{"id":2184,"date":"2015-10-20T09:47:53","date_gmt":"2015-10-20T08:47:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=2184"},"modified":"2016-01-23T04:32:39","modified_gmt":"2016-01-23T03:32:39","slug":"viagra-frauen-kommunikation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/viagra-frauen-kommunikation\/","title":{"rendered":"Viagra f\u00fcr Frauen: weniger effektiv als Kommunikation"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/www.yypharm.com\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/addyi.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"211\" \/>Ein gefundenes Fressen f\u00fcr die Medien war die k\u00fcrzliche Freigabe von <em>Flibanserin<\/em> (vertrieben als &#8220;Addyi&#8221;) in den USA, ein neu entwickeltes Medikament, das die Lust von Frauen auf Sex steigern soll. Im Unterschied zu Viagra wirkt Flibanserin allerdings weniger auf k\u00f6rperlicher, sondern vielmehr auf neurologischer Ebene: eigentlich handelt es sich bei dem Medikament um ein <em>Antidepressivum<\/em>, das den <acronym title=\"ein Neurotransmitter\">Serotonin<\/acronym>-Spiegel (welcher lusthemmend wirkt) absenkt, und die Konzentration der Gl\u00fcckshormone Dopamin und Noradrenalin anhebt (was sich libidosteigernd auswirken kann). Insofern ist auch der &#8216;modus operandi&#8217; der Einnahme wie bei AD&#8217;s: die Pille mu\u00df <em>t\u00e4glich<\/em> eingenommen werden, egal, ob Sex geplant ist oder nicht. Und frau mu\u00df mit Nebenwirkungen rechnen, wie sie auch bei der Einnahme von <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/antidepressiva\/\" title=\"Antidepressiva\" target=\"_blank\">Antidepressiva<\/a><\/span> auftreten k\u00f6nnen, etwa <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/pressespiegel\/schlaflosigkeit\/\" title=\"Schlafst\u00f6rungen\" target=\"_blank\">Schlafst\u00f6rungen<\/a><\/span>, Schwindel, \u00dcbelkeit, Schl\u00e4frigkeit, Angstsymptomen. Gef\u00e4hrlich soll die Einnahme gar in Verbindung mit Alkoholkonsum sein &#8211; was gerade bei einem solchen Arzneimittel einigerma\u00dfen ironisch anmutet.<\/p>\n<p>Zugelassen wurde das Mittel f\u00fcr Frauen vor der Menopause, welche an einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden. Hief\u00fcr wurden, wohl aus Marketing-Gr\u00fcnden, sogar zwei neue Krankheitsbegriffe geschaffen: &#8220;Hypoactive Sexual Desire Disorder&#8221; (HSDD) und &#8220;Female Sexual Dysfunction&#8221; (FSD) und prompt Studien pr\u00e4sentiert, denen zufolge bis zu 25% der Frauen an dieser &#8220;St\u00f6rung&#8221; leiden sollen. All dies, obwohl ja Libidomangel bereits sowohl im Diagnoseverzeichnis <a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/icd-10\/gf50.phtml#f520\" target=\"_blank\">ICD-10<\/a> als auch dem DSM definiert ist. Laut der zulassenden <acronym title=\"Federal Drug Administration \/ US-Lebensmittel- und Medikamentenbeh\u00f6rde \">FDA<\/acronym> soll das Medikament nur verschrieben werden, wenn der Lustmangel nicht durch die aktuellen Lebensumst\u00e4nde bedingt ist, also z.B. durch Schwangerschaft, Stillphase, Krankheiten, Medikamenteneinnahme oder Probleme in der Partnerschaft. Man braucht jedoch kein gro\u00dfer Skeptiker zu sein, um zu bezweifeln, dass besonders in der USA die wenigsten \u00c4rzte z\u00f6gern werden, ihren Patientinnen Antidepressiva dieser speziellen Art zu verschreiben.<!--adsense--><\/p>\n<p>Die konkrete Wirkung des Medikaments ist fragw\u00fcrdig: im Vergleich mit Placebos hatten Frauen, die Flibanserin\/Addyi einnahmen, gerade einmal 1\/2-1x h\u00e4ufiger Sex.<\/p>\n<p>Insofern wirft die Freigabe des Arzneimittels unweigerlich Fragen auf: mu\u00df denn in einer funktionierenden Partnerschaft tats\u00e4chlich ein Partner Medikamente einnehmen, nur weil beide unterschiedlich oft Lust versp\u00fcren? Und wenn es denn schon sein mu\u00df, warum gerade mit einem Medikament behandeln, das offenbar nicht nur kaum wirkt, sondern auch die bescheidene Wirksamkeit mit dem Risiko signifikanter Nebenwirkungen erkauft?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wies nun eine neue an der MedUni Wien durchgef\u00fchrte Studie nach, dass Placebos sich als zumindest ebenso wirksam f\u00fcr die sexuelle Libido der Frau erweisen wie beide aktuell verf\u00fcgbaren &#8220;Behandlungsmethoden&#8221; mittels Flibanserin oder <acronym title=\"Hormon (spielt wichtige Rolle f\u00fcr soziale Interaktionen und Bindungen)\">Oxytocin<\/acronym>. Die Studienleiterin, M. Bayerle-Edereine, erkl\u00e4rt sich dies mit der intensiveren und offeneren Kommunikation der Paare als Begleiterscheinung der Studie, und sagt zudem: &#8220;Sexuelle Probleme sind h\u00e4ufiger durch laufenden Stress verursacht als durch M\u00e4ngel im weiblichen Hormonhaushalt.&#8221; Auch wenn das eine das andere nicht ausschlie\u00dft, und auch hormonelle St\u00f6rungen durchaus stre\u00dfbedingt sein k\u00f6nnen, kann ich aus der Arbeit mit Paaren dennoch best\u00e4tigen, dass das Grundelement erfolgreicher <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/sexualtherapie\/sexualtherapie_wien.phtml\" title=\"Sexualtherapie\" target=\"_blank\">Sexualtherapie<\/a><\/span> zun\u00e4chst in der <em>Beseitigung der H\u00fcrden zu einer erf\u00fcllenden Sexualit\u00e4t<\/em> besteht. Insofern sind zun\u00e4chst einmal m\u00f6gliche Ursachen zu erkunden und zu behandeln, statt gleich zu den erstbesten Medikamenten zu greifen, die versprechen, die Probleme auf &#8220;technische&#8221; Weise zu beseitigen.<\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Artikel zum Thema:<br \/>\n<span class=\"document\">Moynihan, Ray: &#8220;<a href=\"http:\/\/www.bmj.com\/content\/326\/7379\/45\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">The making of a disease: female sexual dysfunction<\/a>&#8220;, BMJ 2003; 326:45 doi: http:\/\/dx.doi.org\/10.1136\/bmj.326.7379.45, 2003<\/span><br \/>\n<span class=\"document\">Moynihan, Ray: &#8220;<a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1136\/bmj.c5050\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Merging of marketing and medical science: female sexual dysfunction<\/a>&#8220;, BMJ 2010; 341:c5050 doi: http:\/\/dx.doi.org\/10.1136\/bmj.c5050, 2010<\/span><br \/>\n<span class=\"document\">Dana A. Muin et al.: &#8220;<a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1016\/j.fertnstert.2015.06.010\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Effect of long-term intranasal oxytocin on sexual dysfunction in premenopausal and postmenopausal women: a randomized trial&#8221;, in: Fertility and Sterility (2015). DOI: 10.1016\/j.fertnstert.2015.06.010<\/span><br \/>\nImage source: http:\/\/www.yypharm.com\/<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gefundenes Fressen f\u00fcr die Medien war die k\u00fcrzliche Freigabe von Flibanserin (vertrieben als &#8220;Addyi&#8221;) in den USA, ein neu entwickeltes Medikament, das die Lust von Frauen auf Sex steigern soll. 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