May 19

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Einer der weniger bekannten Aspekte von Psychotherapie ist die Verschwiegenheitspflicht. Diese Regelung (die ĂŒbrigens keinen absolut bindenden Part im den meisten LĂ€ndern Asiens darstellt, in westlichen LĂ€ndern jedoch i.d.R. sehr strikt gehandhabt wird) sagt grundsĂ€tzlich aus, dass alles, was ein Klient im Kontext einer Psychotherapie von sich gibt, zwischen dem Therapeuten und dem Klienten zu bleiben hat. In Österreich ist es Psychotherapeuten nicht einmal erlaubt, Ehepartner ĂŒber eine Diagnose zu informieren oder darĂŒber, ob der Partner eine Sitzung wahrnahm oder nicht. Klienten können ihre Therapeuten zwar von der Verschwiegenheitspflicht befreien, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Vor Gericht dĂŒrfen Psychotherapeuten ebenfalls keine Details ĂŒber Therapiesitzungen offenbaren. Ausnahmen existieren lediglich bei Gefahr im Verzug. Bei Psychotherapie-Finanzierung ĂŒber Krankenkassen verlangen diese in Österreich und auch den meisten anderen europĂ€ischen LĂ€ndern die Angabe einer Diagnose gemĂ€ĂŸ ICD-10, viele TherapeutInnen jedoch wĂ€hlen zur Vermeidung von Stigmatisierung und aus datenschutzrechtlichen Bedenken beim Vorliegen mehrerer psychischer Belastungen meist “unverfĂ€nglichere” Diagnosen.

Wenn diese Regelung auch merkwĂŒrdig klingen mag, so macht sie doch Sinn: sie garantiert einen sicheren Ort fĂŒr Menschen, an dem sie vertrauensvoll ihre tiefsten GefĂŒhle und heikelsten Gedanken ausdrĂŒcken können, ohne sich Sorgen machen zu mĂŒssen, dass jemand je davon erfahren wird. In Zeiten, in denen unsere Privatheit scheibchenweise von Regierungen und auf elektronischem Wege genommen wird und die Gesellschaft sehr strikte Regeln ĂŒber “korrektes” Verhalten und Denken definiert hat, ist es wichtig, wenigstens einen Ort zu haben, an dem man seine intimsten Gedanken, Sorgen oder heiklen Schwierigkeiten aussprechen und sich sicher sein kann, dass sie die 4 WĂ€nde der Praxis nicht verlassen werden. Es kommt naturgemĂ€ĂŸ hĂ€ufiger vor, dass mir MĂ€nner ĂŒber pĂ€dophile oder gewalttĂ€tige Fantasien erzĂ€hlt haben oder Frauen ĂŒber Sex-Probleme oder Schwierigkeiten bei der Partnersuche – aber nur, wenn ĂŒber diese Gedanken offen gesprochen werden kann, ist ein sachlicher Zugang möglich und eine Entwicklung von Strategien, wie mit ihnen am besten umzugehen ist.

Die Verschwiegenheitspflicht allein ist ein guter Grund, warum jemand, der einen Psychotherapeuten aufsucht, nicht als “schwach” oder “verrĂŒckt” zu gelten hat. Allein, um die Möglichkeit zu nutzen, einmal alle Aspekte eines Problems offen auszusprechen, sich neutrales Feedback zu holen und vielleicht auch an einer Verbesserung der Situation zu arbeiten, kann Grund genug sein. Wenn Sie nicht sicher sind, wie Ihr Psychotherapeut oder Berater es mit der Verschwiegenheitsregel hĂ€lt, fragen Sie einfach. Es ist ein Zeichen der SeriositĂ€t, wenn Sie darauf eine geradlinige Antwort erhalten.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bild-Quelle: martinspi.com)

ï»ż10.07.20