŒngeren Lebensjahren die Persönlichkeit noch instabiler ist als bei Erwachsenen – man ist sich gewissermaßen ‘seiner selbst noch nicht ganz sicher’), steigt dann aber im Lebensverlauf an und erreicht ihren Höhepunkt um die 60 Jahre. Danach fĂŒhren dann vermutlich der Ruhestand und ein schlechter werdender Gesundheitszustand zu einem Abfall der Selbstsicherheit. Frauen waren generell unsicherer als MĂ€nner, hier wurde erst in einem Altersbereich zwischen 80 und 90 Jahren ein ungefĂ€hrer Gleichstand erreicht.

Menschen in einer glĂŒcklichen Liebesbeziehung, solche mit besserer Ausbildung, höherem Einkommen, besserer Gesundheit und solche, die arbeiteten, verfĂŒgten ebenfalls ĂŒber höhere Grade von Selbstsicherheit, speziell im Verlauf des Älter-werdens (mit der Ausnahme des Beziehungsstatus, ab ca. 60 Jahren war ein glĂŒckliches Beziehungsleben nicht mehr von signifikanter Relevanz fĂŒr das SelbstwertgefĂŒhl). Die ethnische Zugehörigkeit schien nicht relevant zu sein, erst in hohem Alter (ab ca. 80 Jahren) war das SelbstwertgefĂŒhl bei Weissen höher als bei Schwarzen. Im Zuge der Alterung zeigten sich dagegen der Gesundheitszustand sowie die Vermögenssituation als wesentlichste Koordinaten eines gut bleibenden SelbstwertgefĂŒhls. Die Wissenschafter erklĂ€rten diese ZusammenhĂ€nge mit der Vermutung, daß beide Faktoren ein grĂ¶ĂŸeres GefĂŒhl von UnabhĂ€ngigkeit, aber auch, fĂŒr ihre Umwelt Sinnvolles tun zu können, ermöglichen.

Da das SelbstwertgefĂŒhl seinerseits ein wichtiger Faktor fĂŒr einen besseren Gesundheitszustand, geringere AnfĂ€lligkeit fĂŒr kriminelles Verhalten, geringere DepressionsanfĂ€lligkeit und generell mehr Lebenserfolg und -zufriedenheit darstellt, ist ein besseres VerstĂ€ndnis der unterschiedlichen Ursachen fĂŒr SelbstwertgefĂŒhl und Selbstsicherheit im Verlauf der Lebensspanne sehr wichtig.

(Quelle: Self-esteem development from young adulthood to old age: A cohort-sequential longitudinal study, APA online, 20100310; Photo src:erikbakke.com)

Jan 21

20.01.2009: Barack Obama’s AmtseinfĂŒhrung. Ich erhalte die Anfrage einer Redakteurin, welche durch Obama’s Wahlspruch “Yes We Can!” zu einer Story ĂŒber Selbstbewußtsein und positives Denken inspiriert wurde. Könnte ich dazu ein paar Gedanken beitragen?

Nicht, daß mir gerade heute langweilig gewesen wĂ€re – aber ich hatte mir  schon öfters zu Obama’s Wirkung auf die Menschen Gedanken gemacht (auch hier im Blog) und war gerne bereit, diese bei Gelegenheit in die Tasten zu klopfen:

Barack Obama’s Wahlslogan “Yes We Can!” war zweifellos ein genialer Wurf seines Teams. Jedes Wortelement des Slogans ist “stark” im Sinne einer Ermutigung und Hervorhebung des Wertes jedes Einzelnen, der/die sich der Wahlbewegung anschließt.

“Yes!” – ein erleichterndes, positives “JA” statt dem jahrelangen, negativen “Nein”, in dem vor allem die Gefahren, die auf die Menschen lauern, und die Feindlichkeit einzelner Facetten des Lebens beschworen wurden. Diese waren dann durch den  jeweiligen “War against XY” zu bekĂ€mpfen. Selbstsichere Menschen sagen “Ja” zum Leben und versuchen, Probleme zu lösen, statt die Schuld fĂŒr die UmstĂ€nde ausschließlich bei anderen zu suchen.

“We!” – auch wenn dies viele Menschen auf der Suche nach mehr Selbstbewußtsein mißverstehen: Selbstbewußtsein ist nicht mit Egomanie zu verwechseln, und schon gar kein Selbstzweck. Wir sind durch Jahrhunderttausende als soziale Wesen ‘programmiert’, EinzelgĂ€nger sind meist nicht dauerhaft glĂŒcklich und haben eine Tendenz, in eher skurille Weltbilder abzudriften. Obama’s Team beschwor das Gemeinsame – gemeinsam erreicht man mehr als allein, große und schwierige Projekte sind ĂŒberhaupt nur so zu bewĂ€ltigen. Schön fand ich, wie liebevoll und offen diese Familie augenscheinlich miteinander umgeht, und sich Obama selbst in den heißesten Wahlkampfphasen immer wieder Zeit fĂŒr das “We!” rund um die eigene Familie nahm.

“Can!” – ein ganz wesentlicher Bestandteil eines positiven LebensgefĂŒhls ist die Erfahrung, etwas Sinnvolles bewirken oder etwas an einem Mißstand verĂ€ndern zu können. Selbst kleinste Aufgaben ermöglichen es uns, am GlĂŒcksgefĂŒhl ĂŒber das Gelungene teilzuhaben. Es war rĂŒhrend, in TV-Dokumentationen sogar an Obama-Plakaten mitbastelnde Kleinkinder, Alte, geistig Behinderte usw. zu sehen – aber in ihrer aller Augen leuchtete dieses “Can!”-GefĂŒhl. Und – sie haben es tatsĂ€chlich geschafft!

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, daß positives Denken diesen Erfolg bewirkt hat – ermöglicht hat er ihn aber definitiv. Dieses Potenzial “positiven Denkens” aber sollte uns auch – bei aller kritischen Selbstreflexion – im ganz normalen Alltag ermutigen, die Herausforderungen des Lebens letztlich dennoch auf möglichst positive Weise anzunehmen.

Ich meine, daß es eine der großen Leistungen von Barack Obama und seinem Team war, den Amerikanern, aber auch vielen BĂŒrgern in aller Welt wieder ein GefĂŒhl von Selbstwert zu geben – das GefĂŒhl, daß die eigene Rolle gerade auch in einer immer stĂ€rker regulierten und entfremdenden Welt eine wichtige ist und es – nicht nur bei der Wahl! – auf jede einzelne erhobene Stimme ankommt. Denn man kann noch so selbstbewußt sein, noch so positiv denken: das grĂ¶ĂŸte GlĂŒcksgefĂŒhl stellt sich ein, wenn auch andere etwas von der eigenen positiven Energie haben…

Inwieweit die beworbene Botschaft auch tatsÀchlich der Politik Obamas entsprechen wird, wird die Zukunft zeigen.

Nov 04

Oder: Die Finanzkrise als Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen

Was hat die aktuelle Finanzkrise mit Psychotherapie zu tun?

Jeder von uns wird spĂ€testens mit seiner Geburt in bestimmte Denkschemata hineingeboren. Ganz automatisch – durch den Fokus unserer Aufmerksamkeit und im BedĂŒrfnis, uns in unserer Umwelt möglichst rasch zurechtzufinden und unsere Grundstrukturen ihr gegenĂŒber kompatibel zu gestalten – integrieren wir weitgehend unbewußt ihre Denkmuster, Gewohnheiten und GrundĂŒberzeugungen in unser eigenes Denksystem. Dies beginnt mit so einfachen Dingen wie gewissen Redewendungen (wer von uns hat sich nicht bereits mehrmals dabei ertappt, genauso wie der eigene Vater/die eigene Mutter zu fluchen, am Telefon zu grĂŒĂŸen oder ein Ă€hnliches Gemisch an Hochsprache und Dialekt zu verwenden?), betrifft aber auch “Familientraditionen” verschiedenster Art und im Herkunftssystem zu findenden Problemlösungsstrategien bis hin zu Ansichten ĂŒber die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben. Wir alle sind aber nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern auch unserer Zeit – so, wie beispielsweise noch vor 50 Jahren im Westen allgemeiner Konsens war, dass “gute” Frauen das traute Heim zu versorgen hĂ€tten, ist dieser Konsens heute, daß zu ihrer Selbstverwirklichung berufliche Karriere gehört. War frĂŒher beziehungsmĂ€ĂŸige StabilitĂ€t das Paradigma, nach dem das EheglĂŒck bemessen wurde, wird heute der Vorrang individuellem GlĂŒck gegeben – nur, wenn’s fĂŒr beide allein passt, allein dann passt es fĂŒr beide.

Es ist schwierig festzumachen, “wer” im Detail derartige belief systems festlegt: sind es “die Medien”, ist es das “kollektive Unbewußte” (C. G. Jung), das uns vorantreibt (“voran”? Stellt eigentlich die VerĂ€nderung von GrundĂŒberzeugungen immer auch auch eine Höherentwicklung dar, oder sind auch RĂŒckschritte möglich?), oder sind es ausschließlich gewisse Individuen, VordenkerInnen oder RevolutionĂ€re, die der Gesellschaft jene Impulse verleihen, die sie zur Überwindung der bisherigen Denkmauern verlocken?

(Photo src: libcom.org)

ZurĂŒck zum Thema: die sog. “Finanzkrise“. Ein weiteres Paradigma, das fĂŒr die meisten braven StaatsbĂŒrger wĂ€hrend der vergangenen Jahrzehnte völlig außer Zweifel stand, war, daß wir unser ganzes GlĂŒck im Grunde der Wirtschaft zu verdanken haben, und diese daher am besten sich selbst ĂŒberlassen bliebe, wĂ€hrend der Staat sich möglichst zurĂŒckzuziehen habe, um sie (und damit uns selbst) möglichst nicht an ihrem Gedeihen und ErblĂŒhen zu hindern.
Das Schöne an der Finanzkrise war ja aus meiner Sicht eigentlich, daß jeder von uns innerhalb nur weniger Wochen mit eigenen Augen und Ohren Zeuge von einem der mĂ€chtigsten Paradigmenwechsel werden konnte, die wĂ€hrend den letzten Dekaden zu erleben waren: eine einmalige Chance – warum also nicht auch etwas fĂŒr sich selbst dabei lernen: wenn sich nĂ€mlich das, was die ĂŒberwiegende Mehrheit der Menschheit fĂŒr wahr und unzweifelhaft hielt, innerhalb nur weniger Wochen nahezu ins Gegenteil verkehren konnte (nun ist bekanntlich der Staat gefordert, die Wirtschaft zu stĂŒtzen; nicht mehr allein der Bankensektor, sondern auch andere Wirtschaftszweige beginnen nun, UnterstĂŒtzung und staatliche Regulierung einzufordern), welche Überraschungen warten dann womöglich noch auf uns? Auf welchen mentalen Einbahnstraßen sind wir sonst noch unterwegs – wir als Gesellschaft, aber auch ganz persönlich, in unserem eigenen Umfeld sowie unser ureigenstes Leben betreffend? Welche Denkmauern könnten wir noch einreißen, könnten wir sie nur erkennen, nach all den Jahrzehnten, in denen wir bereits in ihnen lebten, ohne es ĂŒberhaupt zu bemerken?

Es kann ein spannender Versuch sein, seine eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungen, all die Regeln und Verhaltensleitlinien, die wir uns irgendwann – ohne, daß wir es bewußt wahrnahmen -, und damit unsere Wahrnehmung der sogenannten “Wirklichkeit” einmal massiv zu hinterfragen. Wenn ich X tue, warum tue ich es eigentlich so und nicht anders? Wenn ich ĂŒber X so:Y denke, warum eigentlich .. und warum kam ich nicht zu der Ansicht, die mein(e) Partner(in), mein Nachbar, mein ungeliebter Kollege auf so ĂŒberzeugte Weise vertritt? Wenn ich mich andererseits aber in Teilbereichen meiner Persönlichkeit unsicher fĂŒhle: was hemmt mich da eigentlich, und könnte es nicht sein, daß das, was mich anderen gegenĂŒber bremst, sich in einer anderen Situation als meine StĂ€rke entpuppen könnte?

Wir leben in einer spannenden Zeit. Aber das behauptete man ja immer schon. 😉

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Zum Weiterlesen:
Systemische Psychotherapie
Wirklichkeit
Literatur zum Weiterlesen

Blog-Begriffswolke:
ï»ż10.06.18