Jan 31
Luftverschmutzung und Wasserverschmutzung als Grund fĂŒr Depression?

Luftverschmutzung und Wasserverschmutzung als Grund fĂŒr Depression?

Einer Ende 2019 erschienenen Studie von Khan/Plana-Ripoll/Antonsen/Brandt et.al. zufolge welche im wissenschaftlichen Journal PLOS publiziert wurde, ist Umweltverschmutzung – konkret schlechte Luft- und WasserqualitĂ€t – mit einem erhöhten Auftreten von Depression und bipolaren Störungen “signifikant assoziiert”. Damit wird die Annahme in den Raum gestellt, dass Umweltverschmutzung zu spezifischen pychischen Störungen fĂŒhren kann.

Die Studie wurde mit großen Datensets durchgefĂŒhrt: die Erkrankungsdaten von 151 Millionen Einwohnern auf der Basis von VersicherungsansprĂŒchen in den USA, und von 1,5 Millionen Einwohnern aus dem DĂ€nischen Patientenregister wurden herangezogen. Die Umweltverschmutzung wurde anhand der Environmental Protection Agency (EPA) environmental quality indices (EQIs) der US-Bundesstaaten und den individuellen Werten der Luftverschmutzung in DĂ€nemark bemessen.

Als mögliche GrĂŒnde fĂŒr die Korrelation (und vermuteten ZusammenhĂ€nge) wurden Neologismen und/oder noch wenig erforschte PhĂ€nomene wie “neuroinflammation”, “ExcitotoxizitĂ€t” oder “oxidativer Stress” herangezogen. Aus wissenschaftlicher Sicht stellt dies insofern ein Problem dar, als dadurch die ZusammenhĂ€nge nicht direkt und kausalistisch ĂŒberprĂŒft werden können, sondern zwischen einer Mutmaßung und sichtbaren VerĂ€nderungen VorgĂ€nge in einer “black box” bemĂŒht werden mĂŒssen, um eine bestimmte theoretische Annahme zu argumentieren. In gewisser Weise Ă€hnelt dieser Ansatz der Grundhaltung: “In der Hand von Uri Geller, welcher möglicherweise ĂŒber telekinetische KrĂ€fte verfĂŒgt, verbog sich ohne sichtbare Krafteinwirkung eine Gabel” -> durch mir bekannte Möglichkeiten nicht zu erklĂ€ren -> ist dann vermutlich “Telekinese”. Zudem existieren auch in der Wissenschaft immer wieder Trends – mitunter bedingt durch Fortschritte in gewissen Bereichen, die dann neue Sichtweisen eröffnen, hĂ€ufig sind diese Trends aber auch durch gesellschaftliche Trends beeinflußt: war es frĂŒher die Genetik, so sind derzeit gender-bezogene Schwerpunkte und Umweltverschmutzung /KlimaverĂ€nderung sehr ‘en vogue’ in der Forschung, und sie erhalten hĂ€ufig auch eher Forschungsgeld zugesprochen als andere.

Wie sonst aber ließen sich die gefundenen Korrelationen erklĂ€ren?

“Fooled by randomness”, so könnte man die Studienergebnisse ebensogut interpretieren. Als mögliche ErklĂ€rung der Korrelation wĂ€re die Hypothese, dass die Korrelation zwischen psychischen Erkrankungen und der LuftqualitĂ€t durch soziodemographische Faktoren besteht, aus meiner bescheidenen Sicht wesentlich besser argumentierbar als in seiner Auswirkung auf die Psyche (!) in keiner Weise nĂ€her erklĂ€rter “oxidativer Stress”. So könnte man beispielsweise davon ausgehen, dass es eher das Leben in einer Industrieregion und die damit verbundene wirtschaftliche und allgemeine emotionale Situation der Einwohner es ist, die diese depressiv macht, als die QualitĂ€t der Luft. Ja man könnte noch weitergehen und vermuten, dass es sich sowohl bei den psychischen Erkrankungen, als auch bei der LuftqualitĂ€t um Symptome Ă€hnlicher Ursachen handelt…

Ich möchte mit diesem kurzen Impulsartikel wohlgemerkt keineswegs ausschließen, dass die hergestellten ZusammenhĂ€nge korrekt sind, oder sich eine bessere LuftqualitĂ€t nicht auch auf die allgemeine Befindlichkeit auswirken kann – selbstverstĂ€ndlich tut sie das. Sehr vorsichtig allerdings sollte man damit sein, vorschnell ZusammenhĂ€nge herzustellen, wo nicht unbedingt welche bestehen mĂŒssen – womöglich sogar, um plakative Medieneffekte zu erzielen, weitere Forschungsgelder zu lukrieren oder “Ergebnisse” prĂ€sentieren zu können, fĂŒr die wenig substanzielle Evidenz vorliegt.

Sep 21

Studien, die behaupten, dass Videospiele eine positive Wirkung auf kognitive Funktionen haben, sind interessant – aber in der Regel methodisch sehr mangelhaft, wie dieser Woche im Journal ‘Frontiers in Cognition’ veröffentlicht wurde

Zahlreiche Studien, die wĂ€hrend der letzten zehn Jahre veröffentlicht wurden, wollen herausgefunden haben, dass das regelmĂ€ĂŸige Spielen ‘schneller’ Videospiele wie “Medal of Honor” oder “Grand Theft Auto“, welche schnelle Reaktionen erfordern, “Transfer-Effekte” haben, ĂŒber die andere kognitive Funktionen, welche visuelle Aufmerksamkeit erfordern, verbessert werden können. Die betreffenden Ergebnisse wurden massiv im Marketing der Softwarefirmen eingesetzt und fĂŒhrten sogar zur staatlich finanzierten Entwicklung einschlĂ€giger Spiele, etwa fĂŒr das US-MilitĂ€r. Einige dieser Studien wurden hĂ€ufig zitiert und weithin bekannt: so wurde die durch die Wissenschaftler D. Bavelier und S. Green von der University of Rochester in New York veröffentlichte Studie aus dem Jahre 2003 mehr als 650 Mal zitiert und von vielen Medien hĂ€ufig als Quasi-Beweis fĂŒr die getroffene These ins Treffen gefĂŒhrt.



Doch viele dieser Studien – so die Autoren einer Kontrollstudie – enthalten grundlegende methodische MĂ€ngel und entsprechen nicht den Goldstandards ordnungsgemĂ€ĂŸ durchgefĂŒhrter klinischer Studien. Im Review wurden schwerpunktmĂ€ĂŸig alle einschlĂ€gigen Studien der letzten Jahre erfasst, namentlich solche, welche die Auswirkungen der aktuellen, modernen Action-Spiele auf Personen im College-Alter haben.  Die MĂ€ngel all dieser Studien beginnen den Autoren zufolge schon beim Studiendesign: es wĂ€re allen Teilnehmern klar gewesen, an welcher Art von Studie sie teilnahmen und den “professionellen” Spielern wĂ€re z.T. ein Sonderstatus zugekommen, der sie dazu motiviert haben könnte, besonders konzentriert und “reprĂ€sentativ” fĂŒr ihre Position zu spielen. Davon, dass auch die Untersucher wußten, wer zu welcher Gruppe gehörte, wurde vermutlich das Verhalten der Teilnehmer und damit wohl auch die Ergebnisse der Untersuchungen beeinflußt. Auch andere Faktoren, wie etwa ein mitunter strukturell Ă€hnlicher Aufbau der kognitiven Testuntersuchung mit jenem der Spiele könnte die Ergebnisse zugunsten der Ausgangsthese verfĂ€lscht haben. Nebst einigen anderen Faktoren wĂ€re es wissenschaftlich auch höchst problematisch, wenn Teilergebnisse aus Untersuchungen in mehreren Arbeiten (von einigen Autoren in bis zu 10 davon) veröffentlicht werden, was es schwer macht, die Ergebnisse voneinander abzugrenzen, und sei es nur hinsichtlich qualitativer MaßstĂ€be, die an die Methodik der Untersuchung angelegt werden.

Die Autoren der Kontrollstudie weisen darauf hin, dass die StudienmĂ€ngel nicht unbedingt bedeuten, dass die behaupteten Effekte nicht eintreten könnten – aus wissenschaftlicher Sicht jedoch mĂŒsse eine solche Behauptung mit korrekter Methodik nachgewiesen und moderne Untersuchungsdesigns eingehalten werden, etwa hinsichtlich auch einer BerĂŒcksichtigung genderspezifischer Aspekte. Auch die Methodik der Auswahl und Behandlung der ProbandInnen solle vollstĂ€ndig dokumentiert werden. Am Ende der Kontrollstudie werden Studienkriterien beschrieben, die zukĂŒnftige einschlĂ€gige Untersuchungen im Sinne verlĂ€ĂŸlicherer Ergebnisse berĂŒcksichtigen sollten.

(Quellen: Nature 09/2011, doi:10.1038/news.2011.543; Boot, W. R., Blakely, D. P. & Simons in: Frontiers in Cognition. 2, 226 (2011); Image src:nature.com)

ï»ż12.08.20