Nov 11

Auf der russischen Raumstation Saljut 7 trat der erste dokumentierte Fall von sog. “Raumkoller” auf: 1985 mu├čte dort ein Auftrag abgebrochen werden, da sich zwei Astronauten ohne besondere Gr├╝nde derart zerstritten, dass ihre Arbeit darunter litt und schlie├člich der Kommandant kein Interesse mehr an seinen Aufgaben zeige und nur noch stundenlang in den Weltraum starrte.
Um f├╝r kommende Unternehmungen wie z.B. den bemannten Flug zum Mars gewappnet zu sein, l├Ąsst die NASA deshalb im Rahmen des 1,74-Millionen-Dollar-Projekts Virtual Space Station unter Leitung des Harvard-Psychologen James Cartreine einen virtuellen Therapeuten entwickeln, der den Astronauten bei psychischen Problemen beiseite stehen soll. Dies ist deshalb n├Âtig, weil die langen Latenzzeiten bei Funkverbindungen zur Erde von bis zu 40 Minuten ein therapeutisches Gespr├Ąch massiv erschweren w├╝rden.

Kern des Programms sind Bild- und Tonaufnahmen des menschlichen Therapeuten Mark Hegel, welcher die Astronauten durch eine probleml├Âsungsorientierte Depressionstherapie f├╝hren soll.

Mit seinem virtuellen Abbild werden erst Gr├╝nde f├╝r die Depression identifiziert und anschlie├čend anhand der Informationen, die der Astronaut auf Anfrage eingibt, L├Âsungsvorschl├Ąge gemacht. Durch interaktive Rollenspiele sollen die Astronauten au├čerdem neue Strategien zur Konfliktbew├Ąltigung lernen k├Ânnen. Dar├╝ber hinaus steht ihnen im Rahmen des Programms auch psychologische Fachliteratur zur Verf├╝gung.

[..] Je nach Verlauf der aktuellen Tests des Programms k├Ânnte es sich auch als n├╝tzlich f├╝r den Einsatz auf der Erde erweisen, indem es beispielsweise Therapiestunden f├╝r immobile ├Ąltere Menschen auf dem Land bereitstellt, an deren Wohnorten es kein Breitband-Internet gibt. Auch k├Ânnten mit der Software Menschen erreicht werden, die zwar Behandlungsbedarf haben, denen aber der Besuch eines Therapeuten zu peinlich, zu teuer oder zu umst├Ąndlich ist.

Um solche Hemmschwellen zu senken, wurde auch bei der Konzeption des Programms einiges unternommen: Es soll im Weltraum auf einem Laptop laufen, der nur einem einzigen Astronauten in relativer Abgeschiedenheit zur Verf├╝gung steht. Auch bei der Begriffswahl wurde darauf geachtet, dass m├Âglichst kein Raumfahrer von einer Inanspruchnahme abgeschreckt wird: Aus “Problemen” wurden so “Herausforderungen” und “Pannen”, die wie mechanische St├Ârungen behoben werden k├Ânnen.

(Quelle: Telepolis)

Kommentar R.L.Fellner:

Bei derartigen Berichten denken wir sofort an das 1966 ver├Âffentlichte Programm “Eliza” des heuer verstorbenen Computerwissenschaftlers Joseph Weizenbaum (und Star Trek-Fans wohl an den virtuellen Raumschiff-“Hausarzt” Lewis Zimmerman). Die bei den meisten Psychotherapie-Methoden neutrale und eher zur├╝ckhaltende sprachliche Kommunikationsebene l├Ą├čt sich ja im Grunde verh├Ąltnism├Ą├čig einfach nachprogrammieren, und “Eliza” verzeichnete recht erstaunliche Erfolge. Ob derartige Konzepte auch f├╝r die Alltagsanwendung taugen, sei dahingestellt – vielleicht ist die Punzierung des Programms als “Stimmungs-Reparaturmaschine” ja sogar die einzige Chance, da├č sie die Raumfahrer nicht gleich bei der ersten Gelegenheit in den Raumm├╝ll bef├Ârdern – sobald sie n├Ąmlich ├╝ber kurz oder lang den Anspruch stellen w├╝rden, von einem “menschlich” reagierenden Programm auch menschliche Reaktionen zu erwarten. Mit herk├Âmmlicher Therapie noch am ehesten vergleichbare Erfolge erzielte n├Ąmlich auch “Eliza” nur dann, wenn die betr. Klienten nicht wu├čten, dass es sich beim Antwortenden um ein Computerprogramm handelte.

´╗┐21.03.20