Sep 14

Jeder von uns genie├čt es, zu spielen – ob es um Pferde-Wetten oder ein kleines Pokerspiel am Computer geht. Die meisten von uns haben damit auch keinerlei Problem, einige jedoch verlieren die Kontrolle: sie wetten beim Kartenspiel um hohe Summen oder verbringen Stunden in Casinos oder an Spielautomaten. Heute muss man nicht einmal mehr seine Wohnung verlassen, um zu spielen: das Internet erm├Âglicht es, ganze N├Ąchte spielend oder mit Online-Wetten zu verbringen, ohne dass jemand st├Ârende Fragen stellt. Tats├Ąchlich versuchen viele derartige Websites betreibende Firmen dazu zu verlocken, m├Âglichst lange online zu bleiben und dabei so viel Geld wie m├Âglich einzusetzen. Sobald man aber einmal an den ÔÇ×KickÔÇť des Spielens gew├Âhnt ist, f├Ąllt es schwer, der Verlockung zu widerstehen und wieder einzusteigen – und sei es nur, um ÔÇ×nur noch 1 Mal!ÔÇť zu versuchen, die dabei bereits entstandenen Verluste umzukehren…

Typische Anzeichen f├╝r Spielabh├Ąngigkeit sind:

  • sehr h├Ąufig an das Spiel zu denken
  • die H├Ąufigkeit des Spielens zu verschleiern
  • w├Ąhrend der Arbeit zu spielen
  • lieber mit dem Gl├╝cksspiel als der Familie Zeit zu verbringen
  • sich nach dem Spielen schlecht zu f├╝hlen – aber letztlich dennoch nicht damit aufzuh├Âren
  • mit Geld, das eigentlich anderen Zwecken dienen sollte, zu spielen, Freunde oder Familienmitglieder um Geld zu fragen oder das Gesetz zu brechen, um Geld zum Spielen aufzutreiben

Der Unterschied zwischen einem Gelegenheitsspieler und einem Spiel-Abh├Ąngigen ist, dass sich letzterer unruhig und gereizt f├╝hlt, wenn er nicht spielen kann: nur das Spiel kann diese Spannung aufl├Âsen. Versuche, das Spielen zu reduzieren oder auszusteigen, waren langfristig nicht erfolgreich. Letztendlich verliert der Spieler aber nicht nur Geld, sondern auch wertvolle Lebenszeit: die Lebensqualit├Ąt leidet, und mitunter entsteht massiver, langfristiger Schaden. Eine australische Studie zeigte k├╝rzlich, dass 17% der Menschen, die Suizidversuche unternahmen, Spielabh├Ąngige sind.

Die wirksamste Behandlungsmethode f├╝r Spielsucht stellt heute eine Kombination von Beratung, step-by-step-Programmen, Selbsthilfe und Austausch in der Gruppe dar, manchmal werden auch Medikamente verschrieben. Eine einzelne dieser Behandlungsmethoden allein ist jedoch zumeist nicht ausreichend, auch wurden bislang durch die US Food and Drug Administration (FDA) noch keine Medikamente als f├╝r die Behandlung von Spielsucht empfehlenswert eingestuft.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer w├Âchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befa├čt und in verschiedenen Medien Thailands ver├Âffentlicht wird, 2010; Image src:dailymail.co.uk)

Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth├Ąlt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst├Ârungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie├člich psychischer und Verhaltensst├Ârungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf├╝gen aber nicht nur ├╝ber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf├Ąhigkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f├╝r diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f├╝r neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw├╝rfe zur Ver├Âffentlichung freigegeben, die endg├╝ltigen Fassungen werden dann f├╝r beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl├Ąge f├╝r den neuen DSM-V ver├Âffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m├╝ssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ├╝berarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ├╝ber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f├╝r heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V├Ąter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da├č die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T├╝ren stattfinden, selbst ihm habe man einschl├Ągige Ausk├╝nfte verwehrt. Sein Nachfolger f├╝r das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au├čerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl├╝gelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit├Ąt, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro├če Bedeutung solcher Diagnosem├Âglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h├Ątten sich diese Erwartungen aber nicht erf├╝llt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl├Ąssig feststellen lie├čen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers├Ânlichkeitsz├╝ge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche ├änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit├Ąt der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f├╝nf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr├Ągt sind. Solcherart soll dem h├Ąufigen Umstand besser gerecht werden, da├č viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St├Ârung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k├Ânnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest├Ârt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k├Ânnte auch dazu f├╝hren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f├╝r eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f├╝r eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den ├ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l├Âst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar├╝ber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef├╝hrt, die ebenfalls f├╝r Diskussionsstoff sorgen d├╝rften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr├╝he Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k├Ânne zu einer verfr├╝hten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn├Âtigen Stigmatisierung f├╝hren, Bef├╝rworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr├╝her helfen zu k├Ânenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit├Ątsst├Ârung) ist f├╝r Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W├╝nschen Transsexueller d├╝rfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit├Ątsst├Ârung) geben.

Statt der bisher zw├Âlf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f├╝nf Pers├Ânlichkeitsst├Ârungen geben, n├Ąmlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St├Ârung. Damit w├╝rde auch das fr├╝her im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f├╝r Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef├╝hlsregulationsst├Ârung mit schlechter Stimmung” zu ├╝bersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef├╝hlsausbr├╝che und negativer Stimmungszust├Ąnde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k├╝nftig von den “St├Ârungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w├╝rde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f├╝r eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver├Ąnderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh├Ąngigkeit wurde vollst├Ąndig durch diejenige von St├Ârungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst├Ârung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh├Ąngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh├Ąngigkeit, sondern von substanzbezogenen St├Ârungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst├Ârungen f├Ąllt. Ein Pendant f├╝r Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m├Âchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen├╝gend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f├╝r viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k├Ânnte alternative L├Âsungsm├Âglichkeiten ins Abseits dr├Ąngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst├Ârungen d├╝rfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R├Ątsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel├Âst werden.” (tp)

(Quellen und Ausz├╝ge aus: tp, Science 02/2010)

Jan 20

Laut internen Statistiken der italienischen Gesellschaft zur Bek├Ąmpfung der Suchtkrankheiten (SIIPAC) ist im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der einkaufss├╝chtigen ItalienerInnen um zehn Prozent gewachsen und betrifft heute in Italien ca. 5% der erwachsenen Bev├Âlkerung.

85 Prozent der “Shopaholics” seien Frauen, doch in den vergangenen Jahren habe auch die Zahl der betroffenen M├Ąnner stark zugenommen. “An Shopping-Manie leiden normale Menschen, die meist zwischen 35 und 40 Jahren sind. Einige sind sogar zu illegalem Verhalten bereit, um sich das Geld zum Einkaufen neuer Dinge zu verschaffen”, so C. Guerreschi, Pr├Ąsident der Gesellschaft.

In einem Interview mit dem Magazin “Girl” hat Victoria Beckham offen ihr zwanghaftes Einkaufen zugegeben: “Zu Weihnachten habe ich zu viel ausgegeben. Konsum ist wie eine Droge. Je mehr man hat, desto mehr w├╝nscht man sich. Wenn ich in Mailand bin, kann ich der Versuchung nicht widerstehen. All diese Waren in den wundersch├Ânen Boutiquen rufen mir zu: ‘Kauf mich, bitte kauf mich”, erkl├Ąrte sie. Zur Entschuldigung meinte sie: “Shopping hilft der Wirtschaft in dieser Krisensituation.”

Beckham liegt offenbar im Trend, denn viele Betroffenen kaufen aus Frust, Mangel an sozialen Kontakten oder Depression ein. Nur selten werden die gekauften Kleider, elektronischen Artikel oder Accessoires wirklich ben├Âtigt, sondern bleiben meist ungenutzt in den Schr├Ąnken liegen. Ein Problem erkennen die meisten erst dann, wenn sie sich wegen ihrer Sucht verschulden.

Die “Shopping-Manie” wird in Italien wie auch die Spielsucht bereits als Krankheit behandelt. “Oft werden Patienten von ihren Angeh├Ârigen zu uns gebracht, nachdem sie die Familie finanziell an den Rand des Bankrotts getrieben haben”, so ein Psychologe der Organisation. “Die tiefe Ursache ist Depression, die zum Zwang f├╝hrt, mit Materiellem die innere Leere zu f├╝llen. Hinter der Sucht stehen auch Angst und Flucht vor der Verantwortung”, so der Psychologe.

(Bild: VLC/DailyMail.co.uk)

Nov 15

Wettb├╝ros finden sich in ‘bestimmten’ Bezirken mittlerweile in jedem Wohnblock. (Bild: initiative-bundesplatz.de

Laut Statistik der Spielsuchthilfe, der ├Ąltesten Spieler-Betreuungseinrichtung in ├ľsterreich, hat jeder dritte Spiels├╝chtige vor seinem 19. Geburtstag zu spielen begonnen, und die Zahl der Jugendlichen, die ihr Geld am Gl├╝ckspielautomaten verspielen, nimmt st├Ąndig zu. Bereits 15.700 Automaten stehen in ├ľsterreich, die als “Kleines Gl├╝cksspiel” vom staatlichen Gl├╝cksspielmonopol ausgenommen sind, in der Bundeshauptstadt rund 3.500 davon. In den traditionellen Einwandererbezirken der Hauptstadt sammeln die meisten Teenager besonders fr├╝h Erfahrung mit Gl├╝cksspiel.

Nicht besonders hilfreich bei der L├Âsung des Problems ist die enge Vernetzung der Politik mit dem Gl├╝cksspiel in ├ľsterreich: so finden sich auch prominente Ex-Politiker im Management der Firma Novomatic, und die Regierungen kassieren kr├Ąftig mit an der Verarmung spiels├╝chtiger B├╝rgerInnen: die Stadt Wien beispielsweise nimmt j├Ąhrlich rund 55 Millionen Euro an Steuereinnahmen aus dem kleinen Gl├╝cksspiel ein.

Nur in Wien, Nieder├Âsterreich, der Steiermark und K├Ąrnten ist das “Kleine Gl├╝cksspiel” derzeit erlaubt. Die Bundesregierung arbeitet seit mehr als einem Jahr an einer Gesetzesnovelle, die es auch in den ├╝brigen Bundesl├Ąndern legal machen w├╝rde.

Blog-Begriffswolke:
´╗┐10.06.18