Spürbar sein

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Barida
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Spürbar sein

Beitrag Fr., 09.11.2018, 09:44

Kurze Vorgeschichte:
Ich durfte meiner weisen Körpertherapeutin die Hände drücken, um mich zu überzeugen, wie stark sie ist. Das war ein großer Schritt für mich, und es hat gut geholfen, ich konnte tatsächlich diesen kurzen Moment ihre Stärke spüren (nicht nur von Kopf wissen, sondern fühlen, das scheint bei mir ein entscheidender Unterschied zu sein, damit ich Sachen GLAUBEN kann).

Viel später, fast beim Abschied sagte ich: ich fühl Ihre Hände noch.
Und sie: ja, das geht mir auch so.
Mich hat ihre Antwort richtig… ja, was? Erschrocken, schockiert, getroffen? Zurückflüchten erzeugt?

Ich bin spürbar??????
Ich bin spürbar.

Das ist so derart seltsam, so ein Gedanke ist mir noch nie gekommen. Daß ich spürbar wäre oder spürbar sein könnte.
Irgendwie überfordert mich der Gedanke grad, aber ich merke, daß da was ganz wichtiges dranhängt.

Mögt ihr mir brainstormen helfen?
Seid ihr spürbar? Ist das ein Gedanke, der “normal“ ist oder muß man sowas lernen, spürbar zu sein? Was bedeutet das denn überhaupt? Wenn man spürbar ist, ist man nicht „Nichts“, oder? Wenn man spürbar ist, hat man in diesem Moment etwas gezeigt? Was denn?

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr einfach schreibt, was euch dazu einfällt. Kann auch gerne ungeordnet sein, wie meins grad, oder auch nur Gedankenfetzen….
:ermm: Wirrwarr oder Konträres in meinen Texten bitte ich zu entschuldigen. Es sind so viele unterschiedliche Meinungen und Ansichten in mir, ich bin noch auf der Suche nach dem GANZEN.

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lisbeth
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 10:28

Hallo Barida,

mich haben deine Zeilen sehr berührt. Das ist ein Thema, das mich auch gerade sehr bewegt. Spürbar sein. Oder, ganz allgemein: Mir erlauben, einfach da zu sein. Einfach so. Und ohne wenn und aber. Mit allem was dazu gehört.

Das war für mich früher nicht so und ist auch heute nichts Selbstverständliches. Eine ganze Weile hat mich allein der Gedanke, dass ich spürbar sein könnte, dass ich mich dem anderen (und auch mir selbst) zeigen könnte mit Angst und Panik erfüllt. Weil es (früher) nicht sein durfte und nicht sein konnte.

Die Erkenntnis, dass das nicht 'normal' ist, hat bei mir Jahre gedauert. Und ich hab auch in den ersten Therapien relativ wenig über das Mich-nicht-spüren-können geredet, weil ich gar nicht auf die Idee kam, dass etwas anderes möglich wäre.

Langsam, ganz langsam gibt es Momente. In denen ich mich spüre, in denen ich voll da bin und in denen ich mich und mein Da-Sein auch dem anderen voll und ganz zumuten kann. Und in den Momenten ist es auch gut so und stimmig.
Nachgelagert kommt dann oft die (alte) Panik-Reaktion. Dann zieht sich innerlich alles wieder zusammen, wo ich mich vorher in der Ausdehnung befunden habe. Die Herausforderung, die für mich dann da ist: Trotzdem immer wieder auch in die Ausdehnung gehen. Neue Erfahrungen machen. Erleben und wirklich spüren dass es möglich ist, da zu sein. Dass nichts Schlimmes passieren wird. Und über diese einzelnen Schritte mehr und mehr Selbstverständlichkeit im Da-Sein entwickeln. Dass ich mich nicht verstecken muss.

Was mir dabei hilft: Immer wieder auf den Körper zurückkommen. Raus aus dem Kopf und rein ins (körperliche) Spüren. Und einfach Handeln. Tun. Und dann auch wieder spüren. Wie fühlt sich das an. Erstmal nur neugierig und interessiert anschauen. Ohne Bewertung. Und zu erleben, dass sich darüber auch die Dinge anfangen zu verändern. Dabei sind dann Therapieansätze hilfreich, die mich dabei unterstützen, auf die spürbare Ebene zu kommen und die gedankliche zu verlassen. Von daher wundert mich das nicht, dass dieses Thema in der Körpertherapie auf einmal zu dir gefunden hat...

Was mir bei der Annäherung geholfen hat: Die Auseinandersetzung mit den Dingen, die ich fürchte. Welche Ängste und Befürchtungen sind für mich an das Da-Sein und Mich-zeigen gekoppelt? Und warum? Warum ist da dieser ständige Reflex, unterm Radar abzutauchen? Was ist/war die Funktion dieses Mechanismus, der ultimativ ein Überlebensmechanismus war? Und: Brauche ich das heute noch so in dieser Form? oder wünsche ich mir nicht eigentlich etwas anderes? Da-Sein (dürfen), in Kontakt sein (dürfen). Ultimativ: Mir selbst die Erlaubnis geben, zu sein.
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.

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Hiob
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 15:37

Eine Hand, die sich nicht bewegt, spürt man irgendwann nicht mehr.

Eine Hand alleine spürt sich selber nicht.
Erst durch eine zweite spürt sie sich.

Das eigene Bewußtsein kann sich als Tropfen im Meer nicht selber erkennen. Es bastelt sich ein Aquarium, das nennt es ICH und bewegt sich nun innerhalb dieses Aquariums, was wiederum im Meer schwimmt. Vermutlich ist dieses leicht geöffnete Aquarium eine Art Erfahrungsspielwiese (Leben). Eine zeitlich und räumlich begrenzte, nach den Gesetzen der 4-D-Welt aufgebaute Gelegenheit den Tropfen im Verhältnis zum Meer wahrzunehmen.

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Barida
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 17:20

Danke, für dein Mit-teilen, Lisbeth, ich hätte ein paarmal fast heulen können über deine Zeilen.
lisbeth hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 10:28
Das war für mich früher nicht so und ist auch heute nichts Selbstverständliches.
Tatsächlich, anscheinend ist auch für mich spüren und spürbar sein nichts Selbstverständliches.

Selbstverständlich ist in meinem Leben: im Kopf zu sein, alles zu wissen, zu durchblicken, zu kontrollieren. Der Witz ist aber: ich weiß es dann wirklich nur von Kopf. Mein Herz weiß dann gar nichts. Und damit weiß ich es eigentlich im Gesamten nicht und bleibe mir immer und immer unsicher. Meine PT kann mir anscheinend 2 Jahre lang sagen, daß sie stark genug für mich ist, die Körperthera hat mich ihre Hände drücken lassen und war spürbar. Ich konnte ihre Stärke spüren und habe anscheinend (und da wundere ich mich immer noch fassungslos drüber) innerhalb von Sekunden etwas kapiert, was ich in 2 Jahren nicht verstanden habe.

Spüren und spürbar sein scheint bei mir etwas ganz Elementares zu sein…..
lisbeth hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 10:28
Die Erkenntnis, dass das nicht 'normal' ist, hat bei mir Jahre gedauert.
Die Erkenntnis, daß ich spürbar sein könnte, hat mich richtig erschrocken. Ich bin mir nicht sicher, ob es „normal“ ist, daß man weiß, spürbar zu sein, ich glaube da stehe ich noch ganz am Anfang, weil ich mich selber einfach auch GAR nicht spüren kann, keinen Zugang zu meinem Körper habe und mir es deswegen so verwunderlich auffiel, daß ich sowohl den Händedruck der KT gemerkt, als auch lange danach noch als Gefühl wahrgenommen habe. Das war etwas Neues.

Normal ist für mich also: nicht da zu sein.

Wenn man nicht spürbar ist, IST man einfach nicht in dieser Welt, oder?

Ich war immer unsichtbar und irgendwie nicht da. Die Lehrer in der Schule lasen immer meinen Namen und mussten fragen, wer das jetzt eigentlich ist. Aber das gibt AUCH Schutz und Sicherheit. Wenn man gesehen wird kann auch etwas Schlimmes passieren.
lisbeth hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 10:28
Langsam, ganz langsam gibt es Momente. In denen ich mich spüre, in denen ich voll da bin und in denen ich mich und mein Da-Sein auch dem anderen voll und ganz zumuten kann. (...) Dass ich mich nicht verstecken muss.
Diese Momente sind bestimmt sehr wertvoll. Ganz DA zu sein und sich im Dasein den anderen zumuten zu können, einfach so, ohne Rechtfertigung, Entschuldigung, Erklärungen, einfach, weil man ein…. Mensch ist? Es kommt mir ungeheuerlich vor. Wagemutig. Gefährlich. Und auch wiederum selbstverständlich! Andere muten sich einem ja auch im Dasein zu. Das kann schnell zu viel sein, ich empfinde es aber bei Freunden z.B. oft als schön. Es ist schön, daß die sich das trauen. Und Vertrauen haben. Ich fühle mich, als würde mir etwas ganz weiches und zartes in die Hände gelegt, wenn das passiert.
lisbeth hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 10:28
Was mir bei der Annäherung geholfen hat: Die Auseinandersetzung mit den Dingen, die ich fürchte. Welche Ängste und Befürchtungen sind für mich an das Da-Sein und Mich-zeigen gekoppelt? Und warum? Warum ist da dieser ständige Reflex, unterm Radar abzutauchen? Was ist/war die Funktion dieses Mechanismus, der ultimativ ein Überlebensmechanismus war? Und: Brauche ich das heute noch so in dieser Form? oder wünsche ich mir nicht eigentlich etwas anderes? Da-Sein (dürfen), in Kontakt sein (dürfen). Ultimativ: Mir selbst die Erlaubnis geben, zu sein.
Dein letzer Absatz ist ein ganz wichtiger. Zu wichtig, um ihn jetzt nebenher zu beantworten, ich muß ihm erst noch was Zeit geben, aber ich werde darauf zurückkommen.
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Barida
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 17:27

Hiob hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 15:37
Eine Hand alleine spürt sich selber nicht.
Erst durch eine zweite spürt sie sich.
Eine Hand alleine IST ja dennoch eine Hand und kann funktionieren, oder?
Ich denke immer, es ist gut, keinen Menschen zu brauchen. Wenn es einen Knall gäbe und ich ganz alleine auf der Welt, dann käme ich zurecht und mir würden die anderen nicht sehr fehlen.
Denke ich.
Aber erst durch eine zweite Hand... ja, was passiert denn genau durch die zweite Hand? Fühlt dann die erste erst ihren Wert? Fühlt sie sich DA, vorhanden? Was genau passiert durch die zweite Hand?
Ist jetzt echt eine Frage, weil ich kann es nicht beantworten, spüre aber, daß da mehr ist.
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Hiob
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 18:34

Wenn du bist und es niemandem erzählen kannst.
Freude und Leid mit niemandem teilen kannst.
Ist es dann für dich noch bedeutsam?

Fast jeder würde soeien Frage sofort beantworten.
Ich könnte das garnicht.


mio
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Beitrag Fr., 09.11.2018, 22:35

Hiob hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 15:37
Eine Hand alleine spürt sich selber nicht.
Erst durch eine zweite spürt sie sich.
Das stimmt nicht. Was stimmt ist, dass alles "Außenwelt" (Resonanzraum im weitesten Sinn) braucht.

Wenn es eines gibt was ich in meiner Körpertherapie gelernt habe dann dass das geht. Und zwar sehr intensiv.

Für mich hat das was "elektrisches", meint: Ich "strahle" Energie aus und "verbinde" mich auf diese Art und Weise mit meiner Umwelt. Und das lässt sich tatsächlich lernen, auch wenn es dabei wohl eher darum geht zu lernen die (eh vorhandene) Energie einfach "fließen" zu lassen. Dieses "fließen lassen" funktioniert aber auch allein.

---

Barida, mir hat meine Therapeutin irgendwann mal gesagt dass ich "sehr präsent" wäre und dass sie sich fragt, ob mir das überhaupt klar ist? Hat mich tierisch durcheinander gebracht in dem Moment. Zum einen, weil ich nicht so recht wusste was sie eigentlich meint? Und zum anderen, weil ich es "negativ" bewertet habe. Für mich klang es nach: Sie nehmen zuviel Raum ein... (Hatte sie so nie gesagt.)

Ich hab dann mit Freunden gesprochen, wie die mich so wahrnehmen diesbezüglich und ein Freund brachte es ganz gut auf den Punkt: "Ja, Du bist sehr präsent. Aber Du nimmst niemandem seinen Raum."

Ich kenne dieses "sich zurücknehmen" auch und es resultiert bei mir wohl aus so einem "bloss niemand anderen stören".

Gleichzeitig stimmt es, ich bin parallel dazu ein sehr präsenter Mensch. Vor allem wenn ich nicht das Gefühl habe zu stören sondern einfach "sein darf".

Für mich hat Präsenz tatsächlich viel mit "Ausstrahlung" zu tun, mit Energie die von A nach B geht.

Es gibt so eine "Übung" (hab ich von einer Freundin und die wiederum hat die von ihrem Freund) bei der hält man die Hand (Innenseite) über den Hinterkopf eines anderen Menschen, allerdings mit soviel Abstand, dass man diesen nicht wirklich berührt und das verrückte ist, dass selbst Menschen die NICHTS davon wissen diesen Energiefluss spüren können wenn er "da ist".

Kannst Du ja mal mit jemandem ausprobieren, so als "Spielwiese", wenn Du magst. Das ist schon ziemlich irre...

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Barida
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 10:21

Hiob hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 18:34
Fast jeder würde soeien Frage sofort beantworten.
Ich könnte das garnicht.
Ja, genau, ich könnte diese Frage auch nicht so beantworten. Ich musste direkt an unseren Familien-Sommerurlaub denken. Es waren nur 14 Tage, die wir quasi Tag- und Nacht zusammen waren und ich war danach… fertig und zwar so, daß ich dachte, ich schaffe es an Tag 1 nach dem Urlaub nicht mehr zur Arbeit. Auf der Arbeit habe ich mich allerdings erholt.
Das scheint doch ein Knoten in meinem Kopf zu sein! Da ist doch etwas falsch bei mir! :roll:
Mein perfekter Urlaubswunsch wäre: ganz alleine mit einem Rucksack z.B. durch die kanadischen Wälder oder durch die Pyrenäen zu wandern. Alleine! Ohne einen Menschen zu sehen. Ich denke, ich brauche keine zweite Hand. Die ist für mich anstrengend, das macht mich fertig, obwohl das ist doch meine Familie!!!! Die mich gerne haben, das merke ich auch bei meinen Kindern, wie herzensrein gerne die mich haben. Aber ich scheine dennoch dort gar nicht vorhanden zu sein, ich scheine nur aufzupassen, zu kontrollieren und mich anzupassen….

Also ich habe einen großen Wunsch danach, ganz alleine zu sein. Das wäre für mich UNANSTRENGEND, ich könnte irgendwie loslassen, ich könnte sein. Alleine.

Und doch... kann man als Mensch nicht ohne Berührung/Gegenüber hier in diesem Leben sein, das hat mir meine weise Körpertherapeutin gesagt, die mich mit vielen Dingen/Sätzen anscheinend ganz schön durcheinanderrüttelt.
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 10:34

mio hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 22:35
Barida, mir hat meine Therapeutin irgendwann mal gesagt dass ich "sehr präsent" wäre
Mio, ich wäre soooo gerne präsent! Für mich wäre das die schönste Aussage überhaupt gewesen. Für mich ist jemand präsent, der in sich ruht und sehr achtsam im Augenblick ist, der auf andere schauen kann ohne sich zu verlieren und die Energien / Gefühle/ Erwartungen von anderen nicht sofort in sich aufnimmt, sondern erstmal im Raum vor sich stehen lassen kann. Und dann entscheiden. Ich weiß nicht, ob man versteht, was ich meine, ich kann mich manchmal echt schlecht ausdrücken. Ich meine halt das genaue Gegenteil von mir (leider).
Ich ruhe nicht in mir, sondern habe immer 20 verschiedene Meinungen übereinander, die alle irgendwie berücksichtigt werden wollen,statt das eine Meinung „führt“,
ich versuche hektisch alles zu kontrollieren und sicher zu machen, statt drauf zu vertrauen, daß alles ok ist und ich sicher in meinem jetzigen Leben keinerlei „böse“ Menschen kenne,
ich versuche es allen immer Recht zu machen, damit ich nicht „bestraft“ werde
ich versuche überhaupt unauffällig zu sein, damit man mich nicht sieht und jemandem was schlimmes einfällt
anstrengend! Und nicht präsent, gar nicht! Und nicht gerecht, weder mir selber noch anderen gegenüber.
Und um den Kreis zu schließen: ich will anscheinend auf jeden Fall vermeiden, spürbar zu sein. Als ich.
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 10:40

SPÜRBAR SEIN:

Der Gedanke ist mir noch nie gekommen. Daß ich spürbar wäre oder spürbar sein könnte.
Wäre ich spürbar gewesen
wäre sicher vieles nicht passiert
Wäre ich als ein Mensch spürbar gewesen
dann….
ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen: wenn man eine Grenze spürt bei jemand anderem und trotzdem über diese Grenze geht, dann, dann geht es einem selber doch nicht gut, man fühlt sich schlecht und schuldig. Man versucht doch, daß einem so etwas nicht mehr passiert, weil es ein schlechtes Gefühl gibt.
Wenn aber immer wieder schlimme Dinge passiert sind
kann ich mir nicht vorstellen
als Mensch
oder auch als Ding
spürbar gewesen zu sein.
Ich denke eher, ich war
unsichtbar
ein Staubfussel, nicht vorhanden, so was.

Spürbar zu sein, hieße ja, in dieser Welt zu sein
sichtbar irgendwie
ich scheine da gar keine ERWARTUNG zu haben
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 10:56

Wie war denn Dein Händedruck in dem Moment als ihr Euch die Hände gedrückt habt?

Also wie hast Du selbst diesen erlebt und empfunden? Und wie würdest Du ihn "von außen betrachtet" beschreiben?

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Beitrag Sa., 10.11.2018, 11:14

Ihr Händedruck:
Stark
weich
warm
Halt
Sicherheit
Präsent von ihrer Seite
und nur für mich, nur für mich in diesem Moment
deswegen musste ich auch schnell loslassen.

Und meiner:
war sehr fest
ich war überrascht, WIE stark sie ist, denn ich habe sehr gedrückt und gebeten, noch mehr zu drücken.
Ich habe plötzlich gemerkt, daß ich Halt suche
und das erschreckt mich
deswegen musste ich schnell loslassen
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 11:28

lisbeth hat geschrieben:
Fr., 09.11.2018, 10:28
Was mir bei der Annäherung geholfen hat: Die Auseinandersetzung mit den Dingen, die ich fürchte. Welche Ängste und Befürchtungen sind für mich an das Da-Sein und Mich-zeigen gekoppelt? Und warum? Warum ist da dieser ständige Reflex, unterm Radar abzutauchen? Was ist/war die Funktion dieses Mechanismus, der ultimativ ein Überlebensmechanismus war? Und: Brauche ich das heute noch so in dieser Form? oder wünsche ich mir nicht eigentlich etwas anderes? Da-Sein (dürfen), in Kontakt sein (dürfen). Ultimativ: Mir selbst die Erlaubnis geben, zu sein.
Lisbeth, das sind sooooo schlimme Fragen
wahrscheinlich weil es der Kern des Ganzen ist
und es unendlich schwer ist, da hinzugucken
schwer, weil es erschreckend ist, wenn man ehrlich zu sich ist
aber auch schwer, weil ich eine dissoziative Störung habe und dann tatsächlich ein wenig BEMERKEN kann, wie das funktioniert: wenn ich zu nahe an einem Gefühl/Gedanken/Erkenntnis bin, drehe ich mich innerlich um und „wer anders“ übernimmt, denkt und handelt. Das ist ein ekliges und erschreckendes Gefühl, das selbst zu bemerken.
Grad geht es ja wieder, aber ab und an noch, immer noch viel zu oft, zerfalle ich immer noch in viele viele Teile, zerbrochene Splitter, damit ich NICHT da bin, nichts fühle, keinen Willen habe, verfügbar bin….

Also: vorsichtig hingucken:

Es war ein Überlebensmechanismus. Ja. Ich glaube schon.
Brauche ich das heute noch so: nein!!! Und ich WILL den doch auch gar nicht mehr! Das ist ja noch der Witz dabei, daß ich in meinem jetzigen Leben nur gut lebe: ich habe einen Mann und Kinder, wir haben ein Dach über dem Kopf, eine liebe Katze und ein Auto, was fährt. Ich habe den tollsten Beruf der Welt, der mir unglaublich Spaß macht mit den besten Mitarbeitern und der mich auch noch finanziell total unabhängig von meinem Mann macht. Es ist alles perfekt! Es gibt ab und an unangenehme Situationen oder Menschen, die einen verletzen, aber damit komme ich doch heute klar. Nach außen hin ist mein Leben Gold. Das heißt, ich BRAUCHE den Überlebensmechanismus ja auch gar nicht mehr.
Aber innen drin…..
innen drin… sehe ich….
Wie kann man diesem … Ding, was ich bin, diesem…. Zerbrochenen Etwas… die Erlaubnis geben, da zu sein? Wie soll das gehen?
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 11:48

Barida hat geschrieben:
Sa., 10.11.2018, 11:14
war sehr fest
ich war überrascht, WIE stark sie ist, denn ich habe sehr gedrückt und gebeten, noch mehr zu drücken.
Das zeigt aber doch auch, dass Du selbst auch Kraft hast. Dass Du selbst auch "halten" kannst. Und dass sie Deine Kraft aushält, "Gegen-/Mithalten" kann. (So ein bisschen wie beim "Armdrücken".)

Barida hat geschrieben:
Sa., 10.11.2018, 11:14
Ich habe plötzlich gemerkt, daß ich Halt suche
und das erschreckt mich
deswegen musste ich schnell loslassen
Ich denke dass dieses "Haltsuchen" etwas sehr Frühkindliches sein dürfte, vielleicht kommst Du deshalb auf der Ebene auch besser ran als auf der sprachlichen? Mir ging das so, dass ich an sehr frühe Erfahrungen/Bedürfnisse besser auf der Ebene rangekommen bin. Und vielleicht findest Du so ja eine Vorstellung was Dir als Kind in solchen Momenten gut getan hätte und kannst da selbst ein bisschen "Sicherheit" rein bringen im Jetzt und Hier?

Wenn Du Halt suchst dann suchst Du ja was "konkretes" (also auf der "Spürbar" Ebene betrachtet).

Dh. Du könntest zB. ganz bewusst mal Sachen ausprobieren die mit "Halt-Spüren" zu tun haben. Spontan fällt mir zB. ein Dich an einen großen alten Baum anlehnen oder sowas. Also so "Kleinigkeiten" in Dein Leben einbauen um immer wieder die Erfahrung zu machen: Ich werde gehalten...ich bin "aushaltbar".

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diesoderdas
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Beitrag Sa., 10.11.2018, 12:47

@Barida:

Mich haben deine Worte auch berührt.
Ich finde es schön, dass du diese Erfahrung mit deiner Therapeutin machen konntest.

Ich selbst habe nicht die besten Erfahrungen gemacht bezüglich Psychotherapie und bin sehr am überlegen, was für eine Art von Therapie ich mir denn wünschen würde, bei welcher Methode ich mir noch irgendwie vorstellen könnte, dass sie hilfreich für mich sein könnte. Und da bin ich schlussendlich auch dort gelandet, dass ich mir etwas in Richtung Körpertherapie wünsche. Habe auch riesengroße Angst davor.
Als Dauertherapie wird es eh nichts werden, da ich mir das selbstbezahlt nicht leisten kann. Aber vielleicht ab und an als Selbstzahler.
Ich hoffe auch einfach, dass ich jemanden finden werde (kassenbezahlt), für den die Vorstellung vielleicht mal die Hand zu halten nicht ein totales no-go bedeutet. Müsste auch gar nicht ständig sein, mir würde es wohl reichen, wenn es einfach mal sein DÜRFTE wenn es zum Moment passt.

Wie du geschrieben hast: 2 Jahre hast du es durchs reden nicht gespürt und dann innerhalb von Sekunden nur durch eine Berührung. Durch Berührung kann soviel passieren.

Ich habe durch Berührungen manchmal Sachen gespürt, die ich noch nie vorher gespürt hatte. Da waren Empfindungen, die ich ganz einfach gar nicht kannte vorher.
Ich muss allerdings auch sagen, dass das zwar schön war, dass manches insgesamt aber auch einfacher war, als ich es eben noch nicht gespürt hatte (würde es aber dennoch nicht rückgängig machen wollen).

Kann ich dich mal fragen, wie eine Körpertherapie eigentich abläuft?
Da gibt es doch bestimmt auch zig verschieden Therapien?
Du empfindest deine jetzige Therapie also als hilfreicher als die vorige?