Sep 30

Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht ĂŒber die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.

HĂ€ufigkeit

Nach SchĂ€tzungen stirbt jĂ€hrlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsĂ€chlich dĂŒrfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen LĂ€ndern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trĂ€gt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten TodesfĂ€llen bei und ist die zehnthĂ€ufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, fĂŒr das Daten verfĂŒgbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefĂ€hrdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und Ă€ltere Menschen, bei denen ein deutlicher RĂŒckgang der Suizide zu beobachten ist.

Trends in einigen OECD-LĂ€ndern, Bild: OECD

Zur RegionalitĂ€t: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen LĂ€ndern generell etwas höher als in den sĂŒdlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der tĂ€glichen Sonnenscheindauer schließen lĂ€sst. Dennoch können andere LĂ€nder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller TodesfĂ€lle auf Selbsttötung beruhen.
Zum Anteil der Sonnenstrahlung, nach der die SuizidhĂ€ufigkeit mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag korreliert und mit der ein saisonal gehĂ€uftes Auftreten von Suiziden erklĂ€rt werden könnte, wurde 2011 eine Studie der MedUni Wien in der Fachzeitschrift “Comprehensive Psychiatry” veröffentlicht.

Besonders deutlich sind die Suizidraten in jĂŒngster Zeit in SĂŒdkorea angestiegen: nĂ€mlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von MĂ€nnern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und betrĂ€gt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD fĂŒhrt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurĂŒck. Ob das allerdings SĂŒdkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%) und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenĂŒber den anderen LĂ€ndern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurĂŒckgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach SĂŒdkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine ĂŒberdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei MĂ€nnern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenĂŒber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den ĂŒbrigen OECD-LĂ€ndern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.

WidersprĂŒchliche Daten zur sog. GlĂŒcklichkeitsforschung förderte bemerkenswerterweise allerdings eine Studie zutage, die ZusammenhĂ€ngen zwischen Zufriedenheit und Selbstmordneigung nachging. In einem Vergleich mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen nach dem “World Values Survey” und den Selbstmordraten nach Angaben der WHO ist nicht nur in den skandinavischen LĂ€ndern die Selbstmordrate trotz großer Zufriedenheit der Menschen hoch, sondern etwa auch Island, Irland, die Schweiz, Kanada oder die USA (Deutschland liegt im mittleren Bereich). Die Verbindung hoher Lebenszufriedenheit mit hohen Selbstmordraten sei unabhĂ€ngig von harten Wintern, religiösem Einfluss und anderen kulturellen Differenten zwischen LĂ€ndern (mehr):

Eine ErklĂ€rungsmöglichkeit fĂŒr diesen vordergrĂŒndigen Widerspruch könnte darin bestehen, dass in einem Umfeld, in dem es vielen anderen Menschen “gut” geht, eigene Unzufriedenheit, eigenes Leid stĂ€rker empfunden wird. Gesellt sich zum persönlichen LebensunglĂŒck dann auch noch Hoffnungslosigkeit, dieses verĂ€ndern zu können, kann Suizid von bestimmten Persönlichkeitstypen als Ausweg gesehen werden.

Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. JĂ€hrlich sterben in Österreich etwa doppelt so viele Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wĂ€hlten 1.551 den Freitod (2010: 1261), darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern. Im gesamtösterreichischen Verlauf ist die Suizidrate von Anfang der 1960er-Jahre bis Mitte der 1980er-Jahre steil angestiegen – auf 24 Suizide pro 100.000 Einwohner. Seither sinkt die Rate und steht heute, wie bereits oben erwĂ€hnt, bei 13 pro 100.000 Einwohner und Jahr. Dies entspricht ca. 1.300 Suiziden pro Jahr (etwa doppelt so viele Menschen, wie im Straßenverkehr umkommen).
Allerdings existieren in wissenschaftlichen Kreisen steigende Zweifel an der Genauigkeit der Statistik: da in Österreich immer weniger Autopsien durchgefĂŒhrt werden, sinkt die Möglichkeite, Suizide von natĂŒrlichen TodesfĂ€llen zu unterscheiden. So zeigen sich in LĂ€ndern mit den höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn höhere Suizidraten als in LĂ€ndern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso werden in LĂ€ndern, in denen Autopsieraten zurĂŒckgehen, weitgehend zeitgleich auch zunehmend weniger Suizide verzeichnet (Quelle: Archives of General Psychiatry 2011 (doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.66). Bei derartigen Statistiken stellt sich also immer auch die Frage, inwieweit man den offiziellen Suizidstatistiken ĂŒberhaupt trauen kann.

Weitere Gender-Details: in den IndustrielĂ€ndern betrĂ€gt das GeschlechterverhĂ€ltnis bezĂŒglich des Suizids etwa zwei bis vier (MĂ€nner) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische LĂ€nder zeigen ein kleineres VerhĂ€ltnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als MĂ€nner durch Suizid.

Risikofaktoren fĂŒr Suizid

Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:

  • mĂ€nnliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 MĂ€nnern, 5,2 bei Frauen)
  • frĂŒhere Selbstverletzungen
  • HomosexualitĂ€t
  • psychiatrische Störungen und/oder
  • Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
  • Erziehung
  • Gewalterfahrungen im Kindes- oder Jugendalter
  • Suiziddarstellungen in den Medien
  • Rauchen
  • MilitĂ€rdienst (1)

Genetik und Neurobiologie

Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknĂŒpft, das Risiko ist jedoch grĂ¶ĂŸer, wenn der niedrigere Spiegel ĂŒber DiĂ€ten anstatt ĂŒber Statine erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrĂŒhren könnte, dass DiĂ€t haltende Menschen ein höheres Risiko fĂŒr psychische Probleme hĂ€tten. Bislang jedoch lĂ€gen hierfĂŒr keine bekrĂ€ftigenden Hinweise vor. FamiliĂ€re Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko fĂŒr MĂ€dchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dĂŒrftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch ImpulsivitĂ€t mit einem erhöhten Suizidrisiko verknĂŒpft. Suizidraten nehmen ĂŒber die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mĂŒtterlicher Seite auf.

Berufsgruppen

Suizidraten sind unter NichtbeschĂ€ftigten höher als bei BerufstĂ€tigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknĂŒpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.

Unter den BerufstĂ€tigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten LĂ€ndern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten AnĂ€sthesisten als besonders gefĂ€hrdet, denn fĂŒr viele Suizide werden betĂ€ubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere ZahnĂ€rzte, Apotheker, TierĂ€rzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten (Link: Suizid, Depression und Burnout in Helferberufen).

SexualitÀt, Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit

Suizidraten liegen in den meisten LĂ€ndern unter den Ă€lteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jĂŒngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei MĂ€nnern. Suizide werden am hĂ€ufigsten im FrĂŒhling verĂŒbt, auch da besonders unter MĂ€nnern. Im FrĂŒhling oder FrĂŒhsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europĂ€ischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stĂ€rkerem Alkoholmissbrauch.
Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher als das von Heterosexuellen. Fast jeder dritte Suizidversuch im deutschen Sprachraum wird von homosexuell orientierten Menschen begangen ([1], [2], [3]). Der eigentlich wesentliche Risikofaktor besteht allerdings nicht in der Ausrichtung der SexualitĂ€t an sich, sondern vielmehr im enormen emotionalen Druck, den Jugendliche ausgesetzt sind, wenn sie sich selbst als “nicht normal” empfinden – oder von anderen empfunden werden.

Suizidmethoden

Ganz generell bevorzugen MĂ€nner eher gewalttĂ€tige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch HĂ€ngen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die ErklĂ€rung fĂŒr den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen MĂ€nnern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich hĂ€ufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in SĂŒdasien verbrennen sich Frauen ĂŒblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat fĂŒhrt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den lĂ€ndlichen Gebieten vieler EntwicklungslĂ€nder ist das Verschlucken von Pestiziden die hĂ€ufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte VerfĂŒgbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.

Suizid, Depression, psychische Störungen

Suizidale Tendenzen, und seien es auch nur wiederkehrende Gedanken, sind FrĂŒhwarnzeichen (Bild: Shutterstock)

KomorbiditÀten und ZusammenhÀnge mit psychischen Störungen

Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid – doch nur ca. 20-30% der Depressionen werden erkannt (!). Selbst bei diesen aber vergehen bis zur korrekten Diagnose hĂ€ufig viele Jahre, und weniger als 50% der diagnostizierten PatientInnen beginnt ĂŒberhaupt je eine Psychotherapie oder sucht rein pharmakologische UnterstĂŒtzung. Das heißt: die meisten Menschen leiden chronisch, suchen oder finden aber keine adĂ€quate Hilfe.
Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frĂŒhere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-HyperaktivitĂ€tsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklĂ€rt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrĂ¶ĂŸernden Operationen zunimmt.

Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stĂ€rkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent RĂŒckgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter KörperoberflĂ€che beim BMI). Die GrĂŒnde hierfĂŒr sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.

Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch ĂŒber die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und SuizidhĂ€ufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fĂŒgen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die ĂŒber suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”

JĂŒngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon frĂŒher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.

(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)

Suizid und SVV (Selbstverletzung)

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, wie Jugendforscher berichten. Die Ursachen dafĂŒr liegen hĂ€ufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frĂŒhen Kindesalter. Das Gehirn weist zu dieser Zeit eine hohe PlastizitĂ€t auf und ist durch Ă€ußere EinflĂŒsse sehr verĂ€nderbar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, VernachlĂ€ssigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren fĂŒr spĂ€tere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufĂŒgen. Das AusdrĂŒcken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund fĂŒr die immer frĂŒher auftretenden Depressionen nennen Experten die frĂŒhere PubertĂ€t und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es fĂŒr Jugendliche viel leichter, eine Krise zu ĂŒberwinden.

(Quelle: Der Standard, 06/2004)

Wie können Suizide verhindert werden?

Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wĂ€re ein schwierig zu erfĂŒllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsĂ€chlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plĂ€nen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlĂ€gige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropĂ€ischen LĂ€ndern belegen einen RĂŒckgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen AllgemeinĂ€rzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

In FĂ€llen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem mĂŒssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknĂŒpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.

Auch eine VerĂ€nderung des allgemeinen Zugangs zu gefĂ€hrlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die EinfĂŒhrung von Sicherheitsgittern auf BrĂŒcken und verstĂ€rkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den lĂ€ndlichen Gebieten der EntwicklungslĂ€nder können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden wĂŒrden, ihr Ziel umzusetzen, mag ĂŒberrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurĂŒckgingen, wĂ€hrend z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch PrĂ€ventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.

Und weil im Internet neben Selbstmordforen RatschlĂ€ge und Hinweise fĂŒr das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung SĂŒdkoreas (das jĂŒngst den weltweit stĂ€rksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur PrĂ€vention u.a. auch Internet-Sperren einfĂŒhren. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen ĂŒber Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafĂŒr geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen ĂŒber Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.

Die Herausforderungen, Suizide in den EntwicklungslĂ€ndern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den IndustrielĂ€ndern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den EntwicklungslĂ€ndern zu finden ist. Auch wird von einschlĂ€gig Forschenden auch eine jĂŒngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lĂ€sst, dass das Risiko fĂŒr Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.

Angehörige haben ebenfalls eine ganz wesentliche Rolle. Sie bemerken als erste, dass sich jemand vielleicht plötzlich zurĂŒckzieht, gedrĂŒckt und resigniert wird. Wichtig ist es, die Zeichen zu erkennen (siehe Artikel: “PrĂ€suizidales Syndrom“) und mit dem Betroffenen darĂŒber zu sprechen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Angehörigen hĂ€ufig begrenzt – es ist deshalb wichtig, Hilfe von außen zu suchen (Psychotherapie oder zumindest Hausarzt), wenn man sich ĂŒberfordert fĂŒhlt oder das GefĂŒhl hat, die betreffende Person nicht mehr erreichen zu können.

Behandlung von Depression

Dass psychologische Betreuung in vielen FĂ€llen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhĂ€rteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben fĂŒhren und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausfĂŒhrlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.

(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Erstfassung dieses Blog-Eintrags vom 22.01.2010; wird laufend aktualisiert, sofern mir neue Daten bekannt werden. Letzte Aktualisierung: 26.11.2013

Noch mehr Informationen:

Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
PrĂ€suizidales Syndrom – erkennen und richtig handeln
Gedanken eines Suizidversuch-Überlebenden
Aktuelle Statistiken der OECD (Stand 2013)

weitere Blog-EintrÀge zum Thema Suizid

May 10

Das letzte filmische Werk des kontroversiellen Regisseurs Darren Aronofsky ließ wohl viele Zuseher sprachlos und aufgewĂŒhlt zurĂŒck – nun, wie so manche seiner Filme wie etwa auch ‘Pi‘…

In Black Swan lernen wir zunĂ€chst ein fragiles Doppelgespann kennen: Nina ist Ballett-TĂ€nzerin, und lebt ĂŒberfĂŒrsorglich kontrolliert und von der Außenwelt weitgehend geschĂŒtzt mit ihrer Mutter in New York. Ihr Zimmer wirkt wie ein Kinderzimmer, und sie selbst wie ein Teenager im Körper einer jungen Frau. Ihre Mutter ist selbst Ex-Ballerina, und versucht ihre Tochter “mit Zuckerbrot und Peitsche” bei ihrer Karriere im New York City Ballet zu unterstĂŒtzen. Emotionen bleiben dabei weitgehend unterdrĂŒckt und werden der Leistung und harten Arbeit untergeordnet sowie der Angst der Mutter, ihre Tochter könnte unter dem Druck der bevorstehenden Herausforderung – der Hauptrolle in einer Neuinszenierung von “Schwanensee” – in frĂŒhere selbstdestruktive Verhaltensmuster (Selbstverletzung) zurĂŒckfallen. Die destruktive Beziehung zwischen beiden wird besonders in einer Szene illustriert, in der Nina’s Mutter zur Feier eine kitschige Torte vorbereitet. Als Nina erklĂ€rt, keinen Appetit darauf zu haben, droht die Mutter in vorwurfsvollem Ton, die Torte wegzuwerfen. Nina lenkt ein – und muß daraufhin ein StĂŒck der Glasur vom ausgestreckten Zeigefinger ihrer Mutter lecken. Die Botschaft: die Mutter hat immer recht, und Nina hat sich gefĂŒgig so zu verhalten, wie “man” (ihre Mutter) das von ihr erwartet.

Nina war offenbar schon vom frĂŒhesten Kindheitsalter an gezwungen, sich an den Erwartungen ihrer Mutter zu orientieren, die identische Berufswahl und die Ausrichtung ihres Alltags am Gelingen der Ballett-Karriere verstĂ€rken diesen Eindruck. Im Zuge der Arbeit am StĂŒck “Schwanensee” wird der Zuseher nun Augenzeuge einer zunehmenden Auflösung der Grenze zwischen dem, was in der kleinen Welt daheim vorzeigbar und “akzeptabel” ist, und den dĂŒnkleren Seiten nicht nur der Welt draußen, sondern auch Ninas. Der Choreograph des StĂŒcks beschleunigt diese Entwicklung durch seine Bemerkung, dass Nina zwar bestens fĂŒr die Rolle des “weißen Schwans” geeignet, aber nicht leidenschaftlich genug sei, den “schwarzen Schwan” glaubwĂŒrdig darzustellen. Vermutlich gefördert durch die Angst, die Hauptrolle zu verlieren, brechen sukzessive die “dunklen”, bisher von Nina in keiner Weise zugelassenen und ungelebten Seiten durch: sie zeigt Aggression, beginnt, ihren Körper zu erforschen (sie beendet dies schockiert, als sie ihre Mutter im Raum erblickt) und sich in einzelnen Bereichen von ihrer Mutter abzugrenzen. Eine Kollegin verfĂŒhrt sie zu einer rauschenden, ja tranceĂ€hnlichen Nacht, von der Nina nach dem Erwachen nicht mehr sicher sagen kann, ob sie dabei tatsĂ€chlich auch erste sexuelle Erfahrungen machte oder nicht. Immer öfter bricht ab diesem Zeitpunkt die “andere” Seite durch: zunĂ€chst flackernd und sekundenlangen Dissoziationen Ă€hnelnd, dann immer hĂ€ufiger und lĂ€nger, wobei Nina zunehmend den Überblick darĂŒber verliert, was noch Phantasie, Wunschdenken und Einbildung, und was RealitĂ€t ist.

Das Thema der Spaltung und DualitĂ€t zieht sich durch den gesamten Film und beklemmenderweise kann schliesslich nicht einmal mehr der Zuseher mit Sicherheit sagen, was denn nun tatsĂ€chlich geschah und ob einige der verdrĂ€ngten Phantasien Nina’s tatsĂ€chlich durchbrachen – oder es bei diesen blieb. An diesen Stellen lĂ€ĂŸt sich ansatzweise der beĂ€ngstigende Zustand einsetzender psychotischer SchĂŒbe und Dissoziationen erfĂŒhlen.

Zunehmend zeigt sich jedoch, dass Nina durch die Integration der “anderen”, abgespaltenen Seite (in der Analytischen Psychologie C.G. Jung‘s: des “Schattens” bzw. des “Schatten-Selbst”)  insgesamt lebendiger und stĂ€rker wird. Nach der Integration der GefĂŒhlsaspekte des “schwarzen Schwans”: Eifersucht, Neid, Hass, Leidenschaft, Erotik und SexualitĂ€t u.dgl., wird Nina “komplett”. Ohne das Ende des Films vorwegzunehmen zeigt sich aber auch, dass das brutale Hineingetrieben-werden in eine solche Erfahrung fĂŒr die Betreffenden mitunter nur schwer verkraftbar ist, da die psychischen Strukturen um die damit verbundenen inneren Konflikte verarbeiten zu können, nur langsam wachsen – was Zeit (und hĂ€ufig auch Psychotherapie) erfordert. Im Film ist jedoch meinem Eindruck nach der Weg das Ziel – die Darstellung eines persönlichen Entwicklungsweges, des in-Erscheinung-Tretens abgespaltener Persönlichkeitsanteile und Triebe, und schließlich die fĂŒr uns alle herausfordernde adĂ€quate Integration dieser Teile in den Alltag.

Insgesamt ein packender und aufwĂŒhlender Film, den sich insbesondere Psychologie-Interessierte nicht entgehen lassen sollten!

Links zu den erwÀhnten Filmen:

Jan 16
Body Dysmorphic Disorder - Körperbildstörung

(Photo:Asia Group/Getty Images)

Feministinnen wettern zwar gegen angebliche “patriarchale Normierungen” – ein Blick auf den Boom der sogenannten “Schönheits-Chirurgie” und den Druck selbst innerhalb der peer groups junger SchĂŒlerinnen, als “sexy” zu gelten, demonstriert jedoch, dass es den meisten Menschen – in stark zunehmendem Maße auch MĂ€nnern – alles andere als leicht fĂ€llt, sich den durch Medien und Werbung geprĂ€gten AttraktivitĂ€ts- und Jugendlichkeits-Idealen zu entziehen.

Die Disziplinierung des möglichst normgerecht erotischen Körpers geschieht nĂ€mlich nicht, weil man bzw. frau muss, sondern weil sie will. Und gegen Freiwilligkeit lĂ€sst sich schwer argumentieren. NatĂŒrlich weiß heute jeder um die Manipulation der machtvollen Vorbilder aus endlos langen Streichholzbeinen, Minitaille und Superbusen mittels Photoshop, was aber am Streben, diese in glanzvollen Bildern “realisierten” Idealen auch selbst möglichst zu entsprechen, nichts Ă€ndert. Es vermittelt nun einmal Sicherheit, zu entsprechen, zu genĂŒgen.
All die Make-Over-Sendungen und Schönheits-OP-Tests haben darĂŒber hinaus den Nebeneffekt, die Schwellenangst, auch den eigenen Körper zu “modellieren”, zu reduzieren. Ja die dort auftretenden Ärzte erklĂ€ren sogar bescheiden, sie wĂŒrden der Natur “etwas nachhelfen” – suggerierend, dass es nur die Zustimmung der Patientin (Kundin) benötigte, und auch sie könne “optimiert” werden.

Zwei psychische Störungen, die Menschen fast zwangsartig in die Kliniken und Praxen der Chirurgen treiben, sind der sog. “Salome-Komplex” (der quĂ€lende Zwang, stets schön aussehen zu mĂŒssen, und nur dann liebenswert und wertvoll zu sein, wenn man attraktiv und anziehend ist) und die Dysmorphophobie (auch: körperdysmorphe Störung (DSM-IV-TR) oder Körperbildstörung, mitunter auch Thersites-Komplex oder Adonis-Komplex genannt).

Carla Bruni im MĂ€rz 2010

Carla Bruni im MĂ€rz 2010

Die von Dysmorphophobie Betroffenen nehmen ihren Körper oder einzelne Körperteile (zumeist das Gesicht oder Bereiche des Kopfes, BrĂŒste, Geschlechtsorgane, Bauch,..) als hĂ€ĂŸlich wahr. Um diese Wahrnehmung herum können sich regelrecht zwanghafte Gedanken und ritualisierte Verhaltensweisen entwickeln: bei jeder Gelegenheit wird das Aussehen kontrolliert oder mit dem anderer Personen verglichen, Puder, Cremes oder Makeup im Gesicht aufgetragen. In extremen FĂ€llen werden aus Furcht negativer Bewertung soziale Situationen (z.B. gesellschaftliche Veranstaltungen, Einkaufszentren etc.) vermieden (KomorbiditĂ€t mit  Sozialphobie). Signifikant fĂŒr die Symptomatik bei “OP-SĂŒchtigen” ist das Auseinanderklaffen der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Es besteht nur selten Krankheitseinsicht, ĂŒberhaupt “werde ohnehin alles passen, wenn erst mal der Makel XY behoben ist…” Wenige Monate spĂ€ter verlegt sich dann der Fokus auf eine andere körperliche Eigenheit oder die “Optimierung” muß noch weiter vorangetrieben werden.

Symptomatisch ist auch, dass sich Betroffene zumeist nicht rechtzeitig in Behandlung begeben – meist aus Scham oder Unwissenheit, dass sie unter einer Krankheit leiden, die man psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln kann. Der berufsethischen Verpflichtung der “Schönheitschirurgen”, PatientInnen/KundInnen zu psychotherapeutischen oder psychologischen Konsultationen zu raten, sofern sie bereits mehr als 2 plastische Operationen hinter sich haben und eine weitere anstreben, und die gewĂŒnschte OP bis dahin abzulehnen, kommen leider nur die wenigsten Ärzte nach.

Jan 14

Wenn sie das Wort “Depression” hören, denken viele Leute an traurige oder hoffnungslose Menschen, die nach einem nicht verkrafteten Lebensereignis zurĂŒckgezogen und hĂ€ufig weinend ihr Dasein fristen.

Doch tatsĂ€chlich ist das nur in den seltensten FĂ€llen so. In einer US-Studie aus dem Jahr 1996 konnte beispielsweise nur ein Drittel der an einer Depression Leidenden ein belastendes oder einschneidendes Erlebnis vor der Erkrankung nennen. Und es sind auch keineswegs nur negative Ereignisse, die bei manchen Menschen Depressionen auslösen können, sondern auch solche wie etwa die Geburt eines Kindes oder das Gelingen eines GeschĂ€ftsabschlusses. Dass nicht alle Menschen bei einschlĂ€gigen Ereignissen Depressionen entwickeln, legt darĂŒber hinaus nahe, dass auch andere Faktoren, wie etwa genetische oder Stress-Faktoren mitbeteiligt sein dĂŒrften. FĂŒr die Betroffenen selbst und ihre Umwelt also ist in der ĂŒberwiegenden Zahl der FĂ€lle auf Anhieb gar kein klarer Grund fĂŒr eine etwaige Depression auszumachen – was in aller Regel zu langjĂ€hrigen Verzögerungen auf der Suche nach der korrekten Diagnose fĂŒr das eigene Unwohlbefinden fĂŒhrt.

Körperliche Symptome sind eine weitere, hÀufig fehlinterpretierte Facette depressiver Störungen. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, reduzierte GedÀchtnisleistung und KonzentrationsfÀhigkeit, aber auch andere körperliche Schmerzen, Probleme der Verdauungsorgane oder Energielosigkeit sind typische körperliche Symptome einer vorliegenden Depression.

Die mit der Depression hĂ€ufig verbundene Perspektivenlosigkeit fĂŒhrt viele Betroffenen zu selbstschĂ€digendem Verhalten. Die meisten Menschen, die Suizid begingen, litten vorher an einer (hĂ€ufig nicht erkannten oder behandelten) Depression. Doch es muß nicht gleich Suizid sein: auch andere selbstschĂ€digende Formen des Verhaltens, wie etwa Alkohol- und Drogenmißbrauch, selbstschĂ€digendes Eßverhalten oder riskantes Verhalten im Verkehr sind, wie Untersuchungen zeigen, in mehr als 60% der FĂ€lle an Depressionen gekoppelt.

Besonders bei Ă€lteren MĂ€nnern Ă€ußert sich Depression hĂ€ufig auch ĂŒber Aggression, speziell verbale Unfreundlichkeiten, Zynismus, Schimpfen und andere Formen aggressiver Ausdrucksweise. Auch hier ist es den Betroffenen nur selten bewußt, dass sie an einer Depression leiden, sondern sie fĂŒhren ihre innere Unzufriedenheit und ihren Ärger auf Ă€ußere UmstĂ€nde zurĂŒck, ĂŒber die sie sich regelmĂ€ĂŸig und nicht selten auch lautstark beschweren.

Etwa 4 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen, die Dunkelziffer dĂŒrfte aber aufgrund der hĂ€ufigen Fehldiagnosen und jahrelangen Leidenswege ohne passenden Befund und adĂ€quate Therapie deutlich höher liegen.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:TRBfoto)

ï»ż01.09.19