{"id":1213,"date":"2012-01-17T23:34:58","date_gmt":"2012-01-17T16:34:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=1213"},"modified":"2016-02-24T15:48:28","modified_gmt":"2016-02-24T14:48:28","slug":"neuroplastizitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/neuroplastizitaet\/","title":{"rendered":"Neuroplastizit\u00e4t &#8211; gezielt das Gehirn ver\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/iveronicawalsh.files.wordpress.com\/2009\/10\/brainrewiring.jpg?w=450&#038;h=450\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/>Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapie\" target=\"_blank\">Psychotherapie<\/a><\/span> &#8220;funktioniert&#8221; und dass viele unserer kleinen und gr\u00f6\u00dferen Schw\u00e4chen st\u00e4rker ver\u00e4nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.<\/p>\n<p>Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/neurobiologie\/\" title=\"Neurobiologie\" target=\"_blank\">Neurobiologie<\/a><\/span> ist jene zur so genannten &#8220;<strong><span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/grundlagen\/neuroplastizitaet\/\" title=\"die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh\u00e4ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver\u00e4ndern\" target=\"_blank\">Neuroplastizit\u00e4t<\/a><\/span><\/strong>&#8221; oder &#8220;<strong>neuronalen Plastizit\u00e4t<\/strong>&#8220;. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh\u00e4ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver\u00e4ndern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizit\u00e4t oder kortikaler Plastizit\u00e4t. Die Grundlagen f\u00fcr diese Entdeckung der Anpassungsf\u00e4higkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.<\/p>\n<p>Forscher an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Ver\u00e4nderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergr\u00f6\u00dfern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.<\/p>\n<p>Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests best\u00e4tigen, dass schon die blo\u00dfe Vorstellung Hirnreale vergr\u00f6\u00dfern l\u00e4sst: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa lie\u00df Freiwillige ein simples Klavierst\u00fcck \u00fcben und untersuchte anschlie\u00dfend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher f\u00fcr die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergr\u00f6\u00dferte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch st\u00e4rker genutzt, entwickeln sich diese offenbar st\u00e4rker &#8211; unsere F\u00e4higkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.<!--adsense--><\/p>\n<p>In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierst\u00fcck zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier ver\u00e4nderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tats\u00e4chlich \u00dcbenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings k\u00f6nnen also offenbar physiologische Ver\u00e4nderungen des Gehirns durch Ver\u00e4nderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.<br \/>\nVerbl\u00fcffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er f\u00e4hig, realistische Bilder von Geb\u00e4uden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.<\/p>\n<p>Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen \u00e4hnliche Effekte auch aus der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapie\" target=\"_blank\">Psychotherapie<\/a><\/span>. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte &#8220;ausprobiert&#8221; &#8211; und k\u00f6nnen zunehmend auch im Leben &#8220;draussen&#8221; umgesetzt werden. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz pers\u00f6nlichen Ziele und Bed\u00fcrfnisse &#8220;erfolgreicher&#8221; machen. Dies erkl\u00e4rt, warum <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapie\" target=\"_blank\">Psychotherapie<\/a><\/span> sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen St\u00f6rungen unterst\u00fctzende Effekte erzielen kann.<\/p>\n<p>In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, k\u00f6nnen auch negative Gedanken gezielt \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Werden jene Gedanken \u00fcberwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann \u00fcber die Funktion der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/grundlagen\/neuroplastizitaet\/\" title=\"die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh\u00e4ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver\u00e4ndern\" target=\"_blank\">Neuroplastizit\u00e4t<\/a><\/span> eine physiologische \u00c4nderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapie\" target=\"_blank\">Psychotherapie<\/a><\/span> durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische M\u00f6nche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/www.persoenlichkeits-blog.de\/weblog\/images\/165.jpg\" alt=\"\" width=\"145\" height=\"149\" \/>Dokumentiert sind heilende Effekte der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/grundlagen\/neuroplastizitaet\/\" title=\"die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh\u00e4ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver\u00e4ndern\" target=\"_blank\">Neuroplastizit\u00e4t<\/a><\/span> auch nach Schlaganf\u00e4llen, in der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/schmerz\/\" title=\"Schmerzbehandlung\" target=\"_blank\">Schmerzbehandlung<\/a><\/span>, beim <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/autismus\/\" title=\"Autismus\" target=\"_blank\">Autismus<\/a><\/span>, bei L\u00e4hmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erw\u00e4hnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizit\u00e4t scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Link-Tipps:<\/em><br \/>\n<a class=\"books\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3895286427\/?tag=rlf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie<\/a> von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)<br \/>\n<a class=\"books\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3593385341\/tag=rlf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Neustart im Kopf<\/a> von Norman Doidge<br \/>\n<a class=\"books\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3442337380\/?tag=rlf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Neue Gedanken &#8211; Neues Gehirn<\/a> von Sharon Begley<br \/>\n<a class=\"books\" href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/psychotherapie_literatur3.phtml#neurobio\" target=\"_blank\">weitere B\u00fccher zum Thema Neurobiologie<\/a><\/p>\n<p><em>Videos:<\/em><br \/>\n<a class=\"movies\" href=\"http:\/\/www.movie-blog.org\/2009\/11\/16\/neustart-im-kopf-wie-sich-unser-gehirn-selbst-repariert-german-doku-ws-dtv-xvid-gda\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Neustart im Kopf<\/a> &#8211; TV-Dokumentation; der kanadische <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/gute_therapie.phtml#tit\" title=\"Psychiater\" target=\"_blank\">Psychiater<\/a><\/span> und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsf\u00e4higkeit des menschlichen Gehirns.<br \/>\n<a class=\"movies\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iAzmyB9PFt4\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Neuroplasticity<\/a> &#8211; <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/icd-10\/gf40.phtml#f431\" title=\"von aussen einwirkende Verletzungen der seelisch-psychischen Integrit\u00e4t\" target=\"_blank\">Traumata<\/a><\/span>, Kultureinfl\u00fcsse, aber auch Jonglieren ver\u00e4ndert das Gehirn<br \/>\n<a class=\"movies\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dJxASN-_WtU\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Norman Doidge &#8211; The Brain that Changes<\/a> &#8211; (Vortrag; am Rande: \u00fcber <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/psychoanalyse\/psychoanalyse.phtml\" title=\"Psychoanalyse\" target=\"_blank\">Psychoanalyse<\/a><\/span> als erster Ansatz, das Denken gezielt zu ver\u00e4ndern)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 80%;\">(Quellen: N. Langer et.al, <a href=\"www.neurology.org\/content\/78\/3\/182.abstract\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Effects of limb immobilization on brain plasticity<\/a> in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 80%;\">Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstver\u00f6ffentlichung: <strong>08\/2010<\/strong>; letztes Update: <strong>18.12.2015<\/strong><br \/>Images: Mihalov<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie &#8220;funktioniert&#8221; und dass viele unserer kleinen und gr\u00f6\u00dferen Schw\u00e4chen st\u00e4rker ver\u00e4nderbar sind, als wir das zu hoffen wagten. 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