Therapeut wechseln?

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Sintje
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Therapeut wechseln?

Beitrag So., 23.08.2020, 15:09

Hallo zusammen,

ich bin zur Zeit stationär und muss schauen, wie es danach therapeutisch weitergeht. Dabei steht die Frage in Raum: Bleibe ich bei meinem derzeitigen ambulanten Psychotherapeuten (Ego-State-Therapie), oder suche ich mir jem. anderen?

Damit ich bei ihm bleiben könnte, müsste ich erstmal einiges Unausgesprochenes klären. Das wäre theoretisch möglich. Und er hat auch in vielen Bereichen Ahnung. Er weiß, was in mir vorgeht, kennt meine Problematiken und Biografie. Ich habe mit ihm zusammen vieles an Stabiltät im Inneren aufgebaut und Helfer erschaffen. Er hat sich mit auf die innere Bühne gestellt, sich Angreifern in meiner Erinnerung entgegengestellt. Es wird bestimmt schwierig bei jemand anderem nochmal ganz neu anzufangen.

Aber es gibt zwei Dinge, da kann ich mir eine Besserung einfach nicht vorstellen.
1) Er pathologisiert und negiert meine (teilweise) Transidentität. Er trifft diagnostische Aussagen dazu, obwohl er selbst gesagt hat, keine Erfahrung in dem Gebiet zu haben. Stattdessen kommt er mir ständig mit Verdacht auf sMB. Ich bräuchte aber jemand positiv zugewandtem, mit dem ich offen darüber reden kann.
2) Er bagatellisiert meine als schlimm erlebten Erfahrungen. Die verletzenden Handlungen meiner Eltern legitimiert er mit seiner Erklärung, ich sei ein besonderes (spr. schwieriges) Kind gewesen. Für ihn scheinen nur objektiv traumatische Situationen, wie es im Lehrbuch steht, zu gelten.

Was würdet ihr an meiner Stelle tun?

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Lilli-E
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Beitrag So., 23.08.2020, 15:42

Ich würde versuchen, Gespräche mit ihm zu führen, in denen du dich positionierst bzw lernst, dich zu positionieren.

Man muss nicht in jedem einzelnen Punkt mit dem Therapeuten harmonieren oder den gleichen Standpunkt einnehmen. Ich finde es sogar gar nicht schlecht, wenn man in der Lage ist, das auszuhalten.

Ich hatte auch einige Punkte, in denen meine Therapeutin innerlich und emotional andere Bewertungen hatte. Das hat mich zunächst sehr irritiert, weil ich den Eindruck hatte, wir müssten das als gleich schlimm oder wichtig einstufen.
Als wir aber darüber geredet haben, konnten wir uns darauf einigen, dass das eben nicht sein muss. Wichtig war mir, deutlich zu machen, dass es nicht darum gehen kann, ob etwas tatsächlich schlimm war (für jeden Menschen gleich) oder ob es eine Erklärung geben könne, sondern dass ich selbst es als schlimm empfunden habe. Das ist ein subjektives Empfinden, das nicht zur Diskussion steht.

Das darüber Reden halte ich für außerordentlich wichtig (ganz offen und direkt). Das macht auch Therapie aus.

Manchmal muss man auch für sich kämpfen - vorausgesetzt natürlich, es ist kein Dauerzustand.

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Kreativus50
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Beitrag Mo., 24.08.2020, 11:16

Liebe Sintje!

Das ist echt eine schwierige Situation in der Du Dich grade befindest.

Ich würde wohl so schnell wie möglich versuchen, Klarheit zu bekommen.
Deine beiden Punkte genau so und ganz direkt ansprechen und schauen, wie er reagiert, ob er da bereit ist, das anzuhören, anzunehmen und seine Positionen transparent darzulegen und auch in Deinem Sinne zu überdenken. Dann könnte ich mir zumindest eine Chance für eine Verbesserung für Dich vorstellen.
Wenn er das abblockt - dann weißt Du auch, woran Du bist.

In einer Therapie kann und wird es in der Regel zu manchen Themen auch keinen Konsens geben. Aber über unterschiedliche Standpunkte offen und respektvoll sprechen zu können und als Patient 100% ernstgenommen werden damit, das ist für mich eine Grundvoraussetzung. Und das kann in einem selber auch schon manches bewegen, dass man dann trotz einiger unterschiedlicher Ansichten dann gut weiterarbeiten kann.
Es kann auch sein, dass es dann trotzdem für Dich so gravierend ist, dass eine weitere Therapie dort für Dich nicht geht.

Also auch in dem Sinne, dass Du Dir klarer wirst, welche Bedeutung diese beiden Punkte für Dich haben und dann Deine Grenzen abstecken. Was geht und was geht gar nicht.

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Montana
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Beitrag Mo., 24.08.2020, 13:18

Es geht um eine ganz grundlegende Sache: ist deine Transidentität eine Krankheit und muss therapiert werden oder ist das einfach genauso normal wie alle anderen denkbaren Varianten von sexueller Identität. Darüber kann man in allen Lebensbereichen unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass das ein Problem wäre. Also, was hat das z.B. deinen Friseur zu interessieren. Aber beim Therapeuten ist das echt was anderes, denn was bringt es, wenn er das quasi als Kern deiner Probleme begreift und sich zu einer Therapie, die das nicht zum Thema macht, nicht in der Lage sieht? Das muss wirklich geklärt werden, auch wenn das Ergebnis blöd ausfällt.

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lisbeth
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Beitrag Mo., 24.08.2020, 16:10

Hi Sintje,

schwierig, denn diese beiden "offenen" Punkte berühren dich ja ganz tief in deinem Kern.

Könntest du diese Frage denn mit deinen Ärzten/Therapeuten in der Klinik auch erörtern? Die kennen dich ja eventuell jetzt auch schon ein wenig?

Hast du ihm denn zu diesen beiden Sachen schonmal ganz offen und ungefiltert Rückmeldung gegeben? Also was das mit dir macht, die Pathologisierung deiner Transidentität bzw. die Bagatellisierung dessen was du erlebst hast?
Ich vermute Nein, weil du das ja als "Unausgesprochenes" beschreibst.
Falls das so ist, dann würde ich mich nochmal an einer Klärung mit ihm versuchen.

Es kann manchmal sein (/kann/, aber muss nicht) dass man manches stark verzerrt wahrnimmt, was vom Therapeuten kommt, vor allem wenn es solche Themen betrifft, die so ganz eng mit der eigenen Identität verwoben sind. Ich habe bei mir auch schon öfters mal das Problem gehabt, dass ich bei "schwierigen" Themen dann ziemlich schnell in eine negative Übertragung rutsche, und die Therapeutin dann etwas "Fieses" oder "Monsterhaftes" bekommt. Und es hat lange gedauert, bis ich für mich sehen konnte, dass das meine eigenen Filme sind und meine eigenen Abwertungen und gar nicht von ihr selbst ausgeht.

Kann aber auch sein, dass er dich da wirklich pathologisiert und bagetellisiert...
Dann würde ich sagen: Geh und such dir jemand neues.

Grundsätzlich ist Therapie für mich ein Ort, an dem ich und alles in mir zuallererst erstmal so sein dürfen muss wie es jetzt gerade ist. Weil erst wenn die Dinge so sein dürfen, wie sie gerade sind, dann können sie sich auch entwickeln und verändern, in welche Richtung auch immer. Nur wenn ich mich nicht ständig vor Bewertungen und Pathologisierungen meiner Therapeutin fürchten muss, kann ich mich ihr auch wirklich offen anvertrauen. Und mit ihr zusammen daran arbeiten, dass ich mehr Stabilität in meinem Leben finde. Wenn ich diese Grundlage der Zusammenarbeit ständig in Frage stelle oder stellen muss, dann bringt das Ganze eigentlich nichts.
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Sintje
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Beitrag Mi., 26.08.2020, 12:55

Vielen Dank für eure Antworten

Ich denke, ein Gespräch, wie von euch vorgeschlagen, könnte beim 2. Punkt durchaus etwas bringen. Wahrscheinlich weiß er wirklich nicht, wie es mir mit den Aussagen geht. Danke für die Bestärkung.

Was seine Haltung zu meiner queeren bzw. Transidentität angeht, bin ich aber leider kaum zuversichtlich. Ich finde gerade nicht die richtigen Worte, um mich hier zu erklären.

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Kreativus50
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Beitrag Mi., 26.08.2020, 16:42

Na, ich gehe in jedem Falle davon aus, dass Du für Deine Skepsis gute Gründe hast. Trau' da Deiner Wahrnehmung, auch wenn Du sie nicht in Worte fassen kannst. Das musst Du nicht, ist manchmal so.

Für's Ansprechen viel Mut und Glück! Ich würde mich sehr freuen, irgendwann kurz von Dir zu hören, wie es weitergegangen
ist.

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Pianolullaby
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Beitrag Mi., 26.08.2020, 19:55

Was heisst für dich, deine "teilweise " Transidentität. Bist du es, oder nicht?
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lisbeth
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Beitrag Do., 27.08.2020, 07:46

Hallo Sintje,
zu deinem ersten Punkt nochmal:
Sintje hat geschrieben:
So., 23.08.2020, 15:09
Aber es gibt zwei Dinge, da kann ich mir eine Besserung einfach nicht vorstellen.
1) Er pathologisiert und negiert meine (teilweise) Transidentität. Er trifft diagnostische Aussagen dazu, obwohl er selbst gesagt hat, keine Erfahrung in dem Gebiet zu haben. Stattdessen kommt er mir ständig mit Verdacht auf sMB. Ich bräuchte aber jemand positiv zugewandtem, mit dem ich offen darüber reden kann.
Ich hatte als Lesbe in fast allen Therapien (bis auf eine, da war die Therapeutin selbst lesbisch) immer wieder Momente, wo ich dachte: Boah, das hat die jetzt nicht /wirklich/ so gesagt, oder? Das waren Sachen im Zusammenhang mit meinem Lesbischsein, die ich als abwertend und verletzend empfand. Es ging allerdings nie soweit, dass mir mein Lesbischsein abgesprochen wurde oder mein Lesbischsein als Ausdruck eines pathologischen Männerhasses gedeutet wurde...

Ich habe jedes Mal - manchmal auch erst mit großem zeitlichen Abstand - diese Dinge angesprochen, gerade weil mich das so tief drinnen getroffen hatte. Und eigentlich kam am Ende ziemlich oft dabei heraus, dass die Therapeutinnen manches so "dahergesagt" hatten, ohne sich darüber vorher groß Gedanken gemacht zu haben. Manches aus Unwissenheit heraus, und weil sie in einer heteronormativen CIS-Blase leben, und manches auch aus Unsicherheit heraus (was irgendwie ironisch ist, weil das die Momente sind, wenn man schon merkt, dass man jetzt besser nichts "Falsches" sagen sollte, und dann ganz elegant so ein No-Go platziert...)

Für mich war es jedesmal gut und hilfreich darüber geredet zu haben, zum einen weil ich da für mich selbst eingestanden bin. Zum anderen weil es das Verhältnis zur jeweiligen Therapeutin geklärt hat, weil sowas schnell mal so im Raum stehen bleibt und zum rosa Elefanten wird, und ich das Thema dann beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr so 'locker' anschneiden kann und will... Und eigentlich war es fast immer so, dass den Therapeutinnen erst durch mein Ansprechen klar wurde, dass sie da einen ziemlichen Bock geschossen hatten - nicht aus Böswilligkeit, sondern einfach weil sie bei diesen Fragen die Welt durch ihren eigenen Filter sehen und ich durch einen ziemlich anderen, und Themen wie sexuelle Identität, Geschlechtsidentität, Transidentität auch heute in den Ausbildungen kaum vorkommen, und wenn überhaupt dann eben oft genug als pathologische Abweichung von der CIS-Hetero-Norm.

Gleichzeitig war das für mich aber auch nie zentrales Therapiethema, sondern wir sind immer in anderen Zusammenhängen drauf gestoßen. Für mich gab es da auch nichts grundsätzlich zu klären, was mit meiner Identität zusammengehangen hätte. Das Thema "lesbische Identität" war für mich lange durch als ich das erste Mal in Therapie war. Und was in der Therapie im Hinblick auf Beziehungen zu besprechen war, das war eben das: Beziehungskram und nicht Identitätskram.

Für mich war das ok so, wahrscheinlich weil das nicht Dreh- und Angelpunkt meiner "schwierigen" Themen war, sondern eher Randgeschehen. Und auf eine gewisse Art war es für mich auch gut, an ganz konkreten Beispielen zu erleben, dass die Therapeutinnen mich da auch als Expertin meiner selbst ernst nehmen und dann auch nachgefragt haben, weil sie besser verstehen wollten. Die Grenze wäre für mich dort gewesen, wo wiederholt die gleichen Böcke kommen, also die Therapeutin nichts dazulernt. Oder da, wo ich das Gefühl habe, die Therapeutin will mich dazu benutzen, um sich in diesen Themen "fortzubilden"...

Meinst du denn, die Pathologisierung ist die persönliche Meinung deines Therapeuten? Oder bringt er da eine (extrem veraltete) Lehrmeinung rein, die er irgendwann mal im Zuge seiner Ausbildung oder seines Studiums gehört hat und er sich einfach nie die "Mühe" gemacht hat oder die Notwendigkeit gesehen hat, sich da mal upzudaten? Wenn es eher letzteres ist, meinst du, er würde sich anhören, was du ihm dazu zu erzählen hast? Vor allem, wenn du ihm dabei auch deutlich und offen zeigst, was dieses Pathologisieren mit dir als Person macht und wie verletztend es ist?

Und noch eine Frage: Hat er dich tatsächlich pathologisiert? Oder hat er dich in dem was du ihm erzählt hast (kritisch) hinterfragt? Da würde ich auch nochmal einen Unterschied sehen, wobei es da auch offenes und abwertendes Hinterfragen gibt...

Letztenendes kannst du eigentlich nur durch Trial and Error herausfinden, wie offen er dafür wäre, bei diesem Thema mit dir in einen wirklich ergebnisoffenen Dialog einzutreten, auf den ihr dann auch weiter aufbauen könnt und wodurch die Therapie für dich dann auch weiter sinnvoll und fruchtbar wäre und dich weiterbringt. Ob es für dich lohnen würde, da nachzuhaken, und ob du die Energie da investieren willst, das kannst nur du entscheiden... Wenn er auf seinen Pathologisierungen beharrt, dann wäre ich da weg.

Alles Gute! l.

PS Ich würde mich auch freuen, ein Update von dir zu bekommen, wenn es was Neues gibt!
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Sintje
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Beitrag So., 30.08.2020, 06:56

Hallo nochmal.

Ich habe vorgestern kurz mit meinem Thera telefoniert, um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es um die therapeutische Beziehung steht. Das Thema des Threads kann ich aber natürlich erst in der nächsten Sitzung ansprechen, also in ca. 2 Monaten. Ich gebe Bescheid, wie es gelaufen ist.

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Sintje
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Beitrag So., 30.08.2020, 07:59

lisbeth hat geschrieben:
Do., 27.08.2020, 07:46
Meinst du denn, die Pathologisierung ist die persönliche Meinung deines Therapeuten? Oder bringt er da eine (extrem veraltete) Lehrmeinung rein, die er irgendwann mal im Zuge seiner Ausbildung oder seines Studiums gehört hat und er sich einfach nie die "Mühe" gemacht hat oder die Notwendigkeit gesehen hat, sich da mal upzudaten? Wenn es eher letzteres ist, meinst du, er würde sich anhören, was du ihm dazu zu erzählen hast? Vor allem, wenn du ihm dabei auch deutlich und offen zeigst, was dieses Pathologisieren mit dir als Person macht und wie verletztend es ist?

Und noch eine Frage: Hat er dich tatsächlich pathologisiert? Oder hat er dich in dem was du ihm erzählt hast (kritisch) hinterfragt? Da würde ich auch nochmal einen Unterschied sehen, wobei es da auch offenes und abwertendes Hinterfragen gibt...
Lisbeth, danke für das Teilen deiner persönlichen Erfahrungen. Das macht es mir einfacher, meinen Therapeuten zu verstehen.

Er sagte zu mir: "Es gibt ja Menschen, die wirklich im falschen Körper geboren sind. Aber ich glaube nicht, dass Sie dazugehören. Ich denke eher, Sie haben große Probleme Ihre Weiblichkeit anzunehmen. Das ist typisch für Frauen, die sMB erlebt haben. Darüber haben wir ja schon mehrmals gesprochen. Ich weiß, Sie haben diesen Verdacht verneint. Aber manchmal sind die Erinnerungen daran komplett verdrängt. Außerdem hat ihr Vater nur jungstypische Dinge mit Ihnen unternommen und mit weiblichen Peers haben Sie sehr schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Ich denke eher, dieses Gefühl ist ein Schutz"

Ob das nun Pathologisierung oder kritisches Hinterfragen ist, weiß ich nicht. Er spricht mir meine Geschlechtsidentität ab aufgrund seiner sMB-Vermutung. Grundsätzlich denke ich nicht, dass er Trans als Krankheit sieht (erster Satz). Also soo veraltet scheint seine Meinung nicht zu sein. Aber bei mir sieht er das nicht als Identität, sondern als Symptom. Und ich weiß mittlerweile gar nicht mehr, was ich noch denken soll.



Pianolullaby hat geschrieben:
Mi., 26.08.2020, 19:55
Was heisst für dich, deine "teilweise " Transidentität. Bist du es, oder nicht?
Wenn ich das sicher wüsste, würde mich die Haltung meines Theras wahrscheinlich nicht so treffen.
Am ehesten passt wahrscheinlich der Begriff genderqueer bzw. genderfluid, je nach Definition gehört das zu trans.
Es ist kein stabiles Gefühl. Das einzige, was immer da ist, sind Unwohlsein und Zwispaltigkeit in der Hinsicht.
Ich fühle mich als Junge und habe Angst, etwas vorzuspielen/zu lügen. Ich werde von fremden Menschen mit "Junger Mann" angesprochen und fühle mich überglücklich. Doch dann frage ich mich wieder, ob ich das darf und bekomme Schuldgefühle. Kurze Zeit später wird mir mein Körper bewusst, ich fühle mich als Mädchen und könnte heulen, weil ich um den verlorenen männlichen Zustand trauere und mir beweise, dass es nicht wahr ist. Egal in welchem Geschlecht ich mich wahrnehme, es ist falsch. Es ist ein andauernder Krieg von Genderdysphoria.
Das ganze wird wahrscheinlich noch verstärkt durch strukturelle Dissoziation. Ich habe keine Ahnung, wie dass weitergehen soll.

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chrysokoll
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Beitrag So., 30.08.2020, 10:15

vielleicht ist der Weg, so schwer es fällt, derzeit wirklich einfach Geduld ?

Also abwarten, weiter machen, die Therapie zunächst stationär und dann ambulant machen, hinschauen, wirken lassen.
Ich kann mir sehr gut vorstellen wie schwer das ist, aber einen anderen Weg sehe ich nicht.
Also "nichts" tun ausser Therapie. Nicht handeln, so weit es geht nicht bewerten, vor allem keine Entscheidungen treffen.

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Kaonashi
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Beitrag So., 30.08.2020, 10:16

Sintje hat geschrieben:
So., 30.08.2020, 07:59
Ich werde von fremden Menschen mit "Junger Mann" angesprochen und fühle mich überglücklich. Doch dann frage ich mich wieder, ob ich das darf und bekomme Schuldgefühle. Kurze Zeit später wird mir mein Körper bewusst, ich fühle mich als Mädchen und könnte heulen, weil ich um den verlorenen männlichen Zustand trauere und mir beweise, dass es nicht wahr ist. Egal in welchem Geschlecht ich mich wahrnehme, es ist falsch. Es ist ein andauernder Krieg von Genderdysphoria.
Das im ersten Satz war bei mir als Kind so (ich glaube, da ist es auch nicht so unnormal).
Später habe ich mich dann nur noch als "Ich" wahrgenommen, und das Geschlecht war gar nicht mehr wichtig. Ich habe meine Vorlieben, z.B. würde ich nie ein Kleid anziehen, sondern nur Hosen, und ich schminke mich nicht und trage keinen Schmuck. Das heißt, ich verhalte mich vielleicht nicht wie eine typische Frau, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Ich würde auch kein Mann sein wollen, ich finde meinen Körper schon okay so wie er ist.

Nachdem ich also nicht transident bin, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie das ist. Ich wollte als Kind wohl eher ein Junge sein, weil mir die Eigenschaften, die Jungs zugeschrieben werden, sympathischer waren als die, die den Mädchen zugeschrieben wurden. Ich wollte auch stark sein, Abenteuer erleben und nicht danach beurteilt werden, wie mein Äußeres ist.

Gibt es etwas, was du schlecht findest am Frausein? Oder fühlst du dich wirklich wie ein Mann? Da wird sich das ja wahrscheinlich dran entscheiden, also ich vermute, bei Transidentität geht es nicht darum, dass man ein Geschlecht schwächer findet oder ablehnt, sondern dass man sich einfach männlich oder weiblich fühlt...??

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Sintje
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Beitrag So., 30.08.2020, 12:13

chrysokoll hat geschrieben:
So., 30.08.2020, 10:15
Also "nichts" tun ausser Therapie. Nicht handeln, so weit es geht nicht bewerten, vor allem keine Entscheidungen treffen.
Wie genau meinst du das "keine Entscheidungen treffen"?
Bezieht sich das auf die Ausgangsfrage zum Therapeutenwechsel oder auf eine evtl. Transition?


Kaonashi hat geschrieben:
So., 30.08.2020, 10:16
Gibt es etwas, was du schlecht findest am Frausein? Oder fühlst du dich wirklich wie ein Mann? Da wird sich das ja wahrscheinlich dran entscheiden, also ich vermute, bei Transidentität geht es nicht darum, dass man ein Geschlecht schwächer findet oder ablehnt, sondern dass man sich einfach männlich oder weiblich fühlt...??
Danke für deinen Anstoß zur Reflektion. Ich versuche die Fragen für mich zu beantworten, möchte sie aber hier nicht teilen. Genau dafür wünsche ich mir den Austausch in Therapie mit einer LGBTIQ*-erfahrenen Fachkraft.

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Sintje
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Beitrag Sa., 31.10.2020, 21:15

Sintje hat geschrieben:Ich gebe Bescheid, wie es gelaufen ist.
Ich wurde gebeten, ein Update zu geben: Ich "behalte" meinen alten Therapeuten, allerdings werde ich das Thema dort nicht mehr bearbeiten. Das Kontingent ist aufgebraucht und ich habe nur noch Quartalsstunden zur Stabilisierung (als pt Sprechstunde). Da brauche ich nichts weiteres mehr anfangen.
Dieser Umstand war mir nicht so bewusst - ich hätte mir die Fragestellung des Wechsels also sparen können.