{"id":555,"date":"2009-07-30T08:06:09","date_gmt":"2009-07-30T07:06:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/?p=555"},"modified":"2012-08-07T13:16:47","modified_gmt":"2012-08-07T06:16:47","slug":"anorexie-neurobiologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/anorexie-neurobiologie\/","title":{"rendered":"Anorexie: na klar, das Gehirn ist schuld!"},"content":{"rendered":"<p>Bei meiner regelm\u00e4\u00dfigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stie\u00df ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Ver\u00f6ffentlichung in einem Fachmagazin:<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Warum Magers\u00fcchtige an ihrem gest\u00f6rten Essverhalten festhalten:<\/span><br \/>\n<\/strong>Geringe Verhaltensflexibilit\u00e4t ist durch Ver\u00e4nderungen im Gehirn bedingt<\/p><\/blockquote>\n<p>Als h\u00e4tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft &#8211; weil wir dann in unserem pers\u00f6nlichen Leben nichts ver\u00e4ndern m\u00fc\u00dften ;-). Im Anschlu\u00df wird erkl\u00e4rt, da\u00df Wissenschaftler am Universit\u00e4tsklinikum Heidelberg &#8220;mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorg\u00e4nge in den Gehirnzellen entdeckt&#8221; h\u00e4tten, &#8220;welche das gest\u00f6rte Essverhalten von <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Anorexie<\/a><\/span>-PatientInnen erkl\u00e4ren&#8221;.<\/p>\n<p>Wow. Ich mu\u00df allerdings gestehen, da\u00df mich nach jahrelanger T\u00e4tigkeit als <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\" title=\"Psychotherapeut\" target=\"_blank\">Psychotherapeut<\/a><\/span> &#8211; trotz gro\u00dfen Interesses und laufender Besch\u00e4ftigung mit aktueller Forschung &#8211; derartig rei\u00dferische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker rei\u00dfen k\u00f6nnen wie fr\u00fcher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: &#8220;welches Gen ist es denn diesmal&#8221; oder &#8220;dreht es sich wieder um das gute, alte <acronym title=\"ein Neurotransmitter\">Serotonin<\/acronym> oder etwas anderes?&#8221; Aber nat\u00fcrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Anorexie<\/a><\/span> mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (<acronym title=\"Magnetresonanztomographie\">MRT<\/acronym>). Dabei erfasste das <acronym title=\"Magnetresonanztomographie\">MRT<\/acronym>-Ger\u00e4t, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine st\u00e4rkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine gr\u00f6\u00dfere Aktivit\u00e4t dieses Hirnbereich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo geh\u00f6rt. Aber nur &#8220;30 junge Frauen&#8221; zur Begr\u00fcndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht&#8217;s:<\/p>\n<blockquote><p>Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die F\u00e4higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig einge\u00fcbten Verhalten pr\u00fcft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden m\u00fcssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&#8220;Wir haben mit der Studie best\u00e4tigt, dass Magersuchtkranke h\u00e4ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdr\u00fcckt wurde&#8221;, erkl\u00e4rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der <acronym title=\"Magnetresonanztomographie\">MRT<\/acronym>-Bilder zeigte zudem, dass bei <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Magersucht<\/a><\/span> Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Gro\u00dfhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch ver\u00e4ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle f\u00fcr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"width: 212px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Bildquelle: Cartoonstocks.com\" src=\"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/neurobiologie\/gen-hype(c)cartoonstock.com.jpg\" alt=\"Bildquelle: Cartoonstocks.com\" width=\"202\" height=\"208\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Bildquelle: Cartoonstocks.com<\/p><\/div>\n<p>Nun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenh\u00e4nge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewisserma\u00dfen geschlu\u00dffolgert, da\u00df die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer t\u00e4ten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.<br \/>\nDa\u00df &#8220;bestimmte Netzwerk-Pfade&#8221; des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegen\u00fcber jenen von nicht einschl\u00e4gig leidenden Menschen ver\u00e4ndert sind, ist im Grunde alles andere als \u00fcberraschend, denn nat\u00fcrlich <em>m\u00fcssen<\/em> psychische Ver\u00e4nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anh\u00e4nger esoterischer Erkl\u00e4rungsmodelle w\u00fcrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Ver\u00e4nderungen w\u00fcrden das entsprechende Verhalten (wom\u00f6glich sogar unausweichlich) <em>verursachen<\/em>, und w\u00e4ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer &#8211; wom\u00f6glich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender &#8211; Zusammenh\u00e4nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, da\u00df psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Ver\u00e4nderungen bewirken k\u00f6nnen (<span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/grundlagen\/neuroplastizitaet\/\" title=\"die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abh\u00e4ngigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu ver\u00e4ndern\" target=\"_blank\">Neuroplastizit\u00e4t<\/a><\/span>) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.<\/p>\n<p>Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlu\u00dffolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:<\/p>\n<blockquote><p>Die Ergebnisse der Studie<em> tragen ma\u00dfgeblich zu einem besseren Verst\u00e4ndnis der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Magersucht<\/a><\/span> bei<\/em>. Vor allem machen sie deutlich, <em>dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten<\/em>. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen k\u00f6nnen, ergeben sich f\u00fcr die <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Anorexie<\/a><\/span> <em>neue Therapieans\u00e4tze.<\/em><\/p>\n<p>&#8220;Wir haben ein Behandlungsprogramm f\u00fcr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt <em>den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert<\/em>&#8220;, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu k\u00f6nnen. Zur Erfolgskontrolle k\u00f6nnte die <acronym title=\"Magnetresonanztomographie\">MRT<\/acronym>- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es wird also eine Art revolution\u00e4rer Durchbruch f\u00fcr die Behandlung der <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Anorexie<\/a><\/span> postuliert. F\u00fcr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilit\u00e4t ein wenig erh\u00f6hen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger &#8220;unsichtbarer Mauer&#8221; f\u00fcr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.<!--adsense--><br \/>\nDa\u00df neurobiologische Faktoren <em>beteiligt<\/em> sind &#8211; nun, da w\u00e4re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Da\u00df die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild <em>aufrechterhalten<\/em>, daf\u00fcr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise &#8211; es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-F\u00f6rdermittel..) erfordern w\u00fcrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/artikel\/essstoerung\/essstoerungen.phtml\" title=\"Magersucht\" target=\"_blank\">Anorexie<\/a><\/span>-Patientinnen f\u00fcr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelm\u00e4\u00dfig ein extrem kosten- und materialaufw\u00e4ndiges <acronym title=\"Magnetresonanztomographie\">MRT<\/acronym> absolvieren m\u00fcssen, dar\u00fcber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden&#8230;<\/p>\n<p>Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienf\u00fclle, den uns die heutzutage so gehypte <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/genetik\/\" title=\"Genetik\" target=\"_blank\">Genetik<\/a><\/span> und <span class='wp_keywordlink'><a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/tag\/neurobiologie\/\" title=\"Neurobiologie\" target=\"_blank\">Neurobiologie<\/a><\/span> beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieans\u00e4tze nur wenig Fundiertes zutage gef\u00f6rdert hat und wohl nicht \u00fcberraschend vermehrt <a href=\"http:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/pressespiegel\/depression-genetisch\/\" target=\"_self\">in Kritik ger\u00e4t<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 80%;\">(Quelle zur Studie: <a href=\"http:\/\/www.medaustria.at\/cgi-bin\/closed\/pan_news1.cgi?a:1248348829\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176\/appi.ajp.2008.08050775)<\/a>)<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei meiner regelm\u00e4\u00dfigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stie\u00df ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Ver\u00f6ffentlichung in einem Fachmagazin: Warum Magers\u00fcchtige an ihrem gest\u00f6rten Essverhalten festhalten: Geringe Verhaltensflexibilit\u00e4t ist durch Ver\u00e4nderungen im Gehirn bedingt Als h\u00e4tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft &#8211; weil wir dann in unserem pers\u00f6nlichen Leben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[16,4],"tags":[216,138,209,79,301,158,22],"class_list":["post-555","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-pressespiegel","category-zeitgeschehen","tag-anorexie","tag-essstorungen","tag-genetik","tag-neurobiologie","tag-neuroplastizitat","tag-neuropsychologie","tag-pharmaindustrie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=555"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":557,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions\/557"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.psychotherapiepraxis.at\/pt-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}