Klassenkameradin will keine Therapie

Kindheit, Jugend und Ausbildungszeit halten viele Herausforderungen für Kinder, Jugendliche und Eltern bereit - hier ist der Platz, sich darüber auszutauschen (Beitrags-Haltedauer: 1 Jahr).
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AnnaPalindrom
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Klassenkameradin will keine Therapie

Beitrag Sa., 16.01.2021, 02:34

Hallihallo meine Lieben,

ich mache mir Sorgen um eine Klassenkameradin (18), mit der ich mich schon immer recht gut verstanden habe.
Sie hat zahlreiche psychische Probleme, das kann man selbst als Hobby-Psychologe leicht erkennen: In der Mittelstufe/im Alter von vielleicht 12-14, hat sie einigen erzählt, sie sei die Wiedergeburt von George Harrison. Sie schien wirklich davon überzeugt zu sein, hat seine Unterschrift kopiert und viele erfundene (laut ihr wahre) Erlebnisse der Beatles erzählt. Ich weiß aber nicht, ob sie sich immer noch für die Wiedergeburt von Harrison hält.

Dann, ab dem Alter von 15, glaube ich, fing sie an, sich viel mit psychischen Störungen zu befassen. Vorallem Psychopathie hat sie fasziniert. Inzwischen ist sie felsenfest davon überzeugt, eine Soziopathin zu sein. Sie hat wiederholt gesagt, dass sie keine Empathie empfinden kann, Aggressionen hat (eine Zeit lang hat sie auch manchmal völlig willkürlich andere leicht geschlagen), der Tod fasziniert sie und ich glaube, dass sie gerne mal jemanden umbringen möchte (Sie möchte auch gerne beim Militär arbeiten), außerdem lässt sich nur schwer verheimlichen, dass sie ihre Impulse nicht unter Kontrolle hat. Manchmal flucht sie einfach aus dem Nichts, sie zerstört Gegenstände in ihrer Umgebung mit Messern (Zum Beispiel haben wir uns mal auf einer Couch unterhalten. Während der Unterhalten hat sie die ganze Zeit mit einem Messer herumgespielt. Ab und zu hat sie es kräftig in die Couch gestossen und kümmerte sich nicht um die Beschädigung), einmal ist sie in die Klasse marschiert und schmetterte ohne zu Zögern das Klassenfoto auf den Boden, ohne Grund (ich habe nachgefragt).

Kürzlich berichtet sie auch immer wieder mal von einem Gefühl der inneren Leere und dem starken Verlangen nach Kicks. Sie hat sie auch schon selbst verletzt und gefährliche Messerduelle mit ihrem Freund geliefert. In ihrem kurzen Leben wäre sie auch schon zwei Mal beinahe gestorben, immer aufgrund dummer Unfälle. Einmal hat sie mit einem Seil herumgespielt und sich beinahe erdrosselt (Japp, das war wirklich ein Unfall) und einmal ist sie in einen Stacheldrahtzaun gestolpert und hat sich den Hals aufgeschlitzt.

Sie bezeichnet sich selbst als Satanistin, weswegen ihr Vater sie auch kurzzeitig aus der Wohnung geschmissen hat. Das hat sie hart getroffen und ihr Verhältnis mit ihrer Familie nachhaltig stark geschädigt.

Trotzdem sieht sie sich als überlegen, über die Maßen intelligent und hat einen sehr starken Charakter, der auf Gegenwind schnell mit Aggression reagiert.

Seit einem Jahr betreibt sie Selbsttherapie - Bei ihr heißt das, dass sie all ihre Gedanken und ihr Leben genau betrachtet, ja, sogar aufschreibt (Inzwischen hat sie sogar schon eine richtige Autobiographie geschrieben, auch wenn sie sagt, dass sie die wirklich kritischen Dinge ausgelassen hat [und wahrscheinlich auch mir nicht erzählt hat]). Sie sagt, dass ihr diese Selbstanalyse besser hilft als es jede Therapie je könnte.

Das glaube ich allerdings nicht. Sie versauert in ihren eigenen Gedanken und Überzeugungen, bestätigt ihre eigenen Annahmen mit weiteren einseitigen Argumenten. Na, dass ist jedenfalls meine Meinung. Ich mache mir Sorgen um sie und ehrlich gesagt auch um die Menschen, die mit ihr zu tun haben, wenn das so weiter geht.

Wie kann ich sie dazu bringen, eine Therapie zu machen? Oder wäre eine Therapie überhaupt sinnvoll? Sollte ich sie womöglich einfach in Ruhe lassen? Oder sollte ich im Gegenteil sogar auch andere, wie zum Beispiel ihre Eltern, in meine Sorgen und Beobachtungen miteinbeziehen?

LG
Anna

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leuchtturm
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Beitrag Sa., 16.01.2021, 10:10

deine Freundin scheint ein großes Problem mit sich selbst zu haben.
Und dass ihr eune Therapie gut tätte, hast du schon ganz richtig erkannt, denn Privatleute werden ihr nicht helfen können.

Ich würde mich an ihre Familie wenden. Bei ihr selbst wirst du nichts ausrichten können. Aber ich gehe davon aus, selbst die Familie kann sie nicht zur Therapie "zwingen". Deine Freundin muss schon selbst die Einsicht haben, dass sie

a. ein Problem hat
b. Hilfe braucht
c. Hilfe annehmen können sollte, damit sich etwas ändert.

Davon scheint sie, nach allem, was du schreibst, (noch) weit entfernt. An deiner Stelle würde ich ein vertrauensvolles Gespräch mit den Eltern führen.

Mehr wirst du nicht machen können, aber das wäre nicht wenig!

Viel Mut wünsche ich dir!

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Beitrag Sa., 16.01.2021, 16:47

Nun, im Prinzip kannst Du nichts tun, denn wenn sie das nicht will, muss sie auch keine Therapie machen, das ist ihr überlassen, und du hast auch nicht das recht das zu veranlassen, auch wenn ich Deinen Wunsch und Deine Gedanken verstehe. Ein Gespräch mit den Eltern fände ich schon sehr übergriffig und ich als Freundin wäre danach längstens Deine Freundin gewesen, v.a. wenn es eh schon Probleme mit den Eltern gab.
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Marsianerin
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Beitrag Sa., 16.01.2021, 22:55

Ihr Körper, Ihr Recht, was sie behandeln lässt oder nicht. Eine Zwangseinweisung ist nur bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung möglich und auch nur vorübergehend. Selbst ein Betreuer könnte nicht einfach über ihren Kopf hinweg entscheiden.

Oft helfen aber klare und unmissverständliche Ansagen. Sorge schön und gut. Allerdings solltest du dich von jemandem, der mit einem Messer rummacht wie mit einem Staubwedel, fernhalten. Das nächste mal stehe einfach auf und sage ihr, sie könne sich ja wieder melden, wenn sie damit aufgehört hat. Du könntest vor dem Kontaktabbruch etwas finden, was ihr ebenfalls Unwohlsein bereitet. Wenn sie dich darauf anspricht, sage einfach, du wärst ein Psycho.
Das verhalten der Eltern ist absolut nachvollziehbar. Selbst bei Minderjährigen müssen sich Eltern nicht alles gefallen lassen, ein Wiedereinzug kann notfalls per Gerichtsbeschluss verhindert werden. Das müsste ihr mal jemand klarmachen.
Zwinge sie nicht zur Therapie, wie gesagt entscheidet sie selbst, was sie behandeln lässt. Mache ihr klar, was dir absolut gegen den Strich geht und dass du gewisse Spielchen ab sofort nicht mehr mitspielen wirst. Gehe sofort, wenn sie sich in deiner Gegenwart wieder untragbar daneben benimmt.

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sgtmax1
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Beitrag Mi., 20.01.2021, 23:26

Wenn schon in den anderen Kommentaren beschrieben, du kannst versuchen ihr Hilfe anzubieten, allerdings kannst du sie nicht dazu zwingen. Das kann in letzter Instanz nur ein Amtsarzt.

Trotzdem hoffe ich das sich die Situation wieder verbessert.

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scacchi
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Beitrag Mi., 05.05.2021, 23:27

Ich kenne das von einer Klassenkameradin einer Freundin. Die gesamte Klasse hat ihr Hilfe angeboten, konnte sie aber nicht zwingen. Dann hat sich auf Bitte der Eltern ein Amtsarzt um den Fall gekümmert und Gott sei Dank geht es ihr jetzt viel besser.

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AnnaPalindrom
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Beitrag Di., 18.05.2021, 23:41

Hey, vielen Dank für all die Antworten!

Meine Klassenkameradin geht jetzt in Therapie. Ich hoffe, dass es ihr hilft. :)

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scacchi
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Beitrag Fr., 21.05.2021, 00:08

Oh, das freut mich sehr zu hören. Ich wünsche deiner Klassenkameradin, dass ihr die Therapie hilft, und euch allen alles Gute!