Feb 24

Was als psychische Krankheit gilt und wie diese Krankheiten von einem angenommenen “Normalzustand” abzugrenzen sind, wird durch die diagnostischen Klassifikationsmanuale ICD (International Classification of Diseases, sie enth├Ąlt im Abschnitt 5 die Liste der psychischen und Verhaltensst├Ârungen) und DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation ausschlie├člich psychischer und Verhaltensst├Ârungen) definiert. Diese Klassifikationshilfen verf├╝gen aber nicht nur ├╝ber diese “Definitionsmacht”, sondern haben auch eine enorme Bedeutung in der Gesundheitspolitik, da sie zur Abrechnung psychotherapeutischer und psychiatrischer Leistungen sowie zum Ausstellen von Arbeitsunf├Ąhigkeitsbescheinigungen dienen.
2010 ist nun f├╝r diese beiden Manuale ein wichtiges Jahr: f├╝r neue Versionen beider Klassifikationssysteme werden heuer die ersten Entw├╝rfe zur Ver├Âffentlichung freigegeben, die endg├╝ltigen Fassungen werden dann f├╝r beide zwischen 2013 und 2015 erwartet.

Soeben wurden nun Details der Vorschl├Ąge f├╝r den neuen DSM-V ver├Âffentlicht. Im DSM der American Psychiatric Association (APA) legen die in der Vereinigung vertretenen (vor allem nord-) amerikanischen Psychiater seit dem Jahre 1952 fest, was in ihrem Fachgebiet als Erkrankung anzusehen ist und wie die Diagnosen erstellt werden m├╝ssen. Im Jahr 1994 erschien die vierte und zurzeit aktuelle Auflage (DSM-IV), deren Text 2000 noch einmal ├╝berarbeitet wurde (DSM-IV-TR).
Was ├╝ber die geplanten Neuerungen des DSM-V derzeit bekannt ist sowie diverse organisatorische Prozesse rund um den Neuentwurf sorgen schon jetzt f├╝r heftige Kontroversen in den Expertenkreisen. Der US-Psychiater Robert Spitzer, einer der “V├Ąter” des 1980 erschienenen DSM-III, kritisiert, da├č die “echten” Verhandlungen rund um die Inhalte hinter verschlossenen T├╝ren stattfinden, selbst ihm habe man einschl├Ągige Ausk├╝nfte verwehrt. Sein Nachfolger f├╝r das DSM-IV, Allen Frances, pflichtete dieser Kritik laut einer Meldung in der letzten Ausgabe des Wissenschafts-Magazins Science nun bei. Au├čerdem wurde kritisiert, dass Forscher mit finanziellen Verbindungen zur Pharmaindustrie wesentlich an Erstellung der neuen Ausgabe beteiligt sind.

“Befl├╝gelt durch den enormen wissenschaftlichen Fortschritt der letzten 20 Jahre hofften viele Psychiater auf eine Verbesserung der Diagnosekriterien durch neurowissenschaftliche und genetische Funde. In einem wichtigen Positionspapier aus dem Jahr 2007 hat der Psychiater Steven Hyman von der Harvard Universit├Ąt, der auch an der Leitung des DSM-V beteiligt ist, noch die gro├če Bedeutung solcher Diagnosem├Âglichkeiten hervorgehoben. Wie Science jetzt berichtet, h├Ątten sich diese Erwartungen aber nicht erf├╝llt. Bisher habe man noch keine biologischen Merkmale gefunden, mit deren Hilfe sich psychiatrische Erkrankungen zuverl├Ąssig feststellen lie├čen. Biologische Befunde fallen stattdessen zusammen mit zehn anderen Bereichen, darunter Umweltfaktoren, Pers├Ânlichkeitsz├╝ge und die Reaktion auf Therapien, in eine allgemeine Liste von Empfehlungen, an denen sich die Arbeitsgruppen orientieren sollten.” (tp)

Eine wesentliche ├änderung der kommenden Fassung besteht darin, dass mit der vorherrschenden Alles-oder-nichts-Mentalit├Ąt der Symptome gebrochen wird. Hatte ein Patient beispielsweise f├╝nf von neun Symptomen einer Depression nach DSM-IV-TR, dann galt er als depressiv; waren es hingegen nur vier, dann nicht. In Zukunft sollen diese strengeren Kriterien durch Skalen ersetzt werden, die zum Ausdruck bringen sollen, wie stark bestimmte Symptome ausgepr├Ągt sind. Solcherart soll dem h├Ąufigen Umstand besser gerecht werden, da├č viele Patienten nicht nur an einer einzelnen St├Ârung leiden, sondern an mehreren zur gleichen Zeit.

“Kritisch k├Ânnte man aber fragen, ob ein Patient dann in Zukunft 60 Prozent depressiv, 30 Prozent angstgest├Ârt und 10 Prozent schizophren sein kann und was das bedeutet? Der neue Ansatz k├Ânnte auch dazu f├╝hren, dass die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit weiter verschwimmt. Wenn der Schwellenwert f├╝r eine klinische Diagnose nicht erreicht wird, ist man dann nicht immerhin “etwas” depressiv? Und reicht das dann schon f├╝r eine Behandlung oder nicht? Die dimensionale Vorgehensweise erlaubt den ├ärzten und Psychotherapeuten in Zukunft also mehr Spielraum, l├Âst aber wahrscheinlich nicht die Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen untereinander oder Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen.” (tp)

Dar├╝ber hinaus werden auch eine Reihe neuer Krankheitsdefinitionen eingef├╝hrt, die ebenfalls f├╝r Diskussionsstoff sorgen d├╝rften: Ein “psychosis risk syndrome” (etwa: Psychoserisiko-Syndrom) soll Jugendlichen gerecht werden, die fr├╝he Warnsignale von Psychosen wie z.B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder desorganisierte Sprache aufweisen. Kritiker warnen, das k├Ânne zu einer verfr├╝hten Behandlung junger Menschen mit starken Psychopharmaka und zu einer vielleicht unn├Âtigen Stigmatisierung f├╝hren, Bef├╝rworter dagegen meinen, diesen Menschen damit fr├╝her helfen zu k├Ânenn.
“Hypersexual disorder” (Hypersexualit├Ątsst├Ârung) ist f├╝r Menschen gedacht, die unter wiederkehrenden sexuellen Fantasien, Trieben und Verhaltensweisen leiden. Entgegen den W├╝nschen Transsexueller d├╝rfte es auch weiterhin eine “gender identity disorder” (Geschlechtsidentit├Ątsst├Ârung) geben.

Statt der bisher zw├Âlf wird es im DSM-V wahrscheinlich nur noch f├╝nf Pers├Ânlichkeitsst├Ârungen geben, n├Ąmlich eine Borderline, schizotypische, vermeidende, zwangs-obsessive und antisozial/psychopatische St├Ârung. Damit w├╝rde auch das fr├╝her im DSM vermiedene und gerade im Deutschen aufgrund seiner Missbrauchsgeschichte problematische Wort “psychopathisch” Einzug ins Regelwerk halten. Insbesondere f├╝r Kinder und Jugendliche ist die “temper dysregulation disorder with dysphoria” (etwa mit “Gef├╝hlsregulationsst├Ârung mit schlechter Stimmung” zu ├╝bersetzen) gedacht, die durch ein Wechselspiel ernsthafter Gef├╝hlsausbr├╝che und negativer Stimmungszust├Ąnde charakterisiert ist.

Im Einklang mit einer inzwischen breit akzeptierten Redeweise soll k├╝nftig von den “St├Ârungen des Autismusspektrums” gesprochen werden, anstatt von “der” autistischen Erkrankung. Allerdings w├╝rde damit auch die Diagnose des Asperger-Syndroms wegfallen, zu dessen Untermauerung es an wissenschaftlichen Belegen fehle. Oft wird Asperger f├╝r eine leichte Form von Autismus gehalten.

Bei den Suchterkrankungen hat durchweg eine Ver├Ąnderung des Sprachgebrauchs stattgefunden. Die Redeweise von Missbrauch oder Abh├Ąngigkeit wurde vollst├Ąndig durch diejenige von St├Ârungen ersetzt. So ist nun beispielsweise von einer “alcohol-use disorder” (Alkoholkonsumst├Ârung) anstatt von “alcohol abuse” (Alkoholmissbrauch) oder “dependence” (Alkoholabh├Ąngigkeit) die Rede. Auch auf der allgemeinen Ebene spricht man nicht mehr von Suchterkrankungen oder Abh├Ąngigkeit, sondern von substanzbezogenen St├Ârungen als Oberbegriff. In diese Kategorie will man auch “gambling disorder” (Spielsucht) aufnehmen, neben dem es auch noch das “pathologic gambling” (krankhafte Spielen) geben soll, welches zur Zeit noch in die Kategorie der nicht anderweitig klassifizierten Impulskontrollst├Ârungen f├Ąllt. Ein Pendant f├╝r Internetsucht wurde zwar diskutiert, man m├Âchte diese aber erst dann ins DSM-V aufnehmen, wenn gen├╝gend Forschungsdaten vorliegen.

“Eine Fokussierung auf Gehirn und Genom, die momentan f├╝r viele Forschungsprojekte den Ton angibt, k├Ânnte alternative L├Âsungsm├Âglichkeiten ins Abseits dr├Ąngen. Der in den vergangenen Jahren rasante Anstieg von Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsst├Ârungen d├╝rfte jedenfalls nicht nur Naturwissenschaftlern, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftlern einige R├Ątsel aufgeben, die wahrscheinlich auch nicht durch das DSM-V gel├Âst werden.” (tp)

(Quellen und Ausz├╝ge aus: tp, Science 02/2010)

´╗┐01.09.19