{"id":44,"date":"2008-11-04T00:57:27","date_gmt":"2008-11-03T23:57:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=44"},"modified":"2010-06-03T09:45:50","modified_gmt":"2010-06-03T08:45:50","slug":"anpassung-durch-medikamente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/anpassung-durch-medikamente\/","title":{"rendered":"Medikamente gegen unerw\u00fcnschtes Verhalten?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Trotz des gro\u00dfen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in m\u00e4nnlichen Jugendlichen f\u00fcr antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. So sollen die K\u00f6rper von Jugendlichen, die &#8220;schwerwiegendes antisoziales Verhalten&#8221; gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol aussch\u00fctten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, w\u00e4hrend sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die Aggressivit\u00e4t, besser steuern k\u00f6nnen. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann m\u00fcsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach h\u00e4tte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit [Erziehungsma\u00dfnahmen] zu disziplinieren, man m\u00fcsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen w\u00fcrden also leichter &#8220;antisozial&#8221;, ebenso wie andere zur <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/depression\/depression-therapie.phtml\" title=\"Depression\" target=\"_blank\">Depression<\/a><\/span> oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tats\u00e4chlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische K\u00f6nigsweg ist).<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man k\u00f6nne &#8220;neue Behandlungsweisen f\u00fcr schwere Verhaltensprobleme&#8221; entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auff\u00e4llige Kinder und Jugendliche medikament\u00f6s zu behandeln, um so &#8220;das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern&#8221;. Zudem k\u00f6nne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen \u2013 und, so k\u00f6nnte man hinzuf\u00fcgen, \u00e4ndern m\u00fcssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"font-size:80%;\">(Quellen: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/28\/28853\/1.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">telepolis<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.admin.cam.ac.uk\/news\/dp\/2008093005\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">University of Cambridge<\/a>)<\/p>\n<p><em>Kommentar <a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" target=\"_blank\">R.L.Fellner<\/a>:<\/em><\/p>\n<p>Die Frage, wie man m\u00f6glichst fr\u00fch und effektiv die Entwicklung von &#8220;antisozialem Verhalten&#8221; unterbinden kann, besch\u00e4ftigt englische Wissenschafter schon seit Jahren. Pikanterweise werden zu diesem Verhalten aber nicht nur Kriminaltaten gez\u00e4hlt, sondern auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig harmlose Handlungen wie etwa Graffitis, Ruhest\u00f6rung, das Trinken in der \u00d6ffentlichkeit, M\u00fcll-hinterlassen, P\u00f6beln oder der Mi\u00dfbrauch von Feuerwerken. Auch allgemein &#8220;l\u00e4stiges Betragen&#8221; z\u00e4hlt das Innenministerium dazu (<a href=\"http:\/\/www.homeoffice.gov.uk\/anti-social-behaviour\/what-is-asb\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Liste<\/a>).<!--adsense--> <\/p>\n<p>Aus humanistischer Sicht ist diese Entwicklung nicht nur besorgniserregend, sondern auch in h\u00f6chstem Ma\u00dfe fragw\u00fcrdig: wer verfolgt das Interesse an &#8220;behandelbarem L\u00e4stigsein&#8221;, wer definiert hier die Grenzziehung zu &#8220;sozial erw\u00fcnschtem&#8221; Verhalten und wie darf man sich dieses vorstellen? Erh\u00e4lt zuk\u00fcnftig jedes &#8220;ruhest\u00f6rende&#8221;, &#8220;M\u00fcll hinterlassende&#8221; Kind seine t\u00e4gliche Anpassungs-Pille und seinen ersten Eintrag in den Datenbanken der Krankenkassen?<br \/>\nDie Jugend ist entwicklungspsychologisch eine Phase der Auflehnung und Unangepasstheit &#8211; seit den Anf\u00e4ngen der Menschheit. Konsequenter, aber in gewissem Rahmen nachsichtiger Umgang mit dem Verhalten Jugendlicher und ein multiprofessioneller Ansatz haben sich bei massiver oder dauerhafter Verhaltensauf\u00e4lligkeit bisher gut bew\u00e4hrt &#8211; die Ausweitung der pathologischen Grenze, wie sie englische Modell vornimmt, ist deshalb klar abzulehnen. Ein noch weitaus flaueres Magengef\u00fchl w\u00fcrde mir als Engl\u00e4nder allerdings der offensichtlich gesellschaftspolitisch inspirierte Trend verursachen, Widerstand, Auflehnung oder fehlende Sozialkompetenz als behandlungsbed\u00fcrftige Krankheit zu redefinieren und damit entsprechende Angebote der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/pharmaindustrie\" title=\"Pharmaindustrie\" target=\"_blank\">Pharmaindustrie<\/a><\/span> zu provozieren, statt das entsprechende Geld in die Bek\u00e4mpfung der &#8220;anderen&#8221; -und wohl viel relevanteren- Ursachen zu stecken: die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen, ein besseres Sozialsystem und vor allem Visionen, die ihr kreatives Potenzial und ihre Ressourcen anregen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des gro\u00dfen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in m\u00e4nnlichen Jugendlichen f\u00fcr antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. 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