Dec 07
Photo: Reset.me

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Die Nahrungs- und Arzneimittel-Behörde FDA in den USA könnte bis zum Jahr 2021 die chemische Substanz MDMA als Arzneimittel zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen legalisieren, wenn der Nachweis positiver Wirkungen unter kontrollierter Dosierung in Kombination mit Psychotherapie gelingt.

Die FDA hat damit gr√ľnes Licht f√ľr die sog. “Phase 3” der Versuche mit MDMA gegeben, die abschlie√üende Phase der Validierung, die erforderlich ist, um der Partydroge den Status einer im staatlichen Gesundheitssystem anerkannten Arzneimittels zu verleihen.

Die Behandlung beinhaltet die insgesamt 3-malige Verabreichung der Droge (1x pro Monat) erg√§nzt durch w√∂chentliche Psychotherapie-Sitzungen. Fr√ľhere Studien rund um die Substanz, welche derzeit von der DEA (Drug Enforcement Administration) gemeinsam mit Heroin und LSD in der Drogenkategorie 1 enthalten ist, zeigten ermutigende Ergebnisse f√ľr Patienten mit hartn√§ckigen Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). “Wir haben signifikante Hinweise darauf, dass sich MDMA in der unterst√ľtzenden Behandlung von PTSD als wirksam erweist,” sagte Brad Burge von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), einer gemeinn√ľtzigen Organisation in Santa Cruz, Kalifornien, die sich bem√ľht, MDMA medikamenten-Status zu verleihen: “Dass die FDA nun die Einleitung der Phase 3 bewilligte, ist ein starker Hinweis darauf, dass die Beh√∂rde dies genauso sieht”.

Etwa 50% der in “Phase 3” eingereichten Medikamente versagen. Passiert dies mit MDMA bei der Verwendung in der Therapie von PTBS-Patienten jedoch nicht, k√∂nnte die Substanz bereits im Jahre 2021 zur Verwendung eingereicht werden. Das Medikament w√§re dann nicht auf Verschreibung f√ľr die Patienten zu Hause (√§hnlich wie Marihuana in vielen US-Bundesstaaten) verf√ľgbar, sondern gem√§√ü dem Design der Studien w√ľrde es von ausgebildeten Psychotherapeuten in lizenzierten Zentren verwaltet und verabreicht werden. “Die Menschen kommen in eine Klinik, erhalten eine MDMA-Pille vom Arzt und nehmen sie sofort f√ľr ihre Therapiesitzung. Sie nehmen die Pille nicht nach Hause”, so Burge.

MDMA ist per se nicht mit der Partydroge Ecstasy oder “Molly” vergleichbar. “Weniger als die H√§lfte der auf der Stra√üe erh√§ltlichen Ecstasy- oder Molly-Pillen enth√§lt √ľberhaupt MDMA, sondern in der Regel sch√§dliche Ersatzstoffe”, erkl√§rt Burge. Das bedeute aber im Umkehrschlu√ü nicht, dass MDMA ungef√§hrlich sei. Die Droge kann unter bestimmten Bedingungen zu √úberhitzungssymptomen und Organversagen f√ľhren. Die MDMA-Pillen, die Patienten w√§hrend der Versuche verabreicht werden, haben pharmazeutische Qualit√§t mit einer festgelegten Dosis des Wirkstoffs und werden f√ľr die Versuchsreihe in Nordengland hergestellt.

Jan 11

Tribut f√ľr die Todesopfer w√§hrend der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la R√©publique (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock √ľber das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mi√ütrauen gegen√ľber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anh√§ngern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die H√§lfte der √Ėsterreicher den Islam als Gefahr f√ľr die √∂sterreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in √Ėsterreich habe.

Eine der Ursachen f√ľr diese Entwicklung k√∂nnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bev√∂lkerung an der europ√§ischen Bev√∂lkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gef√ľhl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen wei√ü man, das hief√ľr bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gr√ľnde wie in kulturellen Unterschieden oder religi√∂sen Vorschriften begr√ľndete √Ąu√üerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verst√§rkt das Gef√ľhl von “unheimlichen”, “gef√§hrlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich h√§ufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam f√ľr nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass pers√∂nlich Bekannte nicht zuallererst √ľber ihren religi√∂sen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angeh√∂riger anderer religi√∂ser Richtungen den Islam √ľberhaupt korrekt einsch√§tzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion w√§re “wortw√∂rtlich zu nehmen”, w√§hrend andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewisserma√üen “Aktualisierungen” der urspr√ľnglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott wei√ü es besser.” abgeschlossen, also ausgedr√ľckt, dass man als Mensch die m√∂gliche Bedeutung des Verses wom√∂glich gar nicht verstehen k√∂nne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es m√∂glich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anf√ľhren, denen zufolge etwa “Ungl√§ubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angeh√∂rige eines stark christlich gepr√§gten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind get√∂tet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex w√§hrend der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgekl√§rten Gesellschaft” immer noch viele strenggl√§ubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen w√ľrden tats√§chlich solchen T√∂tungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch gepr√§gten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszu√ľben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gr√ľnden kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religi√∂s begr√ľndet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich m√∂chte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befa√üt hat, bef√ľrchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gew√ľnschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch st√§rkeren Isolierung der orthodox Gl√§ubigen f√ľhren d√ľrfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bev√∂lkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [√∂konomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive erm√∂glicht werden kann. In Europa w√§re es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angeh√∂rt (und zu dem √ľbrigens auch “originale” Mitteleurop√§er z√§hlen!), wo immer es relevant sein k√∂nnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorit√§t zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich √ľbrigens auch in den muslimischen L√§ndern selbst, wo sich selbstverst√§ndlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzuf√ľgen haben.

Hinsichtlich gef√ľrchteter Attent√§ter m√∂chte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen k√∂nnen Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei sp√§ter gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltaus√ľbung f√ľhren. Die Unterdr√ľckten bleiben – gerade auch bei Hassgef√ľhlen den Beherrschenden gegen√ľber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gef√ľhlen und zu ihrer Kernidentit√§t verloren. Derartig emotional gest√∂rte Menschen agieren h√§ufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewaltt√§tig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tats√§chlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attent√§ter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa wei√ü man, dass sie h√§ufig unbewu√üt nach M√∂glichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerst√∂rung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann f√ľr sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewisserma√üen nur ein Vehikel f√ľr die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den f√ľr viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausl√§nder, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungl√§ubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als M√∂glichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzuf√ľgen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbr√ľdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen bef√ľrchten zu m√ľssen. Der Islam wird damit f√ľr derartige, in ihrer Pers√∂nlichkeit und Humanit√§t schwerst gest√∂rte Menschen zu einer Projektionsfl√§che und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen m√ľssen: erstere, indem sie der Bev√∂lkerung gegen√ľber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bev√∂lkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) W√§hlerstimmen fischen. Islamische Schl√ľsselpers√∂nlichkeiten wiederum m√ľ√üten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz f√ľr Gewaltt√§ter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach au√üen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religi√∂ser Pluralit√§t und kultureller Vielfalt bringt erh√∂hten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrit√§t unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten st√§rken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, ben√∂tigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schlie√üen und durch gezielten Dialog zu √ľberbr√ľcken.

Quellen:

 

Mar 25

Bild: MOD/Crown (c) 2012

Einer britischen Studie zufolge ist die Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttaten bei ehemaligen Soldaten dreimal so hoch wie in der m√§nnlichen Gesamtbev√∂lkerung. Dies deckt sich mit Studien in den USA, wo Veteranen der Kriege im Irak und Afghanistan nach der R√ľckkehr in ihr ziviles Leben zu gewaltt√§tigem Verhalten in der Familie neigen und h√§ufig in die Kriminalit√§t rutschen. In den Gef√§ngnissen beider L√§nder befindet sich ein relativ hoher Anteil an Ex-Soldaten, die wegen Gewalttaten verurteilt wurden – so sind fast ein Zehntel der H√§ftlinge in britischen Gef√§ngnissen ehemalige Soldaten.

Naheliegend ist die Vermutung, dass viele der Menschen, die aktiv an Kriegseins√§tzen teilnehmen, nach ihrer Heimkehr unter posttraumatischen Belastungsst√∂rungen, Angst, Depressionen und anderen psychischen Folgen zu leiden haben. Doch es sollte auch untersucht werden, ob einer erh√∂hte Gewaltneigung auch schon vor dem Eintritt in das Milit√§r bestanden. Den Ergebnissen zufolge sind neben dem Geschlecht (v.a. M√§nner) und Alter (v.a. unter 30-J√§hrige) am st√§rksten untergeordneter Rang und schon vor dem Eintritt ins Milit√§r bestandene Gewaltt√§tigkeit Risikofaktoren f√ľr nach Verlassen des Milit√§rs begangene Gewalttaten. Die Teilnahme an Kampfeins√§tzen und auch das wiederholte Erleben traumatisierender Ereignisse erh√∂hen die Wahrscheinlichkeit, eine Gewalttat zu begehen, um das Doppelte gegen√ľber anderen Soldaten. Alkohol, posttraumatische Belastungsst√∂rungen und gegen sich selbst gerichtetes aggressives Verhalten (->Suizid-Risiko) nach der R√ľckkehr sind Risikofaktoren.

Wer schon vor dem Milit√§rdienst gewaltt√§tig oder aggressiv war, scheint sich eher zu Kampfeins√§tzen zu melden und neigt auch danach vermehrt zu Gewalt. Nach dem Milit√§rdienst verdoppeln sich die allgemeinen Straftaten beinahe. Die Ausbildung als Soldat mit Waffen schon scheint die Neigung zu Straftaten und Gewalt statistisch zu erh√∂hen. Zu begr√ľ√üen w√§ren insofern den Forschern zufolge Eignungsverfahren und Pr√ľfung auf registrierte Gewaltdelikte bereits bei den Eignungstests f√ľr das Milit√§r. Ob diese Forderung Chancen auf Umsetzung hat, ist freilich dahingestellt.

(Quellen: Telepolis [1], [2], The Lancet [1)

Sep 22

Auch wenn die schlimmsten Bef√ľrchtungen √ľber die psychologischen Folgen des 9/11-Attentats in New York nicht eintrafen, so litt doch eine gesch√§tzte 1/2 Mio der Einwohner an Symptomen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen (PTBS). Unter den Zehntausenden, die den Ereignissen direkt ausgesetzt waren, befanden sich 1.700 schwangere Frauen, von welchen einige ebenfalls an PTBS-Sypmtome entwickelten. Wie sich zeigte, wurden diese Symptome zum Teil auf deren Kinder √ľbertragen, wie Rachel Yahuda, Professorin der Psychiatrie und Neurologie an der Traumatic Stress Studies Division im Mount Sinai Medical Centre, New York, ver√∂ffentlichte.

Ausgangspunkt waren Messungen des Stresshormons Cortisol an Speichelproben betroffener schwangerer Frauen. Dieser Level war bei Frauen, die keine Symptome von PTSD aufwiesen, signifikant niedriger als bei den anderen. Die Kinder der Frauen zeigten sp√§ter √§hnliche Unterschiede bei den Messungen, wobei die Unterschiede dann am gr√∂√üten waren, wenn die M√ľtter sich im letzten Schwangerschaftsdrittel befanden. Diese Unterschiede zeigten sich auch bei Messungen der Stre√ükompensation – auch hier fand man h√∂here Belastungen der Kinder, deren M√ľtter den traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt waren und PTBS-Symptome entwickelten, und auch hier zeigten sich die st√§rksten Symptome bei den Kindern, deren M√ľtter diese w√§hrend dem letzten Schwangerschaftsabschnitt erlebten. Doch wie ist dies m√∂glich?

Forschungsergebnisse der letzten 10 Jahre legen nahe, dass derartige Effekte vermutlich auf epigenetischen Mechanismen beruhen. Epigenetik ist das Studium der erblichen Veränderungen in der Genaktivität, die nicht aufgrund von Veränderungen in der DNA-Sequenz erfolgen. Die Epigenetik zeigt, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren, und wird mit vielen Veränderungen der Hirnfunktionen in Verbindung gebracht.

Eine wichtige Studie in diesem aufstrebenden Gebiet, ver√∂ffentlicht im Jahr 2004, zeigte, dass die Qualit√§t der Brutpflege von Ratten erheblich das Verhalten der Spr√∂√ülinge im Erwachsenenalter beeinflu√üt. Rattenjungen, die von ihrer M√ľtter w√§hrend der ersten Woche des Lebens regelm√§√üig umsorgt und geleckt wurden, konnten im sp√§teren Leben besser mit Stresssituationen und angstmachenden Situationen umgehen als Junge, zu denen wenig oder kein Kontakt aufgenommen wurde. Diese Ergebnisse selbst w√§ren nicht so neu, doch man fand bei weiteren Untersuchungen heraus, dass diese Effekte durch epigenetische Mechanismen, die Ausdruck des Glucocorticoid-Rezeptors, die eine zentrale Rolle bei der Reaktion des K√∂rpers auf Stress ver√§ndern vermittelt werden, verursacht wurden. Die Analyse der Gehirne von 1 Woche alten Jungen offenbarte Unterschiede in der DNA-Methylierung (einem Prozess, bei dem die DNA chemisch modifiziert wird). Methylierung beinhaltet das Andocken kleiner, Methyl-Gruppen’ benannte Molek√ľle, welche aus einem Kohlenstoffatom und drei Wasserstoffatomen bestehen, auf bestimmte Abschnitte in die DNA-Sequenz eines Gens.

Welpen, die ein hohes Ma√ü an Pflege und lecken erhielten, zeigten h√∂here Methylierung in jenen Regionen der DNA, die die Aktivit√§t des Glukokortikoid-Gens regulieren, die wenig beh√ľteten dagegen eine deutlich geringere, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die F√§higkeit zur Stressverarbeitung. Auch Yehuda und ihre Kollegen stellten 16 unterschiedliche Gene fest, die bei den M√ľttern mit PTSD-Symtpomen. Einige dieser Gene regulieren die Funktion der Glucocorticoid-Rezeptoren und zwei – FKBP5 und STAT5b – hemmen direkt ihre Aktivit√§t. Bei Personen mit PTSD ist die Aktivit√§t dieser Gene reduziert, was die hone Glukokortikoid-Rezeptor-Aktivit√§t bei dieser St√∂rung erkl√§ren k√∂nnte. √Ąhnliche Effekte wurden seither auch bei Mi√übrauchs-Opfern, Kriegsveteranen und Opfern des Nazi-Holocaust festgestellt.

Hohe Cortisol-Level stehen offenbar in direktem Zusammenhang mit dem Risiko, an Folgeerscheinungen traumatischer Erfahrungen zu erkranken, und die Ver√§nderungen in den betreffenden genetischen Markern samt ihren Konsequenzen f√ľr die Stre√übew√§ltigung sind scheinbar in der Lage, auf Folgegenerationen √ľbertragen zu werden. Diese epigenetischen Faktoren k√∂nnten im Zusammenhang mit genetischen Variationen erkl√§ren, warum manche Menschen leichter an PTSD-Folgen erkranken als andere.

In der tierexperimentellen Studie wurden die epigenetischen Modifikationen und die damit verbundenen √Ąnderungen an den Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus, beobachtet – einer Hirnregion, die f√ľr Lernen und Ged√§chtnis zust√§ndig ist. Epigenetische Marker k√∂nnten demnach bei der Bildung von traumatischen Erinnerungen dauerhaft angelegt werden. Letzten Monat berichteten Forscher von der University of Pennsylvania, dass epigenetische Marker durch zwei Generationen von M√§usen √ľbertragen werden k√∂nnen, was darauf hindeutet, dass Kinder, die den Alptraum des World Trade Center-Angriffes noch in der Geb√§rmutter von ihren M√ľttern ‘erbten,’ sie wiederum an ihre eigenen Kinder weitergeben k√∂nnten.

(Quellen: The Guardian 11.09.2011 (also:Image source);
Yehuda, R et al (2005): Transgenerational Effects of Posttraumatic Stress Disorder in Babies of Mothers Exposed to the World Trade Center Attacks during Pregnancy. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, DOI: 10.1210/jc.2005-0550;
Yehuda, R et al (2009): Gene Expression Patterns Associated with Posttraumatic Stress Disorder Following Exposure to the World Trade Center Attacks. Biological Psychiatry, DOI: 10.1016/j.biopsych.2009.02.03;
Sarapas, C et al (2011): Genetic markers for PTSD risk and resilience among survivors of the World Trade Center attacks. Disease Markers, DOI: 10.3233/DMA20110764

Sep 09

Gewalterfahrungen und andere traumatische Erlebnisse k√∂nnen langfristig nicht nur zu psychischen sondern auch zu k√∂rperlichen Erkrankungen f√ľhren, wie aktuelle Studien aus den USA und Deutschland zeigen. So haben Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) ein erh√∂htes Risiko f√ľr Herzerkrankungen, Diabetes und andere chronische Krankheiten, wie Experten auf der internationalen Tagung ‚ÄěFolgen der interpersonellen Gewalt‚Äú an der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen referierten.

Bis zu 10% der Erwachsenen in Deutschland geben an, in ihrem Leben gewaltt√§tige √úbergriffe erlebt zu haben. Solche traumatischen Erlebnisse haben Folgen, auf k√∂rperlicher Ebene beg√ľnstigen sie insbesondere die Entwicklung von chronischen k√∂rperlichen Erkrankungen. Wissenschafter des ‚ÄěUS Department of Veterans Affairs‚Äú etwa haben festgestellt, dass Kriegsveteranen mit einer posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) deutlich h√§ufiger an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden als Veteranen ohne PTBS. Bei 76% der Veteranen mit PTBS (im Unterschied zu 59% bei nicht traumatisierten Veteranen) konnten die Forscher so genannten Koronarkalk, einen Risikomarker f√ľr zuk√ľnftige Herzinfarkte, nachweisen.

Auch andere chronische Leiden wie etwa Asthma, Diabetes, chronische Schmerzerkrankungen, Osteoporose oder Schilddr√ľsenerkrankungen k√∂nnen Folge eines Traumas sein. Eine gro√üe, an der √§lteren deutschen Bev√∂lkerung durchgef√ľhrte epidemiologische Untersuchung der Universit√§tsklinik Leipzig zeigte auf, dass Menschen mit PTBS durchschnittlich fast 3x so h√§ufig von chronischen Krankheiten betroffen sind wie Menschen ohne Traumatisierung. Dazu kann zum einen der risikoreiche Lebensstil von PTBS-Erkrankten, wie ein erh√∂hter Zigarettenkonsum, beitragen. Doch viele Erkrankungen sind vermutlich durchaus auch direkte Folge des Traumas: Patienten mit PTBS reagieren auf Belastung mit intensiveren und l√§nger anhaltenden Aussch√ľttungen von Stresshormonen, ihre Blutwerte zeigen zudem h√§ufig Zeichen einer chronischen Entz√ľndung. ‚ÄěStresshormone und Entz√ľndungsbotenstoffe sind Risikofaktoren f√ľr Typ 2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen‚Äú, erkl√§rt der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychosomatische Medizin und √Ąrztliche Psychotherapie (DGPM) Johannes Kruse.

Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsst√∂rung (PTBS) werden ungewollt ‚Äď etwa in Albtr√§umen ‚Äď immer wieder mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert. Sie versuchen, Gedanken, Orte und Aktivit√§ten zu vermeiden, die mit dem Trauma zusammenh√§ngen. Symptome wie Depressionen, Schlafst√∂rungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und sozialer R√ľckzug k√∂nnen Folgen eines Traumas sein.

(Quellen: MedAustria, Psychosomatic Medicine issue 73(5), p401-406; Image src:loddmedicalgroup.com)

Aug 16

Die Medizin, Psychologie und andere Humandisziplinen der Forschung befassen sich traditionellerweise vorrangig mit den Ursachen von Problemen und der Suche nach M√∂glichkeiten, diese zu beheben. Seit einigen Jahren jedoch gewinnt ein neuer Ansatz verst√§rkte Bedeutung: die Resilienzforschung. Der Begriff stammt vom lateinischen resilio ab (“abprallen”, “zur√ľckspringen”) und bezeichnet in der Physik hochelastische Materialien, die nach Verformungen ihre urspr√ľngliche Form wieder annehmen. In den Humanwissenschaften forscht man nach jenen Potentialen, die Menschen dazu bef√§higen, Niederlagen, Ungl√ľck, Stressoren und Schicksalsschl√§ge besser und schneller zu meistern oder den K√∂rper zu heilen.

In der Verhaltensforschung und Psychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die aus Schwierigkeiten das Beste machen, daraus lernen und reifen, oder zumindest weniger Schaden nehmen als andere unter ähnlichen Umständen. Resilienz ist jedoch keineswegs mit Unempfindlichkeit oder der Selbstverleugnung traumatischer Erlebnisse oder zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in unserem Leben zu verwechseln. Vielmehr beschreibt diese Fähigkeit eine Haltung innerer Stabilität, eine positive Grundhaltung, die Menschen in die Lage versetzt, an Leidenserfahrungen und Konflikten zu wachsen, statt sich in den damit verbundenen Emotionen festzulaufen und damit ihre Lebensqualität noch weiter einzuschränken. In der Regel erfolgt bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein Perspektivenwechsel: entweder wird die Situation neu interpretiert oder der Fokus verlagert sich auf andere, positive Lebensbereiche. Befragt man diese Personen nach ihrer problematischen Erfahrung, werden häufig positive Seiteneffekte oder durch das einschneidende Ereignis verursachte Lernmöglichkeiten mit erwähnt. In besonders schwierigen Lebenssituationen suchen Personen mit hoher Resilienz aktiv professionelle Hilfe, um baldmöglichst wieder auf die Beine zu kommen, statt sich einer womöglich chronisch belastenden Situation auszusetzen.

In der kultur√ľbergreifenden Forschung wurde beobachtet, dass Resilienz eine F√§higkeit ist, die nicht durch die individuelle Person allein erkl√§rt werden kann. “Gute” Familien, Schulen, eine “gesunde” soziale Umgebung und faire gesellschaftliche Bedingungen helfen dabei, die entsprechenden F√§higkeiten zu entwickeln, und j√ľngere Menschen haben diese eher als √§ltere. Ebenso existieren entsprechende Risikofaktoren: etwa fr√ľhe psychische oder k√∂rperliche Gewalterfahrungen, psychische Leiden enger Bezugspersonen sowie diverse kulturelle Faktoren.

Psychologen haben 7 S√§ulen der Resilienz ausgemacht – Indikatoren f√ľr eine starke F√§higkeit zur Stress- und Krisenbew√§ltigung. √úber je mehr dieser Eigenschaften jemand verf√ľgt, umso resilienter die betreffende Person:

  • Selbstbewusstsein: Resiliente Menschen glauben an die eigenen Kompetenzen. Sie werden aktiv statt zu jammern und damit in eine Opferrolle zu verfallen, und sie vertrauen ihren F√§higkeiten, √ľber kurz oder lang Probleml√∂sungen zu finden.
  • Kontaktfreude: Resiliente Menschen kommunizieren gern. Sie l√∂sen Schwierigkeiten bevorzugt gemeinsam mit anderen Menschen statt im Alleingang und suchen sich daf√ľr passende Partner aus. Ihren h√§ufig gut entwickelten sozialen Fertigkeiten versetzen sie in die Lage, gute und lang anhaltende Beziehungen aufzubauen.
  • Gef√ľhlsstabilit√§t: Resiliente Menschen verf√ľgen √ľber gute Fertigkeiten, ihre Emotionen und gedanklichen Muster zu analysieren. Dadurch k√∂nnen sie die eigene Gef√ľhlswelt und ihre Reaktionen so steuern, dass sie hohe Belastungen nicht nur als Stress, sondern auch als Herausforderung empfinden, wodurch sie in der Regel handlungsf√§higer als andere bleiben.
  • Optimismus: eine Grund√ľberzeugung hinsichtlich positiver M√∂glichkeiten, die selbst in schwierigen Lebenssituationen stecken, ist eine integrale Voraussetzung f√ľr Widerstandsf√§higkeit. Man wird von resilienten Menschen deshalb in schwierigen Situationen nur selten negative Verallgemeinerungen h√∂ren, sondern eher hoffnungsvolle Formulierungen wie ‚ÄěDiesmal hatte ich keinen Erfolg, n√§chstes Mal schon.‚Äú
  • Handlungskontrolle: Resiliente Menschen sind alles andere als impulsiv, sondern vielmehr in der Lage, auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen kontrolliert und √ľberlegt zu reagieren. Dazu geh√∂rt auch die F√§higkeit, sofortige Belohnungen zugunsten eines h√∂heren Ziels in der Zukunft aufzuschieben ‚Äď im Fachjargon hei√üt das Gratifikationsverzicht. Diese Kontrolle ist zugleich eine wichtige Komponente der emotionalen Intelligenz (EQ).
  • Realismus: Resiliente Menschen denken langfristig und entwickeln f√ľr sich realistische Ziele. Dadurch werden sie von vor√ľbergehenden Krisen im Leben – etwa Trennungen, dem Tod der Eltern oder bei beruflichen Problemen – nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geworfen. Da sie eine l√§ngere Perspektive im Kopf haben, stabilisiert sich ihr emotionaler Zustand zumeist rascher wieder.
  • Analysest√§rke: Resiliente Menschen sind in der Lage, kreativ zu denken und sich leichter von eingefahrenen Denkpfaden zu l√∂sen. Ihre F√§higkeit, die Ursachen von Krisen zu identifizieren, zu analysieren und damit zukunftsorientiert umzugehen, erm√∂glicht ihnen, ad√§quate L√∂sungen zu entwickeln. Und wenn sie dazu einmal nicht selbst in der Lage sein sollten, holen sie sich pragmatisch Hilfe.

In der Literatur werden eine Reihe von Ans√§tzen angef√ľhrt, mit denen die eigene Resilienz √ľber bereits vorhandene F√§higkeiten hinaus erh√∂ht bzw. angeregt werden kann:

  • Resiliente Kommunikation: “Das, was bei mir okay ist, hat mehr Einflu√ü als das, was nicht passt.”
  • Fokus auf die St√§rken einer Person – und die Frage: “wie kann ich diese St√§rken dazu nutzen, um Probleme zu √ľberwinden?”
  • Positiv sein: das Leben als herausfordernd, dynamisch und gef√ľllt mit Chancen wahrnehmen
  • Fokus: ein Ziel festlegen und dieses bewusst anpeilen
  • Flexibilit√§t: sich bei Unsicherheiten alle Optionen offen halten
  • Selbstorganisation: unsicheres Terrain ben√∂tigt durchdachte Strategien
  • Eigeninitiative: vorausschauend und aktiv handeln
  • Coaching: wenn sich nichts zu bewegen scheint, professionellen Input holen
  • Geduld: sich zu erholen, ben√∂tigt selbst bei den besten Strategien Zeit
  • anderen helfen

 

(Quellenangabe: die Beschreibung der Resilienzs√§ulen basiert auf einem Artikel der “Wirtschaftswoche”).

Mar 16

Die Medienberichte √ľber das Erdbeben in Japan wurden bereits nach wenigen Tagen von der atomaren Katastrophe, die sich in Fukushima ereignete, √ľberlagert. Nahezu jeder, der die Bilder im TV oder Zeitungen sah, wird betroffen gewesen sein … mich pers√∂nlich erinnerten sie an die im japanischen Hiroshima-Museum gezeigten Katastrophen-Bilder: menschenleere Strassen, Ruinen, Rauchwolken. Strassenpolizisten sind in weisse Strahlenschutzanz√ľge gekleidet und tragen Atemschutzmasken. Mindestens eine halbe Million Menschen mu√ü aus der Strahlenzone evakuiert werden.

Was in der Psyche vieler Japaner vorgeht, die nun bereits das zweite Mal innerhalb von knapp 70 Jahren auf ihrer Inselgruppe eine atomare Katastrophe -neben Tschernobyl- unerreichten Ausma√ües erleben, ist kaum vorzustellen. Japan hat die Atomenergie in eine Kraft des Friedens, des wirtschaftlichen Gedeihens verwandelt – das ist eine der gro√üen Nachkriegsleistungen Japans, real und symbolisch. Doch wieder hat sich das “Atom” in eine Gei√üel des Volkes verwandelt, und das, obwohl die japanischen Kernkraftwerke zu den “sichersten” der Welt geh√∂ren.

Dieses Trauma wegzustecken, wird nicht m√∂glich sein – wiederholt sich eine Schockerfahrung, fallen auch bei der stabilsten Psyche die letzten Barrieren. Oberfl√§chlich betrachtet reagieren die meisten Japaner zwar gefasst wie immer – man kann aber davon ausgehen, dass die Katastrophe massive Konsequenzen haben wird. Selbst eine Abkehr von der Atomenergie ist unter solchen Umst√§nden denkbar, obwohl Japan heute 20% seines Energiebedarfs damit deckt. Doch in Fukushima bekam die Menschheit (ein weiteres Mal) ihre Grenzen vorgef√ľhrt – es ist zu hoffen, dass die Karthasis des Traumas ultimativ in massiver Forschung nach alternativen Energiegewinnungstechniken m√ľndet. Japan k√∂nnte auch daf√ľr eine Keimzelle sein, √§hnlich, wie Traumapatienten aus einer erfolgreichen Therapie h√§ufig kr√§ftiger und kreativer hervorgehen als sie das vor dem tragischen Ereignis waren.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Image src:Augsburger Allgemeine)

Mar 14

F√ľr eine Studie zur Auswertung von Kriegsverletzungen wurden die Daten von 34.000 Pentagon-Mitarbeitern ausgewertet, die zwischen 2004 und 2007 aus dem Irak und aus Afghanistan zur Behandlung in das Milit√§rkrankenhaus in Landstuhl gebracht wurden. Normalerweise wird nach zwei Wochen entschieden, ob die Soldaten wieder im Konfliktgebiet eingesetzt oder zur weiteren Behandlung in die USA geschickt werden. Den Studienergebnissen zufolge ver√§ndern sich offenbar die Arten von Kriegsverletzungen, mit denen Soldaten konfrontiert sind – oder zumindest die Klassifikationssystem und damit auch die Genauigkeit der Diagnosem√∂glichkeiten (R.L.Fellner). Im Ersten Weltkrieg standen bei den US-Soldaten noch Infektions- und Atemwegserkrankungen sowie Magen-Darm-St√∂rungen an erster Stelle, nun sind es Muskel- und Knochen- sowie R√ľckgratverletzungen (24%), die sich die Soldaten allerdings nicht vorwiegend im Kampfeinsatz, sondern im Training oder in der Freizeit zuziehen. Danach kommen mit 14 Prozent erst Verletzungen oder Erkrankungen im Kampfeinsatz: 10 Prozent davon sind neurologische, 9 Prozent psychische St√∂rungen und 7 Prozent Schmerzen in der Wirbels√§ule.

Im Ersten Weltkrieg kamen psychische St√∂rungen erst an 11. Stelle, das blieb auch noch im Zweiten Weltkrieg so, in dem aber auf Atemwegs- und Infektionserkrankungen bereits nicht mit dem Kampfeinsatz verbundene Verletzungen folgten. Im Vietnamkrieg lagen letztere schon an erster Stelle, psychische St√∂rungen stiegen auf Platz 6. Im ersten Golfkrieg standen bei den Einlieferungen ins Krankenhaus Verletzungen an erster Stelle, psychische St√∂rungen lagen an achter Stelle. Die neurologischen (13%) und die psychischen St√∂rungen (13%) haben somit die Kampfverletzungen (12%) √ľberschritten – zumindest derer, die in Landstuhl -also nicht vor Ort- behandelt wurden. In aller Regel wurden Soldaten, die wegen psychischen St√∂rungen behandelt wurden, nicht mehr in den Einsatz zur√ľckgeschickt. W√§hrend sich der Anteil der √ľbrigen Verletzungen und Erkrankungen nicht ver√§ndert hat, sind die psychischen St√∂rungen 2004/2005 um 32,4 Prozent, 2005/2006 um 3 Prozent und 2006/2007 um 61,9 Prozent gestiegen. In Afghanistan ist die Zahl zun√§chst leicht gesunken, dann aber 2006/2007 gleich um 225 Prozent angestiegen. Dieser Anstieg sei auch deswegen √ľberraschend, weil zur selben Zeit die Zahl der Psychologenteams zur Behandlung von Kampfstress stark angehoben wurde (Anmerkung R.L.Fellner: m√∂glicherweise ist dies aber schlicht dadurch erkl√§rbar, da√ü PTSD’s von Medizinern h√§ufig nicht diagnostiziert werden, einfach, weil sie zu wenig hinsichtlich psychischer St√∂rungsbilder ausgebildet und sensibilisiert sind).¬†Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTSD) √ľberwiegen bei den psychischen St√∂rungen. Man geht davon aus, dass 11-17 Prozent aller in Afghanistan und im Irak eingesetzten Soldaten darunter leiden oder gelitten haben. (Quellen: The Lancet¬† Vol 375, Issue 9711, Pages 301 – 309, 23 January 2010, tp; Bild: US Air Force)

Nov 29

Posttraumatische Belastungsst√∂rungen (PTBS oder PTSD) r√ľckten w√§hrend der letzten Jahre ins Zentrum psychologischer Forschung. Sie entstehen, wenn Menschen lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind – etwa bei Naturkatastrophen, Attentaten, Mi√übrauchserfahrungen oder Kriegsgeschehnissen. Sch√§tzungen zufolge leiden beispielsweise bis zu 50% aller aus Kriegsgebieten zur√ľckkehrenden US-Soldaten an Formen posttraumatischer Belastungsst√∂rungen. Doch PTBS sind nur schwierig und zumeist auch langwierig therapeutisch zu behandeln, auch wenn diverse medikament√∂se Ans√§tze mittels dem Stresshormon Cortisol, dem Betablocker Propranolo u.a. [1] und Psychotherapie (v.a. die speziellen traumatherapeutischen Ans√§tze der Hypnotherapie bzw. EMDR sowie kombinierte Ans√§tze wie etwa die nach Reddemann) deutliche Fortschritte brachten.

Neue Hoffnung kommt nun aus einer ganz unerwarteten Richtung: in einer zusammen mit der Studentin E. Ganon-Elazar durchgef√ľhrten und im Journal of Neuroscience ver√∂ffentlichten Studie [2] wird dargelegt, dass die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren im basolateralen Kernkomplex der Amygdala (BLA) den verst√§rkenden Effekt von Stress bei der Konditionierung ausgleicht. Schon vor Jahren hatte der Pharmazeut Rafael Meshulam an der Jerusalemer Universit√§t positive einschl√§gige Wirkungen erzielt, als er es traumatisierten M√§usen verabreichte, nun konnten seine Ergebnisse in Versuchsreihen mit Ratten best√§tigt werden. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Kroatien in einem Berufungsverfahren gegen einen Mann, der im Jugoslawienkrieg gek√§mpft hatte und seitdem an einer PTBS leidet, d√ľrfen Kriegsveteranen mit Posttraumatischen Belastungsst√∂rungen mittlerweile sogar Marihuana zur Selbstbehandlung z√ľchten. [3]

Quellen: [1] Andrea Naica-Loebell: “Die Pille f√ľr das Vergessen” in: telepolis Online-Magazin, 08/2005; [2] Ganon-Elazar, E. & Akirav, I. (2009), Cannabinoid receptor activation in the basolateral amygdala blocks the effects of stress on the conditioning and extinction of inhibitory avoidance. Journal of Neuroscience, 29(36):11078-11088; [3] Der Standard 04.06.2009. Bildquelle:cannabisculture.com)

Jul 22

Das Erleben von Gewalt belastet nicht nur die Seele von Kindern, sondern beeintr√§chtigt offenbar auch die k√∂rperliche Gesundheit. Bei jungen Menschen aus Stadtvierteln mit hoher Kriminalit√§tsrate kommt es h√§ufig zu St√∂rungen in der Produktion des k√∂rpereigenen Hormons Cortisol, wie eine Studie an der Harvard School of Public Health ergab. Derartige √Ąnderungen an der Cortisolproduktion und -regulierung als Folge von Stress k√∂nnen jedoch das Immunsystem schw√§chen und erh√∂hte Fettablagerungen im Bauchbereich zur Folge haben, welche wiederum h√§ufig zu Erkrankungen der Herzkranzgef√§√üe oder Diabetes f√ľhren.

Das Hormon Cortisol wird vom Stressreaktionssystem des Körpers reguliert. Der Cortisolspiegel ist in der Regel morgens am höchsten und fällt im Verlauf des Tages ab. Die Wissenschaftler untersuchten nun an Burschen und Mädchen aus Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate den Einfluss posttraumatischer Stresssymptome wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen und schlechte Erinnerungen auf den täglichen Cortisolspiegel.

Das Ergebnis: Zwischen dem Erleben von Gewalt im direkten Umfeld und der St√∂rung der Stressbahnen im K√∂rper gibt es eine Verbindung. Je mehr die untersuchten Kinder unter den Stresssymptomen litten, desto st√§rker war die Cortisolproduktion beeintr√§chtigt und desto h√∂her war der Cortisolspiegel √ľber den Tag hinweg, vor allem am Nachmittag und am Abend, wie die Forscher berichteten.

(Quelle: Suglia et al. in: Posttraumatic Stress Symptoms Related to Community Violence and Children’s Diurnal Cortisol Response in an Urban Community-Dwelling Sample. International Journal of Behavioral Medicine, 2009; DOI: 10.1007/s12529-009-9044-6. Photo credit: L.Davilla/GettyImages)

ÔĽŅ25.06.19