Jan 16
Hellinger bei Aufstellung

Hellinger bei Aufstellung*

Zuf├Ąllig bin ich k├╝rzlich auf Videos gesto├čen, die Sequenzen aus einem sog. “Aufstellungs-Seminar” von Bert Hellinger und seiner Frau zeigen, das diese in Russland durchf├╝hrten (soweit mir bekannt, im Jahre 2009). Im folgenden Abschnitt arbeitet Frau Hellinger mit einer Mutter und ihrer Tochter:

Was man hier sieht, entspricht allerdings in keiner Weise dem heute ├╝blichen (psycho-)therapeutischen Handeln. Selbst in direktiven und provokativen Therapieans├Ątzen respektieren Psychotherapeuten die Grenzen ihrer KlientInnen und versuchen einf├╝hlend herauszuh├Âren, was diese ben├Âtigen! Sie passen ihr eigenes Handeln wie auch die Methodik ihres Vorgehens den Bed├╝rfnissen jener Menschen an, die in aller Regel seelisch verletzt sind und eine sichere Atmosph├Ąre ben├Âtigen. Was hier passiert, ist aber, wie unschwer zu erkennen ist, wiederholt und z.T. massiv grenz├╝berschreitend – und man fragt sich unweigerlich, wof├╝r das, das Hellinger insistierend von den Frauen fordert, denn eigentlich genau gut sein soll. Es ist schmerzvoll, mitanzusehen, wie sich beide innerlich winden, und was danach kommt und dann von Herrn und Frau Hellinger zu h├Âren ist, macht mich regelrecht fassungslos.
Die rigoros eingeforderte Unterwerfung einer (von Hellinger axiomatisch vorgegebenen) Hierarchie gegen├╝ber wird dann noch weiter auf die Spitze getrieben, als er nicht einmal w├Ąhrend der Nachbesprechung duldet, dass in der angespannten Atmosph├Ąre eine Frau mit ihrer Sitznachbarin zu tuscheln beginnt – statt vielleicht zu fragen, ob sie eine Frage oder etwas beizutragen hat, verweist er sie sogleich des Raumes und subsumiert danach l├Ąchelnd: “Jetzt sieht sie, wer hier der Gro├če ist.”
In der systemischen Therapie sagen wir ja sogar: “Der Klient ist der ‘Chef’!” Wir unterstellen also, da├č unsere KlientInnen in aller Regel sehr gut sp├╝ren, wo ihre Grenzen liegen, es braucht also kein “Pushen” des Therapeuten, um Verbesserungen zu erzielen. Somit ist es doppelt schwer auszuhalten, dass Hellinger’s “Familienstellen” dennoch h├Ąufig mit “Systemischen Strukturaufstellungen” verwechselt wird. Dieser Blog-Beitrag soll mit bei der Aufkl├Ąrung dar├╝ber helfen, dass trotz der ├Ąhnlich klingenden Begriffe beide Ans├Ątze keineswegs dasselbe “beinhalten”.

Der zweite Ausschnitt schl├Ągt in eine Kerbe, die leider ebenfalls zu Hellinger und seinem Weltbild geh├Ârt: jene, die Mitgef├╝hl mit den Opfern von Auschwitz und Wut den T├Ątern gegen├╝ber empfinden, selbst als T├Ąter, und Auschwitz als “g├Âttlichen Ort, heiligen Platz” zu bezeichnen, d├╝rfte sich f├╝r die meisten jener, die w├Ąhrend des 2. Weltkriegs Familienmitglieder verloren haben, wohl wie ein Schlag ins Gesicht anf├╝hlen. Terror, Genozid und andere grausame Verbrechen, die Menschen einander antun, sind also von einer sog. “h├Âheren Ebene” aus betrachtet gerechtfertigt, da sie Frieden und Entwicklung zur Folge haben? Friede und Entwicklung folgen vielleicht einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegen, vielleicht kann eine gewisse Form von “Reifung” Gewalttaten folgen – aber stehen sie deshalb auch in kausalem Zusammenhang? Warum sollte man sich ├╝berhaupt mit Verhandlungen oder sonstigen Anstrengungen, L├Âsungen und Verbesserungen auf konstruktive Art zu erreichen aufhalten, wenn man damit die eigentliche L├Âsung, n├Ąmlich “Frieden durch Krieg” (und zahllose Tote und Verletzte) ja nur aufhielte? Selbst wenn man einen rein entwicklungshistorischen Standpunkt einnimmt, sind diese ├äu├čerungen Hellingers (die immerhin die Grundlage seines Tuns mitdefinieren) in all ihren Konsequenzen an K├Ąlte wohl nur schwer zu untertreffen – haben aber nichts mit einer am Menschen, seiner Gesundheit und einer auch an einem gesunden sozialen Miteinander orientierten Psychotherapie zu tun. Diese n├Ąmlich ist h├Ąufig genug mit den Folgen von Kriegen und Gewalt (und sei es “nur” psychischer Gewalt) konfrontiert und dann in aller Regel bem├╝ht, die betroffenen Menschen dort in ihrem Schmerz und ihren erlittenen Verletzungen abzuholen, wo sie sind und eine neue Perspektive zu entwickeln – statt ihnen zu suggerieren, es h├Ątte wohl so sein m├╝ssen, und die “Rangordnungen” w├Ąren nun einmal ebenso wie die damit verbundenen Folgen “anzunehmen”.

Ich hatte von Bert Hellinger schon seit l├Ąngerer Zeit nichts mehr geh├Ârt, und war doch ein wenig erstaunt, da├č er nun auch in anderen L├Ąndern aktiv ist – zu alldem auch in einem davon, in dem Obrigkeitsh├Ârigkeit in weiten Teilen der Bev├Âlkerung auch heute noch tief verwurzelt ist. Ich bezweifle, dass seine in diesem Seminar get├Ątigten Aussagen im heutigen Deutschland protestlos hingenommen worden w├Ąren. Selbst mu├čte ich den Abspielvorgang ├Âfters unterbrechen, weil mir beim Zusehen das Herz weh tat und ich erst mal wieder meine Gedanken sortieren mu├čte. Lange habe ich ├╝berlegt, ob ich diesen Videos hier ├╝berhaupt eine “Plattform” geben oder sie nicht nur im KollegInnenkreis teilen sollte, aber immerhin dienen weite Teile meiner Website der Aufkl├Ąrung und dem Bem├╝hen, die konstruktiven und hilfreichen Aspekte humanistisch orientierter und professionell ausge├╝bter Psychotherapie zu vermitteln. Ein Beispiel f├╝r etwas zu bringen, das therapeutischen Anspruch zwar erhebt, dabei aber Menschen verletzt (ja z.T. retraumatisieren kann) und von oben herab belehrt statt “mit den Menschen” zu gehen und ihnen zuzuh├Âren, kann im Sinne eines Kontrasts hoffentlich ebenfalls Orientierungshilfe bieten.

Zuletzt m├Âchte ich gerade angesichts des von Hellinger f├╝r seine Methode verwendeten Begriffs der “Aufstellungen” darauf hinweisen, da├č Systemaufstellungen – professionell durchgef├╝hrt und begleitet – auch v├Âllig ohne direktive Eingriffe und “Belehrungen” a’la Hellinger – starke und positive Wirkungen haben k├Ânnen. Sie sind methodisch eine Weiterentwicklung der sog. Skulpturarbeit, und wurden auch ihrerseits bis heute stetig weiterentwickelt. Nicht nur in Bezug auf Einzelpersonen, Familien und Gruppen werden sie bew├Ąhrt eingesetzt, sondern auch in Firmen, sozialen Einrichtungen, im Rahmen von Supervision, Coaching und Beratung sowie im Zuge der Einzeltherapie (z.B. mittels des sog. “Familienbretts”) sind sie anwendbar. Einen ├ťberblick k├Ânnen Sie sich in meinem einschl├Ągigen Info-Artikel (siehe untenstehender Link) verschaffen. Um nicht nur zu vermitteln, wie es nicht ablaufen sollte, finden Sie hier eine Vorstellung an verf├╝gbaren, fachlich anerkannten und in ihrer Wirksamkeit nahezu durchwegs gut beforschten Therapiemethoden.

Weiterf├╝hrende Informationen:

Bild: martinbuchholz.com

May 10

Depression ist ein inflation├Ąrer Begriff und viel zu ungenau, um ein Krankheitsbild mit all seinen Facetten zu begreifen. Denn depressiv muss nicht nur Niedergeschlagenheit bedeuten, sondern kann auch mit Aggression verbunden sein. Um eine umfassende Darstellung, die auch f├╝r Laien nachvollziehbar ist, ging es den Psychotherapeuten des Instituts f├╝r Systemische Therapie, die eine sehr ungew├Âhnliche DVD produziert haben. Eine Handpuppe, Morton Mies, verk├Ârpert die Depression, und erkl├Ąrt im Gespr├Ąch mit einer Therapeutin, mit welchen Strategien sie Menschen erobert. Zu Beginn wirkt dieser Zugang zwar leicht k├╝nstlich, doch wer sich auf diese Methodik einl├Ąsst, erf├Ąhrt nicht nur viele typische Verhaltensmuster, sondern lernt auch, wie sich die Erkrankung in den Griff bekommen l├Ąsst. Externalisieren, nennen die systemischen Therapeuten diese Methode, die ein Problem vom individuellen Einzelfall trennt und durch diese Art der Abstraktion neue Einblicke erm├Âglicht. L├Âsungsorientiertheit ist eines der Merkmale dieser Methode: Wenn die Therapeutin im Film die arrogante Handpuppe im existenzialistisch-intellektuellen Outfit dialogisch in die Knie zwingt, dann erzeugt das beim Zuseher auch eine Art Hochgef├╝hl.

Nur wer Kranke versteht, hat die M├Âglichkeit zu helfen – und angesichts des hohen Prozentsatzes jener, die im Laufe ihres Lebens an Depressionen erkranken , kann die DVD vielleicht ein erster Ansto├č sein, sich professionelle Hilfe im “realen” Leben zu suchen. [Link zur DVD]

Zum Weiterlesen:
Info-Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
Info-Artikel “Systemische Therapie
Literatur zum St├Ârungsbild “Depression”

(Artikel-Quelle: Der Standard v. 09.05.2011)

Nov 04

Oder: Die Finanzkrise als Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen

Was hat die aktuelle Finanzkrise mit Psychotherapie zu tun?

Jeder von uns wird sp├Ątestens mit seiner Geburt in bestimmte Denkschemata hineingeboren. Ganz automatisch – durch den Fokus unserer Aufmerksamkeit und im Bed├╝rfnis, uns in unserer Umwelt m├Âglichst rasch zurechtzufinden und unsere Grundstrukturen ihr gegen├╝ber kompatibel zu gestalten – integrieren wir weitgehend unbewu├čt ihre Denkmuster, Gewohnheiten und Grund├╝berzeugungen in unser eigenes Denksystem. Dies beginnt mit so einfachen Dingen wie gewissen Redewendungen (wer von uns hat sich nicht bereits mehrmals dabei ertappt, genauso wie der eigene Vater/die eigene Mutter zu fluchen, am Telefon zu gr├╝├čen oder ein ├Ąhnliches Gemisch an Hochsprache und Dialekt zu verwenden?), betrifft aber auch “Familientraditionen” verschiedenster Art und im Herkunftssystem zu findenden Probleml├Âsungsstrategien bis hin zu Ansichten ├╝ber die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben. Wir alle sind aber nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern auch unserer Zeit – so, wie beispielsweise noch vor 50 Jahren im Westen allgemeiner Konsens war, dass “gute” Frauen das traute Heim zu versorgen h├Ątten, ist dieser Konsens heute, da├č zu ihrer Selbstverwirklichung berufliche Karriere geh├Ârt. War fr├╝her beziehungsm├Ą├čige Stabilit├Ąt das Paradigma, nach dem das Ehegl├╝ck bemessen wurde, wird heute der Vorrang individuellem Gl├╝ck gegeben – nur, wenn’s f├╝r beide allein passt, allein dann passt es f├╝r beide.

Es ist schwierig festzumachen, “wer” im Detail derartige belief systems festlegt: sind es “die Medien”, ist es das “kollektive Unbewu├čte” (C. G. Jung), das uns vorantreibt (“voran”? Stellt eigentlich die Ver├Ąnderung von Grund├╝berzeugungen immer auch auch eine H├Âherentwicklung dar, oder sind auch R├╝ckschritte m├Âglich?), oder sind es ausschlie├člich gewisse Individuen, VordenkerInnen oder Revolution├Ąre, die der Gesellschaft jene Impulse verleihen, die sie zur ├ťberwindung der bisherigen Denkmauern verlocken?

(Photo src: libcom.org)

Zur├╝ck zum Thema: die sog. “Finanzkrise“. Ein weiteres Paradigma, das f├╝r die meisten braven Staatsb├╝rger w├Ąhrend der vergangenen Jahrzehnte v├Âllig au├čer Zweifel stand, war, da├č wir unser ganzes Gl├╝ck im Grunde der Wirtschaft zu verdanken haben, und diese daher am besten sich selbst ├╝berlassen bliebe, w├Ąhrend der Staat sich m├Âglichst zur├╝ckzuziehen habe, um sie (und damit uns selbst) m├Âglichst nicht an ihrem Gedeihen und Erbl├╝hen zu hindern.
Das Sch├Âne an der Finanzkrise war ja aus meiner Sicht eigentlich, da├č jeder von uns innerhalb nur weniger Wochen mit eigenen Augen und Ohren Zeuge von einem der m├Ąchtigsten Paradigmenwechsel werden konnte, die w├Ąhrend den letzten Dekaden zu erleben waren: eine einmalige Chance – warum also nicht auch etwas f├╝r sich selbst dabei lernen: wenn sich n├Ąmlich das, was die ├╝berwiegende Mehrheit der Menschheit f├╝r wahr und unzweifelhaft hielt, innerhalb nur weniger Wochen nahezu ins Gegenteil verkehren konnte (nun ist bekanntlich der Staat gefordert, die Wirtschaft zu st├╝tzen; nicht mehr allein der Bankensektor, sondern auch andere Wirtschaftszweige beginnen nun, Unterst├╝tzung und staatliche Regulierung einzufordern), welche ├ťberraschungen warten dann wom├Âglich noch auf uns? Auf welchen mentalen Einbahnstra├čen sind wir sonst noch unterwegs – wir als Gesellschaft, aber auch ganz pers├Ânlich, in unserem eigenen Umfeld sowie unser ureigenstes Leben betreffend? Welche Denkmauern k├Ânnten wir noch einrei├čen, k├Ânnten wir sie nur erkennen, nach all den Jahrzehnten, in denen wir bereits in ihnen lebten, ohne es ├╝berhaupt zu bemerken?

Es kann ein spannender Versuch sein, seine eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungen, all die Regeln und Verhaltensleitlinien, die wir uns irgendwann – ohne, da├č wir es bewu├čt wahrnahmen -, und damit unsere Wahrnehmung der sogenannten “Wirklichkeit” einmal massiv zu hinterfragen. Wenn ich X tue, warum tue ich es eigentlich so und nicht anders? Wenn ich ├╝ber X so:Y denke, warum eigentlich .. und warum kam ich nicht zu der Ansicht, die mein(e) Partner(in), mein Nachbar, mein ungeliebter Kollege auf so ├╝berzeugte Weise vertritt? Wenn ich mich andererseits aber in Teilbereichen meiner Pers├Ânlichkeit unsicher f├╝hle: was hemmt mich da eigentlich, und k├Ânnte es nicht sein, da├č das, was mich anderen gegen├╝ber bremst, sich in einer anderen Situation als meine St├Ąrke entpuppen k├Ânnte?

Wir leben in einer spannenden Zeit. Aber das behauptete man ja immer schon. ­čśë

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Zum Weiterlesen:
Systemische Psychotherapie
Wirklichkeit
Literatur zum Weiterlesen

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´╗┐10.06.18