{"id":334,"date":"2008-12-22T12:52:04","date_gmt":"2008-12-22T11:52:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=334"},"modified":"2009-10-05T19:01:49","modified_gmt":"2009-10-05T18:01:49","slug":"milgram-experiment-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/milgram-experiment-2008\/","title":{"rendered":"Das vermeintlich B\u00f6se wird immer noch gequ\u00e4lt"},"content":{"rendered":"<p>Eines der kontroversiellsten sozialpsychologischen Experimente der Geschichte wurde im Jahre 2008 an der Santa Clara University wiederholt: das nach seinem Erfinder Stanley Milgram benannte &#8220;Milgram-Experiment&#8221; (1963), in welchem dieser unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses untersuchen wollte, warum Menschen im Dritten Reich im bekannten extremen Ausma\u00df Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit gezeigt hatten, sogar gegen ihr eigenes Gewissen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-content\/uploads\/milgram.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-content\/uploads\/milgram.jpg\" alt=\"\" title=\"milgram\" width=\"281\" height=\"133\" class=\"alignright size-medium wp-image-340\" \/><\/a>Hierbei hatten die Versuchspersonen (allesamt &#8220;Durchschnittsb\u00fcrger&#8221; aus unterschiedlichen sozialen Schichten, rekrutiert direkt auf der Stra\u00dfe, in Kaufh\u00e4usern, Bibliotheken, an Universit\u00e4ten etc.) unter dem Vorwand, bei einer Untersuchung zu helfen, welche den Einflu\u00df von Bestrafung auf die Lernf\u00e4higkeit erforscht, die Rolle eines Lehrers einzunehmen, welche einen (von einem Studenten gespielten) &#8220;Sch\u00fcler&#8221; vermeintlich mit immer st\u00e4rkeren, schmerzhaften Elektroschocks zu traktieren hatte, wenn dieser einen Fehler machte. Z\u00f6gerte der &#8220;Lehrer&#8221;, wurde er vom als \u00e4rztliche Autorit\u00e4t auftretenden &#8220;Versuchsleiter&#8221; aufgefordert, weiter zu machen. Der &#8220;Sch\u00fcler&#8221; st\u00f6hnte ab 70 Volt, ab 120 Volt schrie er vor Schmerzen, ab 140 Volt forderte er ein Ende des Experiments, ab 200 Volt schrie er noch lauter und verstummte schlie\u00dflich ab 330 Volt, was aber die jeweiligen &#8220;Lehrer&#8221; schon im ersten von Milgram ver\u00f6ffentlichten Test nicht davon abhielt, zu \u00fcber 60 Prozent die Schocks bis zum Anschlag auf 450 Volt zu verst\u00e4rken. Waren hingegen zwei Versuchsleiter vorhanden, die sich widersprachen, brachen einige Versuchspersonen, welche die &#8220;Lehrer&#8221; spielten, ab. Um den Versuchspersonen zu suggerieren, dass die Elektroschocks real sind, hatten sie vor dem Testbeginn einen Schlag mit 15 Volt erhalten.<!--adsense--><\/p>\n<p>Gut 50 Jahre nach dem ersten Versuch zeigt sich also: wie schon damals sind mehr als 70% der Menschen im vermeintlichen &#8220;Ernstfall&#8221; bereit, andere zu qu\u00e4len und zu foltern &#8211; nicht unbedingt, weil sie Lust daran finden w\u00fcrden, sondern weil sie einer Autorit\u00e4t gehorchen, die dies erlaubt (der &#8220;Versuchsleiter&#8221; teilte ihnen mit, da\u00df er f\u00fcr alle etwaigen Folgen die &#8220;Verantwortung \u00fcbernehmen&#8221; w\u00fcrde) und als &#8220;notwendig&#8221; erscheinen l\u00e4sst. Das menschliche Gewissen erweist sich dabei als schwach, die empfundene &#8220;Pflicht&#8221; ist st\u00e4rker. Signifikante Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen sowie im Hinblick auf andere Differenzen wie Bildung oder ethnische Abstammung konnte der untersuchende Psychologe Jerry M. Burger nicht feststellen. Die Bereitschaft, andere unter den erw\u00e4hnten Pr\u00e4missen auch in hohem Ma\u00dfe zu qu\u00e4len, war umso h\u00f6her, desto geringer die anf\u00e4nglichen Konsequenzen waren, je l\u00e4nger also anf\u00e4nglich nur eine niedrige Bestrafung erteilt werden mu\u00dfte. So funktionieren auch Sekten: die hohe Anzahl der Teilnehmer am Massen-<span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/suizid\/\" title=\"Selbstt\u00f6tung\" target=\"_blank\">Suizid<\/a><\/span> in Jonestown erkl\u00e4rte Burger damit, da\u00df die Anh\u00e4nger des Sektenf\u00fchrers Jim Jones anf\u00e4nglich nur kleine Geldmengen und wenig Zeit beizutragen hatten, und ihnen erst im Laufe der Zeit immer mehr Verpflichtungsbereitschaft abverlangt wurde.<br \/>\nWas wir daraus lernen k\u00f6nnen? Solange Gesellschaften einigerma\u00dfen friedlich und ausgeglichen sind, m\u00f6gen die Schrecken sinken, sobald jedoch die Parole hei\u00dft: Wir gegen die Anderen, wie sie von verantwortungslosen Politikern ausgegeben wird, kann jeder zum Schl\u00e4chter werden &#8211; hier haben sich offenbar weder unsere Gesellschaft, noch wir als Menschen weiterentwickelt, und der Weg zum wirklich m\u00fcndigen Menschen scheint noch ein weiter zu sein.<\/p>\n<p>Die Versuchsergebnisse werden in der Januar-Ausgabe des &#8216;American Psychologist&#8217; publiziert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der kontroversiellsten sozialpsychologischen Experimente der Geschichte wurde im Jahre 2008 an der Santa Clara University wiederholt: das nach seinem Erfinder Stanley Milgram benannte &#8220;Milgram-Experiment&#8221; (1963), in welchem dieser unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses untersuchen wollte, warum Menschen im Dritten Reich im bekannten extremen Ausma\u00df Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit gezeigt hatten, sogar gegen ihr eigenes Gewissen. 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