{"id":2172,"date":"2015-01-11T18:48:03","date_gmt":"2015-01-11T17:48:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=2172"},"modified":"2016-01-23T04:36:02","modified_gmt":"2016-01-23T03:36:02","slug":"islam-gewalt-charlie-hebdo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/islam-gewalt-charlie-hebdo\/","title":{"rendered":"Islam und Gewalt &#8211; die &#8216;Charlie Hebdo&#8217;-Morde"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.newyorker.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Packer-Hebdo-461137076-290-150.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"150\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Tribut f\u00fcr die Todesopfer w\u00e4hrend der Attacke auf &#8220;Charlie Hebdo&#8221; am Place de la R\u00e9publique (Paris). Bild: Aurelien Meunier\/Getty<\/p><\/div>\n<p>Der Schock \u00fcber das Attentat in Paris sitzt tief &#8211; und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anh\u00e4ngern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich &#8211; 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die H\u00e4lfte der \u00d6sterreicher den Islam als Gefahr f\u00fcr die \u00f6sterreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in \u00d6sterreich habe.<\/p>\n<p>Eine der Ursachen f\u00fcr diese Entwicklung k\u00f6nnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bev\u00f6lkerung an der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gef\u00fchl von &#8220;Unterwanderung&#8221; liegen. Aus soziologischen Untersuchungen wei\u00df man, das hief\u00fcr bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gr\u00fcnde wie in kulturellen Unterschieden oder religi\u00f6sen Vorschriften begr\u00fcndete \u00c4u\u00dferlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs\/Hijabs\/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. &#8220;Islamischen Staates&#8221; in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verst\u00e4rkt das Gef\u00fchl von &#8220;unheimlichen&#8221;, &#8220;gef\u00e4hrlichen&#8221; Muslimen.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich h\u00e4ufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam f\u00fcr nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass pers\u00f6nlich Bekannte nicht zuallererst \u00fcber ihren religi\u00f6sen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angeh\u00f6riger anderer religi\u00f6ser Richtungen den Islam \u00fcberhaupt korrekt einsch\u00e4tzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion w\u00e4re &#8220;wortw\u00f6rtlich zu nehmen&#8221;, w\u00e4hrend andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewisserma\u00dfen &#8220;Aktualisierungen&#8221; der urspr\u00fcnglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann &#8220;<em>..aber Gott wei\u00df es besser.<\/em>&#8221; abgeschlossen, also ausgedr\u00fcckt, dass man als Mensch die m\u00f6gliche Bedeutung des Verses wom\u00f6glich gar nicht verstehen k\u00f6nne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es m\u00f6glich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anf\u00fchren, denen zufolge etwa &#8220;Ungl\u00e4ubige zu vernichten seien&#8221;, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.<!--adsense--><\/p>\n<p>Wir als Angeh\u00f6rige eines stark christlich gepr\u00e4gten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation &#8220;hiesiger&#8221; heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind get\u00f6tet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex w\u00e4hrend der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten &#8220;aufgekl\u00e4rten Gesellschaft&#8221; immer noch viele strenggl\u00e4ubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen w\u00fcrden tats\u00e4chlich solchen T\u00f6tungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch gepr\u00e4gten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszu\u00fcben (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scharia\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Scharia<\/a>), zumindest in Teilbereichen anders &#8211; aus diesen Gr\u00fcnden kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, &#8220;der Islam an sich&#8221; sei eine friedliche, gewaltlose Religion &#8211; ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religi\u00f6s begr\u00fcndet worden.<\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/mritems\/Images\/2014\/8\/6\/201486153831628580_20.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"170\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Photo src: AlJazeera.com<\/p><\/div>\n<p>Ich m\u00f6chte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben &#8211; der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/icd-10\/gf40.phtml#f431\" title=\"von aussen einwirkende Verletzungen der seelisch-psychischen Integrit\u00e4t\" target=\"_blank\">Traumata<\/a><\/span> etc. befa\u00dft hat, bef\u00fcrchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gew\u00fcnschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch st\u00e4rkeren Isolierung der orthodox Gl\u00e4ubigen f\u00fchren d\u00fcrfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bev\u00f6lkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als &#8220;Bewegung der [\u00f6konomischen, politischen] Verlierer&#8221;, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive erm\u00f6glicht werden kann. In Europa w\u00e4re es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angeh\u00f6rt (und zu dem \u00fcbrigens auch &#8220;originale&#8221; Mitteleurop\u00e4er z\u00e4hlen!), wo immer es relevant sein k\u00f6nnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. &#8220;Sekten&#8221; haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorit\u00e4t zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich \u00fcbrigens auch in den muslimischen L\u00e4ndern selbst, wo sich selbstverst\u00e4ndlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzuf\u00fcgen haben.<\/p>\n<p>Hinsichtlich gef\u00fcrchteter Attent\u00e4ter m\u00f6chte ich auf die Arbeiten von <a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/psychotherapie_literatur.phtml#trauma\" target=\"_blank\">Arno Gruen<\/a> verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen k\u00f6nnen Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei sp\u00e4ter gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltaus\u00fcbung f\u00fchren. Die Unterdr\u00fcckten bleiben &#8211; gerade auch bei Hassgef\u00fchlen den Beherrschenden gegen\u00fcber &#8211; mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gef\u00fchlen und zu ihrer Kernidentit\u00e4t verloren. Derartig emotional gest\u00f6rte Menschen agieren h\u00e4ufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewaltt\u00e4tig erlebt haben.<\/p>\n<p>Immerhin aber haben sie tats\u00e4chlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attent\u00e4ter sind jedoch keineswegs immer nur &#8220;Betroffene&#8221;. Von Soziopathen etwa wei\u00df man, dass sie h\u00e4ufig unbewu\u00dft nach M\u00f6glichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerst\u00f6rung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann f\u00fcr sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewisserma\u00dfen nur ein Vehikel f\u00fcr die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den f\u00fcr viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausl\u00e4nder, welche in den fernen Osten &#8220;pilgern&#8221; (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und &#8220;Ungl\u00e4ubige zu vernichten&#8221;, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als M\u00f6glichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzuf\u00fcgen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen &#8220;Glaubensbr\u00fcdern&#8221; zu inszenieren und selbst zu erleben &#8211; und zwar ohne Konsequenzen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Der Islam wird damit f\u00fcr derartige, in ihrer Pers\u00f6nlichkeit und Humanit\u00e4t schwerst gest\u00f6rte Menschen zu einer Projektionsfl\u00e4che und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.<\/p>\n<p>Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen m\u00fcssen: erstere, indem sie der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber differenzieren &#8211; weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bev\u00f6lkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) W\u00e4hlerstimmen fischen. Islamische Schl\u00fcsselpers\u00f6nlichkeiten wiederum m\u00fc\u00dften klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz f\u00fcr Gewaltt\u00e4ter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Der &#8220;Shift&#8221; unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t und kultureller Vielfalt bringt erh\u00f6hten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrit\u00e4t unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten st\u00e4rken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, ben\u00f6tigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schlie\u00dfen und durch gezielten Dialog zu \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 85%;\">Quellen:<\/span><\/p>\n<ul style=\"font-size: 85%;\">\n<li><a href=\"http:\/\/www.falter.at\/heureka\/2013\/06\/orientalistik\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Warum der Koran nicht wortw\u00f6rtlich zu nehmen ist, sondern stets neu interpretiert werden muss<\/a> (Werner Sturmberger im &#8220;Falter&#8221; Ausg. 03\/13)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/themen\/aktuelle-meldungen\/2015\/religionsmonitor\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Umfrage Bertelsmann-Stiftung \/ Emnid<\/a> <!-- http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43806\/1.html --><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000010210943\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Umfrage Market-Institut<\/a> (Artikel in: Der Standard, 01\/2015)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.uibk.ac.at\/theol\/leseraum\/bibel\/lev20.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Bibel, Buch Levitikus, Kapitel 20<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/s\/?_encoding=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;field-keywords=arno%20gruen&amp;linkCode=ur2&amp;site-redirect=de&amp;sprefix=arno%20gr%2Caps&amp;tag=rlf&amp;url=search-alias%3Daps\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Literaturliste Arno Gruen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schock \u00fcber das Attentat in Paris sitzt tief &#8211; und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anh\u00e4ngern. 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