{"id":2460,"date":"2020-07-10T20:39:59","date_gmt":"2020-07-10T19:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=2460"},"modified":"2021-10-15T04:22:44","modified_gmt":"2021-10-15T03:22:44","slug":"soziale-kontrollgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/soziale-kontrollgesellschaft\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg in die soziale Kontrollgesellschaft?"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/img\/blog\/freespeech.jpg\" alt=\"Freie Meinungs\u00e4u\u00dferung - hart erk\u00e4mpft (Image src: isreview.org)\" width=\"200\" height=\"210\"\/><p class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 85%;\">Freie Meinungs\u00e4u\u00dferung &#8211; ein hart umk\u00e4mpftes Gut. (Img: IsReview)<\/span><\/p><\/div>\n<p>Dieser Tage wurde ein bemerkenswerter &#8220;<a href=\"https:\/\/harpers.org\/a-letter-on-justice-and-open-debate\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">offener Brief<\/a>&#8221; im &#8220;Harper&#8217;s Magazine&#8221; ver\u00f6ffentlicht: \u00fcber 150 bekannte Autoren und Intellektuelle wie Margaret Atwood, Noam Chomsky, Salman Rushdie, J. K. Rowling, Khaled Khalifa oder Daniel Kehlmann dr\u00fcckten darin ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die j\u00fcngsten Proteste gegen Polizeibrutalit\u00e4t und Rassismus in den USA aus. Gleichzeitig kritisieren sie aber auch, dass <em>&#8220;der freie Austausch von Informationen und Ideen, der Lebensnerv einer liberalen Gesellschaft, mit jedem Tag immer mehr eingeengt wird&#8221;<\/em>.<\/p>\n<p>Laut Thomas Ch. Williams will man verteidigen, &#8220;\u2026 dass Menschen frei sprechen und denken k\u00f6nnen, ohne Angst vor Strafe oder Vergeltung haben zu m\u00fcssen&#8221;, es ging um &#8220;eine Verteidigung des Rechts, anderer Meinung zu sein, ohne sich um seine Arbeitsstelle sorgen zu m\u00fcssen&#8221;.<\/p>\n<p>Dieser offene Brief dr\u00fcckt ziemlich exakt etwas aus, das ich selbst seit Monaten sorgenvoll empfinde: das Spektrum &#8220;offen aussprechbarer Meinungen&#8221; schrumpft. Und das seit Jahren.<br \/>Ich bin ein Kind der 68er &#8211; damals war &#8220;Revolution&#8221; gegen das sogenannte &#8220;Establishment&#8221; en vogue, man kleidete sich provokant, trug langes Haar und konsumierte Drogen. Die darin verpackte Botschaft lautete: &#8220;wir wollen nicht mehr brav und angepasst sein!&#8221;. Viele Menschen versp\u00fcrten einen unb\u00e4ndigen Drang, mehr invidivuelle Freiheit und Entfaltungsm\u00f6glichkeiten zu erringen und alte Korsette von &#8220;Folgsamkeit&#8221; und Konvention abzusch\u00fctteln. Wie sich andere dabei &#8220;f\u00fchlten&#8221;, war weitgehend irrelevant &#8211; ja auf merkw\u00fcrdige Weise existierte h\u00e4ufig sogar Faszination und Respekt f\u00fcr den Kampf der &#8220;Baby-Boomer&#8221; nach kompromissloser &#8220;Selbstverwirklichung&#8221;, die zum Inbegriff und einem der wichtigsten Werte dieser Generation wurde und ein riesiges Potenzial an Kreativit\u00e4t und Innovation freisetzte.<\/p>\n<p>Paradoxerweise (mit exakt jenen Personen in Machtpositionen, die der freiheitsliebenden &#8220;Hippie-Generation&#8221; angeh\u00f6ren) scheinen wir uns heute allerdings inmitten eines Individualismus-Backlash-Prozesses zu befinden: weltweit ist eine R\u00fcckkehr zu mehr Konformit\u00e4t und Kollektivismus feststellbar. Gerne zeigen wir im Westen auf China: deren omnipr\u00e4sent in den Lebensalltag eingewobenen Kontrollinstrumente, digital und mit k\u00fcnstlicher Intelligenz ausgestattet auf das h\u00f6chste Niveau technischer Machbarkeit gebracht, entr\u00fcsten und entsetzen uns. Doch gleichzeitig entgeht uns, dass auf einer subtileren Ebene \u00e4hnliche Tendenzen auch bei uns nicht nur existieren, sondern auch immer st\u00e4rker exekutierbar zu werden drohen.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist beiden Systemen, dass ein bestimmter Rahmen des Erlaubten existiert, innerhalb dessen man sich bewegen &#8211; und frei \u00e4u\u00dfern &#8211; darf. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" style=\"float: left; padding-right: 15px;\" src=\"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/img\/blog\/social-credit.gif\" alt=\"Social Credit\" width=\"262\" height=\"92\"\/>&#8220;Dort&#8221; werden diesbez\u00fcgliche \u00dcberschreitungen weitgehend per Software automatisiert mit negativem &#8220;social credit&#8221; bestraft, &#8220;hier&#8221; (in der westlichen Kulturhemisph\u00e4re) erledigen dies die Medien, der Social-Media-Mob oder &#8220;ModeratorInnen&#8221; mit belehrenden Worten oder mehr oder minder offener Filterung. Die subtile Filterung unerw\u00fcnschter Inhalte durch &#8220;Moderation&#8221; (hierzu dienen h\u00e4ufig Bewertungen durch Mitleser, L\u00f6schungen, &#8220;Demonetarisierung&#8221; von Videos oder gar die Blockierung oder L\u00f6schung ganzer Kan\u00e4le oder Accounts) wurde zuletzt durch legistische Mittel weiter versch\u00e4rft: so haben sich diverse Parteien (in der Regel sind es bemerkenswerterweise auch hier wieder gerade jene des linken politischen Spektrums) w\u00e4hrend der letzten Jahre intensiv f\u00fcr Bestrafungsm\u00f6glichkeiten der Autoren sogenannter &#8220;Hetz-Postings&#8221; ein- und diese z.T. auch politisch durchgesetzt. Was als &#8220;Hetz-Posting&#8221; gilt, ist allerdings &#8211; und das ist Teil des Problems &#8211; nat\u00fcrlich Auslegungssache. Wie uns die Vergangenheit lehrt, ist zu bef\u00fcrchten, dass der betreffende Interpretationssrahmen im Laufe der Zeit ausgeweitet und auch noch deutlich st\u00e4rker politisch instrumentalisiert werden wird. Mit Folgen, die durchaus \u00e4hnlich jenen sein k\u00f6nnten, die wir derzeit in China sehen: empfindliche finanzielle Strafen, \u00f6ffentliche &#8220;Sch\u00e4ndung&#8221;, Einschr\u00e4nkungen der pers\u00f6nlichen Freiheiten bis zum v\u00f6lligen Entzug der k\u00f6rperlichen Freiheit (Gef\u00e4ngnisstrafen). Halt im Unterschied zu China (noch?) nicht auf elektronischem Wege exekutiert, sondern von einem leibhaftigen Richter\/Richterin verk\u00fcndet, der\/die sich in aller Regel jedoch nur als Ausf\u00fchrungsorgan f\u00fcr die politisch f\u00fchrenden Kr\u00e4fte und Gesetzesrahmen versteht.<\/p>\n<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"https:\/\/www.ikud.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/individualismus-definition-300x200.jpg\" alt=\"Freie Meinungs\u00e4u\u00dferung - hart erk\u00e4mpft (Image src: Jeremy Richards \/ Fotolia)\" width=\"200\" height=\"210\"\/><p class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 85%;\">&#8220;Instinktiv befremdlich.&#8221; (Bild: Fotolia \/ J.Richards)<br \/><\/span><\/p><\/div>\n<p>Doch selbst wenn es nicht so weit kommen sollte &#8211; geradezu t\u00e4glich k\u00f6nnen wir beobachten, wie sich unsere Gesellschaft in Riesenschritten kollektivistisch umformt &#8211;&nbsp; &#8220;Ausrei\u00dfer&#8221; werden zurechtgewiesen, gemobbt und sozial attackiert, bis sie (oder ihr Umfeld: z.B. Arbeitgeber, Kunden etc.) klein beigeben und &#8220;Strafma\u00dfnahmen&#8221; gegen das unliebsame Verhalten anwenden.<\/p>\n<p>Diskurs wird nur innerhalb enger Grenzen toleriert, denn &#8220;die Wahrheit&#8221; im Sinne der <em>&#8220;einzig akzeptablen Sichtweise&#8221;<\/em> ist ja schon bekannt, was gibt es da also \u00fcberhaupt noch zu diskutieren? Oder ist man etwa &#8220;Rechter&#8221;, &#8220;Verschw\u00f6rungstheoretiker&#8221; oder gar &#8220;Trump-Sympathisant&#8221;?<\/p>\n<p>Genau diese Einschr\u00e4nkung des politischen und sozialen Diskurses, die stereotypisierende Simplifizierung vieler komplexer Probleme, eine Schubladisierung auf &#8220;Links&#8221; vs. &#8220;Rechts&#8221; in der politischen Debatte (<i>&#8220;bist du nicht X, dann bist Du Y!&#8221;<\/i>), die Reduktion der erlaubten Denkm\u00f6glichkeiten und damit verbunden auch eine unausbleibliche intellektuelle und soziale R\u00fcckentwicklung adressieren die AutorInnen des &#8220;offenen Briefes&#8221; auf eindringliche Weise.<!--adsense--><\/p>\n<p>Es ist nicht zu erwarten, dass der offene Brief viel ver\u00e4ndert, auch weil es ja zu einer sozialen Str\u00f6mung geh\u00f6rt, dass die von der Gunst und nicht zuletzt auch dem Geld der Machthaber abh\u00e4ngigen f\u00fchrenden Medien das dominierende politische System sch\u00fctzen und bewerben. Insofern jedoch kann es eine durchaus spannende Frage sein, wie man sich in einem solchen Klima <i>selbst<\/i> positioniert: schwenkt man in den &#8220;mainstream&#8221; ein, will man gar der &#8220;Beste der Besten&#8221; in der vorherrschenden ideologischen Str\u00f6mung sein &#8211; oder opponiert man, steigt man aus \/ begegnet ihm mit R\u00fcckzug, oder (vermutlich die gr\u00f6sste Herausforderung): erarbeitet man sich m\u00fchevoll eine eigene Position und vertritt diese dann auch, wom\u00f6glich sogar gegen massiven Widerstand?<\/p>\n<p>https:\/\/twitter.com\/Doranimated\/status\/1281625111834107904?s=20<\/p>\n<p>Die westliche Gesellschaft hat sich die Freiheiten der freien Rede &#8211; also Gedanken und Meinungen offen aussprechen zu k\u00f6nnen &#8211; mit einem Meer an vergossenem Blut und dem Tode gro\u00dfer Geister hart erk\u00e4mpft. Alleine der Durchbruch der Wissenschaft gegen\u00fcber der Religion, der Triumph humanistischer Grunds\u00e4tze und Menschenrechte \u00fcber den Vasallenstaat waren wesentliche Errungenschaften, die den Weg f\u00fcr zuvor undenkbare individuelle Freiheiten er\u00f6ffneten. Keine seither aufgekommenen ideologischen Ausrichtungen jedoch haben so viele Menschenopfer verursacht wie die kollektivistischen (sowohl der Kommunismus, als auch der Nationalsozialismus fallen in diese Kategorie). Wir sollten zunehmend Acht geben, wie viel von unseren errungenen Freiheiten wir noch aufgeben k\u00f6nnen, bevor wir uns in einem neototalit\u00e4ren politischen System wiederfinden, aus dem so leicht kein Zur\u00fcck mehr m\u00f6glich ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p><strong>&#8220;Freedom of speech is essential to a peaceful society.<br \/>Our ideas must be free to clash and resolve conflicts &#8211; so that our bodies don\u2019t.&#8221;<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"font-size: 85%;\">(Robert Breedlove in: &#8220;<a href=\"https:\/\/medium.com\/@breedlove22\/masters-and-slaves-of-money-255ecc93404f\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Masters and Slaves of Money<\/a>&#8220;, 2020)<\/p>\n<p>Querverweis: &#8220;<a href=\"https:\/\/medium.com\/@rchen8\/the-purpose-of-free-speech-304507f55c54\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">The Values of Free Speech<\/a>&#8221; by Richard Chen (engl.)<\/p>\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage wurde ein bemerkenswerter &#8220;offener Brief&#8221; im &#8220;Harper&#8217;s Magazine&#8221; ver\u00f6ffentlicht: \u00fcber 150 bekannte Autoren und Intellektuelle wie Margaret Atwood, Noam Chomsky, Salman Rushdie, J. 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