Zurück nach vorn ins 'normale Leben'

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LSeneca
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Zurück nach vorn ins "normale Leben"

Beitrag So., 09.02.2020, 12:56

Hallo zusammen,

ich war mir sehr unsicher, ob ich neben meinem Thread „Beschwerde Psychotherapeutenkammer“ noch einen weiteren, etwas persönlicheren Thread aufmachen soll. Da ich das Schreiben als sehr hilfreich erlebe, wage ich es nun doch.

Ich habe 6 Jahre lang nahezu durchgehend unter schweren Depressionen und PTBS gelitten. Nichts schien zu helfen und einige Psychiater und Therapeuten hatten mich längst abgeschrieben. Wenn es nach den meisten Behandlern gegangen wäre, hätte ich in ein Betreutes Wohnen ziehen sollen und in einer Art Behindertenwerkstatt arbeiten sollen. Mein Abitur musste ich aufgrund der psychischen Erkrankung nach mehreren Versuchen abbrechen. Insgesamt war ich 3 Jahre lang arbeits- und schulunfähig geschrieben. Obwohl es mir so schlecht ging und die Prognose schlecht war, wollte ich den Wunsch von einem „normalen“ Leben nicht aufgeben. Ich habe mich weder in einem Betreuten Wohnen noch in einer Arbeit für Menschen mit psychischer Erkrankung gesehen. Trotz meiner starken Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit habe ich beschlossen, mein Leben so lange verändern zu müssen, bis es wieder einigermaßen annehmbar für mich ist. Ich habe viele Therapien ausprobiert, Medikamente durchgetestet, bin mehrmals umgezogen.

Im Jahre 2018 stand schließlich mein 7. Klinikaufenthalt an und obwohl ich absolut keine Hoffnung mehr hatte, brachte dieser stationäre Aufenthalt endlich den Durchbruch. (Ich hoffe, dass macht dem ein oder anderen hier vielleicht etwas Mut- die Klinikaufenthalte davor hatten mir alle kaum etwas gebracht und ich war mittlerweile überzeugt, ein hoffnungsloser Fall zu sein).

Zurück Zuhause konnte ich endlich einen kleinen Nebenjob annehmen, der mir wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückgegeben und mein Selbstvertrauen gestärkt hat. Ich bekam auf der Arbeit viel positives Feedback, mein Tag war einigermaßen strukturiert und ich war eingebunden in ein Team. Nach knapp einem Jahr hat mich der Nebenjob jedoch zunehmend frustriert, da ich mich unterfordert gefühlt habe und die Routine mich anfing zu stressen. Ich wollte endlich die Ausbildung anfangen, von der ich schon in meiner frühen Jugendzeit geträumt hatte. Mir war aber auch klar, dass dieser Beruf eine hohe psychische Stabilität erfordert. Außerdem fehlte mir als Grundvoraussetzung noch der Führerschein. Ich begann in kleinen Schritten zu versuchen, meinen Traum von der Ausbildung wahr werden zu lassen, nahm trotz starker Fahrangst Fahrstunden und schaffte die Prüfung im 2. Anlauf.

Leider erhielt ich den Ausbildungsplatz nicht, woraufhin ich beschlossen hatte, mit einer 3-monatigen Grundausbildung zur Vorbereitung auf diese Ausbildung anzufangen.

In einer Woche beginnt nun meine 3- monatige Ausbildung in einer Stadt 700 Km von mir entfernt. Ich werde in dieser Zeit eine 40 Stunden Woche haben und im Schichtdienst arbeiten müssen. Vieles wird neu und unvertraut sein. Ich habe große Angst, den Anforderungen und Belastungen nicht gewachsen zu sein. Von einem kleinen Nebenjob auf eine 40 Stunden Woche ist es ein großer Schritt.

Ich würde in dieser Zeit gerne in diesem Thread schreiben und berichten- die große Frage für mich ist, ob man es nach so langer Zeit mit schweren Depressionen und PTBS wieder in ein „normales Leben“ zurück schaffen kann und welche Hindernisse auftauchen, die sich gesunden Menschen nicht stellen. Natürlich sind meine Schilderungen subjektiv und auf meine Person begrenzt, aber vielleicht kann der ein oder andere sich ja doch mit Teilen meiner Geschichte identifizieren und von eigenen Erfahrungen berichten.

Ich hoffe sehr, dass mein Plan, diese Ausbildung zu schaffen, gelingt und ich anderen hier Mut machen kann- dabei aber auch unverfälscht und ungeschönt von den Belastungen und schwierigen Momenten berichten kann.

Liebe Grüße
LSeneca


GuterGeist2019
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Beitrag So., 09.02.2020, 15:52

Hallo LSeneca,

durch deinen Thread "Beschwerde Psychotherapeutenkammer" bin ich sozusagen auf dich gestoßen. Auch ich hab ja schlechte Erfahrungen in meiner ersten Therapie gemacht (Missbrauch), deshalb werde ich bei solchen Themen rund um missglückte Therapien noch schnell aufmerksam.

Ich finde es super, dass du jetzt diesen Strang aufgemacht hast! Du versuchst, nach vorne zu blicken und dein Leben positiv zu gestalten, entgegen aller Prognosen - das ist prima!! Und was du so beschreibst... Für mein Empfinden kannst du stolz auf dich sein, wie weit du es schon geschafft hast!

Ich wünsche dir für die drei Monate deiner Ausbildung alles Gute und viel Erfolg! Und ich hoffe, viele kleine Erfolgserlebnisse von dir hier lesen zu können. Natürlich ist hier für alles Platz, auch für Negatives - aber ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen!! Schön, dass dir das Schreiben eine Hilfe ist!

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LSeneca
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Beitrag Mo., 10.02.2020, 10:44

Hallo GuterGeist2019,

danke für deine lieben Worte! Ich freue mich von dir hier zu lesen.

Die Anspannung steigt, was aber nicht nur mit meiner baldigen Abreise zusammenhängt. Ich wollte die Beschwerdeverfahren gegen meine ehemalige Therapeutin vor Ausbildungsbeginn so weit wie möglich voranbringen, um in den nächsten Wochen hoffentlich etwas Ruhe davon zu haben. Leider wirkt das Zusammenstellen der ganzen Unterlagen jedes Mal aufs neue triggernd und stark aufwühlend.

Es tut mir sehr leid, dass auch du absolut grenzverletzende Erfahrungen in deiner Therapie machen musstest. Das ist zerstörerisch und kaum wieder gut zu machen.

Ich habe mir nun bis Mittwoch ein Limit gesetzt und werde mich ab dieser Frist für die nächsten Wochen nicht mehr aktiv mit meiner Therapeutin befassen. Meine ganze Kraft werde ich für die Ausbildung brauchen.

Liebe Grüße
LSeneca


GuterGeist2019
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Beitrag Mo., 10.02.2020, 10:57

Hallo LSeneca,

ja, das ist ganz wichtig: Sich dann auch wieder auf das Aktuelle und Anstehende zu konzentrieren und die schlimmen Erfahrungen beiseite zu schieben bzw. bestimmte Schritte zwar in die Wege leiten, aber dann das Belastende erstmal wieder ruhen lassen!

Ich hatte den "Vorteil", dass es bei sexuellem Missbrauch wenigstens einen strafrechtlich relevanten Paragraphen gibt. Aber selbst dann zieht sich ein Verfahren und belastend ist es natürlich auch. Insofern kann ich nachfühlen, dass dich das alles triggert.

ABER: Bei dir beginnt mit der Ausbildung ein neuer Abschnitt!! Ein hoffentlich positiver... Und ich wünsche dir, dass du all deine Kraft und Konzentration DA einbringen kannst!!

Falls du hier schreibst, werde ich es natürlich verfolgen ;-)


pandas
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Beitrag Mo., 10.02.2020, 13:25

Hallo LSeneca,

das klingt ja spannend und positiv,was Du berichtest. Ich habe auch das Gefühl, in der Psychobranche ist man zu schnell dabei, in die Sonderarbeitswelt überzuleiten, obwohl dies für die Betroffenen ein massiver Einschnitt in die Lebensqualität ist.

Mich würde interessieren: Was war denn das ausschlaggebende Element, welches bei Deinem 7. Klinikaufenthalt dafür gesorgt hat, dass Du dann den Einstieg in die "normale" Arbeitswelt wieder geschafft hast?
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LSeneca
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Beitrag Do., 13.02.2020, 10:51

Hallo GuterGeist2019, hallo Pandas,

ich stelle gerade fest, dass es mir doch nicht so leicht fällt, mich von den Beschwerdeverfahren rund um meine Therapeutin abzulenken. Die Anspannung über die morgige Abreise scheint mich anfälliger zu machen für die klassischen PTBS-Symptome (Intrusionen, Schlafstörungen, Depressionen, Ängste etc.). Ich dachte eigentlich, ich wäre in der Verarbeitung einen Schritt weiter gewesen... Die Nerven liegen gerade blank und ich muss mich sehr zusammenreißen, nicht in Katastrophenfantasien abzugleiten ("In diesem Zustand werde ich niemals die Ausbildung schaffen!") Mich selbst zu beruhigen, ist leider einer meiner großen Schwachpunkte.

Der 7. Klinikaufenthalt war ein Klinikaufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, in der ich mich von Anfang an angenommen und gut aufgehoben gefühlt habe. Die Ärzte und Therapeuten haben meine Entscheidungen akzeptiert und mich in meinen Zukunftsplänen unterstützt. Der Therapieplan konnte von den Patienten zu großen Teilen mitbestimmt werden. Es gab ein großes Angebot an Erlebnistherapien (KBT, Musik-/Tanz-/Kunsttherapie), die in Gruppen, aber auch im Einzel angeboten worden sind. Dazu kam die tolle Lage der Klinik direkt an einem See. Ich hatte viel Glück mit meinen Mitpatienten und mit meiner Bezugstherapeutin. Die Atmosphäre in der Klinik war sehr wertschätzend und unvoreingenommen. Ich hatte das Gefühl, dass die Therapeuten sich nicht von meiner "Therapiekarriere" abschrecken lassen und wirklich an mich glauben. Dazu kam, dass ich bis dahin immer nur die Diagnose einer schweren Depression erhalten hatte und in der Klinik erstmals PTBS festgestellt worden ist. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose konnte ich viele meiner Probleme plötzlich aus einem neuen Blickwinkel betrachten und mehr Verständnis für mich selbst aufbringen. Es war insgesamt eine sehr intensive, lehrreiche und hilfreiche Zeit, an die ich gerne zurück denke.

Als ich zurück Zuhause war, wollte ich mir selbst unbedingt beweisen, dass der Glaube an mich berechtigt war. Ich habe meine Chance gesehen, aus diesem "abgestempelt sein" als chronisch schwer depressiver Mensch auszubrechen. Die guten Gefühle des Angenommenseins, der Wertschätzung und der neu aufkommenden Hoffnung aus der Klinikzeit habe ich mir versucht, wie einen Schatz zu bewahren und damit anstehende Belastungen zu überwinden. Der Start in den Job war schwierig, aber als ich dort nach und nach weitere gute Erfahrungen und Gefühle "sammeln" konnte, haben sich die guten Erfahrungen aus der Klinik bestätigt... eine Aufwärtsspirale hat sich in Gang gesetzt.

Liebe Grüße
LSeneca


GuterGeist2019
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Beitrag Do., 13.02.2020, 13:06

Hallo LSeneca,

klar lässt dich das Beschwerdeverfahren nicht so schnell los.

In deinem anderen Thread hast du angekündigt, dich ein bisschen zurückziehen zu wollen - das kann ich gut verstehen und ich finde es gut, dass du deine Bedürfnisse wahrnimmst und auch kommunizierst!!

Volle Konzentration auf das Hier und Jetzt in der Ausbildung - ich hoffe, es läuft dann gut!!

Liebe Grüße!


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Beitrag Do., 13.02.2020, 20:29

Hallo LSeneca,

ich wünsche dir ganz viel Kraft! Sich nach so einer langen Phase in Kliniken etc. wieder rauszuziehen, ist nach meiner Erfahrung schwierig. Ich hab auch einige Krankenhausaufenthalte hinter mir und ich finde es im Berufsleben immer irgendwie schwierig, weil die Erkrankung durchaus ein großer Teil meines Lebens ist und da so gar nicht hingehört. Für mich schwierig, wenn es mal beim Mittag um Menschen mit psychischen Problemen geht... schon passiert und ich sitze da und denke mir mein Teil; es ist unangenehm. Diese Erkrankungen und das, was man da erlebt (Klinik, Therapie) prägen einen sehr bzw. mich zumindest hat das geprägt und ich hatte ziemlich Angst davor, dass ich den Anforderungen im Job nicht gewachsen bin. Bisher klappt es aber ganz gut und ich bin stabiler als ohne Job. Und man sagt ja auch immer, dass Menschen mit psychischen Problemen Arbeit gut tut. Sie gibt Struktur und hebt den Selbstwert und macht so stabiler. Und ich kann das unterschreiben, wobei das sicher von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.

Ich wünsche dir, dass das alles gut läuft und du langfristig doch noch die Ausbildung machen kannst, die du anstrebst!