Ich finde das Berufsleben unerträglich

Das Leben ist wesentlich durch unsere Arbeit geprägt. Der Job kann jedoch auch Quelle von Ärger und Frustration sein, oder persönliche Probleme geradezu auf die Spitze treiben...

Sehr
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
anderes/other, 27
Beiträge: 1685
Wohnort: ####
Status: Offline

Re: Ich finde das Berufsleben unerträglich

Beitrag Mi., 03.07.2019, 12:12

"Sich ohne Geld und anständigen Businessplan ein Gewerbe in der Größenordnung zusammen zu träumen bringt doch nichts!"

fett unterstreichen.

Und als Selbständiger arbeitet man auch oft mehr als 8 Std. täglich. Mitarbeiter muss man sich dann vielleicht auch leisten können. Und alles andere wie Lagerplatz, Materialien, Werkzeug.. usw. Also ganz zu Ende be /gedacht scheint mir das nicht.
[wegzudenken, mehr nicht]


Sehr
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
anderes/other, 27
Beiträge: 1685
Wohnort: ####
Status: Offline

Beitrag Mi., 03.07.2019, 12:16

Nicht zu vergessen, Connections wären nicht übel und Lieferanten, vielleicht sogar Sponsoren. Man soll ja doch in der Lage sein - mit anderen zusammen zu arbeiten, auch das ist aber hier nicht gewollt.

Nem Baum fällen und zurecht fräsen, ist nicht alles.
[wegzudenken, mehr nicht]

Benutzeravatar

spirit-cologne
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 51
Beiträge: 1990
Wohnort: Köln
Status: Offline

Beitrag Mi., 03.07.2019, 12:37

rainman33 hat geschrieben:
Mi., 03.07.2019, 10:59

Also wenn ich diesem Argument konsequent folgen würde (nachdem du ja so eifrig auf konsequentes Denken und Verhalten pochst..), dann hätten auch keine Tischler, keine Schneider, keine Biobauern, usw. die "Berechtigung", in irgendeiner Form Systemkritik zu üben oder dem Kapitalismus abzuschwören , weil bei solchen Berufen genauso das "Problem" besteht, dass der sogenannte "Otto-Normalverbraucher" sich nun mal keine Tischlermöbel, keine maßgeschneiderten Anzüge, keine Biolebensmittel, usw. leisten kann.
Nein, das ist etwas grundlegend anderes. Gesunde Nahrungsmittel, notwendige Möbel und Kleidung sind kein Luxus, weil sie zum Grundbedarf des Lebens gehören und sie sind auch im Prinzip für jeden erschwinglich, wenn man bereit ist, sein Leben konsequent auf diese Lebensweise umzustellen. Das geht allerdings für die meisten Menschen nur, durch Verzicht auf überflüssigen Luxus - und dazu gehört halt auch ein teures Sportgerät wie ein handgefertigtes Mountainbike (aus welchem Material auch immer...). Wenn man bereit ist sich auf regionale und saisonale Lebensmittel zu beschränken, die Anzahl der Möbel und Kleidungsstücke auf das wirklich notwendige zu begrenzen und zudem noch viel Eigenleistung hinein zu stecken, ist eine ökologisch-nachhaltige Lebensweise auch für jeden finanzierbar. Aber eine solche konsequente Umsetzung einer Lebensphilosophie fordert halt einiges an Verzicht und Einsatz und das scheint für mount ja ein Fremdwort zu sein, da muss ja alles nur Spaß machen. Vor Menschen, die ihre Systemkritik so konsequent leben, habe ich wirklich die allergrößte Achtung. Davon, dass man sein Sportgerät aus Holz baut, ist man aber noch lange nicht ökologisch oder nachhaltig, geschweige denn systemkritisch.

Ich begrüße auch im Prinzip jede Form von konstruktiver Systemkritik. Die von dir benannten Berufsgruppen tragen alle mit zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei und haben daher auch jedes Recht, Dinge zu kritisieren oder verändern zu wollen. Mount dagegen lehnt ein System (und damit alle Menschen, die in diesem System leben und es tragen) komplett ab, von dem er aber auf jeden Fall weiter - möglichst kostenlos - profitieren möchte. Mount will, dass andere Menschen für ihn arbeiten (selbst wenn das vielleicht für diese Menschen auch manchmal langweilig oder aversiv ist), ihn kostenlos behandeln, wenn er krank ist, aber keinerlei Gegenleistung dafür bringen.Und das bezeichne ich eben als heuchlerisch und ausbeuterisch. Ganz davon abgesehen ist es immer einfach, andere, die etwas tun, zu kritisieren, wenn man selbst tatenlos daneben steht, wer nix macht, macht auch keine Fehler...
rainman33 hat geschrieben:
Mi., 03.07.2019, 10:59
Außerdem find ich es persönlich - wie schon erwähnt - durchaus lobenswert und beachtlich, wenn jemand die kreativen Fähigkeiten hat, sich selbst ganz persönlich etwas zu schaffen, um damit Geld verdienen zu können
Kann er ja nicht (und wird er auch wahrscheinlich nie können), das ist doch gerade sein Problem. Es gibt viele Menschen die Talente haben und die auch ausleben und das ist immer lobenswert, aber solange man damit kein Geld verdienen kann, ist und bleibt es eben ein schönes Hobby.

In meinen Augen ist Mounts Problem die vollkommen unrealistische Erwartung, von irgendetwas Leben zu können, was immer nur Spaß macht. Zu jedem Job gehören irgendwelche Tätigkeiten, die langweilig sind oder die man nicht mag und wenn es nur so Kram wie Rechnungen schreiben, Steuererklärung usw. ist. Aber auch wenn man wirklich die Möglichkeit hätte, auszusteigen und vollständig autark irgendwo in der Wildnis zu leben, wird es jede Menge langweilige Tätigkeiten geben, die anfallen (vielleicht sogar noch mehr als in einem qualifizierten Job), z.B. Holz hacken, pflügen, einkochen, ernten usw. Mount hat einfach das Problem, dass er sich da hineinsteigert, dass diese unliebsamen Tätigkeiten unaushaltbar für ihn wären. Dabei wären sie wahrscheinlich, wenn er sie einfach machen würde, ohne groß drüber nachzudenken, halb so schlimm. Umso mehr ich mich darauf konzentriere, wie schlimm etwas ist, um so schlimmer wird es in Gedanken und umso mehr leide ich darunter. Kurz gesagt: Er steht sich da kräftig selbst im Weg.
It is better to have tried in vain, than never tried at all...

Benutzeravatar

Sinarellas
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 35
Beiträge: 1121
Wohnort: ♄ Saturn ♄
Status: Offline

Beitrag Mi., 03.07.2019, 14:48

"Wenn man bereit ist sich auf regionale und saisonale Lebensmittel zu beschränken, die Anzahl der Möbel und Kleidungsstücke auf das wirklich notwendige zu begrenzen und zudem noch viel Eigenleistung hinein zu stecken, ist eine ökologisch-nachhaltige Lebensweise auch für jeden finanzierbar."

Das sind subjektive Wahrheiten und schlicht nicht allgemein und auf jeden übertragbar, schon gar nicht auf ein ganzes Land.
Meinungen wie diese zeigen die Unkenntniss über andere Lebensverhältnisse auf.
Warum wird immer die eigene Meinung und die eigene Erfahrung als Gültigkeit über alle gestülpt.
Das ist so wie du das beschreibst NICHT möglich und NICHT für jeden erreichbar. Für dich vielleicht und deinen Umkreis.
Bild

Benutzeravatar

spirit-cologne
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 51
Beiträge: 1990
Wohnort: Köln
Status: Offline

Beitrag Mi., 03.07.2019, 15:21

Sinarellas, ich habe geschrieben, dass es dann für jeden erreichbar ist, wenn man bereit ist, sein Leben radikal und vollständig danach auszurichten. Ich bin dazu definitiv nicht bereit und in der Lage, weshalb ich mich auch nie zur Systemkritikerin aufschwingen würde und auch niemals auf Menschen herabschauen würde, die sich von industriell hergestellten Lebensmitteln ernähren und auch übliche Konsumgüter kaufen. Das gleiche gilt für Fleisch essen, in Urlaub fliegen oder was es sonst noch an Lifestyle-NoGos für viele Menschen (auch hier im Forum) gibt.

Aber ich erwarte eine derartige Konsequenz von jemandem, der die Anderen als dumme, konsumgeile Kapitalisten betrachtet.

Ich selbst habe nie nach solchen Kriterien gelebt, aber ich kenne Menschen, die das tun - aus Überzeugung. Und sie haben als Familie als Aufstocker auch nur den üblichen Hartz IV-Satz zur Verfügung und bekommen das auch nur hin, weil sie wirklich konsequent auf viele Annehmlichkeiten verzichten und so viel wie möglich auf einer gepachteten Fläche selbst anbauen, vieles auch gebraucht kaufen, tauschen usw.. Ich habe wie gesagt echte Hochachtung vor so viel Konsequenz (die ich nicht aufbringen würde) und sie zeigen mir, dass es tatsächlich, was die finanzielle Belastung angeht, im Prinzip jeder könnte (ausgenommen sind natürlich Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie z.B. jemand pflegen müssen, nicht die Möglichkeit haben, Eigenleistungen zu erbringen), selbst ich - wenn es mir denn wirklich so wichtig wäre, dass ich bereit wäre, meine jetzige Lebensweise dafür vollständig aufzugeben.
It is better to have tried in vain, than never tried at all...


cinikus
Forums-Insider
Forums-Insider
männlich/male, 38
Beiträge: 354
Wohnort: Wien
Status: Offline

Beitrag Sa., 06.07.2019, 15:59

Ich hasse diese Kapitalistische geldgeile Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde,wo das Recht des Stärkeren gilt und nur die starken überleben, die sich an den Kapitalismus anpassen können(die Ellbogenmentalität haben und schnell arbeiten können).
Das ist keine Frage des Systems oder des Kapitalismus, das ist ein Lebensprinzip. Das existiet auch so bei Tieren. Der Stärkere setzt sich durch, der Schwächere wird den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Der Stärkere zu sein, ist auch bei Tieren ein Knochenjob, der nicht selten regelmäßig mit dem Einsatz des eigenen Lebens erarbeitet werden muss. Macht sicher auch den Tieren keinen Spaß, aber das ist das Leben. Leben ist Leid. Leben ist Schmerz. Das hat nichts mit der westlichen Gesellschaft, dem Kapitalismus und so weiter zu tun, sondern ist ein universelles Prinzip. Wie gesagt, schau in die Natur. Die ist kein Kitschbild aus den 50ern wo das Rehkitz neben dem Wolf steht und in den Sonnenuntergang blickt. Da ist jede Minute des Lebens eine Frage des Überlebens, ständige Lebensgefahr, ständig Feinde, oder eine harte Konkurrenz.

Das mal dazu. Ich selbst bin auch nicht gerade begeistert vom System. Es gibt genug Kritik daran. Vor allem, wenn man psychisch einen Hau hat (wie auch ich) hat man es echt schwer, sich zu etablieren. Was aber eben auch nur Naturgesetz ist. Der Schwächere ist raus. Als Tier in einer Herde wäre ich vermutlich nimmer am Leben. Der Zivilisation sei Dank kann ich aber auch mit einer Hand voll psychischer Probleme irgendwie überleben.
Auch ich habe mich aus dem System abgemeldet, weil ich die ganzen Restriktionen nicht gepackt habe. Jeder Weg zu einer Behörde war die Hölle für mich. Und dann habe ich mich mit dem selbständig gemacht, das ich mag, das ich liebe, das meine Berufung ist, meine Leidenschaft. Aber macht es immer Spaß, diesen Beruf auszuüben? Beileibe nicht. Gerade, wenn man sich dann mit seiner Leidenschaft professionalisiert kommen noch andere Aspekte hinzu, die einfach im Fahrwasser mitschwimmen und erledigt werden müssen. Jemand schrieb es hier schon. Diverse logistische Sachen etwa. Aber auch die Arbeit selbst macht einem nicht immer Spaß. Manchmal ist es pure Mühsal.
Um ehrlich zu sein ist selbständig sein ein Knochenjob. Im Vergleich dazu waren meine Berufsjahre trotz all der negativen Dinge, die mich bis ins Burnout und damit fast in den Tod getrieben haben, ein Zuckerschlecken. Denn jetzt gibt es keinerlei Garantie, dass mein Arbeitseinsatz auch irgendwie entlohnt wird. Man arbeitet (als Kreativer) auf Verdacht. Mit Glück bekommt man (Moooonate später) einigermaßen einen Stundenlohn herein, von dem es sich zu leben lohnt. Der Rest ist einfach Passion. Ist es mir das Wer? Ja. Offensichtlich. Aber die Erkenntnis, dass Leben Leiden ist, trifft umso mehr zu.
Wie sagt ein mir nahestehender Mensch immer: Das, wofür du bereit bist zu leben, muss auch das sein, wofür die bereit bist zu sterben. Und sich temporär, für das höhere Ziel, unangenehmen Aufgaben zu stellen, ist nicht ganz so schlimm wie sterben. Da muss man sich halt fragen, ob der Traum, den man verfolgt, einem etwas Wert ist. Aufzugeben, nur weil die Gesellschaft nicht so mag wie ich, zeugt davon, dass der "große Traum" nichts weiter ist, als ein banales Hobby.

Übrigens ist auch Selbständigkeit Berufsleben, egal wie kreativ du dabei bist. All die Probleme und Fragen und Ärgernisse holen dich auch da früher oder später ein. Nur dass du dann keinen Boss oder Kollegen hast, denen du den Stinkefinger zeigen kannst, und du kannst auch nicht kündigen. Als Selbständiger trägst du Verantwortung, auch, wenn du blutend im Straßengraben liegst. Da nimmt keiner Rücksicht auf dich. Ironischerweise ist es aber tatsächlich für psychisch Kranke oft der einzige Weg, im System zu bestehen. Weil eben die Angestelltenkultur oft für psychische Probleme so was wie Benzin auf Feuer ist. Weil psychisch Kranke sind ja (entgegen der Meinung mancher) nicht zu faul zu arbeiten. Sie können es nur nicht unter "normalen" Bedingungen. Sie kommen daher oft besser damit klar, viel mehr zu arbeiten, aber unter ihren eigenen Bedingungen. Diese Bedingungen aber sind nicht "Spaß" sondern "Sinn". Sinn heilt. Verantwortung gibt Sinn und das hilft gesunden. Leider gibt es viele BullS*t-Jobs, völlig sinnentleert. Meiner Meinung nach einer der Hauptgründe für das starke Zunehmen von psychischen Leiden. Der Mensch hat einen Sinn für Sinn. Ich glaube, er ist ein Trieb wie Hunger, Sex und Schlafen. Wird er nicht erfüllt, krepiert man ebenso, wie wenn die anderen Grundbedürfnisse fehlen. Nur vielleicht etwas langsamer. Aber ja, Sinnhaftigkeit kann sehr weit von Spaß entfernt sein, aber erst mit Sinn kann man mit der Realität Leben ist Leiden leben. Denn dann hat das Leiden einen Sinn.

Benutzeravatar

spirit-cologne
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 51
Beiträge: 1990
Wohnort: Köln
Status: Offline

Beitrag So., 07.07.2019, 10:15

Dabei sollte man aber auch nicht vergessen, dass auch das Leiden subjektiv ist. Leiden wird ja erst zum Leiden, indem ich es als solches bewerte. Schmerz z.B. ist nicht unbedingt gleichzusetzten mit Leid. Wenn man nach einer guten Sporteinheit z.B. einen heftigen Muskelkater bekommt: Der eine wird es als Leiden bezeichnen, der andere wird den Schmerz zwar auch spüren, aber als "positiven Schmerz" einordnen, der ihn daran erinnert, dass er etwas für ihn attraktives getan hat, das ihn einem erwünschten Ziel näher bringt. Dieser Mensch wird den Muskelkater nicht in dem Sinne als Leid empfinden.

Insofern könnte man sagen, auch das Leid hat vielleicht etwas mit fehlendem Sinn zu tun. Auch ich habe das zum Beruf gemacht, was mir viel Freude bereitet. Auch ich muss trotzdem häufig Dinge machen, die für sich betrachtet vielleicht keinen Spaß machen, aber wenn ich sehe, dass sie notwendig sind und mich meinem Ziel näher bringen, höre ich irgendwann auf, darüber nachzudenken, ob sie jetzt Spaß machen oder nicht und meistens ist es dann, wenn man erst einmal angefangen hat, gar nicht so schlimm, diese Dinge zu tun und wenn ich es hinter mich gebracht habe, bin ich stolz auf mich und fühle mich sogar richtig gut. Insofern würde ich es nicht als Leiden bezeichnen, auch wenn es vielleicht manchmal unangenehm ist.

Meistens ist die Vorstellung, etwas ungeliebtes zu tun, aber viel schlimmer, als die Tätigkeit selbst. Wenn ich aber, während ich etwas tue, ständig daran denke, wie schlimm das doch ist und dass ich das überhaupt nicht mag, dann wird es wirklich schwierig und ich beginne darunter zu leiden. Und es gibt ja auch kaum Tätigkeiten, die "objektiv" unangenehm sind, manche Dinge, die ich gerne mache (auch meine berufliche Tätigkeit), finden andere Menschen total doof und könnten sie sich überhaupt nicht vorstellen, andere Tätigkeiten wiederum finden andere Menschen total super und ich kann denen so gar nix abgewinnen, ich würde wahrscheinlich leiden, wenn ich so leben müsste, wie diese Menschen sich das wünschen.

Ich will damit sagen, dass wir selbst etwas dazu beitragen, ob wir leiden oder nicht, das ist nicht nur von äußeren Umständen abhängig, sondern im Wesentlichen von unseren Bewertungen.
It is better to have tried in vain, than never tried at all...


cinikus
Forums-Insider
Forums-Insider
männlich/male, 38
Beiträge: 354
Wohnort: Wien
Status: Offline

Beitrag Mi., 10.07.2019, 08:24

spirit-cologne hat geschrieben:
So., 07.07.2019, 10:15
Ich will damit sagen, dass wir selbst etwas dazu beitragen, ob wir leiden oder nicht, das ist nicht nur von äußeren Umständen abhängig, sondern im Wesentlichen von unseren Bewertungen.
Das definitiv. Die Frage ist aber, ob wir diese Bewertungen bewusst steuern können. Ich stelle mir die Frage immer beim Wollen. Man sagt ja oft: man muss nur wollen. Nur, warum will man manches und anderes nicht? Warum wollen Menschen verschiedenes? Und kann man sich zum Wollen zwingen? Woher kommt das Wollen? Mir ist noch nie gelungen, etwas bewusst zu wollen, nur, weil das besser für mich wäre. Man kann das Wollen nur austricksen, indem man sich eine Belohnung ausdenkt. Aber dann will man nicht diese Sache, sondern die Belohnung dafür.
Ähnlich klappt ja unser System und all die besch***enen Jobs. Die "will" der Großteil ja nicht machen. Aber man will die Kohle am Ende des Monats, man will die Wohnung oder die Familie erhalten, man will sich den Urlaub oder das Auto leisten. Also sucht man sich einfach ein Ersatzwollen aus.
Wenn also einer sagt, man müsse nur wollen, müsste man eigentlich fragen: Was könnte dich motivieren? Was willst du, das du nur dadurch erreichen kannst, dieses Ungewollte zu tun.

Mit dem Leiden ist es ähnlich. Ich meine, wer oder was entscheidet, woran ich leide und woran nicht? Von den offensichtlichen Dingen mal abgesehen. Aber ich entschließe mich dazu ja nicht bewusst. Kann ich es da bewusst einfach abstellen? Wäre doch zu schön. Du leidest, weil du ein krankes Kind hast, das in absehbarer Zeit sterben wird, und du entscheidest dich einfach, NICHT darunter zu leiden. Klar, es kommt auf den Blickwinkel an. Man kann Dinge mit Vernunft in ein anderes Licht rücken, einen anderen Zugang finden, sich an Leid gewöhnen bis es Alltag ist, man kann es ignorieren und verdrängen. Aber eigentlich erschafft man nur anderes Leid, oder Leidverschiebung. Denn bloß, weil man an der einen Sache nicht leidet, heißt das nicht, dass das Leben nicht trotzdem Leid ist. Erfahrungsgemäß lauert das nächste Leid bereits, falls man mal doch kurz leidfrei ist. Irgendetwas kracht schon herein, ein Streit, ein gesundheitliches Problem, eine Forderung, Nachrichten usw usw.
spirit-cologne hat geschrieben:
So., 07.07.2019, 10:15
Insofern könnte man sagen, auch das Leid hat vielleicht etwas mit fehlendem Sinn zu tun.
Fehlender Sinn ist auf jeden Fall Leid. Das läuft der menschlichen Natur grundlegend zuwider. Vor lauter Sehnsucht nach Sinn erfindet er sogar Religionen und Ideologien und so weiter. Alle Geschichten sind nur eine Suche nach dem Sinn. Deswegen gibt es ja diese Epidemie an psychischen Krankheiten: weil so viele Menschen einer sinnlosen Arbeit nachgehen. Das macht auf Dauer krank. Vor allem bietet es keinerlei Resilienz, wenn noch weiteres Leid hinzukommt. Es ist nur ein Leidmultiplikator. Sinnlosigkeit plus Leid ist das Schlimmste. In manchen Fällen führt das zu Amokläufen. Es ist der pure, schmerzhafte Nihilismus, der nach einem Akt der Befreiung schreit. Entweder Suizid oder eine Gewalttat. Na ja, oder man siecht dahin und stirbt frühzeitig an Stresskrankheiten.
spirit-cologne hat geschrieben:
So., 07.07.2019, 10:15
Auch ich habe das zum Beruf gemacht, was mir viel Freude bereitet. Auch ich muss trotzdem häufig Dinge machen, die für sich betrachtet vielleicht keinen Spaß machen, aber wenn ich sehe, dass sie notwendig sind und mich meinem Ziel näher bringen, höre ich irgendwann auf, darüber nachzudenken, ob sie jetzt Spaß machen oder nicht und meistens ist es dann, wenn man erst einmal angefangen hat, gar nicht so schlimm, diese Dinge zu tun und wenn ich es hinter mich gebracht habe, bin ich stolz auf mich und fühle mich sogar richtig gut.
Da geht es mir exakt genau so. Ich habe mich auch mit meiner Leidenschaft selbständig gemacht. Muss aber auch im Rahmen dessen Sachen machen, die ich nicht nur nicht mag, die ich teilweise hasse und daher vor mir herschiebe. Und ja, es ist ein viel größerer Stolz, ein viel besseres Gefühl, wenn ich sie erledigt habe, als wenn ich das mache, was eh Spaß macht. Ich glaub, das hat was mit der Dopaminausschüttung durch Herausforderung zu tun. Je größer die Herausforderung umso größer das gute Gefühl, wenn man es schafft. Wenn einem etwas total Spaß macht, ist es ja nicht eine solche Herausforderung, bzw. hat man den Belohnungseffekt ja verteilt die ganze Zeit. Dieser Gipfel hinterher ist nicht so da. Zumindest mir geht es so. Der Stolz und die Erleichterung kommen am ehesten nach dem Nehmen schmerzhafter Hürden.

Benutzeravatar

Pianolullaby
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 38
Beiträge: 2033
Wohnort: Schweiz
Status: Offline

Beitrag Fr., 06.09.2019, 21:48

Nur Homeoffice kann nicht funktionieren. Denn das Problem ist,
dass wir keine Bezug mehr ZUEINANDER bekommen.
Man kann nur über die Sprache viel zu wenig rauslesen, die Kommunikation ist viel Fehleranfälliger
und damit auch viele Projekte nicht mehr realisierbar.

Teil Homeoffice absolut dafür keine Frage, aber nicht als Alleinstellungsmerkmal
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum

Benutzeravatar

Kaonashi
[nicht mehr wegzudenken]
[nicht mehr wegzudenken]
weiblich/female, 46
Beiträge: 1024
Wohnort: Süddeutschland
Status: Offline

Beitrag Fr., 06.09.2019, 22:07

Homeoffice ist schon toll. Aber nur Homeoffice würde ich auch nicht wollen. Ich treffe gerne mal meine Kollegen. Sonst wäre ich ziemlich isoliert. Dann würde ich auch viele Infos nicht mitbekommen (ich bekomme eh schon Vieles nicht mit).

Ich arbeite zur Zeit nur 3 Tage in der Woche, davon 1 Tag im Homeoffice. Das ist viel ruhiger und entspannter als im Büro. Keine Störungen, nicht ständig Geräusche um mich herum. Mein Arbeitgeber hat mir aber nur ein Laptop und ein Handy zur Verfügung gestellt, der Rest der Büroausstattung ist wohl Privatsache. Deshalb ist mein Arbeitsplatz eher spartanisch ausgestattet, und nicht wirklich ergonomisch.