Studium abbrechen, oder weitermachen?

Kindheit, Jugend und Ausbildungszeit halten viele Herausforderungen für Kinder, Jugendliche und Eltern bereit - hier ist der Platz, sich darüber auszutauschen (Beitrags-Haltedauer: 1 Jahr).

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Jonas
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Studium abbrechen, oder weitermachen?

Beitrag Fr., 10.07.2020, 16:03

Hey,
ich melde mich nach jetzt fast einem Jahrzehnt mal wieder hier im Forum.
Seit früher ist relativ viel passiert. Bin mittlerweile 25 Jahre alt. Die psychosomatischen Probleme scheinen wohl doch keine psychosomatischen Probleme gewesen zu sein. Ich hatte um 2010 herum sehr starke psychische Probleme, vor allem durch dauerhafte familiäre Probleme. Mit meiner Mutter habe ich jetzt kaum noch Kontakt. Psychisch war auch relativ schnell wieder alles gut, auch wenn ich zwischenzeitlich so weit unten war, wie es nur geht.

Ich hatte früher hier im Forum schon von Schwindel und kribbeln in Armen und Beinen erzählt, beides wurde als psychosomatisch abgetan. Hatte dann in den folgenden Jahren insgesamt (etwas mehr als) 10 Schlaganfälle. Die Ursache ist bis heute nicht geklärt. Konnte dann nach keine Ahnung wie viel verlorener Zeit in Krankenhäusern und Rehaeinrichtungen endlich mein Abitur nachholen. Konnte glücklicherweise durch meine Noten entsprechend sofort mein Medizinstudium beginnen, allerdings war ich da schon 24, weil ich eben so viel Zeit verloren habe.

Kurz nach Semesterbeginn hatte ich nochmal einen Infarkt, wieder Krankenhaus, wieder Reha. Bin also jetzt noch am Anfang des Studiums, obwohl ich eigentlich im zweiten statt im ersten Semester sein müsste. Inhaltlich macht es mir super Spaß und ich würde gerne später als Arzt arbeiten.

Momentan habe ich aber quasi keine Motivation mehr. Ich sehe alle Leute um mich rum, Ausbildung oder Studium fertig und nach der Arbeit wird was unternommen. Mit meiner jetzigen Verfassung muss ich aber locker das Doppelte an Einsatz zeigen wie meine gesunden Kommilitonen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Entsprechend habe ich kaum Zeit irgendwas außerhalb des Studiums zu machen. Ich habe die Befürchtung, dass ich durch das Studium, das mir SEHR gefällt, auch den letzten Rest meiner halbwegs jungen Jahre noch "verliere". Allein durch die verlorene Zeit durch die ganzen Schlaganfälle habe ich so viel Zeit verloren, dass ich mich vom Entwicklungsstand fühle wie so ein 18-Jähriger, habe außer Krankenhaus halt nichts erlebt.

Dank Corona, familiärerer und finanzieller Probleme in diesem Semester ist meine Motivation jetzt schon quasi ins Negative gerutscht. Am liebsten würde ich das Studium schmeißen, obwohl es mir ja eigentlich total gefällt. Ich weiß nur einfach nicht, ob es mir das Wert ist, meine letzten jungen Jahre dafür zu opfern. Da ich ja nichtmal eine Diagnose habe könnte es ja auch sein, dass ich in 10 Jahren eh tot bin. Dann habe ich studiert und sonst nichts, habe also mein lohnendes Ziel (Arzt) nicht erreicht aber die ganze Zeit auf Freizeit verzichtet und studiert.


Mein Leben besteht echt zu 99,9% aus Fehl- und Rückschlägen. Es nervt SOWAS von. Habe mich bisher nicht exmatrikuliert, da wie gesagt das Studium eigentlich total Spaß macht. Aber wenn die Motivation weg ist komme ich nicht voran. Ich weiß noch als ich in einer Zeit ohne Anfälle endlich mein Abitur nachmachen konnte. Meine Motivation war da so hoch, es war einfach nur noch schön. Aber jetzt wieder ohne Motivation zu sein, schlaucht seeehr stark.

Eine alternative Richtung habe ich aber eigentlich nicht. Ich fand Lehramt immer schön, ich will schon was soziales machen. Aber jetzt schnell zu wechseln und es wenn die Zeiten besser werden zu bereuen, das scheint mir zu Wahrscheinlich als dass ich so einen Schritt wagen würde. Zudem ich mit meiner mülligen Gesundheit eh nicht verbeamtet werde, also als unverbeamteter Lehrer als Vertretung jobben kann und wenn das Geld knapp wird gefeuert werde. Solche Horrorgeschichten habe ich zumindest an der Stelle im Hinterkopf...


Candykills
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Beitrag Fr., 10.07.2020, 16:50

Ich wollte ursprünglich auch immer Medizin studieren und habe mich dann dagegen entschieden, weil ich halt schwere psychische Erkrankungen habe. Es gibt Momente, in denen ich das sehr bereue, weil's halt mein Traumberuf gewesen wäre, aber ich hätte es mit den ganzen späteren Nachtdiensten und Stress wahrscheinlich nicht lange geschafft. Ich hätte wenn dann in der Wissenschaft bleiben müssen. Vielleicht hätte mir das ja auch Spaß gemacht, aber so wäre halt erstmal nicht mein Plan gewesen.

Ich habe für mich inzwischen einigermaßen akzeptiert, dass ich nun mal diese Einschränkungen habe und keine Karriere machen und je Vollzeit arbeiten können werde. Ich habe dann auch was anderes studiert.
Ich würde die Frage des Studiums nicht so sehr an der Freizeit festmachen, die einem das Studium lässt, sondern ob man gesundheitlich später wirklich in der Lage ist diesen Beruf auszuüben. Das wäre bei mir nicht der Fall, das kann ich relativ sicher sagen, weil ich heute mit chronischen Symptomen lebe.
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Beitrag Fr., 10.07.2020, 17:17

Candykills hat geschrieben:
Fr., 10.07.2020, 16:50
Ich würde die Frage des Studiums nicht so sehr an der Freizeit festmachen, die einem das Studium lässt, sondern ob man gesundheitlich später wirklich in der Lage ist diesen Beruf auszuüben.
Das finde ich sehr wichtig und möchte es deshalb nochmal unterstreichen.

Zudem wäre es mMn wichtig dir zu überlegen, warum studierst du? Ist es deine Berufung oder "nur" interessant? (Weiterbilden kann man sich auf dem Gebiet beispielsweise auch ohne ein Studium abzuschließen)

Du könntest auch 1 Jahr pausieren und dann weitermachen, oder auch nicht, wenn etwas anderes besser passt.

Willst du etwas "beweisen"? Das musst du nicht (und auch sonst niemand). Ich finde bewundernswert, wie stark du bist und was du schon alles erlebt hast.

Das Leben bietet auch abseits von Beruf/Studium so Einiges und kann wunderschön sein. Innerhalb der Leistungsgesellschaft wird einem das nur selten vermittelt.

Alles Gute
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Beitrag Fr., 10.07.2020, 20:13

Jonas hat geschrieben:
Fr., 10.07.2020, 16:03
Momentan habe ich aber quasi keine Motivation mehr. Ich sehe alle Leute um mich rum, Ausbildung oder Studium fertig und nach der Arbeit wird was unternommen. Mit meiner jetzigen Verfassung muss ich aber locker das Doppelte an Einsatz zeigen wie meine gesunden Kommilitonen, um halbwegs über die Runden zu kommen.
Denke es ist ne individuelle Kosten-Nutzen-Analyse.

Also was bedeutet es langfristig gesehen das Medizinstudium aufzugeben?
Wir stark und wie lang wirst du voraussichtlich diesem Lebensentwurf hinterhertrauern?
Was hat es noch für negative Konsequenzen?

Würde dann die Freude über einen neu eingeschlagenene Lebenweg überwiegen?
Wobei wenn du auf Lehramt studierst ist zwar das Arbeitspensum niedriger, aber du hast ja trotzdem Klausuren usw?
Etc. Pp.
Also ich machs zumindest immer so, dass ich jeden Lebensentwurf im Detail durchdenke.

Und falls ich mich dann immer noch nicht entscheiden kann geh ich mach "Bauchgefühl"...

Wichtig finde ich nur, dass man dann zu 100% hinter seiner Entscheidung steht.

Denn jede Entscheidung hat ebe negative Konsequenzen.
"You cannot find peace by avoiding life."
Virginia Woolf

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alex34
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Beitrag Di., 15.09.2020, 20:15

Erstmal Respekt dafür, wie du mit all diesen Herausforderungen umgehst! Du scheinst ein wirklich starker Mensch zu sein.

Was das Studium angeht, möchte ich zum Gesagten nur anmerken... Mediziner werden immer gesucht. Ob du also länger brauchst als deine Kommilitonen wird eher wenig ausschlaggebend sein. Wenn du dafür brennst und glaubst, du kannst mit der Belastung leben, würde ich dir raten, nicht aufzugeben :)