Therapie von Therapie?

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Orange22
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Therapie von Therapie?

Beitrag Fr., 14.06.2019, 17:40

Also ich bin jetzt seit zweieinhalb Jahren in Therapie (tiefenpsychologisch). Ich mochte meinen Therapeuten von Anfang an und kam super mit ihm klar genauso wie er mit mir. Über die Zeit hat sich eine sehr intensive Beziehung zum Therapeuten entwickelt von der er selbst sagte es sei die intensivste die er je hatte. Vor einigen Wochen war er dann im Urlaub und währenddessen unternahm ich leider einen Suizidversuch, dieser hatte allerdings nicht das geringste mit meinem Therapeuten oder seinem Urlaub zu tun. Als er davon erfuhr und wir darüber redeten, meinte er plötzlich unsere Beziehung sei zu nah, das sei für uns beide nicht gut wir müssen auf Abstand gehen und er wird mir keine Medikamente mehr verschreiben, da er sich nicht schuldig fühlen mochte. Da ich seit einer längeren Zeit schon darüber nachgedacht hatte in ein anderes Bundesland zu ziehen, drängte er mich ziemlich in diese Richtung. Wahrscheinlich damit ich weg bin..
Jedenfalls ging es mir wirklich richtig schlecht nach dieser Therapiestunde, ich habe den ganzen Weg nach Hause und insgesamt eine Woche fast dauergeheult. Es tat so unfassbar weh, dass ich damit nicht mehr klar kam. Jetzt habe ich drei Wochen Pause eingelegt um mir darüber im Klaren zu werden wie und was und überhaupt. Nun war ich diese Woche wieder bei ihm und das hat alles wieder aufgerissen. In unserer Therapeutischen Beziehung liegt ein riesen großer Krater der einfach nur wahnsinnig weh tut. Er hat mir damit alles genommen was mir die Therapie bedeutet hat, sie gab mir Stabilität, Halt und Sicherheit. Jetzt ist das alles weg und ich komme nicht mehr klar damit. Es ist jetzt ohne Therapie bei ihm unerträglich und genauso unerträglich ist es bei ihm in Therapie zu sitzen. Ich ertrage das kaum, irgendwie fühlt es sich so an als wäre ein mir sehr nahe stehender Mensch plötzlich und unerwartet verstorben. Das tut so weh.. Jetzt bin ich genau an dem Punkt angekommen, vor welchem ich immer Angst hatte - ich brauche eine Therapie um die Therapie verarbeiten zu können.. Er hat die Beziehung doch mit aufgebaut, er als Therapeut hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen, wir standen uns so nah als wären wir Vater und Tochter.. das hat er selbst auch so empfunden.. das ist erschreckend.. wie kann er mich jetzt einfach so knallhart fallen lassen? Hatte jemand schon einmal sowas? Und wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen? Ich komme momentan überhaupt nicht mehr klar damit..

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stern
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Beitrag Fr., 14.06.2019, 19:40

Orange22 hat geschrieben:
Fr., 14.06.2019, 17:40
Er hat die Beziehung doch mit aufgebaut, er als Therapeut hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen, wir standen uns so nah als wären wir Vater und Tochter.. das hat er selbst auch so empfunden.. das ist erschreckend.. wie kann er mich jetzt einfach so knallhart fallen lassen?
Das nennt sich Verstrickung bzw. Verwicklung. Ich würde dir raten, einen Therapeuten zu suchen, der von vorneherein abgegrenzter ist. Evtl. vorab (bis du jemanden findest) eine Klinik, da ja ein Suizidversuch auch ein Thema ist. Liest man im Forum häufiger von. Ich gehe davon aus, dass Therapeuten das entsprechend einordnen können, wenn du berichtest.
Zuletzt geändert von stern am Fr., 14.06.2019, 19:51, insgesamt 1-mal geändert.
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alatan
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Beitrag Fr., 14.06.2019, 19:47

stern hat geschrieben:
Fr., 14.06.2019, 19:40
Orange22 hat geschrieben:
Fr., 14.06.2019, 17:40
Er hat die Beziehung doch mit aufgebaut, er als Therapeut hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen, wir standen uns so nah als wären wir Vater und Tochter.. das hat er selbst auch so empfunden.. das ist erschreckend.. wie kann er mich jetzt einfach so knallhart fallen lassen?
Das nennt sich Verstrickung bzw. Verwicklung.
Oder auch Übertragungsneurose. Ist eine sehr gefährliche Sache, er hat dir nicht geholfen, sondern dich quasi infiziert und ist jetzt unfähig, das ehrlich zu bearbeiten. Armselig.

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Shukria
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Beitrag Fr., 14.06.2019, 21:12

Ja ich hatte sowas, Habs grad in nem anderen Thread geschrieben.

Die Verstrickung war wie bei dir. Zu viel Zuwendung, Wärme, Geschenke, mich aufgefordert sie anzurufen wann ich will, mails zu schreiben, es gab keine richtige Grenze... Und gleichzeitig das Alleinstellungsmerkmal, sie kann mir helfen, sie ist der Fels in der Brandung... Mein soziales Umfeld was ich hatte und habe einzubinden, also mich auf die Idee zu bringen auch dort anzudocken parallel, die Ängste hierzu zu bearbeiten warum ich das so wenig nutze, darauf kam sie nicht. Das hat verstrickt und abhängig gemacht. Sie war wie ein Mutterersatz für mich. Abbruch gab's von ihr aus anderen genannten Gründen aber die waren nur der Auslöser. Fakt sie hats nicht mehr gelöst bekommen.

Umgang, ich hab gelitten wie verrückt. Jetzt habe ich ne neue Therapeutin, abgegrenzten, ich bin autonomer. Sie achtet drauf das ich die Freunde die ich habe auch nutze, mich denen anvertraue. Ich habe bei ihr nie das Gefühl das sie mein Fels in der Brandung ist sondern ein gleichwertiges Gegenüber.

Und bei zentralen Themen kommen die Belastungen aus der alten Therapie wieder hoch und wir müssen erst einmal die alte Verstrickung lösen bevor man zum ursprünglichen Kern kommt.

Ich kann dir nur raten dir jemand anderen zu suchen, auch wenn es jetzt weh tut und du ihn magst. Es wird nicht mehr besser sondern nur stetig schlechter. Die guten Phasen werden immer kürzer.

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Orange22
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Beitrag Sa., 15.06.2019, 10:40

Das Gemeine an der Sache ist ja, dass ich gefühlsmäßig die Therapie bei ihm weiter machen möchte, weil ich das Gefühl habe, diese nur bei ihm zu schaffen und ich von dieser Beziehung nicht ablassen kann.. Mein Kopf sieht das anders, mein Kopf weiß, dass das das dümmste ist, was ich jetzt tun kann da er mir nur weiter weh tun wird und ich daran zu Grunde gehen werde.. Dass die Therapie mir nur noch schaden wird.. aber ich ertrage diese Gefühle nicht.. ich fühle mich derart zerrissen, dass es sich anfühlt als wäre ich gleichzeitig am implo - und am explodieren.. ich halte es nicht ohne Therapie bei ihm aus, ich halte es nicht mit Therapie bei ihm aus und wenn ich daran denke diese woanders weiter zu führen, fühlt es sich an wie fremdgehen..

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Philosophia
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Beitrag Sa., 15.06.2019, 10:55

Auch wenn es die therapeutische Beziehung ist, die heilt, so heilt sie nicht, wenn das eigentliche aus den Augen verloren wurde: die Therapie. Wenn die Beziehung selbst auf ein Podest gehoben wird, nützt das nichts - nur, dass sich das therapeutische Paar zuschleimt und zuklebt. Patient: Ach nur Sie verstehen mich, ich bin ja so uuunendlich dankbar. Therapeut: Ich war noch nie einem Patienten so nah, ich werde Sie niemals im Stich lassen, bin immer für sie da.
Auweia... beide schmachten sich zu und werten sich gegenseitig auf, lassen sich gegenseitig vom anderen befriedigen - Arbeit: Fehlanzeige. Und für so was bezahlt dann die Krankenkasse...
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer

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Gedankentanz2
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Beitrag Sa., 15.06.2019, 11:15

Orange22 hat geschrieben:
Sa., 15.06.2019, 10:40
... wäre ich gleichzeitig am implo - und am explodieren.. ich halte es nicht ohne Therapie bei ihm aus, ich halte es nicht mit Therapie bei ihm aus und wenn ich daran denke diese woanders weiter zu führen, fühlt es sich an wie fremdgehen..
Liebe Orange22,

das kann ich so gut nachvollziehen. Dieses Gefühl vom Fremdgehen hatte ich auch ganz extrem. Ich war 4× die Woche bei einer Analythikerin und ich kam aus dem Fühlen nicht mehr raus. Ich wusste nicht mehr wo ich anfange und sie aufhört. Sie empfand das Ganze trotzdem als fruchtbar und gut. Mein ganzes Umfeld flehte mich an weg zu gehen bei ihr, denn sie sahen, wie es mir schlechter und schlechter ging.
Irgendwie habe es dann doch geschafft eine andere Therapeutin aufzusuchen und mit ihr über die Therapie mit der Analythikerin zu sprechen. Die fand das ganz furchtbar. Das wollte ich aber nicht hören. Bin dann zu noch einer anderen Therapeutin und auch die war schockiert. Von diesen zwei Treffen hatte ich der damaligen Therapeutin erzählt und auch, dass ich mich fühle, als wäre ich ihr fremdgegangen. Daraufhin lächelte sie und sagte, dass doch alles gut wäre, ich wäre ja wieder zurück gekommen und dass ich bestimmt festgestellt habtte, dass es überal gleich laufen würde. Ich würde ja schließlich mein Großes, überall hin mitnehmen. Das ein Wechsel nicht lohnen würde.
Ich war so dankbar und erleichtert über ihre gefühlt "gnädige" Reaktion.
Aber dann hat sie wieder etwas gemacht...
Nur durch die beherzte Hilfe der zweiten Analythikerin, die ich aufgesucht hatte, habe ich den Absprung geschafft. Und jetzt im Nachhinein könnte ich nur noch weinen, denn ich hätte dadurch fast, die mir liebsten Menschen auf der Welt verloren. Den Apsrung habe ich in der letzten Sekunde geschafft. Ich hasse mich dafür, dass ich es so lange mitgemacht habe, so lange taub war für die Worte, bitten, flehen meines Umfeldes. Das ich es zugelassen habe, das ein Mensch, der nur seine eigenen Belange im Hinterkopf hatte, so viel Macht über mich gegeben hatte.
Ich hasse mich dafür, denn dadurch hatte ich so viel riskiert. Und jetzt kämpfe ich seit fast einem Jahr daran (mit der neuen Anatythikerin) es wieder gut zumachen, falls das überhaupt möglich ist.

Ich kann dir, aus eigener Erfahrung heraus, nur ans Herz legen, dir einen anderen Therapeuten zu suchen, und wenn es erstmal darum geht, eine objektive Einschätzung zu bekommen. Bitte, kümmere dich da gut um dich.
Ich musste mich da von meinen Gefühlen abspalten, denn denen konnte ich nicht mehr trauen.
Ich drücke dir da ganz ganz fest die Daumen
Wenn sich meine tanzenden Gedanken zanken, gerate ich schon mal ins Wanken. Finde ich dann keinen Halt, lande ich unsanft auf die Planken.

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Orange22
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Beitrag Sa., 15.06.2019, 11:44

Ich habe die letzten zwei Tage damit verbracht, nach anderen Therapeuten zu suchen, habe mir einige raus geschrieben.. traue mich aber nicht dort anzurufen.. mein Plan wäre, nächste Woche noch einmal zu meinem Therapeuten zu gehen, ein abschließendes Gespräch zu führen in welchem ich ihm alles sagen werde, was ich zu sagen habe und dann die offenen Reststunden bei einem anderen Therapeuten aufzubrauchen.. Im Grunde ist das Thema Therapie für mich gelaufen.. ich will die restlichen Stunden nur nutzen um mich von dieser Beziehung zu lösen.. ich hoffe die reichen.. aber die letzten zweieinhalb Jahre waren ziemlich mies.. ich dachte immer mir ginge es so schlecht da mein Freund und ich so viel streiten aber in den drei Wochen in denen ich nicht zur Therapie ging, stritten wir kaum und die Beziehung zu meinem Freund wurde besser.. obwohl es mir schlecht ging aufgrund der Therapiepause.. ich bin jetzt seit zwei Jahren Zuhause, bin vor einem Jahr kurzzeitig arbeiten gegangen für ungefähr drei Monate und dann ging es wieder nicht.. meine Depression wurde als chronisch diagnostiziert, Medikamente helfen nicht und mein Therapeut war der Meinung, dass nur er mir helfen könne, dass ich mich bei jedem anderen Therapeuten wahrscheinlich schon längst das Leben genommen hätte.. (Frage mich im Nachhinein wie er darauf kommt.. Suizid war kein großes Thema für mich - bis auf das eine Mal) wirklich erbärmlich wenn ich so zurück denke.. und irgendwie nehme ich ihn trotzdem noch in Schutz.. ich bin so ein Idiot..

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Shukria
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Beitrag So., 16.06.2019, 19:08

Orange22 hat geschrieben: mein Plan wäre, nächste Woche noch einmal zu meinem Therapeuten zu gehen, ein abschließendes Gespräch zu führen in welchem ich ihm alles sagen werde, was ich zu sagen habe und dann die offenen Reststunden bei einem anderen Therapeuten aufzubrauchen..
Hast du das Gefühl das es dir gut tut und dich in deiner Entscheidung nicht verunsichert wenn du (erst) mit ihm ein Anschlussgespräch führst bevor du den Kontakt zu einem neuen Therapeuten hergestellt hast?

Ich frag weil nur weil mir das glaube zu heikel wäre, alleine lösen aus ner verstricken Beziehung und möglicherweise noch neue Verletzungen riskieren.
Hab damals erst ne neue Anlaufstelle gesucht, bevor ich versucht habe die Beziehung mit der alten Therapeutin zu klären. Es ließ sich nicht klären. Ihr Fazit im Gespräch war erst, ich begleite sie in/bei allem und kippte dann in der folgenden Stunde in spontan Abbruch ohne Anschlussgespräch, weil ja Vertauensverhältnis gestört sei.
Ich war Mega froh eine Sicherheit im Hintergrund zu haben von der sie nichts wusste. Und es entsetzt/desillusionierte mich auch. Sie wusste nicht das ich wo anders hin kann wenn es sich bei ihr nicht klären lässt und hat auf meine Nachfrage wie weiter jetzt mit Ende nur gemeint, das wüsste sie jetzt auch nicht. Ich soll allein schauen.
Und das zu einem Zeitpunkt wo es um Stabilisierung /Traumaarbeit, Flashbacks ging.

Konfrontation ohne Sicherheitsnetz wäre ne katastrophe geworden.

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Orange22
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Beitrag So., 16.06.2019, 19:53

Hmm.. da könntest du natürlich Recht haben, soweit hab ich da noch gar nicht gedacht. Allerdings glaube ich dass ich es besser komplett ohne ertrage als noch länger bei ihm zu sitzen. Ich weiß es aber auch nicht sicher. Das ist zumindest das, was ich jetzt im Augenblick empfinde, weil ich einfach nur wahnsinnig wütend bin. Das kann morgen aber auch schon wieder anders sein.. Momentan habe ich extreme Gefühlsschwankungen von "ich hasse dich du ..." Bis hin zu "ich Brauch die Therapie bei dir". Ich werde morgen einfach bei den Therapeuten anrufen die ich mir aufgeschrieben habe, Mal sehen..


Igelkind
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Beitrag Mo., 17.06.2019, 10:09

Hallo Orange22,

Ich hoffe, die Situation verbessert sich für dich und du erhältst die Hilfe, die du brauchst.

Etwas seltsam finde ich es aber schon, dass Patienten oft eine "echte Beziehung" zum Therapeuten wollen, ihm etwas bedeuten oder mindestens nicht egal sein wollen.
Sich dann aber wundern, wenn ein Suizidversuch von Therapeutenseite nicht so rasch verdaut wird.

Du schreibst, es fühlt sich für dich an, als wäre ein dir nahestehender Mensch unerwartet verstorben.
Kannst du dir vorstellen, dass es deinem Therapeuten (und anderen menschen in deinem Umfeld) so ergangen wäre, wenn dein Suizidversuch geglückt wäre?
Auch wenn wir Patienten den Therapeuten nicht sehr nahe stehen, und das auch nicht sollten, so geben sie sich doch Mühe zu helfen, machen sich viele Gedanken, sorgen sich, kümmern sich... auch der abgegrenzteste Therapeut / Therapeutin.

Es fand erst eine Sitzung statt seit dem Versuch.
Klar sollte er drüber stehen und dir helfen, anstatt sich aus persönlicher Betroffenheit zurück zu ziehen.
Trotzdem sind doch Therapeuten auch Menschen, und dass es ihn nicht kalt lässt, finde ich normal.
Jetzt zu finden, wie gemein er doch ist und wie unprofessionell, damit habe ich etwas Mühe.

Ich schreibe das, weil ich eine ähnliche Situation erlebt habe, und es nach dem Suizidversuch auch schwierig war in der Therapie.
Die Therapeutische Beziehung musste repariert werden, ich musste merken, ich hatte sie beschädigt.
Natürlich hat mein Therapeut mir keine Vorwürfe gemacht und auch weitgehend verborgen, wie es in ihm aussieht, das war gut. Trotzdem hat er sich in einem kurzen Satz verraten, und ich konnte erahnen, wie sehr ihn das getroffen hatte.
Für mich war das auch heilsam zu erleben.

Alles Gute
LG Igelkind

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Orange22
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Beitrag Mo., 17.06.2019, 11:14

Igelkind hat geschrieben:
Mo., 17.06.2019, 10:09
Etwas seltsam finde ich es aber schon, dass Patienten oft eine "echte Beziehung" zum Therapeuten wollen, ihm etwas bedeuten oder mindestens nicht egal sein wollen.
Sich dann aber wundern, wenn ein Suizidversuch von Therapeutenseite nicht so rasch verdaut wird
Ich wollte das so nicht, diese Beziehung ist mit der Zeit einfach entstanden..
Ich möchte nicht näher darauf eingehen was alles war und was dazu geführt hat, dass es soweit kommt. (Auf die Beziehung bezogen) aber es gab einige Grenzüberschreitungen wenn ich mir das rückblickend betrachte, auch wenn ich es damals nicht so empfunden habe. Die Therapeutische Beziehung ist unprofessionell intensiv geworden. Er als Therapeut hätte das auch nicht soweit kommen lassen dürfen. Jetzt bin ich aber abhängig und er weiß das vermutlich auch..
Trotzdem lässt er mich emotional einfach ins Messer laufen. Das finde ich nicht in Ordnung.
Er gibt mir ja nichtmal die Möglichkeit mich von dieser Beziehung zu lösen, wie gesagt er hat sie mit aufgebaut - das war ein Prozess, jetzt sollte es genauso ein Prozess sein diese Beziehung zu lösen. Aber ich soll in der Lage dazu sein, einfach ganz normal weiter zur Therapie zu kommen und soll so tun als wäre nichts.. (vom thera aus)

Das ist im Grunde so als führte man eine super Ehe und von einen auf den anderen Tag, knallt dir der Partner die Scheidungspapiere vor die Nase und meint dann "wir können Freunde bleiben" im nächsten Moment wird ohne darüber zu reden zur Tagesordnung übergegangen.
Und damit soll man dann klar kommen?!


Igelkind
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Beitrag Mo., 17.06.2019, 12:00

Orange22 hat geschrieben:
Mo., 17.06.2019, 11:14
Er gibt mir ja nichtmal die Möglichkeit mich von dieser Beziehung zu lösen, wie gesagt er hat sie mit aufgebaut - das war ein Prozess, jetzt sollte es genauso ein Prozess sein diese Beziehung zu lösen. Aber ich soll in der Lage dazu sein, einfach ganz normal weiter zur Therapie zu kommen und soll so tun als wäre nichts.. (vom thera aus)

Das ist im Grunde so als führte man eine super Ehe und von einen auf den anderen Tag, knallt dir der Partner die Scheidungspapiere vor die Nase und meint dann "wir können Freunde bleiben" im nächsten Moment wird ohne darüber zu reden zur Tagesordnung übergegangen.
Und damit soll man dann klar kommen?!
Ich denke, ich kann deinen Standpunkt verstehen.
Aus meiner Sicht (und Erfahrung) ist halt derjenige, der einen Suizid begeht (oder versucht) die Person, die den Menschen in seinem / ihrem Umfeld die Scheidungspapiere hin knallt.
Auch habe ich den Eindruck, du möchtest zur Tagesordnung übergehen, während er dir weiter Therapie anbietet, was Veränderung bedeuten würde.
In einem weiteren Therapieprozess hättest du vielleicht die Chance, dich von ihm zu lösen.
Vielleicht ist er auch zu unprofessionell und so verstrickt, dass das nicht mehr möglich wäre, das kann ich nicht (und niemand hier) beurteilen.
Dass er dir sagte, das mit dir sei die intensivste Beziehung, die er je hatte, finde ich auf jeden Fall nicht in Ordnung.
Aber anscheinend hat er gemerkt, dass die Beziehung zu nahe war, wie immer in solchen Fällen auf deine Kosten... dass das sehr weh tut kenne ich auch aus Erfahrung und tut mir sehr leid für dich.

Ich wollte dir nur eine etwas andere Sicht geben.
Auch gehört es für mich zu den wichtigsten Dingen, die (durch Beziehung) traumatisierte Menschen lernen können: dass Beziehungen nicht statisch, sondern wandelbar sind.
Ich selbst schwebte andauernd zwischen Symbiose und Abbruch (wozu ich auch Suizidversuche zähle...) und lerne erst jetzt langsam, diesen Prozess einer gemeinsamen Beziehung mit einem anderen Menschen auszuhalten, drin bleiben, mitgestalten, tolerieren, für mich einstehen, Nähe - Distanz regulieren und aushalten dass der andere dasselbe für sich in Anspruch nimmt.

LG Igelkind

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Orange22
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Beitrag Mo., 17.06.2019, 12:48

Du hast vollkommen Recht! Aber es gab einige Grenzüberschreitungen die ich im Nachhinein nicht mehr so hinnehmen kann. Dass er mir sagte ich sei seine intensivste Patientin ist ja bei weitem nicht alles.
Vielleicht sollte ich doch etwas genauer darauf eingehen.
Ich neige in Krisen dazu nichts mehr zu essen, also hat er mich öfter zum essen eingeladen damit ich etwas esse, als ich in meinem Trott gefangen war, ist er am Wochenende Mal mit mir spatzieren gegangen, er hat mir seine Handynummer gegeben die er keinem anderen Patienten gegeben hat, ich war zweimal in seinem Haus, er war mehrere Male in meiner Wohnung als es mir nicht gut ging (natürlich außertherapeutisch) er sagte immer wieder ich sei eine besondere Patienten, er meinte ich sei für ihn das vierte Kind welches er nie hatte, als ich schwanger wurde wollte ich das Kind abtreiben lassen weil ich mich nicht imstande fühlte ein Kind groß zu ziehen und es etliche Beziehungsprobleme gab, aber die Beziehung zum Therapeuten hatte mich so beeinflusst, dass ich es doch behalten habe weil er dagegen war, so dass ich jetzt einfach nur noch unglücklich bin. Er meinte sogar er sieht sich wie ein zieh-opa für mein Kind da ich für ihn wie sein viertes Kind bin, er meinte immer wieder er würde mich nicht im Stich lassen, es gab immer wieder Umarmungen die sehr innig waren, er hat mir CDs geschenkt, ich hatte fast jeden Tag Email Kontakt zu ihm..

Das alles hat sich für mich aber nie falsch angefühlt, ich habe mich in keiner dieser Situationen unwohl gefühlt. Diese Beziehung hat tiefe Sehnsüchte erfüllt, die mir bisher kein anderer geben konnte. Trotzdem sind das alles Grenzüberschreitungen und soweit hätte es nie kommen dürfen.. ich kann die Therapie bei ihm nicht mehr weiter machen!

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Philosophia
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Beitrag Mo., 17.06.2019, 12:53

Boa, das is krass... was hat er bloß getan!?! Dein letzter Absatz, da sagst du ja ganz deutlich, wie klar du das jetzt alles siehst.
Das war keine Therapie, das war Verrat - und zwar an dir.
"Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." - Albert Schweitzer