{"id":2011,"date":"2013-04-01T11:11:27","date_gmt":"2013-04-01T10:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=2011"},"modified":"2013-04-01T11:11:27","modified_gmt":"2013-04-01T10:11:27","slug":"adhs-medikamente-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/adhs-medikamente-wirkung\/","title":{"rendered":"ADHS-Medikamente von zweifelhafter Wirkung"},"content":{"rendered":"<p>Woran es sicherlich keinen Mangel gibt, sind Erfolgsberichte etwa \u00fcber die positive Wirkung von <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Medikamenten, zahlreiche einschl\u00e4gige Artikel in der Fach- und etwas zeitversetzt dann in der Regel auch in der Laien-Presse. H\u00e4ufig gehen im Zuge des Informationstransports bis zum Endkonsumenten auch die letzten Reste von Wissenschaftlichkeit verloren und weichen einem &#8220;Informationscharakter&#8221;: etwa wenn das Verh\u00e4ltnis von Erfolgs- und Mi\u00dferfolgs-Raten gar nicht mehr Erw\u00e4hnung findet, sondern generalisierend von &#8220;mit Erfolg angewendet&#8221; oder &#8220;Erfolg in der Behandlung von <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym> mit Medikament XY&#8221; gesprochen wird. Wie in anderen Blog-Artikeln angef\u00fchrt, investiert die <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/pharmaindustrie\" title=\"Pharmaindustrie\" target=\"_blank\">Pharmaindustrie<\/a><\/span> dar\u00fcber hinaus deutlich h\u00f6here Anteile ihrer Einnahmen in das Marketing ihrer Produkte als in die Forschung, wobei allerdings nur der geringste Teil des Marketings aus expliziter Werbung besteht &#8211; viel h\u00e4ufiger werden themenorientierte Kongresse mitfinanziert (indirekte Werbung), Studien in Auftrag gegeben (bei denen dann zumeist die Wirksamkeit der eigenen Produkte best\u00e4tigt wird) oder andere vertriebsrelevante Kan\u00e4le gesponsert.<\/p>\n<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.milestonemom.com\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/girl-taking-adhd-medication-300x200.jpg\" width=\"200\" height=\"140\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><acronym title=\"Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (deutsch: Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung \/ ADHS)\">ADHD<\/acronym> Kid (Image \u00a9 123rf.com)<\/p><\/div>\n<p>Ein symptomatisches Beispiel f\u00fcr den sich durch diese Effekte schleichend ver\u00e4ndernden Zugang der Bev\u00f6lkerung zur Anwendung von Medikamenten ist der Bereich des Aufmerksamkeits-Defizit\/Hyperaktivit\u00e4ts-Syndroms (<acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>). Es muss sich dabei entweder um eine regelrechte Epidemie oder um eine Modediagnose handeln, denn bereits 7% aller Kinder (!) werden heute in den USA wegen <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym> behandelt. Warum jedoch dieses St\u00f6rungsbild so h\u00e4ufig aufzutreten scheint, und wie dieser enorme Anstieg an Diagnosen tats\u00e4chlich zu erkl\u00e4ren ist, wird wenig gefragt und ist bis heute in keine Weise gekl\u00e4rt. Bemerkenswert ist insbesondere auch der &#8220;shift&#8221; von ganzheitlichen Behandlungsmodellen zu rein physiologischen. So bestand noch vor wenigen Jahren ein weitgehender Konsens dar\u00fcber, dass die Verhaltensst\u00f6rungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus verhaltensorientierter <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapie\" target=\"_blank\">Psychotherapie<\/a><\/span> (in die auch die Eltern einzubinden sind) bestehen, und nur in schweren F\u00e4llen Medikamente (damals vorrangig das bekannte Ritalin) verschrieben werden sollten. Heute dagegen scheint weitgehende Einigkeit dar\u00fcber zu bestehen, dass eine simple Verabreichung der entsprechenden Medikamente die empfehlenswerte Art der Behandlung darstellt &#8211; jene Variante also, die f\u00fcr die Pharmakonzerne zweifelsfrei die vorteilhafteste, und f\u00fcr Eltern und Lehrer die bequemste Herangehensweise darstellt. Es existiert nun einmal keine Lobby f\u00fcr die kritische Reflexion jahrelanger Medikation von Minderj\u00e4hrigen mit <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/psychopharmaka\/\" title=\"Psychopharmaka\" target=\"_blank\">Psychopharmaka<\/a><\/span>.<!--adsense--> <\/p>\n<p>Die Publikation kritisch-reflektiver Studien wie die eben von <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/gute_therapie.phtml#tit\" title=\"Psychiatern\" target=\"_blank\">Psychiatern<\/a><\/span> des Johns Hopkins Children&#8217;s Center geleitete aktuell gr\u00f6\u00dfte Langzeitstudie zum Thema, welche im Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry ver\u00f6ffentlicht wurde, sind daher die Ausnahme. In ihr wurden 207 klinisch mit <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym> diagnostizierte Vorschulkinder (75 Prozent davon Jungen) untersucht. Weitere Testungen der Kinder erfolgten 3 Monate sp\u00e4ter, bevor die Kinder an andere \u00c4rzte \u00fcberwiesen und teils mit Medikamenten wie etwa Methylphenidat behandelt wurden. Nach 3, 4 und 6 Jahren wurden die Kinder erneut von \u00c4rzten auf die <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Symptome untersucht. Eltern und Lehrer beurteilten zus\u00e4tzlich die Schwere der Kernsymptome Konzentrationsst\u00f6rungen, Hyperaktivit\u00e4t und Impulsivit\u00e4t. Analysiert wurden die Ver\u00e4nderungen der Symptome \u00fcber die Zeit und die Diagnose.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse sind zumindest f\u00fcr die Pharmakonzerne, aber auch f\u00fcr die Eltern und die behandelnden \u00c4rzte, welche sich von einer medikament\u00f6sen Therapie ja Besserung oder Heilung erwarten, ern\u00fcchternd. Zwar ging bei einigen Kindern die Intensit\u00e4t der <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Symptome zur\u00fcck, bei der Mehrheit der Kinder bewirkten die Medikamente jedoch nichts, das <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym> blieb in diesem Sinne chronisch. M\u00f6glicherweise auch deshalb, da die jeweiligen Eltern und \u00c4rzte sich ausschlie\u00dflich auf die Wirkung der Medikamente verlie\u00dfen, dieser Aspekt wurde in der Studie jedoch nicht untersucht. Fest steht jedoch, dass 89% der an der Studie dauerhaft teilnehmenden Kinder auch nach 6 Jahren noch schwere <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Symptome zeigten.<\/p>\n<p>Bemerkenswerterweise war es praktisch egal, ob sie, wie zwei Drittel der Kinder, Medikamente erhielten oder diese abgesetzt wurden &#8211; daraus lie\u00dfen sich keine Vorhersagen \u00fcber die St\u00e4rke der Symptome ableiten. 62 der Kinder, die mit Anti-<acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Medikamenten behandelt wurden, zeigten weiter signifikante Konzentrationsst\u00f6rungen, bei den Kindern ohne Medikamente waren es mit 58 Prozent kaum weniger. Dass Pharmakonzerne keinerlei Interesse daran haben, kritische Studien wie diese zu finanzieren, liegt auf der Hand.<!--adsense--> <\/p>\n<p>Interessantes wird dagegen entdeckt, wenn doch einmal neutrale Untersuchungen nichtmedikament\u00f6ser Behandlungsans\u00e4tze stattfinden und finanziert werden. Einer aktuellen Metastudie (auf der Basis von 54 Studien mit fast 3.000 Patienten) der europ\u00e4ischen <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Leitliniengruppe zufolge, welche im American Journal of Psychiatry erschien, ist &#8211; eine korrekte <acronym title=\"Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivit\u00e4ts-St\u00f6rung (engl.: Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD))\">ADHS<\/acronym>-Diagnose einmal vorausgesetzt &#8211; der Griff zum Medikament nicht unbedingt notwendig. Hier wurden in Doppelblindstudien vor allem einer Ern\u00e4hrungsumstellung positive Wirkungen auf die Hauptsymptome Impulsivit\u00e4t, schlechte Aufmerksamkeit und motorische Unruhe bescheinigt.<\/p>\n<p>Wirksam erwies sich vor allem die <em>Vermeidung k\u00fcnstlicher Lebensmittelfarben und noch st\u00e4rker die Vermeidung von Lebensmitteln, gegen welche die Patienten eine Unvertr\u00e4glichkeit besitzen<\/em>. Daraus k\u00f6nne man nicht notwendig ableiten, dass andere Therapieans\u00e4tze keine Besserung erzielen. Es gebe allerdings aufgrund von Finanzierungsproblemen zu wenige valide Studien, weswegen die Datenlage ungen\u00fcgend sei, sagt Prof. Dr. M. Holtmann von der LWL-Universit\u00e4tsklinik der RUB in Hamm, Mitautor der Studie.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 85%;\">(Quellen: <a href=\"http:\/\/www.jaacap.com\/article\/S0890-8567%2812%2900993-8\/abstract\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">The Preschool Attention-Deficit\/Hyperactivity Disorder Treatment Study (PATS) 6-Year Follow-Up<\/a> in: Journal of the American Academy of Child &amp; Adolescent Psychiatry Vol 52, Issue 3, p264-278.e2, March 2013; <a href=\"http:\/\/ajp.psychiatryonline.org\/article.aspx?articleid=1566975\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Nonpharmacological Interventions for ADHD: Systematic Review and Meta-Analyses of Randomized Controlled Trials of Dietary and Psychological Treatments<\/a> in: American Journal of Psychiatry 2013;170:275-289. 10.1176\/appi.ajp.2012.12070991; Telepolis [<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/38\/38550\/1.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">1<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/blogs\/3\/153701\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">2<\/a>]) <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Woran es sicherlich keinen Mangel gibt, sind Erfolgsberichte etwa \u00fcber die positive Wirkung von ADHS-Medikamenten, zahlreiche einschl\u00e4gige Artikel in der Fach- und etwas zeitversetzt dann in der Regel auch in der Laien-Presse. 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