Nov 08

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Testosteron gilt als das M√§nnlichkeitshormon schlechthin – es steht f√ľr Aggression und Imponiergehabe, sorgt f√ľr die Ausbildung der Geschlechtsmerkmale, f√∂rdert die Libido und steigert den Muskelaufbau. Ihm wird nachgesagt, dass es aggressiv macht sowie riskantes Verhalten und Imponiergehabe steigert. Doch nicht nur verf√ľgen auch Frauen √ľber dieses Geschlechtshormon (wenn auch in viel geringerem Ma√ü), sondern nun deutet eine aktuelle Studie auch noch darauf hin, dass das Geschlechtshormon auch das Sozialverhalten f√∂rdert.

Wissenschaftler von der Universit√§t Bonn konnten zusammen mit Kollegen der Maastricht University n√§mlich zeigen, dass das Geschlechtshormon auch soziales Verhalten f√∂rdert. In Spielsituationen erwies sich, dass Probanden nach Gabe von Testosteron deutlich seltener logen als Personen die nur ein Placebo erhielten. “Der Nachteil vieler Studien ist jedoch, dass sie lediglich den Testosteronspiegel der Probanden mit deren Verhalten vergleichen”, schildert Erstautor M. Wibral. Dieser Ansatz gebe aber lediglich statistische Zusammenh√§nge wieder und erlaube keine Einblicke in die Ursachen des Verhaltens. “Denn das Testosteron beeinflusst nicht nur das Verhalten, sondern das Verhalten umgekehrt auch den Hormonspiegel.” Die Wissenschaftler des CENS suchten deshalb nach einem experimentellen Ansatz, der auch R√ľckschl√ľsse auf Ursache und Wirkung erlaubt.

Die Forscher gewannen insgesamt 91 gesunde M√§nner f√ľr ein Verhaltensexperiment. Von diesen Probanden wurden 46 mit Testosteron behandelt, indem das Hormon als Gel auf die Haut aufgetragen wurde. Endokrinologen des Bonner Universit√§tsklinikums √ľberpr√ľften am Tag danach, ob bei ihnen der Testosteronspiegel im Blut tats√§chlich h√∂her war als in der Placebogruppe. Die anderen 45 Testpersonen bekamen lediglich ein Placebo-Gel. “Weder die Probanden selbst, noch die durchf√ľhrenden Wissenschaftler wussten, wer Testosteron bekommen hat und wer nicht”, berichtet Wibral. Damit sollten m√∂gliche Einfl√ľsse auf das Verhalten ausgeschlossen werden.

Dann folgten die Verhaltensexperimente: Die Testpersonen f√ľhrten ein einfaches W√ľrfelspiel in separaten Kabinen durch. Je h√∂her die gew√ľrfelte Augenzahl, desto gr√∂√üer war der Geldbetrag, den es als Belohnung gab. “Diese Versuche waren so konzipiert, dass die Probanden l√ľgen konnten”, berichtet Weber. “Niemand bekam in den abgeschirmten Kabinen mit, ob sie tats√§chlich die gew√ľrfelte Zahl in den Computer eingaben – oder eine h√∂here, um mehr Geld zu bekommen.” Allerdings konnten die Wissenschaftler im Nachhinein feststellen, ob die verschiedenen Testpersonengruppen geschummelt hatten oder nicht. “Statistisch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit f√ľr alle W√ľrfelzahlen von eins bis sechs gleich hoch”, erl√§utert der Neurowissenschaftler. “Wenn also bei diesen Zahlen ein Ausrei√üer nach oben vorkommt, ist dies ein klares Indiz, dass Probanden gelogen haben.”

Die Forscher verglichen die Ergebnisse der Testosterongruppe mit der Kontrollgruppe. “Dabei zeigte sich, dass die Probanden mit den h√∂heren Testosteronwerten deutlich seltener logen als die unbehandelten Testpersonen”, berichten die Direktoren des CENS. “Dieses Ergebnis widerspricht klar dem sehr verk√ľrzten und eindimensionalen Ansatz, dass Testosteron zu antisozialem Verhalten f√ľhrt.” Das Hormon steigere wahrscheinlich den Stolz und das Bed√ľrfnis, ein positives Selbstbild zu entwickeln. “Vor diesem Hintergrund reichten offenbar ein paar Euro als Anreiz nicht aus, das Selbstwertgef√ľhl aufs Spiel zu setzen”, vermutet Falk.

Das Ph√§nomen zu l√ľgen ist mit gro√üen Tabus behaftet. So verbietet etwa das achte Gebot im Christentum, “falsch Zeugnis” zu reden. “L√ľgen spielen jedoch auf gesch√§ftlicher als auch privater Ebene eine wichtige Rolle”, sagt Falk. H√§ufig werde nicht nur aus Eigennutz gelogen, sondern auch, um einen anderen Menschen zu sch√ľtzen oder zu beg√ľnstigen. In vielen Studien sei dieses Verhalten und seine √∂konomischen Auswirkungen untersucht worden. “Es gibt allerdings nur sehr wenige Untersuchungen zu den biologischen Ursachen der L√ľge”, sagt der √Ėkonom der Universit√§t Bonn. “Hier sind wir nun mit unserer Studie einen gro√üen Schritt vorangekommen.”

(Quellen und Textausz√ľge: C. Eisenegger, M. Naef, R. Snozzi, M. Heinrichs, E. Fehr: Prejudice and truth about the effect of testosterone on human bargaining behaviour. In: Nature. 463, 2010, S. 356-359; Der Standard v. 11.10.2012; “Testosterone administration reduces lying in men” in: “PLoS ONE”, DOI: 'Noch keine Kommentare » | Link zum Artikel

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Dec 14

Google hat gro√üe Pl√§ne – vor einigen Monaten hat der bisherige Platzhirsch im Bereich der sogenannten “sozialen Netzwerke”, Facebook, nun offenbar Gefahr im Verzug bemerkt: die teils hastigen Feature-Erweiterungen (bzw. -Nachahmungen) auf Facebook, hinter denen kein Gesamtkonzept zu stehen scheint au√üer jenem, User m√∂glichst nachhaltig an sich zu binden, haben wohl nicht nur mich zunehmend ver√§rgert.

Ich hatte, wie vielleicht mancher zuf√§llig herausgefunden hatte, ja auf Facebook ebenfalls eine Art “Adre√übucheintrag” angefertigt, konnte mich f√ľr diese Plattform aber nie so recht begeistern und hatte mich dort daher kaum regelm√§√üig bet√§tigt.

Google Plus aber habe ich vor allem als Informationsquelle nach einer kurzen Eingew√∂hnungszeit sehr sch√§tzen gelernt und “teile” dort auch selbst regelm√§√üig Neuigkeiten und Informationen – sowohl aus anderen als auch eigenen Quellen, √∂ffentlich, halb√∂ffentlich und privat.

Der “Trick” ist dort vor allem, wie mir scheint, √ľber die Suche oder diverse “Adre√üverzeichnisse” (siehe unten) ein paar interessante Leute zu finden und diese dann in einen seiner (Interessen- oder Bekannten-) “Kreise” aufzunehmen. Das k√∂nnen, m√ľssen aber wohlgemerkt keine Familienmitglieder, Freunde oder pers√∂nlich Bekannten sein – sondern man kann auch Wissenschaftern, Fotografen, Journalisten, Interessensplattformen, Witze-PosterInnen (f√ľr die t√§gliche Portion Humor), ja sogar dem US-Pr√§sidenten √ľber die Aufnahme in einen der eigenen “Kreise” “folgen” (vergleichbar mit einem Abonnement auf die f√ľr einen freigegebenen Postings dieser Person) und findet sodann t√§glich deren neueste Postings (Beitr√§ge) im eigenen “Stream” (“Strom”) von Beitr√§gen.
Bei eigenen Beitr√§gen kann man stets entscheiden, ob diese √∂ffentlich freigegeben werden oder auf einzelne dieser “Kreise” (Kontaktgruppen) beschr√§nkt bleiben sollen. Seit der Testphase von Google Plus hat zwar auch Facebook derartige M√∂glichkeiten vorgesehen, allerdings sind diese vergleichsweise schlecht √ľberschau- und anpassbar.

Das Schöne finde ich an Google Plus, dass es vergleichsweise einfach ist, an tatsächlich interessante Informationen zu gelangen.
Und, davon einmal abgesehen: Google beabsichtigt, die zahlreichen, bunten Services der Firma (wie Suche, Maps, News, Kalender, Feeds, Blogs, Docs u.v.m.) unter der “Haube” Google Plus zusammenzuf√ľhren. Die Plattform ist also definitiv die Zukunft hinsichtlich Informationsverwaltung, w√§hrend Facebook in Zukunft wohl eher auf das “virtuelle Freundes-Netzwerk” reduziert werden d√ľrfte. Bereits heute vermelden zahlreiche aktive Blogger wesentlich intensiveren und auch interessanteren Austausch auf ihren Google Plus-Seiten als √ľber ihren Facebook-Auftritt.

In diesem Sinne hoffe ich, dass auch Sie als an Psychologie, Psychotherapie und Coaching Interessierte(r) den Versuch wagen und dann auch mal auf einer meiner beiden Plus-Seiten vorbeisehen. Mit einer Aufnahme meiner G+ РSeiten in Ihre eigenen Kreise (gerne gesehen!) erhalten Sie dann die zumeist Psychotherapie-relevanten neuesten Beiträge direkt in Ihrem Stream angezeigt.
Und wenn Sie so manche der Seiten auf meiner pers√∂nlichen Website als interessant empfinden, so “plussen” Sie sie bitte (Klick auf den +1-Button), sodass andere UserInnen sie im Dschungel der Webseiten leichter finden k√∂nnen.

Zu meiner Google Plus-Seite: Meine Plus-Seite √ľber Therapiemethoden¬† (wird allerdings nur sporadisch “gef√ľttert”): https://plus.google.com/117036878836499930679/posts

Hier zum Reinschnuppern einige der mittlerweile zahlreichen Verzeichnisse √∂ffentlich zug√§nglicher “Kreise” (die man in eigene “Kontakt-Kreise” importieren kann) wie auch von nach Interessensgebieten, Region, Postingvolumen etc. gruppierten (√∂ffentlichen) Userinnen und Usern:

http://publiccircles.appspot.com/
http://socialstatistics.com/
http://plusfriendfinder.com/
http://www.circlecount.com/
http://www.gglpls.com/
http://www.group.as/
http://gpeep.com/
http://gpc.fm/

Einf√ľhrungen:
Video-Einf√ľhrung vom WISO-Plus TV-Magazin
engl. Einf√ľhrung

(Image credits: scoobzz.blogspot.com, askdavetaylor.com)

Sep 14

‘Echo and Narcissus’ by John William Waterhouse (image source: oceansbridge.com)

Narzissmus bzw. “Selbstliebe” ist grunds√§tzlich eine wichtige Basis unserer Pers√∂nlichkeit: er treibt uns dazu an, uns um uns selbst zu k√ľmmern. Als pathologische, schwere Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird er nur dann betrachtet, wenn er sch√§digend wirkt – entweder f√ľr andere oder die Betreffenden selbst. Tats√§chlich ist es keineswegs immer nur die Umwelt, die unter dem Narzissmus Einzelner zu leiden hat: manche Narzissten neigen dazu, sich selbst zu sehr zu “verw√∂hnen” – sie leben √ľber ihre Verh√§ltnisse, irgendwann aber bricht ihre Welt zusammen und Schulden, k√∂rperliche Krankheiten oder andere durch den Ressourcenmi√übrauch verursachte Probleme holen sie ein.

Die Grundlage krankhaften Narzissmus’ ist ein schwaches Selbstwertgef√ľhl, auf dessen Basis die betreffenden Personen – gewisserma√üen √ľberkompensierend – Grandiosit√§tsgef√ľhle entwickeln, ihre F√§higkeit zur Empathie dagegen nicht ausreichend ausgebildet wird. Es ist deshalb schwierig f√ľr sie, die Gr√ľnde der Handlungen anderer nachzuvollziehen, viel st√§rker bewegen sie die Auswirkungen dieser Handlungen auf sich selbst, etwa, wenn ihnen jemand bestimmte “Probleme bereitet”. Meist h√∂rt man dann lautstarke Klagen dar√ľber, warum sich die andere Person nicht so verhalten hat, wie der Narzisst sich dies erwartete, und es kann keine Ruhe mehr gefunden haben, bis die Hindernisse aus dem Weg ger√§umt wurden oder “Gerechtigkeit” wiederhergestellt ist.

Die Gr√∂√üengef√ľhle und die enorme Bedeutung, die das Umsetzen ihrer Ideen, Absichten und Ziele f√ľr sie hat, k√∂nnen jedoch auch zu einer massiven Last werden. Personen, die ihre Position in Frage stellen oder auch die M√∂glichkeit eines Zusammenbrechens ihrer Konstrukte stellen eine latente Bedrohung dar. Auch nat√ľrliche Vorg√§nge wie das Altern oder strukturelle Ver√§nderungen werden als bedrohlich empfunden: denn wenn das Selbstwertgef√ľhl nicht mehr so einfach wie fr√ľher durch Macht und Einfluss gest√§rkt werden kann oder altersbedingt geistige Ressourcen, Kraft und Leistung (bei M√§nnern insbesondere auch die Potenz) nachlassen, sind schmerzvolle Anpassungsprozesse erforderlich, mitunter erfolgen mentale Zusammenbr√ľche, Suchtverhalten oder Depressionen mit Suizidgedanken stellen sich ein.

Die Wurzeln der narzisstischen St√∂rung liegen wie bei den meisten anderen psychischen St√∂rungen auch in der Kindheit. Die US-Journalistin Jean Liedloff, die bei einem s√ľdamerikanischen Stamm gelebt hat, thematisiert in ihrem Buch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” (siehe Link unten) den Verlust des narzisstischen Gef√ľhls “Ich bin etwas wert” in der westlichen Welt. Beim Stamm der Yequana werden die Babys ein Jahr am K√∂rper herumgetragen, schlafen bei den Eltern, Tadel oder mahnende Worte gibt es nicht. Die Kinder erhalten damit eine gute und stabile Selbstwertbasis, die sich auf k√∂rperlicher Ebene mit der Muttermilch vergleichen lie√üe, die das Immunsystem des Babys st√§rkt.

Zur√ľckweisung oder Kritik dagegen erlebt ein Kleinkind als narzisstische Kr√§nkung – erf√§hrt es zuviel davon, kann sich eine destruktive Dynamik entwickeln. H√§ufig versuchen solche Kinder sp√§ter, die Zur√ľckweisung anderer mit besonderem Ehrgeiz oder anderen Kompensationsversuchen auszugleichen. Dies k√∂nnte erkl√§ren, wieso kleine M√§nner besonders h√§ufig in Machtpositionen zu finden sind. Vor dem Hintergrund des Werteverlusts in der westlichen Gesellschaft wiederum k√∂nnten zahlreiche Facetten der westlichen Kultur, etwa die bei vielen beliebte Selbstdarstellung in den sog. “sozialen Netzwerken”, oder Aspekte der Fitne√ü- oder Selbstfindungs-Bewegung, als narzisstische Kompensationsversuche gedeutet werden.

Kann das vorhandene Selbstwertgef√ľhl besonders starke “narzisstische Kr√§nkungen” (etwa einen Verlust des Arbeitsplatzes und eine kurz darauffolgende Trennung) nicht verarbeiten, kann die St√∂rung ins Pathologische kippen und sich in Gewaltt√§tigkeit, Amokl√§ufen, Somatisierungen (psychosomatische Erkrankungen), Sucht oder Depression manifestieren. Diese Symptome k√∂nnen gewisserma√üen als Ventil gesehen werden, √ľber die sich der Schmerz einer nicht verarbeitbaren psychischen Verletzung entl√§dt.

Der Narzisst – und die anderen

Narzissten sind h√§ufig entweder Einzelg√§nger (da sie sich von potenziellen Beziehungspartnern gebremst f√ľhlten oder schlicht kein Interesse haben, ihr Leben mit einer anderen Person zu teilen) oder aber es treffen sich zwei Narzissten, die gemeinsam ihren jeweiligen Zielen nachjagen, emotional aber nur in sehr begrenztem Ausma√ü Intimit√§t zueinander herstellen k√∂nnen. Manchmal wird geliebt, um selbst geliebt zu werden – oder das “Haben” einer Beziehung ist im Grunde wichtiger als der Partner selbst. Man lebt nebeneinander her, vom Partner wird in erster Linie Anerkennung und Respekt erwartet sowie Toleranz f√ľr die mitunter weit in die Abende oder N√§chte dauernden beruflichen und Hobby-Aktivit√§ten.
In der Arbeitswelt und im Freundeskreis wirken Narzissten h√§ufig souver√§n, eloquent bis schillernd-charismatisch. Wesentliche Teile des betreffenden Verhaltens sind jedoch mehr oder weniger bewu√üte Selbstdarstellungen und Inszenierungen, und der Eindruck der Souver√§nit√§t und Sicherheit ist ein gewollter, ja gesuchter. Wird die eigene Grandiosit√§t √ľbersch√§tzt, kann dies schlimme Folgen haben: etwa wenn beim Einstellungsgespr√§ch ein guter Eindruck erzeugt wurde, sp√§ter aber durch tats√§chliche Inkompetenz Probleme f√ľr den Arbeitgeber entstehen. Das starke Streben vieler Narzissten nach Top-Positionen, Inszenierung und Aufmerksamkeit ist besonders dann problematisch, wenn diese Personen √ľber Macht und Einflu√ü verf√ľgen: aufgrund ihres Mangels an Empathie gehen sie gewisserma√üen “√ľber Leichen”, um ihre Ziele zu erreichen und untersch√§tzen (oder ignorieren) die Folgen ihres Handelns.

√úber den Weg einer Psychotherapie kann es Narzissten gelingen, ihre Lebenszufriedenheit signifikant zu erh√∂hen und zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und anderen zu finden – auch wenn bestimmte Grundz√ľge besonders ausgepr√§gter narzisstischer Pers√∂nlichkeiten nur schwer oder gar nicht ver√§nderbar sind.

Buchtipps:
Jean Liedloff, “Auf der Suche nach dem verlorenen Gl√ľck” – Gegen die Zerst√∂rung unserer Gl√ľcksf√§higkeit in der fr√ľhen Kindheit
Telfener / Liebl, “Hilfe, ich liebe einen Narzissten” – √úberlebensstrategien f√ľr alle Betroffenen
Wardetzki, B., “Eitle Liebe” – Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen k√∂nnen
Behary / Kierdorf / H√∂hr, “Der Feind an Ihrer Seite.” – Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern √ľberleben und wachsen k√∂nnen
Berschneider, W.: “Wenn Macht krank macht”Narzissmus in der Arbeitswelt
Bergmann, W.: “Ich bin der Gr√∂√üte und ganz allein” – Die innere Not unserer Kinder: Der neue Narzissmus unserer Kinder
Wardetzki, B.: “Weiblicher Narzi√ümus – Der Hunger nach Anerkennung

Jun 25

“Man f√ľhlt zwar keine physischen Schmerzen, trotzdem kann das Leid viel gr√∂√üer sein.” Dass Gewalt im Internet nicht weniger schlimm ist als reale, war eine der Kernaussagen von Carmel Vaismans Referat “Don‚Äôt Feed The Trolls. Countering The Discourse Patterns of Online Harassments”. Die israelische Kommunikationswissenschafterin sprach auf Einladung der Universit√§t Wien √ľber Mobbing, Beschimpfungen und Erniedrigungen als Ph√§nomen in Foren und Online-Medien und stellte ein¬† Stufenmodell virtuellen Fehlverhaltens vor.

Als mildeste Ebene bezeichnete sie das auf die Monty-Python-Wortsch√∂pfung “Spam” zur√ľckgehende Wiederholen informationsleerer bis -armer Inhalte. √úber Flaming ‚Äď polemische Kommentare, die immerhin noch einen Bezug zum Diskussionsthema haben ‚Äď f√ľhrt die Leiter zum bekannteren Trolling: Trolle sind Menschen, die Aufmerksamkeit erregen und Chaos stiften wollen, meist nicht argumentativ in Debatten eingreifen, sondern blo√ü einen K√∂der werfen, um Vertreter verschiedener Weltanschauungen gegeneinander aufzuhetzen.

Als weitaus schlimmere Grenz√ľbertretung wertet Vaisman Stalking. Wiederholte unerw√ľnschte Kontaktaufnahme kann wie auch offline als penetrantes Nachstellen empfunden werden: “Wenn es jemanden gibt, der Blogposts immer als erster kommentiert, in Facebook unter jedes Update zuerst auf ‘Like’ klickt und immer den ersten Retweet versendet, dann ist das zwar nicht verboten, f√ľr die Betroffenen aber h√∂chst unangenehm, weil sie st√§ndig das Gef√ľhl haben, jemand beobachtet in Echtzeit jeden Schritt, den sie virtuell setzen.” Auf der vorletzten Stufe platzierte Vaisman Cyberbullying ‚Äď die systematische Verleumdung einer Person oder Gruppe, die sogar schlimmer sein kann als ihr Pendant im Real Life: “Das Mobbing am Schulhof oder im B√ľro h√∂rt mit der Schlussglocke oder dem Feierabend auf, diverse Hassgruppen auf Facebook sind aber rund um die Uhr erreichbar und auch f√ľr jedermann au√üerhalb von Schule oder Arbeit einsehbar.”

Als Kapitalverbrechen im Internet bezeichnet Vaisman schlie√ülich die “virtuelle Vergewaltigung“. Der Begriff “Vergewaltigung” als Sch√§digung der Person sei laut der Sozialwissenschafterin durchaus auch hier angebracht, “denn wir leben nicht nur offline, sondern auch online und die Online-Pers√∂nlichkeit besteht nicht neben, sondern als Teil unserer Pers√∂nlichkeit. Wenn nun jemand ein gef√§lschtes Profil von jemandem erstellt oder das richtige hackt, dort Telefonnummern, rufsch√§digende Bilder oder wahre oder falsche Aussagen √ľber die sexuelle Ausrichtung oder Meinungen des Betroffenen ver√∂ffentlicht, dann ist das ein Missbrauch der Pers√∂nlichkeit, die tiefe Spuren hinterl√§sst. In letzter Zeit haben solche Aktionen nicht nur zu vermehrten Anzeigen, sondern sogar zu Selbstmorden gef√ľhrt.” Hier w√ľrde laut Vaisman am deutlichsten sichtbar, welch zweischneidiges Schwert die “Macht zu ver√∂ffentlichen” ist. W√§hrend fr√ľher Professionisten f√ľr die publizierten Inhalte einstehen mussten, habe es heute jeder Achtj√§hrige in der Hand, vor einer qualifizierten √Ėffentlichkeit eine Verleumdungskampagne gegen seinen Lehrer zu starten.

Warum aber gehen die Menschen in Kommentaren, Foren und Facebook derart grob miteinander um? Der erste Gedanke f√ľhrte Vaisman zur Annahme, dass die vermeintliche Anonymit√§t daf√ľr verantwortlich sein k√∂nnte. Doch in den letzten Jahren zeigte das Klarnamensystem auf Facebook, dass viele Menschen auch unter Angabe ihrer vollen Identit√§t vor Hassbekundungen nicht zur√ľckschrecken. Vaismans finale These fu√üt in einer technischen und gleichzeitig biologischen Begr√ľndung: der Mittelbarkeit des Mediums. Weil wir uns nicht pers√∂nlich gegen√ľberstehen, sondern alleine vor dem Computer sitzen, falle eine Barriere, die laut Vaisman auch bei Skype zu sp√ľren ist: Man sieht sich zwar von Angesicht zu Angesicht und kann Gestik und Mimik des Gegen√ľbers einsch√§tzen, trotzdem fehle online immer eine gewisse Authentizit√§t zur pers√∂nlichen Kommunikation. So w√ľrden manche User mit vollem Namen andere diffamieren, selbst wenn sie ihnen am n√§chsten Tag im B√ľro begegnen ‚Äď und sich dort nicht trauen w√ľrden, die Beleidigungen pers√∂nlich zu wiederholen. Dieser Graben w√ľrde laut Vaisman auch die Reaktionen auf die Absichten eines 19-J√§hrigen erkl√§ren, der 2008 √ľber ein bekanntes Streaming-Portal seinen Selbstmord ank√ľndigte und vor laufender Webcam vollzog: W√§hrend die meisten, wenn sie pers√∂nlich Zeuge eines Suizidversuchs w√§ren, die Polizei anrufen w√ľrden, sahen im Internet 1.500 Menschen zu, von denen nicht wenige den jungen Mann aufforderten, den Schlussstrich unter sein Leben zu setzen.

(Quelle: Der Standard v. 24.06.2011; Image src:PsychologyToday.com)

May 21
Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg

Jesse Eisenberg als ‘Mark Zuckerberg’

Wie immer einigerma√üen versp√§tet, was die aktuellen “hast-du-schon/warst-du-schon?”-Trends betrifft, kam ich k√ľrzlich dann doch endlich dazu, mir den Film “The Social Network” anzusehen, der bekanntlich die Entstehungsgeschichte von “Facebook” rund um seinen Entwickler Mark Zuckerberg darstellt. Zuckerberg wird im Film von Jesse Eisenberg als brillanter Harvard-Student dargestellt, der jedoch sozial ungeschickt und r√ľcksichtslos agiert und schlie√ülich, als Facebook rasant zu wachsen beginnt, von ehemaligen Freunden und Mitstudenten mit dem Vorwurf verklagt wird, er habe ihre Ideen gestohlen und sie um ihre rechtm√§√üigen Anteile betrogen. Sp√§ter werden auf Anraten der Anw√§lte Vergleiche geschlossen und dutzende Millionen Dollar an Abfindungen gezahlt –¬†dennoch ist Zuckerberg heute der weltweit j√ľngste Milliard√§r.

Auch wenn nat√ľrlich keinerlei Sicherheit dar√ľber besteht, ob die dargestellten Pers√∂nlichkeitscharakteristika Zuckerbergs und Situationen authentisch dargestellt wurden, beklemmt am Film doch die k√ľhle Atmosphere und scheinbare Emotionslosigkeit, die einige der Hauptdarsteller ausstrahlen. Wie in den meisten Hollywood-Filmen geht es auch in “The Social Network” um Freundschaft und Liebe – doch bereits w√§hrend der ersten Minuten sagt Zuckerberg’s Freundin Erica ihm im Zuge ihrer Trennung, dass er mit M√§dchen wohl immer Probleme haben werde … und zwar nicht, weil er ein “Sonderling” (was auch immer das bedeuten mag, es ist allerdings ein Begriff, der f√ľr “Aspies” h√§ufig verwendet wird), sondern weil er ein “Arschloch” sei. Sie bezieht sich dabei auf seine v√∂llige Au√üerachtlassung ihrer Gef√ľhle, als er Details aus ihrer Beziehung in seinem Blog ver√∂ffentlicht und andere Vorf√§lle.

Im Verlauf des Filmes kann man sich eines Gef√ľhls von Absurdit√§t nicht erwehren, wie komplex und dysfunktional die realen sozialen Netzwerke einiger der Akteure doch sind, und wie diese mit dem Anspruch der Software, Freundschaftsbeziehungen abzubilden und ultimativ zu verst√§rken, kontrastieren. Enge Bezugspersonen werden durch schroffe, kalte “Sager” verletzt und verst√∂rt, Freundschaften zerbrechen am Au√üerachtlassen jeglicher emotionaler Konsequenzen, wenn abstrakte Ideen oder gesch√§ftliche Ziele verfolgt werden. Der Hauptakteur Zuckerberg wird als hochintelligenter Computer-“Nerd” mit 1600 SAT-Scores dargestellt, welcher am laufenden Band selbst den ihm nahestehendsten Personen verbale und emotionale Ohrfeigen verabreicht.

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Der Film bietet viele Indizien darauf, dass die Hauptperson an einer St√∂rung aus dem Autismus-Spektrum (am ehesten wohl dem sog. Asperger-Syndrom) leidet. Dieser Eindruck wurde, wie man einschl√§gigen Websites entnehmen kann, √ľbrigens auch den √ľberwiegend meisten “Aspies” (Asperger-Syndrom-Betroffenen) geteilt. Aspies zeichnen sich h√§ufig durch hohes Talent, was spezifische F√§higkeiten betrifft, aus (meist sind sie in technischen oder k√ľnstlerischen Berufen t√§tig und dort auch sehr erfolgreich), jedoch auch durch Unbeholfenheit, ja an “Tollpatschigkeit” erinnernde fehlende soziale und emotionale Fertigkeiten.

Die Frage, die ich mir bereits beim Verfassen meines ersten Artikels zum Asperger-Syndrom (siehe Link) stellte, ist, inwieweit sich unsere moderne westliche Gesellschaft – entweder versacht durch die sog. “Neuen Medien” oder diese unsere sich ver√§ndernde Gesellschaft reflektierend und darstellend – nicht graduell dem autistischen Spektrum ann√§hert. Eine zunehmende Zahl von Menschen verf√ľgt √ľber hunderte, ja tausende Freunde auf “Facebook” oder “StudiVZ”, aber wie viele authentische Freundschaftsbeziehungen existieren im realen Leben? Auch wenn man sich virtuell manchen Menschen (oder besser: dem, was man hinter ihren “Nicks” vermutet) “nahe” f√ľhlen kann – wie w√ľrde es einem ergehen, wenn man diese im wirklichen Leben tr√§fe … und w√ľrde man dies √ľberhaupt anstreben? Unsere “Smartphones”, iPads und Blackberrys versprechen, die Distanz zu anderen Menschen abzubauen und Kommunikation “einfacher” zu gestalten – aber erh√∂hen sie in elementaren Bereichen menschlicher Beziehungen nicht die reale Distanz und machen hinsichtlich unserer realen sozialen Beziehungen bei zu h√§ufiger Nutzung “unbeholfener”? Wie wirkt sich unser modernes Kommunikationsverhalten unter Ber√ľcksichtigung der Erkenntnisse √ľber Neuroplastizit√§t auf unser Gehirn aus? Trainieren wir unseren pr√§frontalen Kortex auf Kosten jener Gehirnregionen, die unsere sozialen Beziehungen und emotionalen F√§higkeit steuern? Vielleicht ist es ja (auch) damit zu erkl√§ren, dass wir immer h√§ufiger von Kindern und Jugendlichen lesen, die scheinbar emotionslos anderen Mitsch√ľlern Gewalt antun oder diese mobben, oder dass Kontaktst√∂rungen neben Depressionen zur Gruppe zur am st√§rksten zunehmenden Gruppe psychischer St√∂rungen dieses Jahrhunderts geh√∂rt.

Lesetipps:

(Hinweis: einige Gedanken dieses Artikels wurden aus dem gleichnamigen Film-Review von Norman Holland aufgegriffen; Image src:psychologytoday.com)

Aug 12

Die Existenz sozialer Netzwerke entscheidet, wie wohl sich Schwangere f√ľhlen, wie Forscher der University of Michigan k√ľrzlich in der Zeitschrift “Journal of Cultural Diversity and Ethnic Minority Psychology” aufzeigten. Sie begleiteten 300 schwangere Frauen w√§hrend ihrer Schwangerschaft und untersuchten, was f√ľr ihr psychisches Wohlbefinden den Ausschlag gab.
Status, ethnische Zugeh√∂rigkeit und Reichtum sind demnach nicht wirklich die wichtigsten Faktoren. Auch einem Teil der benachteiligten Frauen ging es blendend – bei genauem Hinsehen allerdings zeigte sich, dass diese besonders aktive soziale Kontakte hatten. “Eingebundensein in ein enges soziales Netz ist wichtiger f√ľr das Wohlbefinden von Schwangeren als Ethnizit√§t oder Status”, fasst die Psychologin und Studienleiterin C. Abdou zusammen.

Die Frage, warum Menschen trotz widriger √∂konomischer, sozialer oder genetischer Umst√§nde gesund sind, wird in der Medizin immer wichtiger. Sie wird Salutogenese oder Resilenzforschung genannt. “Drei F√§higkeiten sind daf√ľr zentral”, berichtet Edith Wolber, Sprecherin des Deutschen Hebammenverbands e.V. “Menschen sind eher gesund, wenn sie sich selbst als Handelnde statt als Opfer erkennen. Zweitens ist es wichtig, das Geschehene intellektuell und emotional zu verstehen und richtig einzuordnen. Schlie√ülich hilft es zu wissen, dass es auch einen Sinn hat”, so die Expertin.

Die Schwangerschaft ist eine psychische Ausnahmesituation. Der K√∂rper ist im Umbruch und die Hormone ver√§ndern die Emotionen und auch die Begegnung mit anderen. Zudem w√§chst Leben im Bauch der Schwangeren heran. Das verunsichert, √§ngstigt und erfordert Austausch und besondere Betreuung. Diese boten fr√ľher automatisch die in der N√§he verf√ľgbare Mutter, Schwiegermutter, Freundinnen oder Nachbarn. Heute jedoch ziehen Frauen oft weit weg von zuhause. “Viel hat sich in Internet-Foren verlagert. Es braucht jedoch emotionale, k√∂rperliche und direkte Hilfe. Diese wurde professionalisiert – in Form der Hebammen.”

Nicht eindeutig gekl√§rt ist weiter, warum es manchen Schwangeren k√∂rperlich gut geht, anderen jedoch nicht. Wolber betont allerdings auch hier den Zusammenhang zur Psyche. “Kann eine Frau ihren Seelenschmerz nicht mit Worten ausdr√ľcken, so spricht der K√∂rper.” Das sei heute immer schwieriger. “Erstgeb√§rende sind heute 30 Jahre alt, haben schon gelernt ihr Leben zu managen und sich der [..] Arbeitswelt anzupassen. Diese sieht zwar, dass die Schwangerschaft keine Krankheit ist. Doch sie duldet sie aber auch nicht als Ausnahmesituation, in der Frauen eine Auszeit w√ľnschen.” K√∂rperliche Symptome und Krankenstand seien somit f√ľr viele ein notwendiger Fluchtweg in dieser Zerrissenheit.

(Quelle: Der Standard, 08/2010; Image source:ladycarehealth.com)

Jul 28

Einsamkeit ist nach einer neuen Studie etwa so sch√§dlich wie Rauchen oder Fettsucht. √Ąrzte und andere Gesundheitsexperten sollten daher im Zuge der Krankheitsdiagnostik das soziale Umfeld ebenso ernst nehmen wie Tabakkonsum, Ern√§hrung und Sport, wie Forscher aus einer Analyse von 148 Studien zum Sterberisiko schliessen, welche Daten von √ľber 300.000 Menschen vor allem in westlichen L√§ndern erfassten und die k√ľrzlich im Magazin “PLoS Medicine” ver√∂ffentlicht wurde. Dies sei deshalb als generelle Leitlinie zu empfehlen, da der Zusammenhang von sozialem Umfeld und Sterblichkeit altersunabh√§ngig sei.

Der Studie zufolge haben Menschen mit einem guten Freundes- und Bekanntenkreis eine um 50 Prozent h√∂here √úberlebenswahrscheinlichkeit als Menschen mit einem geringen sozialen Umfeld. Der Effekt sei in etwa so gro√ü wie der vom Rauchen, und er √ľbertreffe viele andere Risikofaktoren wie √úbergewicht oder Bewegungsmangel. Die Studie hatte die Menschen mit einem Durchschnittsalter von 64 Jahren im Schnitt √ľber 7,5 Jahre hinweg beobachtet. Der Effekt blieb bestehen, auch wenn man Alter, Geschlecht und sozialen Status ber√ľcksichtigte.

Den größten Effekt aller gemessenen Faktoren hatte die allgemeine soziale Integration, am wenigsten ausschlaggebend war, ob die Menschen allein oder mit anderen zusammen lebten.
Das soziale Umfeld habe Auswirkungen auf den Umgang mit der eigenen Gesundheit und auf psychologische Prozesse wie Stress und Depressionen, erl√§utern die Forscher. Einige Studien h√§tten gezeigt, dass Kontakte das Immunsystem st√§rken. Jede Art, das soziale Umfeld zu verbessern, werde sowohl die √úberlebensf√§higkeit als auch die Lebensqualit√§t verbessern, schlie√üen die Autoren. Gesundheitsvorsorge sollte daher auch das soziale Befinden betrachten, Mediziner sollten Sozialkontakte und Kliniken soziale Netzwerke f√ľr Patienten f√∂rdern.

“Mediziner, Gesundheitsexperten, Erzieher und die Medien nehmen Faktoren wie Rauchen, Ern√§hrung und Sport sehr ernst: Die hier pr√§sentierten Daten bieten ein stichhaltiges Argument, die sozialen Faktoren zu dieser Liste hinzuzuf√ľgen”, betonen die Autoren.

(Quelle: Holt-Lunstad J, Smith TB, Layton JB (2010) Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Med 7(7): e1000316. doi:10.1371/journal.pmed.1000316; Image src:ichwillleben.eu)

Dec 29

Eine sehr interessante Auflistung von Studien findet sich in einem Artikel [1] in Telepolis: in diesen wurde nachgewiesen, da√ü bestimmte psychologische Tendenzen oder pers√∂nliche Neigungen sich offenbar in den sozialen Netzen, in denen sie auftreten, im Laufe der Zeit verbreiten. Was in bestimmten F√§llen (Rauchentw√∂hnung, Spa√ü an bestimmten T√§tigkeiten, Lebenszufriedenheit und Gl√ľck) ein Segen sein kann, ist in anderen (Einsamkeit, E√üst√∂rungen, Kriminalit√§t, Depression) wohl ein Fluch… Erkl√§rbar ist diese Neigung wohl mit der enormen Wichtigkeit, die unser engeres soziales¬†Umfeld seit urgeschichtlichen Zeiten hatte. Einzelg√§nger hatten w√§hrend den Anf√§ngen der Menschheit keine Chance zu √ľberleben, jeder war gut beraten, sich mit dem eigenen “tribe” zu arrangieren und die eigenen sozialen Parameter mit jenen der anderen Gruppenmitglieder abzustimmen. Im Grunde ist dies auch heute noch wichtig – wenn es sich viele auch nicht eingestehen m√∂gen, wo doch der Individualismus (z.T. sogar auf Kosten anderer) das aktuelle gesellschaftliche Ideal in der westlichen Kultur darstellt. Die vorliegenden Studien zeigen, wie sehr wir de facto unbewu√üt mit unserem sozialen Umfeld verbunden sind und uns diesem anpassen.

In eine √§hnliche Kerbe schlagen auch zwei andere Artikel der Website: laut aktuellen Statistiken habe sich die H√§ufigkeit von St√∂rungen aus dem Autismus-Spektrum [2] (z.B. auch Asperger-Syndrom) und antisozialem Verhalten [3] w√§hrend der letzten Jahre signifikant erh√∂ht. Bereits 1% der 8-J√§hrigen (1 von 110 Kindern) soll autistisch sein, im Jahre 2007 war es noch 1 von 150 Kindern. Und in England, wo seit 1998 “antisoziales Verhalten” definiert und schlie√ülich die ber√ľchtigten “Anti-Social Behaviour Orders” (ASBO) erlassen wurden, ist mittlerweile angeblich jede Sekunde ein Brite “Opfer von antisozialem Verhalten”. Was nicht allzu verwunderlich ist, liest man in den entsprechenden Unterlagen, da√ü schon “teenagers hanging around on the streets” als antisozial einzustufen sind.
Der sprunghafte Zunahme derartiger Zahlen k√∂nnte ganz einfach darin liegen, dass √Ąrzte, P√§dadogen oder Richter Kinder h√§ufiger entsprechend einstufen:

“Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingef√ľhrt werden, w√§chst auch die Wahrnehmung daf√ľr. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, w√§chst die Angst, die zuvor m√∂glicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz √§hnlich ist das mit neuen St√∂rungen und Krankheitsbildern. Pl√∂tzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsst√∂rungen. Und keiner wei√ü wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.”

Quellen: [1], [2], [3]. Bildquelle: german.cri.cn

Jul 30

Wurden Menschen als Kinder gemobbt, haben sie in der fr√ľhen Jugend doppelt so h√§ufig mit psychotischen Symptomen zu k√§mpfen als diejenigen, die nicht gemobbt wurden. Das Risiko steigt dabei mit der Dauer und der Schwere des Mobbings, wie eine Langzeitstudie mit 6.437 Kindern an der Warwick Medical School in Coventry, England, ergab.

Sowohl Kinder als auch Erwachsene h√§tten “h√§ufig” psychoseartige Symptome oder Erlebnisse (z.B. visuelle oder auditive Halluzinationen bzw. Dissoziationen, die Wahnvorstellung, bespitzelt zu werden oder die √úberzeugung, ihre Gedanken an andere √ľbertragen zu k√∂nnen), ohne eine ausgewachsene psychische Erkrankung zu haben. Kleine Kinder, die diese Symptome h√§tten, erkrankten mit h√∂herer Wahrscheinlichkeit als junge Erwachsene an Schizophrenie und √§hnlichen psychischen St√∂rungen, erg√§nzen die Forscher, w√§hrend Traumata in der Kindheit ebenfalls mit dem Psychoserisiko im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht worden seien.

Fast 14 Prozent der Kinder hatten definitive oder vermutliche psychotische Symptome, auch wenn dies Symptome einschloss, die auftraten, wenn die Kinder einschliefen oder aufwachten, Fieber hatten oder unter dem Einfluss von Medikamenten standen; 11,5 Prozent zeigten intermedi√§re Symptome, das hei√üt sie hatten mindestens ein vermutliches oder definitives Symptom, das nicht im Zusammenhang mit Schlaf, Fieber oder Medikamenten auftrat; 5,6 Prozent hatten mindestens ein definitives Psychosesymptom. 46 Prozent dieser Kinder gaben an, im Alter von acht oder zehn Jahren schon einmal von Kameraden gemobbt worden zu sein – entweder durch direktes Mobbing oder durch “relationale” Viktimisierung, zum Beispiel ausgeschlossen zu werden -, w√§hrend 54 Prozent zu keinem der beiden Zeitpunkte viktimisiert worden waren. Kinder, die angaben, in einer der beiden Altersstufen gemobbt worden zu sein, hatten etwa mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit psychotische Symptome – unabh√§ngig von anderen psychischen Problemen, der Familiensituation oder dem IQ.

Wenn Kinder in beiden Altersstufen gemobbt wurden oder das Mobbing sehr schwerwiegend war (d.h., sowohl offen als auch relational), dann war ihr Risiko f√ľr psychotische Symptome um das 4,6-fache erh√∂ht. Auch wenn Kinder, die gemobbt werden, oft weniger durchsetzungsf√§hig und leichter mitgenommen seien als ihre Kameraden, welche nicht viktimisiert werden, schreiben die Forscher, deute die Tatsache, dass die Ergebnisse eine “Dosis-Response-Beziehung” zwischen Mobbing und psychotischen Symptomen zeigten, darauf hin, dass das Mobbing tats√§chlich dazu beitrage, psychotische Symptome bei diesen Kindern zu verursachen – und nicht umgekehrt.

Um psychische Erkrankungen und Psychosen fr√ľhzeitig entgegenzuwirken, w√§re es daher ein lohnendes Ziel f√ľr die √∂ffentliche F√ľrsorge, die Viktimisierung durch Kameraden und den daraus resultierenden Stress f√ľr die Opfer zu reduzieren.

(Quellen: Reuter’s Health Jul 2009,¬† Archives of General Psychiatry; 2009, 66: 527-536, MedAustria. Photo Credit: Words Hurt/Concerned Children Adv.)

ÔĽŅ25.06.19