Warum ist Dermatillomanie/Skin Picking Disorder eine Störung?

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AnnaPalindrom
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Warum ist Dermatillomanie/Skin Picking Disorder eine Störung?

Beitrag So., 20.12.2020, 01:51

Hallo,
es ist gut möglich, dass ich schon seit 8-9 Jahren an Dermatillomanie leide. Aber warum ist es eine psychische Störung? Ich habe es immer als schlechte Angewohnheit gesehen, als würde man an seinem Stift knabbern, wenn man nachdenkt.
Und muss man deswegen in Behandlung? Kann man es sich auch alleine abgewöhnen?
Und ab wann ist es überhaupt eine Störung? Ich kenne neben mir noch drei, die (anders als ich) an den Fingern herumzupfen. Sollen die jetzt alle "krank" sein und in Therapie, oder was?

LG
Anna


Jenny Doe
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Beitrag So., 20.12.2020, 06:24

Hallo AnnaPalindrom.
Und muss man deswegen in Behandlung?
Müssen tut man nichts. Man darf mit allem leben, auch mit jedem Leid ;)

Du schreibst, dass Du leidest. Wenn Leid besteht, dann besteht auch Handlungsbedarf und ggf. Behandlungsbedarf.
Und ab wann ist es überhaupt eine Störung?
Zu einer Störung wird es in dem Moment, wo Wunden, Narben, Entzündungen, Verletzungen sowie Leidensdruck und Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben entstehen und du dem Drang Deine "schlechte Angewohnheit" auszuüben nicht mehr widerstehen kannst, du diese Handlung tun musst, weil sonst, ...

Damit bin ich bei der eigentlichen Frage, nämlich warum Du das machst, brauchst und tust, warum Du nicht z.B. alternativ eine Entspannungsübung machst.
Deine Angewohnheit muss ja einen Grund haben. Wenn sich, um ein Beispiel zu nennen, herausstellen würde, dass du das immer dann machst, wenn Du Stress hast, dann könnte Dir eine Behandlung dabei helfen besser mit Stressituationen umzugehen. Du könntest z.B. lernen dich zu entspannen, anstatt dich selbst zu verletzen.
Sollen die jetzt alle "krank" sein und in Therapie, oder was?
Niemand muss Psychotherapie machen. Wenn du jedoch gerne wissen möchtest, warum du diese Angewohnheit hast, diese Angewohnheit gerne wieder loskriegen möchtest und lernen möchtest was Du alternativ zu deinem Selbstverletzungsdrang tun könntest, dann darfst Du Dir Hilfe suchen.

Psychotherapie ist ein Angebot an jene, die etwas verändern wollen. Wenn Du sagst, ich komme damit klar, ich leide nicht, es beeinträchtigt mich nicht, dann wirst Du wahrscheinlich auch nicht das Bedürfnis verspüren Deine Angewohnheit wieder abzulegen und etwas ändern zu wollen.
Wir müssen das Leben loslassen, das wir geplant haben, damit wie das Leben leben können, das uns erwartet (Joseph Campbell). Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen (Hermann Hesse).

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Pianolullaby
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Beitrag So., 20.12.2020, 18:09

weil es ein Verhalten ist, was einem selbst eine Verletzung zufügt.
Und sinnvoll ist es ja auch nicht.

Du darfst mit allem Leben, das ist dein Problem ob du deswegen? eine Therapie machen willst.
Es ist ja aber NUR ein Symptom einer Krankheit.
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum

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AnnaPalindrom
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Beitrag Mi., 23.12.2020, 02:12

Hallo Jenny Doe,
Leidensdruck ist immer ein schwammiger Begriff, finde ich. Ab wann leidet man denn? Und kann es auch sein, dass man sein Leid gar nicht bemerkt? Vorallem, wenn man es bereits als Normalzustand gewohnt ist.

Eine Freundin von mir ist z.B letztens mit jemanden zusammengekommen. Da er aber zur Zeit nicht bei ihr ist, vermisst sie ihn und meint, dass sie häufiger etwas depri ist. Als ich ihr dann gesagt habe, dass es doch auch eine Zeit vor dem Freund gab und ob sie sich mit den Dingen, die sie damals getan hat, vielleicht ablenken könne, sagte sie mir, dass sie nicht gerne über diese Zeit nachdenke. Sie habe erst jetzt, wo sie ihr Glück gefunden hat, erkannt, wie unglücklich sie damals eigentlich war.

Woher soll ich also wissen, ob ich nun "leide"? Vielleicht geht es mir nur "gut", weil ich nicht weiß, wie gut man sich tatsächlich fühlen kann.

Als "Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben" könnte man bei mir eventuell bemerken, dass ich immer, auch im heißesten Sommer, mit langen Ärmeln rumlaufe. Aber ich bin das gewohnt. Andere Leute würden das vermutlich zum Kotzen finden, aber mir ist es unangenehmer mit T-Shirts rumzulaufen. Ich fühle mich dann so unbedeckt, dick und will/wollte vorallem nicht meine Oberarme zeigen, weil dort immer kleine Wunden und Schwellungen sind. Seit ich mich in einem Augenblick geistiger Abstinenz auch noch am Unterarm geritzt habe, sind T-Shirts natürlich umso mehr ein Tabu.

Hm, ich habe nur wenige, schwache Versuche gewagt, mit Skin Picking aufzuhören, aber da ich das noch nie auch nur einen Tag durchgehalten habe, verlief sich das immer schnell im Sand. Heute z.B habe ich wieder versucht, nicht an mir rumzukratzen. Und schon allein, weil ich mich andauernd davon abhalten musste, ins Gesicht zu fassen oder eben die Handlung zu unterbrechen, wenn sie mir bewusst wurde, war ich eher angespannt. Ich weiß jetzt aber nicht genau, ob diese Anspannung daher kam, dass ich die ganze Zeit bewusst auf meine Handlungen achten musste, oder weil ich kein Skin Picking betrieben habe.
Aber letzendlich will ich damit aufhören. Es ist eine völlig sinnlose Angewohnheit, die mich häßlich fühlen lässt. Und das ich mir selbst dafür die Schuld gebe, macht es nicht besser. Echt nervig.

LG
Anna

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AnnaPalindrom
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Beitrag Mi., 23.12.2020, 02:16

Hallo Pianolullaby,
du schriebst:
Pianolullaby hat geschrieben:
So., 20.12.2020, 18:09
Es ist ja aber NUR ein Symptom einer Krankheit.
Aber was meinst du damit?

LG
Anna


Jenny Doe
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Beitrag Mi., 23.12.2020, 03:16

Hallo AnnaPalindrom
Leidensdruck ist immer ein schwammiger Begriff, finde ich. Ab wann leidet man denn? Und kann es auch sein, dass man sein Leid gar nicht bemerkt? Vorallem, wenn man es bereits als Normalzustand gewohnt ist.
Das man sich an Leid gewöhnen kann ist nicht nur etwas Negatives. Menschen, die z.B. chronische Schmerzen haben, fahren gut damit wenn es ihnen gelingt, die Schmerzwahrnehmung aus ihrem Bewusstsein zu verbannen, sich an diese zu gewöhnen. Gänzlich weg bekommt man Schmerzen dadurch nicht, aber man kann lernen sie auszublenden.
Diese Menschen haben Leidensdruck, aber wenn man es schafft sich an Schmerzen zu gewöhnen, sie zu etwas "Normales" werden zu lassen und sie auszublenden, dann nimmt mindert sich der Leidensdruck etwas.
Das macht den Begriff „Leidensdruck“ nicht schwammig. Der Leidesdruck ist da, aber Leid zu einem Normalzustand werden zu lassen, ist eine Bewältigungsstrategie, um Leid zu mindern.

Es gibt Leid, an das man sich gewöhnen muss, mit dem man leben lernen muss, mit dem man einen Umgang finden muss, … z.B. weil die Krankheit nicht heilbar ist.

Aber in deinem Fall handelt es sich um etwas, was behandelbar ist. Du musst Dich nicht an Dein Leid gewöhnen und du musst auch nicht mit langen Ärmeln rumlaufen und dich auch nicht hässlich fühlen.

Vielleicht hast Du Dich an deine „Angewohnheit“ so gewöhnt, dass Du unter dieser nicht mehr leidest, weil sie für Dich bereits „normal“ geworden ist.
Dafür leidest Du jetzt unter dem Gefühl hässlich zu sein und deine Arme nicht zeigen zu können. Auch daran kann man sich natürlich gewöhnen,
… oder man lernt ganz einfach, das eigentliche Problem zu beseitigen.
Wir müssen das Leben loslassen, das wir geplant haben, damit wie das Leben leben können, das uns erwartet (Joseph Campbell). Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen (Hermann Hesse).

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Pianolullaby
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Beitrag Mi., 23.12.2020, 19:00

AnnaPalindrom hat geschrieben:
Mi., 23.12.2020, 02:16
Hallo Pianolullaby,
du schriebst:
Pianolullaby hat geschrieben:
So., 20.12.2020, 18:09
Es ist ja aber NUR ein Symptom einer Krankheit.
Aber was meinst du damit?

LG
Anna
Dermatillomanie ist ein Symptom einer anderen Krankheit, davon gibt es mehrere, bsp. Borderline, PTBS und weitere
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