Therapeut hat Gefühle für mich

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Philosophia
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Re: Therapeut hat Gefühle für mich

Beitrag Di., 23.02.2021, 12:01

Wenn mir jemand sagt, wir müssen die Therapie beenden, weil es zu verstrickt ist, wäre in mir viel zu viel Spielraum, wo mein Anteil daran wäre... Der Therapeut hat doch jetzt nicht gesagt, dass die TE ihn sexuell erregt - das fänd ich zu viel.
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chrysokoll
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Beitrag Di., 23.02.2021, 12:16

das geht mir ganz genau so!
"Verstrickt" wäre mir viel zu komplex und allgemein und theoretisch.
Verstrickt in was? Würde ich mich immer fragen und das zu sehr auf mich beziehen, auf meine Schwierigkeiten, meine Person etc.

Gefühle zu haben ist sehr ehrlich, aber doch nicht bedrängend oder schlüpfrig

Zumal die TE gut damit umgehen kann, also im Rahmen der Möglichkeiten.
Toll ist sowas nie, aber es gibt meines Wissens Ethik-Richtlinien für den Fall dass sowas passiert und der Therapeut da nicht mehr neutral sein kann. Die sehen genau das vor was dieser Therapeut gemacht hat.
Und das finde ich sehr verantwortungsvoll und richtig.
Wie gesagt, ich hab leider erlebt was passiert wenn da jemand nicht die Reißleine zieht...


No Twist
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Beitrag Di., 23.02.2021, 12:32

Mir würde es anders gehen; ich fände das bedrängend und würde es nicht wissen wollen. Mit Verstrickungen könnte ich umgehen - wenn mir meine Therapeutin sagen würde, sie kommt auf Grund ihrer Person nicht mit mir klar, frage ich mich nicht gleich, wo meine Anteile sind, weil es manchmal halt zwischen Menschen nicht passt. Wäre sie in mich verliebt, würde ich aber am Rad drehen, käme mir von der ganzen Therapie total verschaukelt vor, würde alles in Frage stellen... die gemeinsame Arbeit käme mir wie eine Farce vor, ich käme mir wohl auch irgendwie missbraucht vor... Um es mal zu veranschaulichen: Man hat jahrelang einen guten Freund, mit dem man über alles reden kann und der erzählt einem von einem Tag auf den anderen, dass er in dich verliebt ist. Die ganze Beziehung erscheint in einem neuen Licht; der gute Freund, den man hatte, war nie so guter Freund, wie man dachte, weil er eigentlich was anderes im Sinn hatte. Kommt man sich da nicht vera*** vor? Also ich persönlich definitiv. Und in einer Therapie wäre das für mich einfach nur der Oberhammer. Denn die Beziehung, die man glaubt zum Therapeuten zu haben, wird so total auf den Kopf gestellt.

Aber am Ende hab ich eine Therapeutin mit Mann und Kindern und die Gefahr dürfte hier dementsprechend gering sein und die Threadstarterin kann ja einigermaßen damit umgehen...
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Sadako
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Beitrag Di., 23.02.2021, 16:14

Ich finde da auch den Klartext hilfreicher.
Vorsichtige Andeutungen über persönliche Verstrickungen laden ja zu allen möglichen Phantasien und Projektionen ein.
Da kann man sich dann fragen, was man selbst eventuell falsch gemacht hat oder ob es nicht doch gegangen wäre die Therapie fortzusetzen oder ob man zu unsympathisch oder zu doof oder zu krank war.

Ich hoffe für die TE dass sie mit Abstand das Ganze auch als bittersüßes Kompliment begreifen kann. sie ist jemanden begegnet, den sie attraktiv und sympathisch fand und er hat diese Gefühle erwidert. Unter anderen Umständen hätten die beiden sich vielleicht gefunden.
Sie haben sich aber unter diesen sehr besonderen Umständen einer Psychotherapie kennengelernt und damit kann es keine Chance geben eine andere Art von Beziehung zu knüpfen. Das ist traurig, aber so ist es manchmal.

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candle.
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Beitrag Di., 23.02.2021, 19:22

livibella hat geschrieben:
Mo., 22.02.2021, 17:22
Morgen sehe ich ihn nochmal wieder.
Wie ist es denn gelaufen?

candle
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livibella
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Beitrag Di., 23.02.2021, 19:32

So ...
Ich hatte heute Nachmittag meinen Termin. Der Therapeut war zuerst so professionell, ruhig und höflich wie immer. Keine Spur zu bemerken, dass ihm die Situation vielleicht irgendwie unangenehm sein könnte. Ich dagegen war total aufgeregt und als es dann um den bevorstehenden Therapieabbruch ging, bin ich in Tränen ausgebrochen und konnte mich überhaupt nicht mehr beruhigen. Das ist mir bei ihm noch nie passiert. Er ist dann aufgestanden und hat mir Taschentücher gereicht und als ich mich halbwegs beruhigt habe, hat er mir ein Glas Wasser gebracht und gefragt, ob ich erzählen möchte, was in mir vorgeht. Ich habe gesagt, dass ich total verzweifelt bin, dass die Therapie jetzt von ihm beendet wird und dass ich mir eigentlich gar nicht vorstellen kann, jetzt woanders nochmal von vorn anzufangen und wieder Vertrauen zu fassen. Was, wenn es wieder schief geht ? Ich habe mich bei ihm wohl gefühlt und jetzt das. Ich habe auch gesagt, dass ich ebenfalls Gefühle habe und diese nicht richtig zuordnen kann. Und das ich mir nicht vorstellen kann, ihn nie wiederzusehen. Dass ich unter normalen Umständen vielleicht mal mit ihm getroffen hätte, um herauszufinden, ob daraus etwas werden kann
Jetzt fühlt es sich so an, als ob er mir quasi gleich zweimal (überspitzt gesagt) das Herz gebrochen hätte.
Wir haben dann lange darüber gesprochen und die Stunde auch weit überzogen. Ein richtiges und gutes Ende haben wir aber nicht gefunden.
Zum Schluss hat er selbst niedergeschlagen gewirkt. Er hat mir vorgeschlagen, dass wir uns nächste Woche nochmal sehen, um dann einen neuen Therapieplatz zu suchen, da das heute komplett untergegangen ist.
Einerseits bin ich erleichtert, dass ich ihn nochmal wiedersehen kann, andererseits macht es das doch noch schwerer. Ich wünschte, er würde offen mit mir sprechen und klar und deutlich sagen, was er denkt und fühlt. Diese Abstinenz macht mich wahnsinnig. Am liebsten würde ich ja hören, dass er mich privat treffen will, aber ich weiß ja, dass das nicht geht. Oh man ... das ist doch zum ....

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Lilien
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Beitrag Di., 23.02.2021, 20:38

Ich fand NoTwist's Ansatz da von Anfang an interessant und habe das Gefühl, es bestätigt sich hier gerade so ein bisschen. Nur leider wusste der Therapeut im Vorfeld nichts von Deinen Gefühlen, vielleicht hätte er es dann doch anders formuliert.

Was ich mich nun frage:
Gibt es für Dich keine Möglichkeit, Dir eigenständig einen neuen Therapeuten zu suchen? Oder hat er da irgendwelche Verbindungen und kann Dich besonders schnell unterbringen? Ich verstehe, dass Du diesen einem, letztem Treffen
entgegensehnst (das würde vermutlich jeder in der Situation), dennoch frage ich mich, ob das tatsächlich sein muss?

Sieh, Du hast gerade Liebeskummer... und jetzt bist Du auch noch in der Situation, dass Du weißt, dass Dein Gegenüber ebenfalls etwas für Dich empfindet, wenn da halt dieses Abstinenzgebot nicht wäre! Sicher, dass Du in das nächste Treffen nicht mit gewissen Hoffnungen, mögen sie auch noch so klein sein, hineingehen wirst und am Ende mit noch mehr Herzschmerz hinausgehen wirst?

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Montana
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Beitrag Di., 23.02.2021, 21:16

Er wird ja kaum während eines Treffens einen Therapieplatz mit dir suchen. Er kann dir Adressen nennen, das geht per Telefon. Und wenn er etwas organisieren kann, wo eine längere Wartezeit wegfällt, was aufgrund der Situation schon wünschenswert wäre, dann geht auch das ohne persönlichen Kontakt.
Wobei ich da überlegen würde, ob es wirklich gut ist, wenn er der Vermittler ist. Es bliebe eine gefühlsmäßige Verbindung. Und soll der neue wissen, warum die Therapie abgebrochen wurde? Eher nicht, es sei denn, du selbst magst das später mal erzählen. Es muss aber deine Entscheidung sein.
Wäre es gut, wenn der neue mit dem alten irgendwie bekannt wäre? Ich denke nicht. "Einen Platz organisieren" kann er aber doch nur bei Kollegen, die er irgendwie kennt.


No Twist
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Beitrag Mi., 24.02.2021, 06:43

Puh, erst öffnet er sich soweit und jetzt lässt er dich mit deinen Gefühlen, Verwirrungen irgendwie alleine. So zumindest mein Eindruck, wenn er dich erzählen lässt, ohne darauf wirklich von seiner Seite einzugehen. Es ist jetzt aber nunmal so.

Würde dir ein Abschied denn helfen? Vielleicht könnt ihr gemeinsam etwas Symbolisches machen? Ich denke gerade zum Beispiel daran, dass ihr beide euch gegenseitig einen Brief schreibt - mit Wünschen für die Zukunft - und ihn euch vorlest. Irgendwas schönes, dass wirklich einen Abschied unter so besonderen Bedingungen symbolisiert. Da gibts bestimmt noch mehr. Vielleicht auch etwas, was besser in deine persönliche Therapie passt. Oder ihr schreibt euch kleine Zettel mit Wünschen, die du im Portemonnaie bei dir tragen kannst, in die du in schweren Stunden hineinschauen kannst. Du kannst ja selbst mal überlegen, was dir da helfen würde und ihn dann fragen, ob er bereit ist, mitzumachen. Weil ein "Auf Wiedersehen und alles Gute" wird der Situation aus meiner Sicht nicht gerecht und hätte immer einen ganz blöden Beigeschmack.

Bezüglich der Therapeutensuche würde ich aber gar nicht mehr zu ihm gehen - er kann dir auch per Mail weiterhelfen. Das wird dann nämlich wieder kein Abschied, sondern verlängert nur den Schmerz. Ich denke, es wäre gut, wenn du zumindest vorerst zu einer Frau gehst, damit du nicht die Angst hast, es passiert wieder - und da kann er dir vielleicht wirklich helfen. Könnte mal rumfragen und dir dann Kontakte geben. Aber da musst du in der Stunde nicht dabei sein - sowas lässt sich per Mail machen.
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livibella
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Beitrag Mi., 24.02.2021, 07:38

Ich habe etwas richtig Dummes gemacht. Ich konnte nicht schlafen und habe ihm eine Mail geschrieben, dass ich ihn vermissen werde und dass ich mir ein privates Treffen mit ihm vorstellen könnte. Ich würde jetzt im Nachhinein am liebsten im Boden versinken. Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat. Bisher kam keine Antwort, aber er hat es bestimmt schon gelesen, denn um 8 Uhr öffnet er seine Praxis.


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Beitrag Mi., 24.02.2021, 07:51

Irgendwie war es doch klar, dass dieses Eingeständnis von ihm an dir nicht spurlos vorübergeht. Ich finde, du hast nichts schlimmes gemacht. Ich hoffe, er findet einen für dich guten Weg jetzt darauf zu reagieren. Allerdings ist die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, wenn ihr euch nochmal zu einem letzten Gespräch seht?
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DieBeste
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Beitrag Mi., 24.02.2021, 07:54

Hat er denn damals gesagt dass er Liebesgefühle für dich hat? Soweit ich mich erinnern kann hast du gesagt er meinte er hat Gefühle, können ja auch Geflügel ganz anderer Art sein oder ?


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Beitrag Mi., 24.02.2021, 08:09

@DieBeste: Also Gefühle für jemanden haben, assoziiere ich schon mit Verliebtheit. Ist auch so gebräuchlich. Ich glaube, der Interpretationsspielraum ist da sehr gering und man muss Livibella da jetzt nicht noch verunsichern. Und wenn er was anderes meinte, hat er sich total ungeschickt ausgedrückt...
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Montana
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Beitrag Mi., 24.02.2021, 08:19

Du hast wirklich nichts dummes gemacht. Aber selbst, wenn er es gelesen hat, dann hatte er noch keine Zeit, sich zu überlegen, wie er am Besten reagiert. Immerhin ist das etwas mehr als 5 Minuten zwischen einem Kaffee und dem ersten Patienten wert, nicht wahr?

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Philosophia
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Beitrag Mi., 24.02.2021, 08:32

Du hast nichts Dummes gemacht, livibella, - aber er ist eigentlich dazu verpflichtet, dich zurückzuweisen. Tut er das nicht, macht er etwas Dummes.
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