{"id":2168,"date":"2014-10-05T15:44:12","date_gmt":"2014-10-05T14:44:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=2168"},"modified":"2014-10-22T23:30:31","modified_gmt":"2014-10-22T22:30:31","slug":"sexueller-missbrauch-gesetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/sexueller-missbrauch-gesetz\/","title":{"rendered":"Kann sexueller Missbrauch gesetzlich verhindert werden?"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/timedotcom.files.wordpress.com\/2014\/06\/sexual-assault-college.jpg?w=230\" alt=\"Foto: Time\" width=\"230\" height=\"160\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Time<\/p><\/div>\n<p>Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universit\u00e4ten zuk\u00fcnftig &#8220;bewilligungspflichtig&#8221; sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz &#8220;Bill 967&#8221; wird Universit\u00e4ten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Ma\u00dfnahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, wenn sie zuk\u00fcnftig noch staatliche F\u00f6rderung erhalten wollen. Lebt es sich denn in kalifornischen Universit\u00e4ten so gef\u00e4hrlich? Offenbar ja: beinahe jede 5. Studentin wurde dort angeblich bereits einmal Opfer &#8220;sexuellen Missbrauches&#8221;. Die Apostrophierung ist bewu\u00dft gew\u00e4hlt, denn in einem Staat, der beabsichtigt, sexuelle Handlungen als strafbar zu definieren, sofern sie nicht davor und w\u00e4hrend dessen mehrmals explizit &#8211; verbal oder schriftlich &#8211; als erw\u00fcnscht bezeichnet werden, scheint die Grenze des Erlaubten sehr eng gesteckt.<\/p>\n<p>&#8220;Passive&#8221; Zustimmung wird also zuk\u00fcnftig nicht ausreichen, damit sich StudentInnen auf legale Weise sinnlichen Freuden hingeben k\u00f6nnen, diese allein w\u00e4re zuk\u00fcnftig als Missbrauch wertbar. Vielmehr wird w\u00e4hrend erotischer oder sexueller Aktivit\u00e4ten, damit verbundener Positions\u00e4nderungen, &#8220;Steigerungsstufen&#8221; und dergleichen die Zustimmung mehrmals &#8220;<em>enthusiastisch<\/em>&#8221; (Nova Scotia Student Group) wiederholt werden m\u00fcssen (<em>&#8220;(only) yes means yes!&#8221;<\/em>), da anf\u00e4ngliches Einverst\u00e4ndnis zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt ja auch Ablehnung weichen kann. Dies ist nat\u00fcrlich v\u00f6llig richtig &#8211; aber w\u00fcrde jemand, der &#8211; etwa, weil er Gewaltt\u00e4ter oder stark betrunken ist &#8211; diese Regelungen denn auch befolgen? W\u00fcrde die Anzahl seiner Taten abnehmen? Sehr wahrscheinlich nicht. An amerikanischen Universit\u00e4ten existieren auch Regelungen, denen zufolge Alkoholkonsum erst ab dem 21. Lebensjahr erlaubt ist, dennoch sind gerade die US-Campuses f\u00fcr den dort herrschenden, z.T. massiven Alkoholmissbrauch bekannt. Tats\u00e4chlich zeigen zahlreiche Studien, dass Missbrauch in aller Regel keineswegs eine Folge &#8220;mi\u00dfverst\u00e4ndlicher Signale&#8221; w\u00e4hrend zwischenmenschlichen Kontakten ist, sondern T\u00e4terInnen vielmehr ganz bewusst die Grenzen ihrer Opfer ignorieren. Somit wird das Gesetz aber weder Missbrauchsopfern helfen noch die Missbrauchszahlen senken &#8211; entgegen dem etwas naiven Glauben, ein Gesetz w\u00fcrde alleine durch seine Existenz die Gesellschaft ver\u00e4ndern, w\u00fcrden T\u00e4terInnen im Fall des Falles vermutlich einfach auch bez\u00fcglich der expliziten Zustimmung l\u00fcgen und behaupten, das Opfer h\u00e4tte &#8220;eindeutig&#8221; dem Akt zugestimmt&#8230;<\/p>\n<p>Aus gendersensibler Perspektive wird dem weiblichen Geschlecht und dem Ziel einer Nivellierung der geschlechtsspezifischen Machtgef\u00e4lle zudem h\u00f6chst wahrscheinlich wieder einmal ein B\u00e4rendienst erwiesen: die Annahme etwa, dass unter Einfluss von Alkohol keine legitime Zustimmung zu sexuellen Handlungen m\u00f6glich ist, entpuppt sich bei n\u00e4herem Hinsehen als Doppelmoral. M\u00e4nner werden als potenzielle Vergewaltiger betrachtet, und Frauen als ihre hilflosen Opfer (oder, um aktuellere Termini zu verwenden, &#8220;\u00dcberlebende&#8221;). Wenn sich zwei junge Menschen betrinken und dann Sex haben, ist der Mann f\u00fcr sein Verhalten verantwortlich, sie aber nicht f\u00fcr ihres. Sogar wenn sie &#8220;ja&#8221; sagt, muss er ihr im Interesse seiner eigenen Sicherheit im Zweifel unterstellen, dies nicht autonom entscheiden zu k\u00f6nnen. Wie weitgehend bekannt sein d\u00fcrfte, ist &#8220;betrunkener Sex&#8221; nat\u00fcrlich so gut wie immer mit Handlungen verbunden, die man &#8220;in n\u00fcchternem Zustand so sicher nicht getan h\u00e4tte&#8221;. Doch w\u00e4hrend fr\u00fcher eine junge Frau eine solche Nacht als Lernerfahrung verbucht und dann wieder den Blick nach vorne gerichtet\u00a0h\u00e4tte, vermittelt man ihr heute, dass es sich dabei um ein zerst\u00f6rerisches <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/icd-10\/gf40.phtml#f431\" title=\"eine von aussen einwirkende Verletzung der seelisch-psychischen Integrit\u00e4t\" target=\"_blank\">Trauma<\/a><\/span> handelt, f\u00fcr das sie keine Verantwortung tr\u00e4gt.<!--adsense--><\/p>\n<p>Ist ein derartiges Gesetz &#8211; unabh\u00e4ngig von den dahinterstehenden positiven Intentionen! &#8211; \u00fcberhaupt sinnvoll und ausreichend lebensnah? Es definiert Sex in den meisten &#8220;erwachsenen&#8221; Paarbeziehungen n\u00e4mlich ab sofort als Vergewaltigung, weil selten mehr als nur nonverbale Signale (wenn \u00fcberhaupt) abgegeben werden d\u00fcrften, wenn mit sexuellen Handlungen begonnen wird. Ideologische \u00dcberlegungen und surreale \u00c4ngste scheinen Vorrang vor realen Fakten zu haben, wenn reale aber doch seltene Gefahren als <em>&#8220;Welle der Gewalt&#8221;<\/em> oder die Gesellschaft gar als <em>&#8220;rape society&#8221;<\/em><sup>1<\/sup> verzerrt dargestellt und dann auf dieser Grundlage drastische Gesetze beschlossen werden, welche massiv in die sozialen Beziehungen eingreifen. Frauen werden hierbei infantilisiert und hilflos dargestellt, ja ihnen unter bestimmten Umst\u00e4nden sogar die F\u00e4higkeit zu bewussten Handlungen abgesprochen, w\u00e4hrend M\u00e4nner das &#8220;gef\u00e4hrliche&#8221; Geschlecht und potenzielle Vergewaltiger seien, vor denen die jungen, per definitionem hilflosen Frauen gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Tats\u00e4chlich weisen US-Anw\u00e4lte auf Konflikte zwischen dem neuen Gesetz und den B\u00fcrgerrechten hin, welche Partnerschaft als sch\u00fctzenswerten Bereich definieren, in den sich der Gesetzgeber nicht einzumischen hat<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p>Interessanterweise existieren \u00e4hnliche Regelungen auf freiwilliger Basis bereits seit etwa 1 Jahr an den Universit\u00e4ten von Texas, Yale und einigen Campuses der State University of New York. Dort wird von einer h\u00f6heren &#8220;Bewu\u00dftheit&#8221; hinsichtlich des Themas sexuellen Mi\u00dfbrauches berichtet (was auch immer das konkret bedeuten mag), die Zahlen gemeldeter \u00dcbergriffe selbst seien aber unver\u00e4ndert, &#8220;mehr Forschung&#8221; sei n\u00f6tig. Sollte diese aber nicht <em>vor<\/em> der Einrichtung von Gesetzen stehen, die massiv in das Privatleben von B\u00fcrgerInnen eingreifen?<\/p>\n<p>Zum Weiterlesen:<br \/>\n\u2022 <a href=\"http:\/\/www.slate.com\/blogs\/xx_factor\/2014\/06\/16\/affirmative_consent_california_weighs_a_bill_that_would_move_the_sexual.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">\u201cNo Means No\u201d Isn\u2019t Enough. We Need Affirmative Consent Laws to Curb Sexual Assault.<\/a> (1)<br \/>\n\u2022 <a href=\"http:\/\/libertyunyielding.com\/2014\/03\/09\/california-activists-seek-redefine-quiet-consensual-sex-rape\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">California activists seek to redefine quiet, consensual sex as rape through Senate Bill 967<\/a> (2)<br \/>\n&bull; <a href=\"http:\/\/www.npr.org\/blogs\/thetwo-way\/2014\/08\/29\/344230662\/california-passes-affirmative-consent-sexual-assault-bill\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">California Lawmakers Pass &#8216;Affirmative Consent&#8217; Sexual Assault Bill<\/a><br \/>\n&bull; <a href=\"http:\/\/www.newrepublic.com\/article\/119459\/californias-campus-consent-laws-every-sex-act-potential-crime\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">&#8216;Affirmative Consent&#8217; Is Bad for Women<\/a><br \/>\n\u2022 <a href=\"http:\/\/thoughtcatalog.com\/dave-joseph\/2014\/06\/new-california-law-could-require-students-to-sign-a-form-for-consensual-sex\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">New California Law Could Require Students To Sign A Form For Consensual Sex<\/a><br \/>\n\u2022 <a href=\"http:\/\/inpublicsafety.com\/2014\/09\/the-legal-definition-of-consensual-sex-is-likely-to-change-in-california-what-it-means\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">The Legal Definition of Consensual Sex is Likely to Change in California: What It Means<\/a><br \/>\n<!-- http:\/\/www.theglobeandmail.com\/globe-debate\/can-she-consent-to-sex-after-drinking\/article17158564\/ --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universit\u00e4ten zuk\u00fcnftig &#8220;bewilligungspflichtig&#8221; sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz &#8220;Bill 967&#8221; wird Universit\u00e4ten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Ma\u00dfnahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[110,91],"class_list":["post-2168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-zeitgeschehen","tag-missbrauch","tag-sexualitat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2168"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2170,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2168\/revisions\/2170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}