PTBS-Assistenzhund

Alle Themen, die in keines der obigen Foren zum Thema "Psychische Leiden und Beschwerden" passen.
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Chakotay
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Re: PTBS-Assistenzhund

Beitrag Fr., 13.10.2017, 12:55

Ich bin schon lange in diesem Forum unterwegs, lese regelmäßig mit und poste nur sehr selten. Einer der Gründe, weshalb ich mich wenig aktiv beteilige, ist, dass diese anonyme und schriftliche Form der Kommunikation deutliche Gefahren in sich birgt. Vor allem die Gefahr, dass nicht daran gedacht wird, dass ein verletzbarer Mensch hinter der Tastatur sitzt und man sich sehr überlegen muss, was man in welcher Form öffentlich macht. In einem Psychotherapie-Forum sind die Menschen hinter der Tastatur oftmals sogar deutlich verletzbarer als andere.
Nun, das wurde hier in diesem Forum auch schon mehrfach diskutiert und das ist nicht Thema dieses Threads. Ich schreibe es nur nochmal, da ich selbst in diese Falle getappt bin, indem ich mich habe verletzen lassen.
Wie dem auch sei, dass nun quasi Hunde für fast jede psychische Beeinträchtigung ausgebildet, also instrumentalisiert werden sollen, lehne ich strikt ab. Das arme Tier wird eventuell nicht regelmäßig ordentlich versorgt, weil dem Betreffenden die Kraft dazu fehlt und dank seiner "Ausbildung" nimmt das Tier das dann auch "artig" hin. Bei dieser Vorstellung werde ich wütend auf den Menschen, der alles ausnutzt ohne an das Tier zu denken.
Dies habe ich ganz klar als Angriff gegen mich bzw. gegen meinen Wunsch, durch einen Assistenzhund mehr Lebensqualität zu erhalten, werten müssen.
Ich werde in Kooperation mit einer Assistenzhundeschule meinen Hund selbst ausbilden.
Dieser Hund wird - wie alle Hunde, die wir seit 20 Jahren im Haus haben (übrigens allesamt Hunde, die von Tierschutzorganisationen im Ausland aus allerwidrigsten Verhältnissen gerettet wurden) - mit reichlich Platz, Auslauf und Beschäftigung versorgt. Ebenso ist geregelt, was mit ihm passiert, wenn ich persönlich ihn mal nicht versorgen können sollte.
Ich muss den Hund selbst finanzieren (s.u.) und bin von der Assistenzhundeschule gemeinsam mit meinem Mann "auf Herz und Nieren" geprüft worden, ob der Hund bei mir gut untergebracht sein wird.
Soviel zu meiner Rechtfertigung, obwohl ich mir vorgenommen habe, mich nicht in die Rechtfertigungsecke drängen zu lassen. Das musste jetzt doch sein.

Nun aber zum eigentlichen Thema:
Ich kenne mich mit allem, was Blindenführhunde angeht, ebenfalls sehr, sehr gut aus. Danke, Broken Wing, für deine gewohnt sarkastische aber ganz klar zutreffende Beschreibung.
Blindenführhunde sind in Deutschland die einzigen Hunde, die als Assistenzhunde anerkannt und damit im Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen sind. PTBS-Assistenzhunde (übrigens in den USA etabliert) sind ebenso wie die Assistenzhunde bspw. für körperbehinderte Menschen nicht als solche gesetzlich anerkannt. Derzeit laufen starke Bemühungen, dies (gesellschafts-)politisch zu ändern.
Mein PTBS-Hund wird alle Ausbildungs- und Gespannprüfungen machen, die auch ein Blindenführhund samt Mensch machen muss und dann den Assistenzhundeausweis samt Kenndecke erhalten. In Kombination mit meinem Schwerbehindertenausweis sollte er dann weitgehend Zugang zu allen Bereichen des täglichen Lebens erhalten. Nur ein kurzes Beispiel: Lidl hat sich im Web dazu bekannt, allen Assistenzhunden mit Ausweise genauso wie den Blindenführhunden den Zugang zu den Geschäften zu erlauben.

Grüße in die Runde,
Chakotay
Wenn ich mich niederwerfen würde,weinen u.erzählen,was wüßtest Du v. mir mehr als v. der Hölle,wenn jmd erzählt,sie ist fürchterlich.Darum sollten wir voreinander so ehrfürchtig,nachdenklich,liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.(Kafka,gekürzt)


Maskerade
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Beitrag Fr., 13.10.2017, 15:42

Liebe Chakotay,

es tut mir wirklich leid, was Du Dir hier hast anhören müssen und das womöglich von Menschen, die von Hunden keine Ahnung haben. Aus dem, was Du bisher geschrieben hast, hätte ich Dir niemals einen negativen Umgang oder ähnliches zugetraut. Und Fakt ist ja, daß Hunde, die so eine Tätigkeit übernehmen sollen, sehr viel Spaß am Lernen und an Aufgaben haben. In meiner Nachbarschaft habe ich eine blinde Frau, die schon den zweiten Blindenhund hat und der ist ein ganz aufgewecktes Kerlchen. Dem fehlt nix und dem geht es auch gut. Wenn die Beiden zuhause sind dann darf der auch rennen und spielen, die haben da ein riesiges Gehege. Und wenn er sein Geschirr abgelegt hat, dann hat er auch Feierabend. Dann darf man ihn sogar streicheln. Mit Geschirr nicht, denn da weiß er, er muß arbeiten, wobei arbeiten für ihn nichts Schlimmes bedeutet. Es weiß dann, er muß sich jetzt ganz auf sein Frauchen konzentrieren. Wie gesagt, ich würde ihn sogar als glücklichen Hund sehen wollen und ich sehe die beiden fast täglich.

Also ich denke, Du brauchst Dich in keiner Weise beirren lassen und Dich rechtfertigen schon gar nicht. Dafür gibt es keinen Grund. Und z.B. Bordercollis z.B. wenn man mit denen nicht arbeitet, sind sie tot unglücklich. Und so ist das mit Hütehund im Allgemeinen und sicher auch bei anderen Hunden, die gut als Assistenzhund geeignet sind.

Ich persönlich bewundere es, daß Ihr Deinen Hund selbst ausbilden wollt. Ich glaube ich hätte dazu nicht die nötige Disziplin. Dir und Euch wünsche ich von Herzen, daß Ihr das alle miteinander hinbekommt. Denn für PTBS gibt es, wie Du geschrieben hast, noch keine Zulassung ( in D ). Ansonsten wäre ich sicher auch bei den ersten, die sich für einen interessieren würden. Die guten Hundeschulen achten schon auf alles, was für Hund und Halter wichtig ist. Und ich kenne keinen Assistenzhund, der schlecht bahandelt und sogar mißhandelt worden wäre. Im Gegenteil, diese Menschen behandeln ihre Hunde meist recht gut, denn sie wissen, was sie an ihnen haben.
Liebe Grüße, Maskerade

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Atmen - Durchhalten - Sein

C by me

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Arion
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Beitrag Do., 30.11.2017, 13:19

Hallo, bin über diesen Beitrag heute gestolpert.
Bin aus Österreich, hab einen staatlich geprüften PTBS Assistenzhund, der in meinem Behinderten Ausweis eingetragen ist. Er darf mich überall begleiten und dadurch ist meine Lebensqualität wesentlich besser.
Ich habe PTBS, Borderline und DIS.
Ein Assistenzhund ist kein Zauberhund, man muss selber an sich arbeiten und Therapie machen. Ein Assistenzhund unterstütz einen im Alltag.
Dabei darf man nicht vergessen, dass auf erste Stelle die natürliche Bedürfnisse des Hundes als Tier stehen zuerst dann kann er gut arbeiten und helfen.
Ein Assistenzhund kann vielen sicher helfen, ist aber auch mit vielen Pflichten verbunden, das sollte man nicht vergessen.
Da ich Erfahrungen mit Tierausbildung hab, wurde mein Assistenzhund von mir ausgebildet.

Beantworte gerne jegliche Fragen.
..und dann wird man erwachsen, um festzustellen, dass Gerechtigkeit genauso real ist wie Einhörner, Feen und Zwerge...

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Julini
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Beitrag So., 31.12.2017, 14:36

hallo ihr :-)

zu allererst 'muss' ich mich zu mondins aussagen äussern.
ich bin entsetzt, wie du darüber denkst, dass menschen mit psychischen störungen hunde quasi zweckentfremden, instrumentalisieren, oder gar missbrauchen/misshandeln würden!

ich unterstelle mal salopp, dass du dich mit den bedürfnissen von hunden nicht besonders gut auszukennen scheinst.
denn ... für hunde, die vom wesen her, für solche assistenz grundsätzlich geeignet sind, stellen die geforderten aufgaben keine unangenehme oder lästige pflicht dar, sondern spielerische beschäftigung mit ihren haltern.

ganz allgemein ist es heutzutage ja so, dass hunde eigentlich viel zu sehr unterfordert sind, geistig wie körperlich! aus dem einfachen grund, weil sie nur mehr als familien- bzw haushunde gehalten werden und von ihren haltern zu reinen kuschel- & spaziergefährten degradiert werden. das ist nicht grundsätzlich verkehrt, oder schlecht, aber allzu oft fehlt den intelligenten individuen die komponente der geistigen beschäftigung.

das sind dann genau die hunde, die auffällig werden, weil sie aggressiv, sozial unverträglich, unsauber, zerstörerisch oder anderes destruktives, unerwünschtes & ungesundes verhalten zeigen!
und ich weiss durchaus wovon ich spreche, da ich selbst seit vielen jahren in einer hundeschule, als hundetrainerin tätig bin & somit immer wieder mit solchen 'problemhunden' zu tun habe.

die halter sind in diesen fällen gaaanz 'normale' menschen, die einfach keine ahnung von ihren vierbeinern haben & auch oft gar kein interesse danach verspüren, an sich selbst zu arbeiten/zu erlernen mit ihrem hund richtig umzugehen. ja, meist ist es schlicht desinteresse & faulheit! man hat einfach keinen bock drauf mit dem hund richtiges verhalten zu üben & konsequent das eigene schädliche verhalten abzulegen.

dann heisst es, der hund ist das problem!

aber, ich schweife ab ... sorry!
das regt mich nur immer so auf, grade weil es eben genau diese 'normalos' sind, die sich unbedacht & aus egoistischen wünschen heraus hunde anschaffen, deren bedürfnisse sie nicht kennen & auch nicht im stande sind, diese zu befriedigen.

ein mensch, der sich einen assistenzhund zulegen möchte, ist hier meiner erfahrung nach, sehr viel überlegter, grade weil er sich viele gedanken darüber macht, ob & was für ihn schaffbar ist, in anbetracht der grossen verantwortung einem anderen lebewesen gegenüber!

hunde wollen beschäftigt werden! hunde haben auch gerne aufgaben, die ihnen selbstvertrauen geben und ihren platz im hund-mensch-gefüge sichern. assistenzhunde sind viel ausgeglichener & glücklicher, eben weil sie durch ihre aufgaben gefördert & gefordert werden.

hier von instrumentalisierung im negativen sinne, oder gar von missbrauch zu sprechen, zeugt von viel tierliebe, aber von wenig echtem tierverständnis.

aus eigener erfahrung kann ich auch sagen, dass bei PTBS ein (assistenz)hund wahre wunder wirken kann!
mein freund hat stark ausgeprägte angstzustände vor allem draussen, im umgang mit fremden menschen. unser hund macht es ihm möglich viel lockerer mit solchen situationen umzugehen, in denen er auf menschen trifft. es hilft ihm sogar ins gespräch zu kommen. ausserdem kann er sich insgesamt besser entspannen & zuneigung & zärtlichkeit zu zulassen, anzunehmen.
gleichsam die erfahrung zu machen, geliebt zu werden, in einer solch unverfälschten & bedingungslosen weise, ist sehr heilsam für ihn.

nicht zuletzt ist es ja auch so, dass die verantwortung den hund gut & verlässlich zu versorgen, einen wichtigen aspekt darstellt, um sich selbst auch wieder aus depressiven phasen heraus zu holen. es ist ein guter ansporn, sich selbst wieder aufzurichten, damit es dem hund an nichts fehlt. es hilft quasi der gedanke, für dieses geschöpf unverzichtbar zu sein, um in schwierigen situationen durchzuhalten & nicht -wie vorher ohne hund- jeden fluchtimpuls zu folgen.

ich sehe da sehr viel stabilisierendes & heilsames potential, das einem nicht vorenthalten werden sollte, nur weil man psychisch angeschlagen ist.

glg julini

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Chakotay
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Beitrag Fr., 06.09.2019, 15:10

Hallo zusammen,

ich habe meinen alten Thread nochmal herausgekramt, da sich einiges auf politischer Ebene tut, um Assistenzhunde ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Mein kleines Puzzleteil dabei ist, in meinem bescheidenen Wirkungskreis darauf aufmerksam zu machen, daher auch hier 3 Links für diejenigen unter euch, die sich für dieses Thema interessieren:

https://www.pfotenpiloten.org/zutrittskampagne/
https://www.vdk.de/deutschland/pages/te ... _im_alltag
https://www.hundefuerhandicaps.de/downloads/120

Wen‘s interessiert und den Thread damals verfolgt hat: bei mir lebt seit Januar ein Hund, der zum PTBS-Assistenzhund ausgebildet wird.

Gruß in die Runde,
Chakotay
Wenn ich mich niederwerfen würde,weinen u.erzählen,was wüßtest Du v. mir mehr als v. der Hölle,wenn jmd erzählt,sie ist fürchterlich.Darum sollten wir voreinander so ehrfürchtig,nachdenklich,liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.(Kafka,gekürzt)

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Scars
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Beitrag Mo., 09.09.2019, 15:21

Hey Chakotay, mich würde ein (kurzer) Erfahrungsbericht interessieren. Bei Assistenzhunden für Menschen mit körperlichen Behinderungen habe ich ein Bild davon, aber bei psychischen Erkrankungen? Was kann der Hund mehr als ein "normaler" Hund? Wie läuft das im Alltag, kümmerst du dich alleine und gibt's da Standards in der Ausbildung? Gerne auch per PN! Grüße.
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