Umgang mit 'Ich bin nicht genug' bzw 'Es reicht nicht'

Fragen und Erfahrungsaustausch zu Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie, Bipolaren Störungen ('Manisch-Depressives Krankheitsbild'), Wahrnehmungsstörungen wie zB. Dissoziationen, MPS, Grenzbereichen wie Borderline, etc.
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Kim58
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Umgang mit "Ich bin nicht genug" bzw "Es reicht nicht"

Beitrag Sa., 07.12.2019, 15:55

Ich möchte mich nicht weiter verlieren. Deswegen schreibe ich hier.
Dieser Beitrag war mein Tagesziel und ich bin so froh, jetzt hier zu sitzen und ihn zu verfassen.

Es ist komplex und verwoben. Es ist so viel. Nach einigen Stunden innerer Formulierungen erscheint mir oben genannter Aspekt am geeignetsten, um zu beginnen.

Ich bin ausgeprägt verschieden. Ob es nun die in einer Fachklinik diagnostizierte DIS oder eine Mischform ist, spielt für mich gerade keine große Rolle (hm, sollte es das? Okay, es spielt wohl doch eine Rolle. Ich komme da gerade aber noch nicht weiter.)
Ich bin ausgeprägt verschieden. Ich habe sehr ambivalente Vorstellungen von und Wünsche an das Leben.
Mein größtes Problem ist das Sprechen. Schnell geht es um Suizidalität.
Es steht vor allem anderen.
Im Sommer habe ich das erste Mal nach 8 Jahren wieder Therapie begonnen. Stationär in der Klinik, wo ich schon 2013 hätte weitermachen sollen. Stattdessen habe ich alle Maßnahmen beendet und bin in eine andere Stadt gezogen.
Mein komplexes Problem habe ich dort erkannt. Es war Therapieziel, aber die Zeit hat nicht gereicht. Außerdem sollte ich erst umziehen und BeWo (Betreutes Wohnen) beginnen.
Die Kostenzusage dafür kam zu spät, mein Platz wurde vergeben.
Der Umzug konnte nicht stattfinden.

Mein Problem aber drängt. Wo ich bin, ist es auch.
Ich habe ambulante Therapie begonnen. Ich muss doch etwas tun!
Seitdem kämpfe ich noch mehr, mit allem, was ich habe. Ich gebe mein Bestes, es gibt nichts Wichtigeres mehr. Ihr, die ihr vielleicht ähnlich "gestrickt" seid, könnt euch vorstellen, wie das in der Praxis aussieht?

Ich beginne jeden neuen Tag. Es gibt so viel zu sehen, zu entdecken, auszuprobieren. Mut schöpfen, wo es geht! "Guck mal, mein erstes eigenes..." - was gibt es Schöneres als diesen Satz?
Aber da ist auch der Schmerz. Der das Sein nicht erträgt. Sein oder Nicht-Sein. Es gibt keine Kompromisse für ihn, kein Dazwischen.
Der Schmerz steht vor allem Sehen, allen Versuchen, aller Neugier, jeden Tag. Ich sehe das am Körper.

Es ist mein Leben, meine Verantwortung.
Es muss doch einen Weg geben!?
Und meine Suche ist mein Antrieb, meine Hoffnung, allein im Bemühen kann ich noch sein.
Und ich gehe zur Therapeutin und...

Sein oder nicht Sein. Darum geht es. Das spüre ich.
Ich kann das nicht leugnen, nicht verdrehen, nicht schönreden. Damit würde ich mir nicht gerecht.
Doch mir selbst endlich gerecht zu werden, mir das geben zu können, was ich brauche, es ist doch genau dies das größte Glück, das ich mir denken kann!

Ich bin kurz davor, die ambulante Therapie zu beenden. Aber bis zum nächsten Klinikaufenthalt wird es noch Monate dauern (Warteliste).
Es muss doch einen Weg geben, jetzt und hier?
Aber ich sehe den Kampf auch am Körper, an meinem Körper. Auch dafür trage ich die Verantwortung. Und da sehe ich Grenzen.

Kennt das jemand, dass es nicht reicht? Dass man nicht genug ist?
Wie geht ihr damit um?

Meine Suche ist meine Hoffnung. Erst gestern Nacht ist mir klar geworden, wie wichtig mir der Austausch mit anderen immer war. Ich bin so froh, dass ich das jetzt weiß, ich bleibe da dran!
Hoffentlich habe ich mich mit diesem Post bei euch nicht disqualifiziert.
Es gibt sicher noch mehr, noch Leichteres, anderes zu schreiben.
Aber ich hatte mich hier ja nie wirklich vorgestellt.
Vielleicht, hoffentlich ist das nun gelungen.

Dieses "Es reicht nicht", es ist auch ein altes Gefühl. Das weiß ich.
Aber es ist - genau deswegen - auch mein Leben.
Und damit kann ich nicht mehr aufhören.

Viele Grüße und einen guten restlichen Samstag euch,

Kim58

PS: Ich habe die Netiquette gründlich gelesen und lese hier ja schon länger ab und zu mit. Habe ich dennoch etwas schlecht formuliert? Bitte korrigiert mich gerne deutlich! Ich freue mich, zu lernen.

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Kaonashi
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Beitrag So., 08.12.2019, 10:17

Hallo,
Ich bin kurz davor, die ambulante Therapie zu beenden.
Warum konkret?

(ich habe eine andere Diagnose, daher verstehe ich deinen Beitrag nicht wirklich so ganz, und wahrscheinlich kann ich auch nicht weiterhelfen, daher einfach mal die Frage für den Anfang)

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Kim58
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Beitrag So., 08.12.2019, 15:22

Hallo Kaonashi,

jetzt habe ich so lange an meiner Antwort getippt, dass ich schon wieder ausgeloggt war.
Ich muss gleich los, daher versuche ich es nochmal kurz und knapp:

Es ist dieses starke Gefühl, dass es nicht reicht. Irgendwo kommt die Therapie nicht an, aber an diesem irgendwo finden Prozesse statt, jeden Tag.
Ich kenne mich selbst als so heftig motiviert, wenn ich komplett mitgenommen werde (das ist kein Eigenlob! Es ist doch so wichtig! Jeder wäre da motiviert.). In der Klinik zum Beispiel.
Hier, ambulant, hört alles ab einem bestimmten Punkt auf zu sein. Ein täglicher Cut, der alle anderen Bemühungen ad absurdum zu führen scheint.
Was de facto natürlich nicht so ist. Alles ist wichtig! Aber nach und nach brenne ich aus. Weil etwas eben nicht reicht.
Ich habe den Eindruck, dass die Therapie mit meinem jetzigen Leben nicht vereinbar ist.
Ich habe keine Kontakte, die Therapie entgegenlaufen.

Ich muss auch noch eine neue Wohnung finden. Hier war´s doof. In der ganzen Stadt war es doof. Es ist vorbei, definitiv. Aber vergessen kann ich´s nicht. Aber vielleicht ist das auch Therapie? Die innere Wohnung, die innere Stadt zu wechseln?

Ich möchte die ambulante Therapie nicht beenden! Allein schon das Signal "Arbeitsbereitschaft" ist extrem wichtig.

Puh, ich komme hier heute nicht weiter.
Ist das, was ich schreibe, irgendwie irgendwem verständlich?

Jetzt muss ich aufstehen und - merke, Kim - nicht sofort aus dem Haus rennen, sondern mich meiner Zimmerausstattung widmen.
Und gucken, wie es dann ist.

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Kaonashi
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Beitrag Mo., 09.12.2019, 07:32

Ich habe es noch nicht ganz verstanden: ist die Therapie nicht genug, weil sie zu selten ist und du zu viel Zeit ohne Unterstützung bist? Oder ist es das, was in der Überschrift steht, dass du denkst, du seist in der Therapie nicht effektiv genug?

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Vanda
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Beitrag Mo., 09.12.2019, 07:48

Liebe Kim58,
hast Du eine Psychiaterin oder Psychiater? Bitte verzeih, wenn ich ohne Umschweife Dir meinen Eindruck mitteilen möchte, dass Du für mich was und wie Du schreibst psychotisch klingst, was ja keine Diagnose an sich ist, vielleicht hast Du eine sehr schwere Depression oder eine andere Diagnose, die Psychosen beinhaltet, das weiß ich nicht.
Wünsche Dir auf jeden Fall baldige Hilfe, da es Dir sehr schlecht zu gehen scheint. Vielleicht kannst Du auch zuerst bei Deinem Hausarzt um Hilfe bitten?
LG!


Coriolan
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Beitrag Mo., 09.12.2019, 10:58

Hoffentlich habe ich mich mit diesem Post bei euch nicht disqualifiziert. [...] Ist das, was ich schreibe, irgendwie irgendwem verständlich?
Mir leider nicht so. Das finde ich schade, denn obwohl ich deine Posts jetzt mehrmals durchgelesen habe, finde ich kein Anliegen oder eine Frage, auf die ich eingehen könnte. Deswegen habe ich lange überlegt, ob ich hier überhaupt was schreiben soll. Das heißt aber nicht, dass dein Post nicht willkommen ist und wenn es dir gut tut, dich zu äußern, dann mach das doch ruhig weiter - gibt bestimmt auch einige hier, die mit deinen Posts mehr anfangen können als ich. Vielleicht magst du auch einen Blog eröffnen?

Hast du denn einen (rechtlichen) Betreuer? Einen Psychiater? Oder sonstwie Leute, die dich unterstützen können? Du schreibst ja, dass dir der Austausch mit anderen wichtig ist - kannst du daran anknüpfen? Müssen ja keine Fachleute sein.

Du bist kurz davor, die ambulante Therapie zu beenden - willst das aber gar nicht?

Ok - dazu passt das hier:
Ich habe sehr ambivalente Vorstellungen von und Wünsche an das Leben. [...] Ich habe den Eindruck, dass die Therapie mit meinem jetzigen Leben nicht vereinbar ist. Ich habe keine Kontakte, die Therapie entgegenlaufen. [...] Ich möchte die ambulante Therapie nicht beenden!
Therapie ist sicher nicht immer/zu jedem Zeitpunkt und für jeden etwas. Und manchmal ist auch einfach der Wurm drin. Überstürzt abbrechen würde ich jedoch auf keinen Fall, denn du weißt sicher selbst, dass es mühsam ist, solltest du dich umentscheiden und ambulante Therapie wollen. Vor allem, wenn du eh einen Klinikaufenthalt geplant hast.
Oh Herr! Lass Hirn oder Backsteine regnen. Egal. Hauptsache, du triffst!

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Kim58
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Beitrag Di., 17.12.2019, 10:57

Danke für eure Gedanken dazu. Mit ein paar Tagen Abstand versuche ich jetzt mal eine möglichst umfassende Antwort.
Eine Psychose habe ich nicht.
Kaonashi hat geschrieben:
Mo., 09.12.2019, 07:32
ist die Therapie nicht genug, weil sie zu selten ist und du zu viel Zeit ohne Unterstützung bist? Oder ist es das, was in der Überschrift steht, dass du denkst, du seist in der Therapie nicht effektiv genug?
Liebe Kaonashi, vielleicht ist es von allem etwas.
Therapie ist das, was ich gerade am meisten brauche. Und ich glaube, dass das Setting, das ich hier habe, für mein momentanes Anliegen nicht reicht. Es bräuchte mehr Raum, so auch meine Erfahrungen in diesem Jahr. Aber jetzt ist jetzt und da und also kann ich damit arbeiten.
Früher habe ich immer gesagt: "Ich suche meinen Weg." Heute formuliere ich es anders: "Dies ist mein Weg."
Ich versuche jeden Tag willkommen zu heißen, in Bewegung zu bleiben, in Kontakt.
Worte fallen heute echt nicht leicht. Aber ich wollte zumindest Rückmeldung geben.

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Waldschratin
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Beitrag Di., 17.12.2019, 11:25

Ich versuche mal auf den Punkt zu kriegen, was bei mir angekommen ist:

- Die Therapie reicht nicht, sagst du. Du bräuchtest mehr "Raum". Meine Frage dazu : Mehr zeitlichen Raum? Mehr inhaltlichen Raum? Mehr Raum für dein "Eigentliches", was noch gar nicht stattfinden kann in nem zwischenmenschlichen Miteinander?

- Wenn du schreibst "Es reicht nicht", meinst du dann du reichst nicht oder es reicht dir nicht?
Und was reicht dann alles nicht? Du schreibst das ja auch nicht nur auf Therapie bezogen.

- Du brauchst Therapie, schreibst du. Woher nimmst du dieses Wissen? Ist es tatsächlich Therapie, also Hilfe zur Selbsthilfe und Begleitung, Halt und "Boden" angeboten zu bekommen auf deinem Weg damit? Oder suchst du eher "Erleichterung" und dass was "vergehen" soll, weg soll, vorbei sein soll?

- Du schreibst, du erlebst dich v.a. dann "heftig motiviert", wenn du "komplett mitgenommen" wirst von jemanden. Was ist mit all dem, was aus dir selber kommen könnte an Motivation? Ist da "gar nichts" oder eher "Chaos" oder eher "Krieg und Boykott"?

- Ambulant hört alles ab einem bestimmten Punkt auf, täglich, schreibst du. Kannst du diesen Punkt benennen? Und "was" hört dann auf, was ganz konkret? Und spürst du diesen Punkt und das Danach dann auch körperlich, kannst du das "Aufhören" in deinem Körper wahrnehmen?
Kim hat geschrieben:Doch mir selbst endlich gerecht zu werden, mir das geben zu können, was ich brauche, es ist doch genau dies das größte Glück, das ich mir denken kann!
Der Satz von dir hat mich "aufhorchen" lassen innerlich.
Woher "weißt" du, dass das dein größtes Glück ist? Hast du das schon erfahren? Wenn ja : Kannst du dir diese Erfahrungen jetzt als "Ansetzpunkt" hernehmen?
Oder ist es eher das, was andere Menschen gerne sagen und du dir halt denkst als "größtes Glück"?

Und wie "total" ist dieses "dir selber geben können, was du brauchst" von dir gedacht? Sich "immer alles zuverlässig zu jedem Zeitpunkt" geben können?

Was ist dein Haupt-Ziel für deine innere Arbeit? Zufriedenheit? Glück? Lebendigkeit? Ruhe? Ordnung? (Beliebig fortsetzbare Liste :-) )
Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.
Talmud

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Kim58
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Beitrag Di., 24.12.2019, 16:09

Hallo Waldschratin,

danke für deine Fragen!

Nun habe ich wieder eine Tage hingefühlt, habe mich vorsichtig bewegt und geschaut, wie es mir damit geht.

Ich möchte mich selber trösten lernen. Mir selbst begegnen lernen, meinem Schmerz. Mir geben können, was ich brauche. Das habe ich nie gelernt, weil ich meinen Schmerz nicht wahrnehmen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, dass er da ist.
Jetzt weiß ich darum, bekomme mehr und mehr davon mit, von all dem Leid, der Verzweiflung, der Einsamkeit.
Ja, es ist tatsächlich das größte Glück, das ich mir denken kann, all dem helfen zu können. Es gehört doch zu mir!
Insofern ist die Therapie schon jetzt Hilfe zur Selbsthilfe. Ohne das Gegenüber der Therapeutin hätte ich das nicht gemerkt.

Es gibt schon seit zwei Jahren Termine bei ihr, aber außer - immer zuverlässig - alle zwei Wochen 30 Minuten dort zu sein, war dort nicht viel möglich. Aber innerlich ist trotzdem viel passiert. Die Termine hatten immer Priorität. Vielleicht hat es diese zwei Jahre "Anlauf" gebraucht? Das meinte zumindest die Therapeutin.

Erleichterung...ja, das auch. Wenn sich ein Knoten löst, wenn "es" sein darf, das stelle ich mir - neben vielem anderem - erleichternd vor.
"Mehr Raum für dein "Eigentliches", was noch gar nicht stattfinden kann in nem zwischenmenschlichen Miteinander?" Ja, das meine ich. Danke für deine Formulierung, Waldschratin.

Klarheit.

Sein dürfen.

Vielleicht geht´s im Moment darum, Miniminischritte zu machen, sowohl in der Therapie als auch im alltäglichen Leben. Immer wieder schauen, wie es dann ist, und vor allem keine überstürzten Entscheidungen zu treffen.
Seit der letzten Stunde habe ich mich dumpf und leer gefühlt. Ich war eigentlich zufrieden gewesen, aber etwas hat gefehlt...auf der Symptomebene habe ich es auch gesehen. Seit heute Morgen weiß ich, dass es riesige Verzweiflung und enttäuschte Hoffnung an einer Stelle gibt, weil die Therapie dort gar nicht angekommen ist.
Wie erleichtert bin ich, das jetzt zu wissen! Wieder ein "es reicht nicht". Aber das ist, was da ist.

Ich schreibe immer so verkopft. Das bin ich auch. Ich fühle selten.
Das ist für mich ein Ziel in Therapie: Zugang zu meinen Gefühlen. Und dazu muss ich mich von etwas verabschieden. Ich versuche herauszufinden, wovon. Irgendetwas steht Therapie ganz klar entgegen.

Es braucht Bewegung im außen, damit innere Bewegung möglich ist.

Es ist nicht ganz leicht, bei allem zwischen innen und außen zu unterscheiden. Kennt das hier noch jemand?

Jeder Tag ist neu, jeder Tag bietet neue Chancen. Bisher habe ich noch jeden Tag etwas Neues von mir gefunden. Dafür bin ich dankbar.

Ich möchte mich verbinden mit Menschen und mit mir selbst. Am Ende stelle ich fest: es ist mir nicht gelungen, ein ums andere Mal.
Ja, Waldschratin, etwas braucht Raum, das dies bisher nicht konnte.
Ich möchte hier schreiben und verliere den Faden.
Ich möchte da sein und da bleiben! Es ist doch so wichtig!

...runder wird’s gerade nicht, wieder nicht...

Kim58


Edit: Ich möchte diesen Thread gern als User-Blog fortführen (toll, dass das Forum diese Möglichkeit bietet). Ist es vielleicht möglich, ihn zu verschieben? Und könnte ich ihn anschließend neu betiteln?

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Waldschratin
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Beitrag Di., 24.12.2019, 19:26

Kim hat geschrieben:Edit: Ich möchte diesen Thread gern als User-Blog fortführen (toll, dass das Forum diese Möglichkeit bietet). Ist es vielleicht möglich, ihn zu verschieben? Und könnte ich ihn anschließend neu betiteln?
Schreib den Mods mal ne PN mit ner Bitte drum, vielleicht machen die es möglich.

Also, ganz ehrlich : Alle zwei Wochen grade mal 30 min Therapie wäre selbst mir viel zu wenig, und ich bin in der Hinsicht eher "genügsam" und arbeite gern selbstständig.
Aber grade, wenn man noch so gar keine "haltende" Beziehung zum eigenen Innenleben hat und noch dazu mit der Diagnose DIS oder Mischformen davon, da würde es mich echt mal interessieren, was denn deine Thera da für Therapieziele mit dir anvisiert? Die Zeit reicht doch nicht mal zu nem anständigen Aufbau einer therapeutischen Beziehung.

Kim hat geschrieben:Ich möchte mich selber trösten lernen. Mir selbst begegnen lernen, meinem Schmerz. Mir geben können, was ich brauche. Das habe ich nie gelernt, weil ich meinen Schmerz nicht wahrnehmen konnte. Ich wusste ja nicht einmal, dass er da ist.
Jetzt weiß ich darum, bekomme mehr und mehr davon mit, von all dem Leid, der Verzweiflung, der Einsamkeit.
Ja, es ist tatsächlich das größte Glück, das ich mir denken kann, all dem helfen zu können. Es gehört doch zu mir!
Ja, das sagt aber wohl erstmal überwiegend dein "Kopf", dass es zu dir gehört. Und da ich aus ner ähnlichen "Richtung" komme wie du, nach allem, was du da beschreibst, weiß ich, wie unvorstellbar das dann noch scheint, dass es da "mehr" gibt außer Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit "festgestellt" zu haben in sich.

Du spürst schon das Bedürfnis, dem abhelfen zu können, schreibst du ja auch. Und nennst es auch dein größtes Glück.

Ich hab da recht "strategisch" einen Weg damit gesucht, hab via Imaginationen, Gefühlsmanagement (Was v.a. Panikmanagement bedeutete) und in Beziehung gehen, Nähe zulassen, mich mal mich "teilen" zu getrauen mit einem anderen Menschen gearbeitet.

Gibt dir da deine Thera echtes "Handwerkszeug" mit an die Hand oder beschränkt sie sich auf "zuhören und dich reden lassen" und halt empathisch-professionell drauf reagieren?

Kim hat geschrieben:Erleichterung...ja, das auch. Wenn sich ein Knoten löst, wenn "es" sein darf, das stelle ich mir - neben vielem anderem - erleichternd vor.
"Mehr Raum für dein "Eigentliches", was noch gar nicht stattfinden kann in nem zwischenmenschlichen Miteinander?" Ja, das meine ich.
Das war für mich wie für die meisten Betroffenen auch die "Kernerfahrung", die am meisten Erleichterung brachte : Nicht "geholfen bekommen", sondern sein dürfen. Dass mal alles so "dramatisch-tragisch-unerträglich-unaushaltbar" hat sein dürfen, wie es ja tatsächlich auch war, und eben nicht gleich-sofort hat "weggetröstet" oder abgemildert/relativiert o.ä. hat werden müssen, weils der Thera nicht ertragen bekommen hat.

Mein "Eigentliches" z.B., mein Allerinnerstes, hatte nie "direkten Kontakt" zum Lebendigen/zum Außen, und die TfP, die ich deshalb machte und die ja eigentlich grade für sowas da wäre, scheiterte genau da dran, dass der Thera seine "blinden Flecke" an mir auslebte.
Jetzt in der VT, die ich gemacht habe, gelang das. Und zwar deshalb, weil mein Thera gelassen und ruhig und herrlich "undramatisch" umgehen konnte mit dem, was ich mitbrachte. Obwohl ers ich denk bis heute nicht wirklich verstanden hat, worum es da genau geht. Und so manches "Detail" aus meinem Erlebten kaum ertragen hat sich anzuhören und nicht vorzustellen dabei.

Ich brauch da weitaus mehr nen authentisch re-agierenden Menschen mir gegenüber als einen therapeutisch mir professionell was liefernden Profi.
Kim hat geschrieben:Es braucht Bewegung im außen, damit innere Bewegung möglich ist.
Hast du schon mal was in körpertherapeutischer Richtung angedacht? Oder ist dir das noch zu "heiß"?
Jede Liebe, die von einer Sache abhängig ist, hört auf, wenn die Sache aufhört; die aber, die von keiner Sache abhängig ist, hört niemals auf.
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Letterlove
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Beitrag Mi., 25.12.2019, 13:06

Kim58 hat geschrieben:
Di., 24.12.2019, 16:09


Vielleicht geht´s im Moment darum, Miniminischritte zu machen, sowohl in der Therapie als auch im alltäglichen Leben. Immer wieder schauen, wie es dann ist, und vor allem keine überstürzten Entscheidungen zu treffen.
Hallo Kim!

Schön, dass du dich entschlossen hast, dich zu öffnen. Das war bestimmt ein RIESENschritt für dich!

Dieses Zitat hier ist das, was ich gern dreifach unterstreichen möchte.
Ohne dich und dein Leben zu kennen, ist es für mich auch sehr schleierhaft, was du gern ansprechen möchtest.
Ich habe im Grunde die selben Fragen, wie andere User hier, weil es auch mir nicht ganz deutlich war, was du meinst.

Ich denke aber, nachdem ich hier ein paar Antworten gelesen habe, ist das obere Zitat sehr wichtig.


Irgendwie habe ich nämlich das Gefühl, dass du viel zu viel erwartest.
Du schriebst irgendwo 'dir selbst zu genügen [...] wär das höchste Glück', was also suggeriert, dass du mit nichts zufrieden bist, was du leistest. Klang so - berichtige mich, wenn ich das in den falschen Hals bekommen habe.

Nun - falls es stimmt....
KIM - du bist über JAHRE krank geworden. Glaub bitte nicht, dass du es dann innerhalb von TAGEN oder WOCHEN schaffst, wieder gesund zu werden! So gern du das hättest und so unzufrieden du deswegen bist - und dir scheinbar selbst die Schuld gibst, weil du dir nicht genügst und nicht in der Lage bist, für dich selbst einzustehen. Du musst halt erst einmal lernen wie das geht! Niemand, der eine Lehre anfängt, wird in 5 Tagen Meister sein - im übertragenen Sinne. Selbst Gelernte oder gar Meister kommen eines Tages mal an einen Punkt, wo sie merken, DAS haben sie noch nicht gelernt.

Mein Rat an dich wäre - Schraube deine Vorstellungen arg runter. Klammer dich an kleine Erfolge, statt unzufrieden zu sein, dass du einen großen Erfolg nicht schaffst. Ich würde niemals jemandem gleich "Hochseeangeln" ans Herz legen, der nichtmal mit einem Kescher gelernt hat, kleine Stichlinge aus einem Bach zu fischen. Und es geht auch nicht darum, einen Crashkurs zu absolvieren, um endlich Hochseeangeln zu machen. Nimm dir Zeit dazu, zu lernen, wie man Stichlinge fängt und genieße es. Du musst niemandem beweisen, wie schnell du auf einer Yacht stehst und dich an Thunfische ranwagst. Dir am Allerwenigsten.

Hilfreich wäre, wenn du nicht mehr jeden Tag "genügt das?" im Sinn hast. Es genügt - Punkt! Es genügt IMMER - ab jetzt. Bis wann? Bis wann du willst! Wenn du aufhörst, deine Kraft darin zu investieren, zu prüfen, ob es genügt, wo deine Messlatte viel zu hoch zu liegen scheint, hast du keine Kraft mehr für andere Dinge. Für wichtigere Dinge.

Ich komme aus einer Familie, wo jeder ein Diplom, einen Meister, einen Doktor oder weiß der Geier was an der Wand hängen hat - oder zumindest Kinder bekommen hat, die diese Ernte einfahren. Ich bin der absolute Misserfolg für meine Familie und eine Weile lang habe ich auch immer darunter gelitten, dass ich "denen" nicht genüge. Irgendwann habe ich mich dann abgenabelt. Ganz zufrieden bin ich selbst noch nicht, was meine eigenen Leistungen betrifft, aber ich habe gelernt, mit wenig zufrieden zu sein, was mich umgibt. Es genügt mir, wenn morgens die Vögelchen auf meiner Fensterbank sitzen und meine Körnchen picken und ich von ihren Schnäbelchen wach werde, die um die Wette trommeln. Es genügt mir, meine Möbel aus billigem Fichtenleimholz zu bauen, statt mit Buche, die viel teurer ist. Es genügt mir auch, kein Dilpom an der Wand zu haben, dafür habe ich einen großen Vorrat an Mitgefühl und Emotionen. Mein Cousin, der Doppeldiplomingenieur, weiß wie man nach oben leckt und nach unten tritt und wie man sich mit seinen Ellenbogen den Weg bahnt. Ich weiß dafür, wie man anderen ein Lächeln schenkt und für andere da ist und ich halte diese Fähigkeit für wichtiger, als jene, wie man auf einen Chefsessel klettert.

Zuletzt möchte ich dir einen Spruch dalassen. Ich hab vergessen von wem der ist...

"Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt,
sondern ob er sich dafür hält
".

Es geht nicht darum, ob du anderen genügst - du musst nur dir selbst genügen. Und wie, lässt sich lernen.
Ich denke, dein Leben wird um ein Vielfaches fröhlicher und genießbarer, wenn du erst einmal herausgefunden hast, ob du das, was du dir als Messlatte gelegt hast, wirklich nötig empfindest, oder ob du nur geglaubt hast, dass das so sein muss, weil es eigentlich die Messlatte von anderen ist, die du so lange vor der Nase hast, dass du mittlerweile glaubst, es wäre deine eigene.

Sei mit kleinen Schritten zufrieden, das ist viel einfacher, als mit einem riesigen Schritt zufrieden sein zu wollen, den man eh nicht leisten kann!
Wer den Schmerz nicht kennt, der macht sich über Narben lustig.
Bild

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Kim58
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Beitrag Di., 31.12.2019, 19:24

Vielen, vielen lieben Dank für eure Antworten, eure weiteren Fragen und Gedanken.
Ich nehme sie mit in die nächsten Runden und melde mich wieder in den kommenden Tagen.
Kim

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Beitrag Mi., 01.01.2020, 15:59

Waldschratin, Letterlove, habt Dank für eure ausführlichen Antworten.
Ich versuche mal weiter hinzuzufügen.

1.
Kim hat geschrieben:Es braucht Bewegung im außen, damit innere Bewegung möglich ist."

In der Klinik waren zwei große Veränderungen geplant, die mit dem Wohnort und mehr Unterstützung zu tun hatten. Es gab dann Behördenfehler. Die Veränderungen haben nicht stattgefunden.
Ich schiebe die Tatsache gern zur Seite.
Es ist aber eine Tatsache.

Ich bin ambivalent. Die letzten Tage war ich so verzweifelt, dass ich wieder angefangen habe, Wege zu suchen, um den Umzug doch zu schaffen.
Ich kann darin gut sein, für den Moment. Sobald ich vom Schreibtisch aufstehe oder eine Nacht darüber schlafe, kommen Zweifel: ist es wirklich nötig? Laufe ich nicht vor meinen Pflichten davon?
In der Klinik sollte ich Unterscheidungen treffen lernen: was sind Wünsche? Was sind Ängste? Was sind innere Verbote?
Es war klar "Der Umzug klappt nicht" und sofort war da "Ich wollte das sowieso nicht. Es wäre falsch gewesen!"
Ich war aber zwischenzeitlich nochmal unterwegs. Auf der Reise habe ich meine Sehnsucht nach Abschied gespürt. Das kann ich nicht vergessen. (Und jetzt ist da wieder die Stimme, die mir sagt, ich solle die letzten Sätze löschen.)

2. Dem ersten Antrag für ambulante Therapie hat die Krankenkasse nicht stattgegeben. Ich denke, die Therapeutin konnte ihn nicht ausreichend begründen, weil ich zu wenig mitgeteilt habe. Ich konnte ja noch nicht einmal aussprechen, dass ich ambulante Therapie möchte. Sie hat mir daher alle zwei Wochen 30 Minuten ermöglicht und das vermutlich anders abgerechnet.
Ich rechne ihr das hoch an.
Jetzt sind zwei Jahre um, daher kann sie einen neuen Antrag stellen. Mit den Infos aus der stationären Behandlung sowie meinem mündlichen "Ja" zu ambulanter Therapie ist er aussichtsreich.
Ich suche etwas in Therapie. Das spürt die Therapeutin auch. Ich kann ihr ja nur schreiben. Also habe ich ihr geschrieben, dass etwas nicht reicht. Dass ich darüber verzweifelt bin. Dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass es endlich reicht. Sie sagte "Wenn es nicht reicht, liegt das nicht an Ihnen. Sondern an dem, was ich Ihnen hier bieten kann."
Ich würde das gern glauben.


Waldschratin, es ist nicht so, dass ich mit der Therapeutin auch "plaudern" kann, über was auch immer. Es ist da inzwischen -seit der Klinik- sofort ein Extremzustand, der nichts anderes zulässt. Der ist zentral und ziemlich komplex. In der Klinik war Arbeit genau damit geplant, damit Therapie losgehen kann. Dazu kam es aber nicht mehr, a)aus Mangel an Zeit (ich brauchte einige Wochen, um "therapiefähig" (Zitat Ärzte) zu werden), b) weil erst der Umzug stattfinden sollte. Danach der nächste Intervall.
Das macht es so schwierig.

Ich kenne das nicht, Übungen mit Therapeuten zu machen. Oder über meine Symptome zu sprechen. Oder ob ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Praxis gekommen bin oder Papiertaschentücher mag. Versteht ihr?


"Ich brauch da weitaus mehr nen authentisch re-agierenden Menschen mir gegenüber als einen therapeutisch mir professionell was liefernden Profi." Jep, so geht es mir auch, Waldschratin. Kontakt zu einem echten Menschen. Die Therapeutin ist viel Mensch.

Ich hab wahnsinnig Angst vor professionellen Menschen (die letzte Alltags-Unterstützungsfrau hat auch ordentlich Bockmist gebaut. So richtig. Überforderung hin oder her). Seitdem hab ich die Schnauze so voll von denen. Mir reicht´s schon, wenn ich die am Horizont sehe.

Dass du Körpertherapie machst, find ich total mutig, Waldschratin.

Letterlove, es stimmt, für diesen Post hat es genau gerade gereicht. Das ist schön! Danke für deinen Wink ;)

Kim58

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Letterlove
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Beitrag Mi., 01.01.2020, 17:32

Tut mir echt leid, wenn ich deine Beiträge so zerpflücke, aber vielleicht bringt es dir ja was...
Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59
1.
Kim hat geschrieben:Es braucht Bewegung im außen, damit innere Bewegung möglich ist."

In der Klinik waren zwei große Veränderungen geplant.
Die Veränderungen haben nicht stattgefunden.
Ich schiebe die Tatsache gern zur Seite. Es ist aber eine Tatsache.
Was wäre denn, wenn du nicht denkst, es ist eine Tatsache, sondern sollte genau so laufen?
Was, wenn du dir vorstellst, so wie es gekommen ist, war es GENAU RICHTIG?
Ich weiß ja nicht, ob du das schonmal erlebt hast... Aber ich erlebe immer öfter Situationen, wo ich im ersten Moment denke: "Öh, blöd, das lief jetzt gar nicht so wie ich wollte" - und am Abend, oder nach einer Woche, gibt es dann die große "Auflösung" - dass es genau SO sein sollte. Genau SO war es perfekt. Kam mir doof vor, war aber IDEAL. Nur sieht man das eben nicht sofort.

Würde es dir nicht helfen, wenn du es einfach NEUTRAL annimmst, was nicht stattgefunden hat, weil es richtig war, dass es so war? Kannst du damit vielleicht besser leben?


Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59
Ich bin ambivalent. Die letzten Tage war ich so verzweifelt, dass ich wieder angefangen habe, Wege zu suchen, um den Umzug doch zu schaffen.
Verzweifelt weswegen?
Ich denke, du bist verzweifelt, weil du hin und her gerissen bist zwischen "so wies ist ists gut" und "ich hasse es, wie es grad ist". Deine Ambivalenz einerseits, dass es gut war, dass du nicht umgezogen bist und der Wunsch, dass sich doch was hätt ändern sollen. Genau deswegen hat dir die Klinik vermutlich die Hausaufgaben gegeben:
Was ist dein Wunsch?
Was ist deine Angst?
Was ist dein Verbot?

Wenn dir das klar geworden ist, dann schau nach den Verbindungen. Nach den Verkettungen. Schau, wie alles miteinander verbunden ist.
Dein Wunsch - Du willst etwas verändern? Mehr Lebensqualität? Raus aus deinem Trott?
Deine Angst - Es klappt nicht? Es ist nicht so wie erwartet? Es könnte noch schlimmer sein?
Dein Verbot - Du könntest, aber du darfst nicht, weil.... weil vielleicht deine Familie was dagegen hat? Weil....

Ich habe jahrelang mein Leben ausgehalten, weil ich Angst hatte, dass es ja auch genausogut NOCH schlimmer sein könnte. Ich habe das alles ausgehalten, weil ich dachte, SO schlecht gehts mir ja nicht, im Vergleich zu anderen.
Mein Verbot war zwar nur unterschwellig, aber dennoch auch irgendwie präsent. Ich darf nicht, weil ... weil ich von andern Leutens Steuergeldern lebe... Weil ich nicht mehr verdient habe, weil ich nicht arbeite. Weil ich erstmal was leisten muss, bevor ich was verdiene. Weil ich früher so ne Zicke war und mir das, was mir jetzt passiert, die ausgleichende Gerechtigkeit ist....
Bis der Druck so hoch war dass ich dachte: Ich habe nichts mehr zu verlieren, also kann ich genau so gut jetzt auch was wagen.
Wer den Schmerz nicht kennt, der macht sich über Narben lustig.
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Beitrag Mi., 01.01.2020, 17:35

Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59
Es war klar "Der Umzug klappt nicht" und sofort war da "Ich wollte das sowieso nicht. Es wäre falsch gewesen!"
Ja, klar. Du versuchst dich mit dieser Aussage zu trösten. Nicht so arg an dich ranzulassen, dass es nicht geklappt hat.
Weil du davon ausgehst, dass du Pech im Leben hast und dass du darüber traurig sein musst, dass es nicht so gelaufen ist, wie es geplant war. Vielleicht schiebst du es sogar auf dich - weil DU nicht genügt hast, damit es klappt?
Wo wir wieder beim ersten Zitat wären - wie geht es dir damit, wenn du dir sagst, dass es so kommen sollte und DU damit absolut nichts zu tun hast?


Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59

Ich suche etwas in Therapie. Das spürt die Therapeutin auch. Ich kann ihr ja nur schreiben. Also habe ich ihr geschrieben, dass etwas nicht reicht. Dass ich darüber verzweifelt bin. Dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass es endlich reicht. Sie sagte "Wenn es nicht reicht, liegt das nicht an Ihnen. Sondern an dem, was ich Ihnen hier bieten kann."
Ich würde das gern glauben.
Da ist es - ein ETWAS.
Was genau dir fehlt, weißt du nicht, aber du weißt, dass es dir fehlt.
Woher weißt du das?
Du wünschst dir, dass es dir endlich reicht - aber WAS dir reichen soll, weißt du nicht.
Und wenn du jetzt mal hinterfragst, was du dir wünschst und was du tatsächlich BRAUCHST?
Das was man sich wünscht und das was man wirklich braucht, sind meistens völlig verschiedene Dinge.

Oft denkt man, man muss etwas haben weil es SOOO toll ist - und hat man es dann, wars nicht das was man sich vorgestellt hat. Weil die Erwarungen so hoch waren, dass nichts dieser Erwartung das Wasser reichen konnte.
Oder... um es höchst übertrieben mit einem Bild zu sagen...

https://prnt.sc/qi609b

Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59
es ist nicht so, dass ich mit der Therapeutin auch "plaudern" kann, über was auch immer. Es ist da inzwischen -seit der Klinik- sofort ein Extremzustand, der nichts anderes zulässt.
Ich kenne das nicht, Übungen mit Therapeuten zu machen. Oder über meine Symptome zu sprechen. Oder ob ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Praxis gekommen bin oder Papiertaschentücher mag. Versteht ihr?
Wie würdest du denn reagieren, wenn dich jemand fragt, ob du lieber Papiertaschentücher magst?
Findest du denn den Ablauf gut, so wie er ist?
Wie muss man sich das vorstellen? Du gehst in eine Therapiesitzung und legst gleich los? Warum?
Hast du dir (wieder) ein persönliches Ziel gesetzt, was du erreichen musst, damit die Sitzung "genügt" ?

Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59
Ich hab wahnsinnig Angst vor professionellen Menschen (die letzte Alltags-Unterstützungsfrau hat auch ordentlich Bockmist gebaut. So richtig. Überforderung hin oder her). Seitdem hab ich die Schnauze so voll von denen. Mir reicht´s schon, wenn ich die am Horizont sehe.
Das kann ich mir gut vorstellen. So ging es mir mit meinem ersten Betreuer.
Meine zweite Betreuung war sehr nervig...
Und nun habe ich eine total liebe Betreuung.
Was heißen soll: Nicht jeder ist so wie diese Frau, an die du geraten bist. Hab Mut und wechsel sie, statt es zu ertragen.




Kim58 hat geschrieben:
Mi., 01.01.2020, 15:59

Letterlove, es stimmt, für diesen Post hat es genau gerade gereicht. Das ist schön! Danke für deinen Wink ;)
Es wird immer reichen, wenn du das aktiv für dich entscheidest :)
Wer den Schmerz nicht kennt, der macht sich über Narben lustig.
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