Sep 21

Studien, die behaupten, dass Videospiele eine positive Wirkung auf kognitive Funktionen haben, sind interessant – aber in der Regel methodisch sehr mangelhaft, wie dieser Woche im Journal ‘Frontiers in Cognition’ ver√∂ffentlicht wurde

Zahlreiche Studien, die w√§hrend der letzten zehn Jahre ver√∂ffentlicht wurden, wollen herausgefunden haben, dass das regelm√§√üige Spielen ‘schneller’ Videospiele wie “Medal of Honor” oder “Grand Theft Auto“, welche schnelle Reaktionen erfordern, “Transfer-Effekte” haben, √ľber die andere kognitive Funktionen, welche visuelle Aufmerksamkeit erfordern, verbessert werden k√∂nnen. Die betreffenden Ergebnisse wurden massiv im Marketing der Softwarefirmen eingesetzt und f√ľhrten sogar zur staatlich finanzierten Entwicklung einschl√§giger Spiele, etwa f√ľr das US-Milit√§r. Einige dieser Studien wurden h√§ufig zitiert und weithin bekannt: so wurde die durch die Wissenschaftler D. Bavelier und S. Green von der University of Rochester in New York ver√∂ffentlichte Studie aus dem Jahre 2003 mehr als 650 Mal zitiert und von vielen Medien h√§ufig als Quasi-Beweis f√ľr die getroffene These ins Treffen gef√ľhrt.

Doch viele dieser Studien – so die Autoren einer Kontrollstudie – enthalten grundlegende methodische M√§ngel und entsprechen nicht den Goldstandards ordnungsgem√§√ü durchgef√ľhrter klinischer Studien. Im Review wurden schwerpunktm√§√üig alle einschl√§gigen Studien der letzten Jahre erfasst, namentlich solche, welche die Auswirkungen der aktuellen, modernen Action-Spiele auf Personen im College-Alter haben.¬† Die M√§ngel all dieser Studien beginnen den Autoren zufolge schon beim Studiendesign: es w√§re allen Teilnehmern klar gewesen, an welcher Art von Studie sie teilnahmen und den “professionellen” Spielern w√§re z.T. ein Sonderstatus zugekommen, der sie dazu motiviert haben k√∂nnte, besonders konzentriert und “repr√§sentativ” f√ľr ihre Position zu spielen. Davon, dass auch die Untersucher wu√üten, wer zu welcher Gruppe geh√∂rte, wurde vermutlich das Verhalten der Teilnehmer und damit wohl auch die Ergebnisse der Untersuchungen beeinflu√üt. Auch andere Faktoren, wie etwa ein mitunter strukturell √§hnlicher Aufbau der kognitiven Testuntersuchung mit jenem der Spiele k√∂nnte die Ergebnisse zugunsten der Ausgangsthese verf√§lscht haben. Nebst einigen anderen Faktoren w√§re es wissenschaftlich auch h√∂chst problematisch, wenn Teilergebnisse aus Untersuchungen in mehreren Arbeiten (von einigen Autoren in bis zu 10 davon) ver√∂ffentlicht werden, was es schwer macht, die Ergebnisse voneinander abzugrenzen, und sei es nur hinsichtlich qualitativer Ma√üst√§be, die an die Methodik der Untersuchung angelegt werden.

Die Autoren der Kontrollstudie weisen darauf hin, dass die Studienm√§ngel nicht unbedingt bedeuten, dass die behaupteten Effekte nicht eintreten k√∂nnten – aus wissenschaftlicher Sicht jedoch m√ľsse eine solche Behauptung mit korrekter Methodik nachgewiesen und moderne Untersuchungsdesigns eingehalten werden, etwa hinsichtlich auch einer Ber√ľcksichtigung genderspezifischer Aspekte. Auch die Methodik der Auswahl und Behandlung der ProbandInnen solle vollst√§ndig dokumentiert werden. Am Ende der Kontrollstudie werden Studienkriterien beschrieben, die zuk√ľnftige einschl√§gige Untersuchungen im Sinne verl√§√ülicherer Ergebnisse ber√ľcksichtigen sollten.

(Quellen: Nature 09/2011, doi:10.1038/news.2011.543; Boot, W. R., Blakely, D. P. & Simons in: Frontiers in Cognition. 2, 226 (2011); Image src:nature.com)

Mar 18

Im Diskussionforum meiner Website wurde von einer Userin dieser Tage eine Frage aufgeworfen, die ich sehr interessant fand: kann ein Fachmann (Psychiater/Psychologe/..) einen Amokl√§ufer tats√§chlich schon “vorzeitig” erkennen?

Ich schicke voraus, da√ü ich ja nur ein “einfacher, kleiner Psychotherapeut” ūüėČ bin, und nicht so hochdekoriert wie mancher der Proponenten, die derartiges fordern. Als solcher aber bezweifle ich die Sinnhaftigkeit dieser Vorschl√§ge, und zwar aus vielerlei Gr√ľnden.

Prinzipiell waren fast alle Gewaltt√§terInnen, vor allem solche, die erweiterten Suizid, Amokl√§ufe etc. begingen, schon vor ihrer Tat in einer bestimmten Weise “auff√§llig” – in Schl√ľsselsituationen, also z.B. im Umgang mit Beh√∂rden, Nachbarn etc. aber wird der hohe innere Druck meist exzellent kompensiert bzw. kaschiert. Fast alle betr. T√§terInnen hatten vor der Tat auch Kontakt zu Beh√∂rden, Psychologen, dem Jugendamt usw. Haben diese also an sich sichtbare “Warnzeichen” √ľbersehen oder sogar ignoriert? Warum sollten sie sie mit “Fr√ľhwarnsystem” pl√∂tzlich besser wahrnehmen oder ernster nehmen?

Dar√ľber hinaus ergibt sich auch noch ein indirektes Problem – wenn jeder B√ľrger, jede B√ľrgerin eine potenzielle Gewaltt√§terin ist, dann “macht das etwas” mit uns… es entfremdet, macht Angst, man mi√ütraut anderen mehr ebenso, wie andere einem vielleicht selbst mehr mi√ütrauen. Und das, obwohl so ein Fr√ľhwarnsystem letztlich nicht viel mehr als eine weitere der vielen Ma√ünahmen unserer heutigen Politik w√§re, die in erster Linie nur ein subjektives Gef√ľhl von Sicherheit bzw. “es wird etwas getan” vermitteln w√ľrden, denn tats√§chlich mehr reale Sicherheit zu garantieren. Eines immanentes Problem des Lebens, n√§mlich da√ü man “vorzeitig” sterben kann – etwa wenn Dritte durchdrehen, einen in einen Unfall verwickeln oder man auf einem Abhang ausrutscht und zu Tode st√ľrzt – wird vermutlich auch in 100 Jahren und bei 1000 zus√§tzlichen Gesetzen und Regeln nicht gel√∂st sein.

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern h√§ufig schneidige und eing√§ngig betitelte Instant-L√∂sungen pr√§sentiert. H√§ufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente f√ľr die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild ¬© Spiegel.de)

Im Versuch, diese Frage zu beantworten, werden von Experten und Politikern h√§ufig schneidige und eing√§ngig betitelte Instant-L√∂sungen pr√§sentiert. H√§ufig gleicht deren Wirkung jedoch jener von Beruhigungstabletten. Vielleicht handelt es sich aber in erster Linie ja auch nur um Marketinginstrumente f√ľr die Kompetenz und Einsatzbereitschaft der involvierten Fachleute und PolitikerInnen. (Bild ¬© Spiegel.de)

Alles in allem handelt es sich meiner bescheidenen Ansicht nach bei den konkreten Vorschl√§gen aber um das Applizieren von Fachsprech-Pampe auf ein massives und wachsendes strukturelles Problem in unserer Gesellschaft, dessen Wurzeln und Zusammenh√§nge von all diesem Gerede oder auch einem pauschalen Verbot sogenannter “Gewalt-Videospiele” √ľberhaupt nicht tangiert werden. Was bleibt, ist der Eindruck, da√ü hier einige Personen die Publicity, die die aktuellen Gewalttaten bringen, dazu nutzen, um sich selbst ins Rampenlicht zu stellen oder neue Koordinatorenjobs an Land zu ziehen.

All dies vorausgeschickt, m√∂chte ich jedoch hervorstreichen, da√ü ich Pr√§vention und “Hochsensibilit√§t” in der Exekutive, dem Sozialbereich usw., und ggf. fr√ľhzeitige Unterst√ľtzungsma√ünahmen bei der Aufdeckung von Gewalt, Mi√übrauch etc. f√ľr in h√∂chstem Ma√üe wichtig halte. Dazu w√ľrde aber das vorhandene Wissen an sich ausreichen, es mu√ü nur auch genutzt und die erforderlichen Ma√ünahmen auch von der √∂ffentlichen Hand unterst√ľtzt werden. In beiden Bereichen – der Wahrnehmung durch Au√üenstehende und effizienter Pr√§vention und Therapie f√ľr das gesamte betroffene soziale System – existieren aber heute erhebliche L√ľcken, und diese werden leider immer gr√∂√üer, statt geschlossen zu werden.

Ein sogenanntes “Fr√ľhwarnsystem” – das wom√∂glich auch noch komplett an sog. “Experten” ausgelagert wird – w√ľrde diese Entwicklung aber vermutlich noch verschlimmern, statt die Sozialkompetenz und soziale N√§he innerhalb der Bev√∂lkerung zu verbessern.

Mehr zum Thema “Verfolgung/Untersuchung auf Verdacht”:

EU-Gesetzesvorschl√§ge: schon Ann√§herungsversuche via Internet (“Grooming”) sollen als Straftat gelten und Sex-Tourismus pauschal strafrechtlich verfolgt werden:
http://derstandard.at/?url=/?id=1233586525171

√Ėsterreich: schon wer im Internet “wissentlich auf eine pornographische Darstellung Minderj√§hriger zugreift”, macht sich zuk√ľnftig strafrechtlich schuldig, einschl√§gige Straft√§ter werden in einer Datenbank erfasst und k√∂nnen z.B. mit Verboten belegt werden, bestimmte Orte zu betreten, aus ihrer Wohnung verwiesen werden u.dgl.:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29924/1.html

√úber das vieldiskutierte “Fr√ľhwarn-System” (erstmals im Fr√ľhjahr 2007 vorgestellt):
http://www.stern.de/wissenschaft/mensch/:Amoklauf-Schulen-Es-Warnsignale/657475.html
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29934/1.html

ÔĽŅ01.09.19