Nov 06

Hatten Sie kürzlich mit jemandem Kontakt, der völlig die Kontrolle über sich verlor?

Bei Kindern und Jugendlichen werden Verhaltensmuster, die die sozialen Normen oder die Grenzen der anderen verletzen, als “Verhaltensstörungen” bezeichnet. Ich halte diese Begriffswahl an sich für problematisch, denn denn wer dürfte sich schon anmaßen, “korrektes” Verhalten zu definieren? In der Fachwelt jedoch werden unter diesem Begriff konkret Aggressivität, Bullying, Lügen, grausames Verhalten anderen Menschen oder Tieren gegenüber, destruktives Verhalten, Vandalismus und Diebstahl verstanden – und das gibt dann vermutlich doch einen ganz guten Eindruck darüber, was gemeint ist.

Die betreffenden Minderjährigen kommen meist aus problematischen Verhältnissen, haben Mißbrauchs-, Gewalterfahrungen oder einen Elternteil mit einem Suchtproblem. Werden ihre damit verbundenen Probleme nicht gelöst, können sich bei ihnen Persönlichkeitsstörungen entwickeln, wie die sogenannte “antisoziale Persönlichkeitsstörung”, bipolare Störungen oder Psychopathie. Diesen ist gemein, dass sie das Risiko für eigene oder fremde körperliche Verletzungen, Depressionen, Suchtverhalten, Gefängnisstrafen, Mord oder Suizid stark erhöhen, unter anderem deshalb, weil die Betroffenen Konflikten nicht aus dem Weg gehen und häufig auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückschrecken. Häufig besteht auch nur eine geringe Hemmung, andere zu betrügen, zu bestehlen und das Eigentum anderer zu zerstören. Paradox ist, dass das Verhalten dieser Personen äußerlich zwar sehr bestimmt und selbstbewußt wirken mag, sie sich im Grunde aber meist sehr allein, ängstlich und hoffnungslos fühlen, was nicht selten zu Alkoholmißbrauch, Depressionen und anderen Folgeproblemen führt.

Am besten kann das Verhalten antisozialer Personen psychologisch erklärt werden. Mediziner suchen nach rein körperlichen (z.B. genetischen) Erklärungen, lassen dabei aber häufig außer Acht, dass für viele Betroffene ihr aggressives Verhalten zum Selbstschutz und als Ventil für emotionale Spannungen dient. Diese Spannungen existieren nicht nur in ihnen selbst, sondern entstehen übermäßig schnell auch im Kontakt mit anderen. Bei psychopathischen Persönlichkeitszügen mangelt es zusätzlich an Empathie und Verständnis für die Situation der anderen, was die Hemmung für Aggression und illegale Handlungen noch weiter herabsetzt

Es ist deshalb normalerweise empfehlenswert, offene Konflikte mit aggressiven oder antisozialen Personen zu vermeiden: nicht nur würden diese Leute im Konfliktfall unfähig sein, sich in Ihre persönliche Situation hineinzuversetzen, sondern auch dazu, den Konflikt auf Gesprächsebene zu klären, geschweige denn, auf konstruktive Weise. Besser ist es, zunächst auf Abstand zu gehen, um das Gegenüber emotional “abkühlen” zu lassen, und es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt nochmals zu versuchen.

Die Betroffenen selbst können mit psychologischer Hilfe bzw. Psychotherapie nach einiger Zeit zu deutlich besserer Selbstkontrolle und Lebenszufriedenheit finden.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2011; Bildquelle:willow-park.co.uk)

Apr 26

Sicherlich kennt jeder von uns den Spruch: “ein paar Klapse auf den Hintern haben noch niemandem geschadet.”

Eine kürzlich in den USA fertiggestellte Studie, die im Fachmagazin “Pediatrics” veröffentlicht wurde, in der knapp 2500 amerikanische Mütter befragt wurden, weist jedoch genau das Gegenteil nach. Über die Hälfte der Mütter hatten auf die Frage, ob und wie oft sie ihr 3-jähriges Kind körperlich bestrafen würden, angegeben, dass sie es im vergangenen Monat “versohlt” (“spanked”) hätten. 27,9% Prozent berichteten, dass sie dies einmal oder zweimal innerhalb des vergangenen Monats getan hätten, 26,5% gaben an, dass sie ihr Kind öfter als zweimal gezüchtigt hätten.

Nach 2 Jahren wurden die Mütter dann nochmals befragt – und zwar danach, ob das Verhalten ihrer Kinder anderen gegenüber als aggressiv (“bullying”) sei, ob sie sich öfter in Raufereien verwickeln lassen usf.

Hierauf gab es ein in seiner Eindeutigkeit dann selbst die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis: mehrmaliges (Indikator dafür war “mehr als zweimal im vorherigen Monat”) Anwenden von körperlichen Strafen bei Kindern im Alter von 3 Jahren ist demnach verbunden mit einem deutlich höherem Risiko, dass das Kind im Alter von 5 Jahren eine höhere Bereitschaft zur Aggressivität zeigt. Und “sogar schwache Formen der körperlichen Bestrafung vergrößern das Risiko, dass das Kind später ein aggressives Verhalten an den Tag legt.”

Bei der Studie wurde lt. den Wissenschaftlern großer Wert darauf gelegt habe, die Beziehung zwischen der körperlichen Bestrafung und späteren Verhaltensweisen der Kinder so “rein” wie möglich darzustellen. So achtete man etwa darauf, andere wichtige Risikofaktoren, die in die Verbindung zwischen Züchtigung und Aggressionsneigung hineinspielen können (etwa psychische Misshandlung, Vernachlässigung durch Eltern, Depressionen, Substanzenmißbrauch u.a.) aus diesem Zusammenhang herauszuhalten.

(Quellen: Mothers’ Spanking of 3-Year-Old Children and Subsequent Risk of Children’s Aggressive Behavior, in: Pediatrics April 12, 2010 (doi:10.1542/peds.2009-2678); Bildquelle: wikihow.com)

Mar 14

Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Neurodermitis in der frühen Kindheit und der psychischen Verfassung im späteren Leben ergab eine umfassende Geburtenkohortenstudie (GINIplus) zwischen dem Helmholtz Zentrum München, der Ludwig-Maximilians-Universität, der Technischen Universität München und dem Marienhospital in Wesel (NRW). Hierbei wurden 5991 zwischen 1995 und 1998 geborene Kinder untersucht, von denen Daten zur physischen Gesundheit und emotionalen Befindlichkeit im Alter von zehn Jahren, zur Familienhistorie und zum täglichen Leben gesammelt wurden. Schließlich wurde der Krankheitsverlauf mit besonderem Fokus auf die Diagnosen Neurodermitis, Asthma, allergischer Schnupfen, psychische Belastbarkeit und Verhaltensauffälligkeiten abgefragt.

Kinder, die während ihrer ersten beiden Lebensjahre an einer Neurodermitis litten, zeigten im Alter von zehn Jahren häufiger psychische Auffälligkeiten als Gleichaltrige ohne Neurodermitis. Kinder, deren Neurodermitis über das Säuglingsalter hinaus bestand, seien von psychischen Auffälligkeiten noch häufiger betroffen als Kinder, die ausschließlich eine Neurodermitis im Säuglingsalter hatten. Daraus schlußfolgerten die Wissenschafter, daß “die Neurodermitis einer unausgeglichenen psychischen Konstitution von Kindern vorausgehen und sie fördern kann”.

Die Neurodermitis ist eine nicht-infektiöse Hauterkrankung, die durch schuppige und juckende Hautausschläge charakterisiert ist. Sie ist die häufigste chronische Hauterkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Es ist bekannt, dass Kinder, die unter einer Neurodermitis leiden, eine erhöhte Veranlagung für Heuschnupfen und allergisches Asthma haben. Ekzematöse Symptome ziehen ein breites Spektrum an Folgebeschwerden nach sich, wie beispielsweise Schlafstörungen.

“Wir vermuten, dass sich vor allem die Folgebeschwerden langfristig auf das Gefühlsleben der betroffenen Kinder auswirken”, so die Conclusio der Studie. Die Autoren empfehlen, das Auftreten einer Neurodermitis in der Krankheitshistorie von Kindern als Hinweis auf mögliche spätere psychische Probleme zu werten, selbst wenn die eigentliche Erkrankung im Verlauf der Kindheit abklingt.

(Quelle: Schmitt J, Apfelbacher C, Chen C-M, Romanos, M, Sausenthaler, S, Koletzko S, Bauer C-P, Hoffmann U, Krämer U, Berdel D, von Berg A, Wichmann H.-E, Heinrich J: Infant-onset eczema in relation to mental health problems at age 10 years: Results from a prospective birth cohort study (GINIplus). JACI 125 (2010), 404-410; Photo src:planet-wissen.de)

Mar 14

Verhaltensauffällige Kinder leiden als Erwachsene doppelt so wahrscheinlich an chronischen Schmerzen wie ihre Altersgenossen, wie eine Langzeitstudie der University of Aberdeen ergab, die kürzlich im Fachmagazin Rheumatology veröffentlicht wurde.

Mehr als 19.000 Kinder, die 1958 geboren wurden und größtenteils aus England stammen, wurden für die Studie beobachtet – bis zum Alter von 16 Jahren beurteilten Lehrer die Schüler im Hinblick auf mögliche Signale für Schwierigkeiten wie Probleme beim Finden von Freunden, Ungehorsam, Daumenlutschen, Nägelbeißen, Lügen, das Schikanieren anderer und Schuleschwänzen. Im Alter von 42 Jahren füllten die Teilnehmer einen Fragebogen zu psychologischen Problemen aus. Mit 45 Jahren folgte ein weiterer über Schmerzen. In der Folge zeigte sich, dass Kinder mit schweren Verhaltensstörungen ein doppelt so hohes Risiko aufwiesen, an chronischen Ganzkörperschmerzen zu leiden, sowie für psychiatrische Probleme wie Depressionen, Angstgefühle und Drogenmissbrauch.

Die Wissenschafter vermuten die Ursache in einer hormonellen Funktionsstörung, und schlagen vor “bereits in einem früheren Lebensalter einzugreifen”, um so spätere Probleme zu verhindern. Vorgeschlagen werden – angesichts der Finanzierungsströme des derzeitigen Wissenschaftsbetriebes nicht ganz überraschend – natürlich primär pharmakologische Behandlungen, immerhin erklärte Gary Macfarlane, einer der Mitautoren der Studie, aber, dass Veränderungen des Lebensstils sowie des sozialen Umfeldes ebenfalls helfen könnten, dieses Muster zu verändern. Dazu gehörten Sport aber auch das Achten auf Signale psychologischer Notlagen und Verhaltensauffälligkeiten in der Kindheit.

(Quelle: Influence of childhood behaviour on the reporting of chronic widespread pain in adulthood: results from the 1958 British Birth Cohort Study)

Dec 03

Die Effekte von Bleivergiftungen bei Kindern wurden erstmals im Jahre 1892 in Brisbane, Australien beschrieben. Seit damals sind die als akzeptabel erachteten Grenzwerte von Blei im Blut drastisch gefallen. Zuletzt reduzierte das US Center for Disease Control and Prevention im Jahre 1991 den als gesundheitlich unbedenklich erachteten Wert von Blei im Blut auf 10 Mikrogramm pro Deziliter.

Eine Studie an der Universität für Bristol wies nun jedoch nach, daß schon Bleibelastungen weit unterhalb dieses Richtwerts die geistige und emotionale Entwicklung von Kindern deutlich schädigen. Die Mediziner fordern aus diesem Grund, den derzeit geltenden Schwellenwert von zehn Mikrogramm pro Deziliter Blut nochmals zu halbieren.

Bei rund 500 Kindern wurden im Alter von 30 Monaten die Bleikonzentrationen im Blut gemessen. Als die Kinder sieben bis acht Jahre alt waren, prüften die Wissenschafter dann ihr Lese- und Schreibvermögen sowie etwaige Auffälligkeiten des Verhaltens. Jene Teilnehmer mit Konzentrationen zwischen fünf und zehn Mikrogramm Blei pro Deziliter schnitten im Lesen und Schreiben nur halb so gut ab wie die kaum belasteten Kinder. Überschritten die Werte die Schwelle von zehn Mikrogramm, zeigten die Kleinen zudem auffällig oft hyperaktives und unsoziales Verhalten. Unter einem Wert von fünf Mikrogramm fanden die Forscher, die ihre Resultate im Fachblatt “Archives of Disease in Childhood” vorstellen, keine Auffälligkeiten.

Blei wirkt auf Kleinkinder besonders schädlich, weil sie im Vergleich zu Erwachsenen wesentlich größere Mengen des Schwermetalls aufnehmen und im Gewebe einlagern. Obwohl Blei-Additive etwa in Farben oder Benzin seit Jahren verboten sind, ist das Schwermetall in der Umwelt weit verbreitet. In Knochen hält sich Blei bis zu 30 Jahre. Die WHO schätzt, dass weltweit etwa die Hälfte der Stadtkinder unter dem Alter von fünf Jahren höhere Bleiwerte im Blut aufweisen als zehn Mikrogramm pro Deziliter.

(Quellen: [1], [2]. Bild:SPL)

Nov 04

Trotz des großen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in männlichen Jugendlichen für antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. So sollen die Körper von Jugendlichen, die “schwerwiegendes antisoziales Verhalten” gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol ausschütten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, während sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die Aggressivität, besser steuern können. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann müsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach hätte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit [Erziehungsmaßnahmen] zu disziplinieren, man müsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen würden also leichter “antisozial”, ebenso wie andere zur Depression oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tatsächlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische Königsweg ist).

Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man könne “neue Behandlungsweisen für schwere Verhaltensprobleme” entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auffällige Kinder und Jugendliche medikamentös zu behandeln, um so “das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern”. Zudem könne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen – und, so könnte man hinzufügen, ändern müssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

(Quellen: telepolis, University of Cambridge)

Kommentar R.L.Fellner:

Die Frage, wie man möglichst früh und effektiv die Entwicklung von “antisozialem Verhalten” unterbinden kann, beschäftigt englische Wissenschafter schon seit Jahren. Pikanterweise werden zu diesem Verhalten aber nicht nur Kriminaltaten gezählt, sondern auch verhältnismäßig harmlose Handlungen wie etwa Graffitis, Ruhestörung, das Trinken in der Öffentlichkeit, Müll-hinterlassen, Pöbeln oder der Mißbrauch von Feuerwerken. Auch allgemein “lästiges Betragen” zählt das Innenministerium dazu (Liste).

Aus humanistischer Sicht ist diese Entwicklung nicht nur besorgniserregend, sondern auch in höchstem Maße fragwürdig: wer verfolgt das Interesse an “behandelbarem Lästigsein”, wer definiert hier die Grenzziehung zu “sozial erwünschtem” Verhalten und wie darf man sich dieses vorstellen? Erhält zukünftig jedes “ruhestörende”, “Müll hinterlassende” Kind seine tägliche Anpassungs-Pille und seinen ersten Eintrag in den Datenbanken der Krankenkassen?
Die Jugend ist entwicklungspsychologisch eine Phase der Auflehnung und Unangepasstheit – seit den Anfängen der Menschheit. Konsequenter, aber in gewissem Rahmen nachsichtiger Umgang mit dem Verhalten Jugendlicher und ein multiprofessioneller Ansatz haben sich bei massiver oder dauerhafter Verhaltensaufälligkeit bisher gut bewährt – die Ausweitung der pathologischen Grenze, wie sie englische Modell vornimmt, ist deshalb klar abzulehnen. Ein noch weitaus flaueres Magengefühl würde mir als Engländer allerdings der offensichtlich gesellschaftspolitisch inspirierte Trend verursachen, Widerstand, Auflehnung oder fehlende Sozialkompetenz als behandlungsbedürftige Krankheit zu redefinieren und damit entsprechende Angebote der Pharmaindustrie zu provozieren, statt das entsprechende Geld in die Bekämpfung der “anderen” -und wohl viel relevanteren- Ursachen zu stecken: die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen, ein besseres Sozialsystem und vor allem Visionen, die ihr kreatives Potenzial und ihre Ressourcen anregen.

Blog-Begriffswolke:
10.06.18