Keine Zeit für Veränderung

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Max2016
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Keine Zeit für Veränderung

Beitrag Di., 04.05.2021, 18:52

Liebe Leute,

ich möchte nach einigen Jahren eine zentrale Erkenntnis mitteilen, die wir hier vielleicht diskutieren könnten. Vielleicht ist es jemandem in seiner/ihrer Psychotherapie ähnlich ergangen.

Ich habe 300 Stunden AP gemacht, danach weitere 100 Stunden selbstfinanziert. Die ersten 80 Stunden beim ersten Analytiker brachten mich wirklich weiter, weil er mir gegenüber eine besondere Stärke zeigte. Als Mann war mir das wichtig, weil ich in der eigenen Familie überwiegend mit sehr schwachen Männern und gleichzeitig dominanten Frauen (teilweise auch ziemlich hysterisch) konfrontiert war. Von der Kindheit an. Ich brauchte also diese, sagen wir einmal körperliche Stärke, weil mir das auch vorbildhaft erschien. In diesem Analytiker fand ich eine Person, deren Lebensweise mir durchaus attraktiv erschien.

Nach etwa 100 Stunden wechselte ich - ich musste, weil er wegzog. Wechsel zu einer älteren Analytikerin: Ausgesprochen nett, ausgesprochen humorvoll, ich durfte "frech" sein - alles schön und gut. Doch irgendwie war das wirkliche Leiden in der Therapie - das in der ersten Analyse so heilsam war - verschwunden. Ich konnte über meine Erlebnisse sprechen, Träume deuten, Phantasien ausbreiten - das alles möchte ich nicht missen. Allerdings hatte ich zunehmend das Gefühl, dass ich die analytischen Sitzungen primär selbst leite, mich nur in dem bestätigen lasse, was ich ohnehin dachte. Diese Stunden waren aber durchaus "Erlebnisse" - ich dachte mir in Phantasien, dass das Leben so ewig weitergehen könne. Das, was im realen Leben Schwierigkeiten bereitet, wird halt nicht angegangen, dafür werden Phantasien ausgetauscht. Eine Ersatzbefriedigung, die immer so weiter gehen könne. 2020 beendete ich dann nach weiteren 100 Stunden die Therapie, weil irgendwie "die Luft raus" war.

Jetzt ist mir - da ich wieder in einer absoluten Stressphase stecke - bewusst geworden, dass ich mich ja auch überhaupt nicht "verändern" konnte, weil ich mit Beginn der Therapie gleichzeitig in Arbeitsphasen einstieg, die von mir alles forderten (selbstständig). Ich muss mir den Lebenstraum eines großen Hauses in der Großstadt erfüllen - und dafür müssen eben alle Kräfte gebündelt werden, und seien es noch so lange Arbeitstage. Gleichzeitig ist mir in einer schlaflosen Nacht gestern bewusst geworden, dass ich in einigen Jahren 30 bin, und ich auf diesem Wege weder zu einer Familie komme, noch Freundschaften halten kann, geschweige denn neue aufbauen. Es geht nur noch um Arbeit, Arbeit, Arbeit, Geld, Geld, Geld. Ich muss es leider so drastisch formulieren. Das wurde alles durch die Therapie weiter beflügelt, anstelle mir einmal zu sagen: es reicht.

Jetzt denke ich daran, eine Verhaltenstherapie zu beginnen, doch gleichzeitig wird mir klar, dass dieses Arbeiten eine Veränderung meinerseits - neue Erfahrungen, Austausche, Begegnungen - völlig verhindert. Ich werde dann wieder - wie schon in der Analyse sooft - sagen müssen: Ich habe einfach keine Zeit, mich zu verändern (was faktisch ja im Grunde auch stimmt). Veränderung braucht doch auch Freiräume - ich scheine diese aber sukzessiv zugeschüttet zu haben.

Oder müsste man vielleicht einfach sagen: Du willst dich ja gar nicht verändern?

Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand hier etwas beisteuern könnte :)

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lisbeth
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Beitrag Di., 04.05.2021, 20:00

Und in 400 Stunden Analyse kam es nie zur Sprache, warum du deine Prioritäten so setzt wie du sie setzt? Dass es deine Entscheidung ist, sie so zu setzen? Dass du für deine Entscheidungen (und Prioritäten) auch die Verantwortung trägst?
Max2016 hat geschrieben:
Di., 04.05.2021, 18:52
Oder müsste man vielleicht einfach sagen: Du willst dich ja gar nicht verändern?

Könnte man so sehen.
Deine Veränderungswünsche sind dir offensichtlich nicht wichtiger als die "Sachzwänge" hinter denen du dich versteckst. Anscheinend habt ihr in all diesen vielen Stunden kaum den Lack an der Oberfläche angekratzt....
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chrysokoll
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Beitrag Di., 04.05.2021, 20:17

der Wunsch nach Veränderung scheint ja da zu sein.
Die wirkliche Entscheidung dazu musst du treffen, das kann dir niemand abnehmen.
Unterstützen bei der Umsetzung kann natürlich eine Therapie.
Und ja klar würde ich da eine Verhaltenstherapie nehmen, das ist etwas komplett anderes als das was du kennst.
Und gerade mit einem eher direktiven, klaren Therapeuten kannst du da sehr schnell auch sehr weit kommen.

Deine beschriebene Erfahrung bestätigt mir leider auch, dass man in einer Analyse viele hundert Stunden nett plaudern kann, schöne Erkenntnisse gewinnt, aber nie in wirkliche Tiefen und Probleme vordringt.

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Max2016
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Beitrag Di., 04.05.2021, 20:33

lisbeth hat geschrieben:
Di., 04.05.2021, 20:00

Deine Veränderungswünsche sind dir offensichtlich nicht wichtiger als die "Sachzwänge" hinter denen du dich versteckst. Anscheinend habt ihr in all diesen vielen Stunden kaum den Lack an der Oberfläche angekratzt....
Vielen Dank für den ehrlichen, sehr direkten Beitrag. Da würde ich natürlich widersprechen, affektiv zumindest. Wir haben tiefgründig rekonstruiert, weshalb ich unter meinen psychosomatischen Beschwerden leide - aber vielleicht war dieser Erklärungsansatz auch nur pseudo-tiefgründig. Eben weil es Erkenntnisse waren, mit denen ich "gut leben" konnte.

Die Sachzwänge sind aber zumindest in meiner Vorstellung noch mit realen Begegnungen verbunden. Die Vorstellung alleine in einem großen Haus zu sitzen, finde ich sehr bedrückend. Das Haus dagegen "mit Leben zu füllen" - und sei es auch nur phasenweise - ist ein tiefer Wunsch.

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Max2016
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Beitrag Di., 04.05.2021, 20:37

chrysokoll hat geschrieben:
Di., 04.05.2021, 20:17
Deine beschriebene Erfahrung bestätigt mir leider auch, dass man in einer Analyse viele hundert Stunden nett plaudern kann, schöne Erkenntnisse gewinnt, aber nie in wirkliche Tiefen und Probleme vordringt.
Aber sicher hat auch das seinen "Wert". Ich denke es war für mich ausgesprochen wichtig, "meine Geschichte" einmal zu erzählen, um so etwas wie Verhaltenstherapie überhaupt "zuzulassen". Also es gibt sicherlich einen Gewinn jenseits von Symptomfreiheit, sagen wir es mal so.

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chrysokoll
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Beitrag Di., 04.05.2021, 20:54

ja natürlich gibt es einen Gewinn, ich habe ja auch lange Analyse gemacht früher.
Das wollte ich auch gar nicht in Abrede stellen.
Aber jetzt bist bereit und in der Lage für etwas konkreteres

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lisbeth
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Beitrag Di., 04.05.2021, 21:08

Was mir aufgefallen ist, Max2016: Wie sehr du ein Entweder-Oder konstruierst. Entweder Veränderung oder Erreichen deiner Ziele. Muss sich das wirklich gegenseitig ausschließen? Kann es nicht ein Sowohl-als auch geben?
Und aus meiner eigenen Erfahrung: Wenn ich selbst vor Veränderung zurückschrecke, dann meistens weil ich die Schritte, die ich mir vorgenommen habe zu groß sind, oder zu abstrakt. Das Ziel "Partnerschaft" oder "Freundschaften pflegen" ist ja sehr abstrakt. Und vielleicht wäre es eine Idee mal zu überlegen, welche kleinen, überschaubaren, konkreten (!) Schritte dich diesem Ziel näher bringen können - evtl. auch mit therapeutischer Unterstützung?
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chrysokoll
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Beitrag Di., 04.05.2021, 21:22

dieses starre und rigide "entweder oder" ist natürlich etwas, das man wunderbar in Therapie angehen kann.
Auch welche Ziele man selber wirklich verfolgen will, mit welcher Intensität etc.
Und es ist gut das in jungen Jahren zu machen, bevor sich zu viel verfestigt, das wird dann ja nicht leichter.

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Max2016
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 10:41

lisbeth hat geschrieben:
Di., 04.05.2021, 21:08
Was mir aufgefallen ist, Max2016: Wie sehr du ein Entweder-Oder konstruierst. Entweder Veränderung oder Erreichen deiner Ziele. Muss sich das wirklich gegenseitig ausschließen? Kann es nicht ein Sowohl-als auch geben?
Und aus meiner eigenen Erfahrung: Wenn ich selbst vor Veränderung zurückschrecke, dann meistens weil ich die Schritte, die ich mir vorgenommen habe zu groß sind, oder zu abstrakt. Das Ziel "Partnerschaft" oder "Freundschaften pflegen" ist ja sehr abstrakt. Und vielleicht wäre es eine Idee mal zu überlegen, welche kleinen, überschaubaren, konkreten (!) Schritte dich diesem Ziel näher bringen können - evtl. auch mit therapeutischer Unterstützung?
Danke für die interessanten Aspekte. Es überrascht mich etwas, dass man das doch so deutlich bereits hier bemerkt. Es stimmt auch, dieses Entweder-Oder-Denken ist leider sehr stark ausgeprägt. Obwohl ich intellektuell seit Jahren weiß, wie fatal das ist. Was mir wissenschaftlich gelingt - ein gutes Abwägen von Argumenten in universitären Arbeiten - misslingt bei mir selbst leider viel zu häufig. Es kann also nicht um weitere "intellektuelle Einsicht" gehen, sondern hier fehlt mir irgendwie der Anstoß, der mich lebenspraktisch mehr überzeugt.

Das mit den kleinen Schritten ist sicher richtig - und gleichzeitig schwer, weil ich ja doch zu "großen Dingen" neige. Alles muss immer groß, mächtig, perfekt und ideal sein. Und genau dieses Denken hat in vielen anderen Lebensbereichen (Studium, Job, kreative Prozesse) Erfolg gebracht. Nur so rigide mit mir selbst umzugehen - das sind Anforderungen, die ich nicht erfüllen kann.

Meine Analytikerin versuchte es ja auch "mal" verhaltenstherapeutisch, indem sie mich bat, doch einfach einmal 50 km mit der S-Bahn in Stadt X zu fahren. Ich hasse Zugfahren, weil ich während der Fahrt nicht aussteigen kann. Sie versuchte es immer wieder und ich entgegnete: Ich habe 1. keine Zeit (objektiv stimmte das) und 2. brauche ich in solchen Situationen ein anderes Denken, etwas, an dem ich mich "festhalten" kann. Es werden ja keine verhaltenstherapeutischen Methoden vermittelt (in der Analyse). Also fanden solche Schritte in der Realität nie statt. Ich überzeugte die Analytikerin davon, dass ich so viel arbeiten müsse, um finanziell frei zu werden. Erst dann könne das "richtige Leben" beginnen. Sie ließ sich darauf ein. Und auch hier ist mir intellektuell natürlich völlig klar, wie "unsinnig" dieses Denken ist. Die Probleme verschwinden nicht mit dem Einzug in ein Haus...

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Beitrag Mi., 05.05.2021, 12:52

Max2016 hat geschrieben:
Di., 04.05.2021, 18:52


Oder müsste man vielleicht einfach sagen: Du willst dich ja gar nicht verändern?

Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand hier etwas beisteuern könnte :)
Meine Ansicht:
Das menschliche Gehirn versucht erst mal ALLES um Veränderungen zu verhindern. Das Gehirn verbraucht im menschlichen Körper so schon verschwenderisch viel Energie im Normlazustand.
Veränderungen bedeuten, dass sich im Gehirn neue Verbindungen entwickeln müssen, was zusätzlich viel Energie verbraucht.
Evolutionär betrachtet sind deshalb Veränderungen totaler Quatsch. Und bei den meisten Menschen verhindert das Gehirn wie man ja sieht, dies sehr sehr erfolgreich. Sich nicht verändern ist absolut normal und natürlich quasi.

Man braucht schon z. B. einen seeeeeehr hohen Leide druck um das zu Durchbrechen.
Man sieht ja wie viele Menschen unglücklich in ihrem Leben dahinvegetieren... bis zu ihrem LEBENSENDE.

"Keine Zeit", "andere Prioriäten" und vieles andere wirs dir dein Gehirn als einizig wahre Wahrheit verkaufen, um nicht noch mehr Energie verbrauchen zu müssen.
Da nützt auch keine Therapie. Denn das kann Therapie nicht durchbrechen. Egal, ob psychodynmische Verfahren, Verhaltenstherapie oder whatever... das Gehirn wird sich nicht verändern, wenn der Leidensdruck nicht sehr hoch ist bzw. der Veränderungswunsch. Es reicht nicht so ein normaler bis mittlerer Veränderungswunsch, den man vielleicht rational hat, aber den man gar nicht richtig fühlt.

So verschwendest du deine Zeit in der Therapie.
Einfach sich durch den Status quo pampern lassen, ist ja nicht so sinnvoll.
Klar, ist es schön einfach mal Verständnis, Empathie usw. zu erfahren... aber Sinn macht das nicht.
"You cannot find peace by avoiding life."
Virginia Woolf

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Lilli-E
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 13:43

Manchmal ist es so, dass es nicht in erster Linie die hohe Energie, die für eine Veränderung nötig ist, der Grund dafür ist, warum wir unsere Ziele nicht umsetzen - sondern dass uns Gefühle wie Angst oder falsche Überzeugungen und falsche Grundannahmen über uns selbst davon abhalten.

Hier kann Therapie sehr wohl hilfreich sein, diese Hemmnisse überhaupt erst einmal zu erkennen und zu artikulieren, um sie dann abzubauen (und das nicht erst in einer fernen Zukunft, sondern parallel zur Therapie)

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Scars
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 13:43

Max2016 hat geschrieben:
Mi., 05.05.2021, 10:41
Erst dann könne das "richtige Leben" beginnen. Sie ließ sich darauf ein. Und auch hier ist mir intellektuell natürlich völlig klar, wie "unsinnig" dieses Denken ist. Die Probleme verschwinden nicht mit dem Einzug in ein Haus...
Was ist für dich denn das „richtige“ Leben? Arbeitest du so viel um vor privaten Beziehungen zu flüchten? Oder vor dir selbst? Oder weil es dir Freude macht? Und du das Geld haben willst, weil du das Ziel ‚Haus‘ unbedingt erreichen möchtest? Macht dir dein Job Spaß? Warum muss es „immer gross“ sein? Irgendein innerer Mangel? Hast du Angst weniger zu tun? Warum wünschst du dir jemandem von aussen, der dir eine Grenze setzt?

Mich wundert es jetzt ähnlich wie lisbeth, dass du trotz Analyse keine (emotionalen) Antworten auf solche Fragen hast? Ehrlich gesagt kann ich dein Problem auch gar nicht so recht erfassen, außer dass du offensichtlich unglücklich mit deiner Situation bist und dir Veränderung wünschst? Hast du eine Idee, was dir bei dieser Veränderung helfen würde? Wenn du wirklich nach Veränderung strebst ist „keine Zeit“ eine faule Ausrede, vllt steckt Angst, Scham o.ä. dahinter. Wenn du „Glück“ hast, sagt dein Körper irgendwann: es reicht. Manche Menschen müssen sich erstmal halb tot gearbeitet haben. Ansonsten ist es ja auch völlig legitim beruflich erfolgreich zu sein, viel Geld zu verdienen und dann irgendwann Familie zu gründen. Zu einem anderen Zeitpunkt Veränderung zu suchen. Achtest du denn in dem Ganzen auf dich, work/life balance?

By the way mit 25 ist das Leben tatsächlich nicht vorbei und mit 30 wahrscheinlich auch noch nicht... :lol: :lol:
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Max2016
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 14:38

Liebe Leute, danke für den Input!

Ich kann vielem, was gesagt wurde, zustimmen. Veränderung benötigt viel Kraft und einen hohen Leidensdruck.
Es ist seltsam, dass ich jetzt kaum Erklärungen heranziehen kann, die in der Analyse gewonnen wurden. Natürlich sind wir auch "tiefer" eingestiegen, haben Beziehungen zu den verschiedensten Personen in meinem Umfeld analysiert, haben Erkenntnisse gewonnen. Es ist mir jetzt jedoch irgendwie unmöglich, die zentralen Erkenntnisse "auf den Punkt" zu bringen. Aber das muss man vielfach ja auch gar nicht.

Wenn es darum geht, mal zu schauen, was ich wirklich brauche, so ist es sicher eine Person, die mich häufiger "auf den Boden der Tatsachen" zurückholt und mir nach vielen Stunden des Aufzählens, was ich alles nicht kann, direkt ins Gesicht sagt: Es reicht, noch ein Wort und du bekommst welche - sorry für diese harten Worte - in die Fresse.

Am Gymnasium hatte ich (auch) diese Personen, und das hat mir unglaublich geholfen. Wenn sich jemand vor mich stellte, der mir körperlich erheblich überlegen war und mir - durchaus wohlwollend - sagte: Junge, jetzt reicht es. Im Grunde war das eine Gemeinschaft, der ich ewig nachtrauere, weil ich da tatsächlich ein bisschen als "Nerd" herumlaufen konnte, gleichzeitig Spaß hatte und trotzdem integriert war. Mit dem Abitur wusste ich schon, was ich verlieren werde und ich habe nicht genug darum gekämpft, diese Beziehungen aufrecht zu halten.
Bei der mündlichen Abiturprüfung war ich so angespannt, dass ich flüchten wollte. Auch da stellte sich mir so ein starker Junge in den Weg, der meinte: Ne, du kommst hier nicht durch, du musst die Prüfung antreten und du schaffst das. Ich bin dem Kollegen ewig dankbar dafür, weil ich sonst womöglich tatsächlich nicht einmal Abitur gemacht hätte (obwohl es notentechnisch sehr gut war).

Diese Leute wussten irgendwie "intuitiv", wie sie mit mir umgehen müssen. Und das war ein ganz großes Geschenk, das gerade in der heutigen Schulzeit nicht selbstverständlich ist.

Ein wesentlicher Punkt, weshalb ich die Schule so liebte, war aber eben diese Vielseitigkeit von Personen, die mir auf ihre individuelle Art und Weise genau das gaben, was ich brauchte.

Zum Thema Work-Life-Balance. Ich hatte da letztens ein Interview, habe selbst im Bereich Sozialpsychologie studiert. Als ich danach gefragt wurde, sagte ich sofort: Work-Life-Balace, da würde ich mir ohne Frage sofort eine 6 geben. Es fällt mir ausgesprochen schwer, einen Mittelweg aus Leistung und Entspannung zu entwickeln. Es ist viel eher so, dass ich in ekstatischen Phasen arbeite, bis ich wirklich nicht mehr kann. Dann muss ich mit schweren Magenproblemen für einige Tage aussetzen, danach gehts dann wieder weiter. Dann steigert sich alles wieder so, bis ich wieder "nicht mehr kann" und dann wiederholt es sich erneut.

Vielleicht geht es bei dem ganzen Arbeiten um Anerkennung, weil diese seit der Kindheit an in meiner Familie niemals grundlos vergeben wurde. Leistung wird belohnt, Nichtstun wird erheblich geächtet - am meisten von meiner Mutter, die jedoch seit meiner Geburt niemals mehr "gearbeitet" hat. Selbstständige Arbeit ist für sie keine "richtige Arbeit", es ist völlig egal, wie viel ich verdiene. Selbst eine Villa wäre dann nur "durch Glück" erworben, nicht durch Können. Um es vielleicht etwas zu konkretisieren: Ich leite einen kleinen Verlag im Bereich Bildung für die Sekundarstufe II. Nicht geerbt, sondern 2012 aus einer Idee heraus realisiert, und mit der Zeit wurde das alles immer größer.

Bei meinen jetzt noch vorhandenen Freunden bin ich dadurch zunehmend in eine Sonderrolle geraten, ich bin jeden normalen Vergleichsperspektiven "entzogen". Ich kann mir eigentlich alles erlauben, weil diese Menschen mir immer Bewunderung schenken. Aber das möchte ich nicht nur ... Denn das führt dazu, dass alle "normalen" Situationen bei mir positiv umgedeutet werden. Ich habe quasi "Narrenfreiheit" und kann auch diese Personen immer wieder versetzen - sie verstehen das alles (im Grunde verstehen sie aber wenig). Ich glaube auch, dass das dazu führt, dass ich mich wenig verändern muss, weil auch hier keiner sagt: Das geht so aber nicht (wie noch zu Schulzeiten). Um das mal anschaulich zu machen: Ich habe auch muslimische Freunde, die so konservativ sind, dass sie jeden Film, in dem Alkohol konsumiert wird, ausschalten müssen. Ich könnte mich neben ihnen jedoch betrinken und sie sagen immer noch: Ja, das ist ja ein Genießer, das ist etwas anderes (diese Situation gab es in der Realität). Es wird also alles positiv umgedeutet, sodass ich hier niemals anecken kann.

Einerseits gefällt mir diese Sonderrolle, andererseits wird man - werde ich - dadurch unberührbar.

Hoffe, ihr könnt euch nun etwas mehr vorstellen, worum es bei mir so geht und weshalb sich das alles so schwierig gestaltet.

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wind of change
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 15:01

Mir fällt nur ganz schnell folgendes ein:
Du trauerst deiner Schulzeit nach, u.a. weil sich dir Leute in den Weg gestellt haben, die wohlwollend sagten: es reicht!
Wie wäre es, wenn du übst, dir selber so eine Person zu sein? ;-)
Das andere, dass du soviel arbeitest, kann auch daran liegen, dass du Angst vor "dem anderen" (soziale Beziehungen) hast und deshalb davor flüchtest? Wobei, ich denke mal, als (junger) Mann mit eigenem Haus und dazu noch in ner Großstadt kommst du durchaus als begehrter Partner für so einige in Betracht (viele achten eben immer noch auf finanzielle Sicherheit oder Absicherung). Also Zukunft durchaus noch ausbaufähig und bei weitem nicht "Hopfen und Malz verloren" und auch jetzige Mühe und Arbeit nicht umsonst. Es muss ja nicht immer so (einsam) bleiben wie es jetzt (noch) ist. Oder hast du wirklich und ernsthaft ein entgegengesetztes Gefühl und Zweifel?
Ach so, was ich sagen wollte, ich denke, spätestens wenn du einen Partner hast wird sie dich schon "auf den Pott setzen" wenn du wirklich zu viel und dauerhaft mehr bei der Arbeit als bei Partner bist ;-)

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Beitrag Mi., 05.05.2021, 15:06

Du könntest z.B., um selber "aus den Puschen" zu kommen, dir selber ganz streng verordnen: so, einmal in der Woche mach ich dies (oder das) und zwar Mi , von 15-16 Uhr, komme was da wolle!
Oder dir einen Tag, z.B Sonntag, ganz bewusst frei nehmen, auch innerlich, dich nicht mit Arbeit beschäftigen sondern z.B. spazierengehen, auch wenn es dir zuerst sinnlos erscheinen mag. Trotzdem machen