Mar 17

Bildquelle: Jesus.ch. Der zitierte PsychĂ­ater ist lt. eines inhaltlich bemerkenswerten KathPedia-Eintrages aktives Mitglied der Organisation Opus Dei.

Als hĂ€tte das Volk der Hiobsbotschaften noch nicht genug, lĂ€ĂŸt die deutsche Tageszeitung “Die Welt” mit einer neuen Schreckensmeldung aufhorchen: mindestens 400.000 Deutsche und 40.000 Österreicher (grĂ¶ĂŸtenteils sind MĂ€nner gemeint) sollen InternetsexsĂŒchtig sein. Noch schlimmer, so wird ein bisher eher in anderen Forschungsrichtungen aufgefallener, nunmehr aber offenbar Internetsexsucht-“Experte” zitiert: “Viele MĂ€nner können kaum mehr alleine vor einem Computer sitzen, ohne auf einschlĂ€gigen Seiten zu suchen.” Die im Internet mögliche AnonymitĂ€t mache Pornografie weniger stigmatisierend und fĂŒhre zu einer Art Klebeeffekt. “Nicht immer, aber leider sehr hĂ€ufig verlangen die User immer intensivere Reize und wechseln so von Softporno ĂŒber Hardcore zu Gewalt- und schließlich Vergewaltigungspornos”, so der österreichische PsychĂ­ater R. Bonelli im Interview.

Nur gut, dass es da eine einschlĂ€gige Fachtagung vor Ort gibt, die als Ergebnis wohl verkĂŒnden wird, dass die Betroffenen therapiert werden mĂŒssen, am besten von den einschlĂ€gigen Experten. Zur VerstĂ€rkung des GĂ€nsehaut-Effekts schließt man gerne auch an aktuelle Aufreger-Themen an: “[Internetsexsucht] hat durch die neu aufgebrochene PĂ€dophilie-Diskussion an zusĂ€tzlicher AktualitĂ€t gewonnen; und [das Internet hat] der Kinderpornographie zusĂ€tzlichen Spielraum eröffnet.”

“Bei der Internetsexsucht handelt es sich genauso wie bei der Sexsucht generell um eine verdrĂ€ngte, stille und heimliche Sucht, die zu den SchamsĂŒchten zĂ€hlt.” Was auch immer unter diesem Begriff zu verstehen ist. Jene, die glauben, das Problem durch Psychotherapie oder gar im Alleingang bewĂ€ltigen zu können, werden im Artikel von einem anderen Psychiater eines besseren belehrt: “Der ĂŒbermĂ€ĂŸige Konsum sexueller Inhalte im Netz ist als substanzungebundene Sucht zu verstehen, die zeitweise das Regulativ des Frontalhirns ausschaltet. Das rasche Abflauen der Erregung fordert im typischen Fall eine stĂ€ndige ImpulsverstĂ€rkung, sowohl quantitativ als auch mit einer Intensivierung der Inhalte (BrutalitĂ€t und Perversion).” Doch fĂŒr das Ein- oder Ausschalten von Hirnbereichen benötigen wir, das wird von der Pharmaindustrie, der Genforschung und der Psychiatrie ja seit Jahren nimmermĂŒde repetiert, Medikamente oder (bislang glĂŒcklicherweise aber nur in den schlimmsten FĂ€llen!) sog. “Hirnschrittmacher”.

Da haben wir es also: wenn sich das “böse Internet” (wo nur mit totaler Überwachung und staatsseitigen, selektiven Sperren und Filtern den schlimmsten Gefahren beizukommen ist) und Pornografie (sĂ€mtliche ErklĂ€rungen ĂŒberflĂŒssig) sich vereinen, landet man womöglich bei den gefĂŒrchtetsten aller Berufsgruppen: Therapeuten oder Psychiatern.

Meinerseits möchte ich mich von der Medialisierung und Kommerzialisierung dieses Themas (gerade auch durch FachĂ€rzte und Ausbildungsinstitutionen, die doch eigentlich fĂŒr fachlich fundiertere Diagnostik stehen sollten) sowie den moralisierenden Untertönen, die sich in die Beschreibung der Symptome gegenĂŒber sog. “gesunder” oder “normaler” SexualitĂ€t und Partnerschaft mitschwingen, entschieden abgrenzen. Wir benötigen keinen neuen Suchtbegriff, und es ist niemandem (außer den Selbstvermarktungsspezialisten selbstverstĂ€ndlich) geholfen, wenn hunderttausende Menschen per Fachkommentar pathologisiert werden.

Wir haben als sehr hilfreiches Klassifikationskriterium das der “nicht substanzgebundenen AbhĂ€ngigkeiten” (in Unterscheidung zu den “Psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen” gem. ICD-10, und nach bereits sehr umfangreicher Forschungsarbeit das der sog. “Internet-AbhĂ€ngigkeit” (bzw. wie ich 2000 vorschlug, der “AbhĂ€ngigkeit von Neuen Medien“). All diese Begriffe sind weit genug gesteckt, um sĂ€mtliche Devianzen von einem “normalen” (i.S. eines nicht schĂ€dlichen und vor allem frei regulierbaren) PC- oder Internet-Gebrauch zu beschreiben. Ob jemand pornografisches Material aus dem Internet herunterlĂ€dt, mit Freunden tauscht oder “physisch” kauft, ist aus fachlicher Sicht (von dynamischen Faktoren abgesehen) relativ unbedeutend: wir sprechen ja auch nicht von einer “Haltestellen-Heroinsucht”, nur weil die Droge besonders hĂ€ufig und leicht in U-Bahn-, Bus- und Bahnstationen erworben wird. DarĂŒber hinaus ist der Konsum von Pornografie, wie auch jĂŒngste Studien (siehe Quellenverweise unten) wieder bestĂ€tigen, per se weder fĂŒr die Konsumenten selbst, noch fĂŒr deren Beziehungen sonderlich “gefĂ€hrlich”. Problematisch wird er erst dann, wenn eine zwanghafte Komponente hinzukommt, also der Konsum von Pornografie von den Betroffenen kaum mehr reguliert werden kann, wenn andere Lebensaspekte darunter leiden (hĂ€ufig sind dies z.B. berufliche Verpflichtungen, die hĂ€usliche Organisation, soziale Kontakte oder die Partnerschaft dadurch gefĂ€hrdet wird), und zusĂ€tzlich soziale Isolation, Entzugssymptome wie Streß oder  Spannungsphasen oder auch als Parallsymptomatik Depressionen diagnostizierbar sind. Dann allerdings ist “Feuer am Dach”, und es sollte im Interesse einer Wiederfindung des psychischen Gleichgewichts therapeutische UnterstĂŒtzung – möglichst bei Psychotherapeuten, die ĂŒber Erfahrung in der Suchtbehandlung verfĂŒgen – gesucht werden.

(Quellen: [1], [2], [3], [4], [5])

ï»ż01.09.19