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Traumata anerkennen

Körperliche und seelische Gewalt ebenso wie die verschiedenen Formen von Gewalt (wie etwa der Gewalt gegen sich selbst (SvV) oder Missbrauchserfahrungen) sind in diesem Forumsbereich das Thema.
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peponi
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Traumata anerkennen

Beitrag So., 11.10.2020, 11:37

Hallo,

ich schreibe hier in der Hoffnung auf einen Austausch mit anderen Menschen, denen es vielleicht ähnlich geht oder ging.

Ich habe mich vor einem Jahr wegen Essstörungen und Panikattacken in psychotherapeutische Behandlung begeben, die primäre Diagnose, unter der das Ganze läuft, lautet jedoch Posttraumatische Belastungsstörung.
Und hier liegt auch schon die Krux: ich bin nicht in der Lage, die Erlebnisse, die dem zugrunde liegen, als Traumata anzuerkennen. Sie belasten mich, sie verfolgen mich, auch wenn das letzte dieser Erlebnisse inzwischen über sieben Jahre her ist, ich leide darunter, aber ich kann sie nicht als traumatisch sehen.
Meinem Therapeuten hatte ich als erstem Menschen überhaupt in einem Brief von einigen dieser Sachen erzählt. In der nächsten Stunde, nachdem er den Brief gelesen hatte, sagte er mir auf den Kopf zu, um was es sich seiner Meinung nach dabei handeln würde (und ich schaffe es nicht mal hier, das auszuschreiben). Ich bin zusammengezuckt, habe ihn angeschrien, dass das nicht stimmt und es nicht das war. Weil ich zuvor schon befürchtet hatte, dass er etwas dergleichen sagen würde, hatte ich extra ins Strafgesetzbuch geschaut, um ihn direkt widerlegen zu können. Naja, das hat meine Argumentation nicht unbedingt gestützt, was ein kleiner Schock war, aber es hält mich auch nicht davon ab, es trotzdem nicht als solche zu begreifen - frei nach dem Motto: die Fakten sprechen gegen mich, aber ich spreche gegen die Fakten. Das Absurde ist, wenn mir eine Freundin das erzählen würde, würde ich es sofort genauso verstehen und bezeichnen wie mein Therapeut. Also sprich auf einer rationalen, verkopften Ebene bin ich mir durchaus darüber im Klaren, dass es traumatische Ereignisse waren. Emotional hingegen kein bisschen. Alles in mir macht dicht, wenn das Gespräch in der Therapie darauf kommt. Und ich schwanke hin und her zwischen dem manchmal unerträglichen Schmerz, den es noch heute verursacht, und dem Gedanken – war doch alles gar nicht so schlimm und es wäre auch nie passiert, wenn ich nicht immer wieder so blöd gewesen wäre, aber eigentlich war es ganz normal, ich bin nur hysterisch, überempfindlich und übertreibe maßlos, mache aus einer Mücke einen Elefanten.
Manchmal zerreißt mich diese Diskrepanz, die ich einfach nicht schließen kann.

Und ich weiß nicht, wie und ob man Traumata verarbeiten kann, wenn man es nicht mal schafft, diese als solche anzuerkennen. Im Forum lese ich hier immer wieder, dass viele UserInnen ihre eigenen Traumata relativ klar benennen können und wissen, auch emotional, dass es traumatisch war. Und dann frage ich mich noch mehr, bin ich die Einzige, die schlicht zu blöd dafür ist? Und spricht dies nicht vielmehr dafür, dass es eben keine Traumata waren?

An diejenigen, die ebenfalls an einer PTBS leiden: war euch das schon immer klar, dass ihr traumatische Erfahrungen gemacht habt? Oder habt ihr das auch lange Zeit negiert? Wenn ja, wie habt ihr es geschafft, überhaupt anzuerkennen, dass das, was euch passiert ist, wirklich schlimm war?

Das sind sensible Fragen und ich hoffe, ich trete damit niemandem zu nahe. Entschuldigt bitte, dass dies gerade ein wenig wirr ist.

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Sadako
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Beitrag So., 11.10.2020, 11:52

Ich kann das total gut nachvollziehen und für mich klingt es nicht wirr.
Ich kämpfe nach wie vor damit, ob ich Dinge, die von anderen als Trauma gesehen werden überhaupt wirklich erlebt habe, oder sie mir nur zusammen phantasiere. Oder ob es nicht das Kriterium für Trauma erreicht, ..
Es kippt hin und her, manchmal wird es für kurze Zeit greifbar und real und damit eigentlich nicht mehr aushaltbar.
Es bleibt schwer und widersprüchlich.
Inzwischen bin ich soweit, dass ich verstehe, dass das nicht Anerkennen ein Schutz ist, den ich noch brauche.Gleichzeitig fühle ich mich so schuldig, dass überhaupt zu denken, über Fühlen reden wir da gar noch nicht.
Ich habe mich mit meiner Therapeutin darauf geeinigt, dass die Annahme, dass das was ich erlebt habe tatsächlich in diese Kategorie schweres Trauma fällt, als so eine Art Arbeitshypothese geeinigt.
Es ist ein schwieriges Thema... nach wie vor und ich hoffe, dass ich vielleicht ein paar Ideen oder Gedanken und Impulse mitnehme, die mir in diesem Dilemma helfen.

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Südländerin
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:15

peponi hat geschrieben:
So., 11.10.2020, 11:37
An diejenigen, die ebenfalls an einer PTBS leiden: war euch das schon immer klar, dass ihr traumatische Erfahrungen gemacht habt? Oder habt ihr das auch lange Zeit negiert? Wenn ja, wie habt ihr es geschafft, überhaupt anzuerkennen, dass das, was euch passiert ist, wirklich schlimm war?
Vor ca. 4 Jahren hatte ich heftigste Symptome und konnte das nicht zuordnen. Daraufhin habe ich einen
Therapieplatz gesucht und bin "zufällig" bei einem Traumatherapeuten gelandet. Bis dahin hätte ich
gesagt, dass ich nichts wirklich Schlimmes erlebt habe, dass meine Kindheit "normal" war.

Das war sie allerdings ganz und gar nicht, ich war inzwischen mehrfach in stationärer Therapie auf
Traumastationen und kann mich heute viel besser verstehen. Was sich allerdings immer wieder
ändert, ist die Wahrnehmung, ob es denn wirklich soo schlimm war oder vielleicht doch nicht.

Ich halte deine Reaktion für ziemlich "normal". Jetzt rein von dem was du schreibst. Es kommt
ja auch drauf an, ob es überhaupt noch Erinnerungen gibt, es gibt Menschen, die gar keine
Erinnerungen daran haben. Bei mir sind es wenige und ich zweifele auch manchmal,
Zweifel an der Diagnose hatte ich aber nicht, sie wurde mehrfach bestätigt.

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lisbeth
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:39

Hi Peponi,

Ich glaube, das was du da beschreibst, dieses "da war doch gar nix?" - das ist eine Reaktion, die viele kennen.
Bei mir war das - wie bei Südländerin auch - auch die erste Reaktion darauf, als die Therapeutin mir damals versuchte zu vermitteln, dass sie vieles von dem wie es bei mir zuhause ablief, nicht nur "nicht normal" war, sondern auch traumatisierend. Das heißt nicht, dass sie mir unbedingt ein Trauma einreden wollte. Die Traumatisierung war längst passiert, und von den Symptomen die ich zeigte, war das auch offensichtlich. Was für mich damals nicht zusammenpasste, waren meine Symptome, die für mich "aus dem Nichts" kamen, weil da ja (in meiner damaligen Wahrnehmung) "nichts" passiert war.

Ich hab damals mit der Therapeutin sehr viel darüber geredet und diskutiert und nachgefragt. Wie sie das meint, wie das sein kann, was das bedeutet. Sie hat mir vieles erklärt, auch immer und immer wieder. Zum Beispiel dass dieses "Bagatellisieren" eine Schutzfunktion hat. Gerade in Situationen, wo es für einen selbst kein Entrinnen gibt. Dann schützt sich das Bewusstsein gegen das volle Ausmaß der schlimmen Ereignisse, indem man das, was passiert, nicht in Frage stellt. Denn wenn man es hinterfragen würde, könnte es (zu) gefährlich werden, das hat man meist schon ganz früh ziemlich 'gut' gelernt und verinnerlicht. Auch ist es oft so, dass man es nicht anders kennt. Das, was meine Therapeutin als "schlimm" bezeichnete, war für mich normal als ich kleiner war. Erst als ich älter wurde, erkannte ich, dass es auch anders gehen kann. Aber das was ich kannte war für mich immer noch 'normal'. Das wird ja auch oft so von denen, die die Macht über dich haben, so vermittelt: Warum es so sein 'muss', warum man diese und jene Bestrafungen oä 'verdient' hat, und weil man sich in einer Abhängigkeitssituation befindet, passt man sich an und glaubt das irgendwann...

Sich von dem, was man lange Zeit als "normal" empfunden hat zu lösen, braucht Zeit. Und es ist schmerzlich. Von daher würde ich dir raten, sprich einfach immer wieder mit deinem Therapeuten drüber, wie du das empfindest. Was für dich dabei nicht stimmig ist. Welche Fragen du dir in dem Zusammenhang stellst und die dabei für dich offen bleiben. Setz dich nicht unter Druck, dass du diese oder jene Sicht einnehmen müsstest, das ganze ist ein Prozess und das braucht Zeit. Du beschreibst ja selbst dieses Dilemma zwischen deinem Verstand (der das alles so einsieht) und deinem Gefühl. Und dann ist das für den Augenblick einfach so. Und darf auch so sein. Und das wird sich auch verändern, ganz allmählich. Was sicherlich besser ist, als wenn das ganz plötzlich passiert, weil dir dann etwas, was dich bisher emotional stabilisert hat, auf einmal weggerissen wird, und das kann dann erneut tiefe Erschütterungen verursachen.

Ich glaube, du bist schon mitten drin, im "Verarbeiten". Die bisherige Sicht in Frage stellen und zu einer anderen Sicht zu kommen, ist ganz bestimmt ein Teil davon, finde ich. Und du bist ganz bestimmt nicht "zu blöd" dafür. Emotionale Prozesse laufen nicht nach Plan ab, das ist bei jedem anders. Und doch gibt es bestimmte Muster dabei, und dieses "nicht wahrhaben wollen" (oder können) dass da was Schlimmes passiert ist, gehört zu diesen Mustern durchaus dazu...
In dem Maß wie wir anfangen, Fragen anders zu stellen, werden wir auch neue Antworten finden.


Candykills
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:51

Objektiv ist mir das klar - also, wenn es sich um eine andere Person handeln würde, die das erlebt hat, würde ich alles Verständnis aufbringen und das klar als Traumata definieren.
Ich selbst habe bei mir aber die meiste Zeit das Problem, dass ich mein heutiges Befinden nicht mit dem Erlebten verbinden kann. Also, mir das Verständnis fehlt, dass ich heute deshalb krank bin. Weil es ist ja jetzt etliche Jahre her.

Mir das anzuerkennen, dass ich deshalb auch heute noch leiden "darf" ist ein Prozess in dem ich mich befinde und es gibt Momente, in denen ich für mich und meine Anteile wirklich Mitgefühl aufbringen kann, aber es sind nach wie vor wenige Momente dieser Art.
Die meiste Zeit denke ich eher "stell(t) dich/euch nicht so an!".

Deshalb kann ich dir nur empfehlen aus einer anderen Perspektive auf dich zu schauen, so versuche ich das immer wieder. Also durch die Augen eines anderen Menschen und nicht durch die eigenen.
Weniger hilft mir, wenn andere Menschen mir sagen, dass der Missbrauch daran Schuld trägt, dass es mir heute schlecht geht. Das kann ich dann oft auch nicht annehmen.
Ich denke, diesen innerlichen Konflikt muss man mit sich selbst irgendwie lösen, das kann kein Außenstehender für einen bewerkstelligen.
The trick is to keep breathing. (Garbage)

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Kaonashi
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:51

Ich glaube, ich habe das gegenteilige Problem: ich leide darunter, dass bisher niemand offen gesagt hat, ich hätte traumatische Erfahrungen gemacht, obwohl ich vermute, dass es so ist. Die Dinge, die traumatisch waren, werden nicht von Außenstehenden als traumatisch erkannt, sie sind also nicht so eindeutig, dass jeder gleich sagt, das war auf jeden Fall ein Trauma. Es war nur subjektiv für mich so, und es ist auch kaum zu erklären. Dadurch, dass ich keine Anerkennung von außen bekomme, bin ich auch selbst immer wieder am Zweifeln, ob ich nicht übertreibe und mich nicht so anstellen sollte. Fast empfinde ich ein bisschen Neid auf diejenigen, die das direkt so vom Therapeuten zurückgemeldet bekommen.
Kennt das auch noch jemand so herum? (ohne den thread offtopic führen zu wollen)

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Südländerin
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:54

lisbeth hat geschrieben:
So., 11.10.2020, 15:39

Ich glaube, du bist schon mitten drin, im "Verarbeiten". Die bisherige Sicht in Frage stellen und zu einer anderen Sicht zu kommen, ist ganz bestimmt ein Teil davon, finde ich. Und du bist ganz bestimmt nicht "zu blöd" dafür. Emotionale Prozesse laufen nicht nach Plan ab, das ist bei jedem anders.
Das kann ich so unterschreiben. Danke fürs tolle Erklären, Lisbeth.

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chrysokoll
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Beitrag So., 11.10.2020, 15:55

auch ich habe ganz lange kein Trauma bei mir gesehen und dann lange nicht anerkannt.
Bis heute fällt es mir schwer die Zusammenhänge wirklich zu spüren (also nicht nur rational anzuerkennen)
Auch die Diagnose war trotz allem eine Überraschung für mich.

Ich bin in einer sehr guten Traumatherapie und langsam lichten sich die Zweifel und Nebel, aber mir fällt es immer noch schwer.
Zum Glück hat meine Therapeutin da ausreichend Geduld und ausreichend gute Techniken plus Einfühlungsvermögen.

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peponi
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Beitrag So., 11.10.2020, 20:23

Hallo,

danke für eure Erfahrungen und Perspektiven. Mir fehlt gerade ein wenig die Kraft, euch einzeln zu antworten, ich hoffe, es ist trotzdem in Ordnung so.

Vieles, was ihr schreibt, erkenne ich ziemlich gut wieder und es tut gut zu wissen, dass ich damit nicht allein bin. Was das (fehlende) Vertrauen in die eigenen Erinnerungen betrifft, zum Beispiel, und das Anzweifeln dieser. Das ist auch so ein Thema für sich. Erinnerungen sind keine zuverlässigen Indikatoren. Ich habe Erinnerungen, wenngleich teilweise verschwommen und lückenhaft, die hatte ich auch schon immer. Einem Teil davon habe ich nie vertraut und geglaubt, bis ich durch Zufall einen indirekten Beleg dafür hatte, dass ich sie mir zumindest nicht völlig frei zusammenphantasiert haben kann. Ist mir im Grunde aber egal, dazu habe ich gar keinen emotionalen Zugang. Es ist, als wäre es jemand anderem passiert und ehrlich gesagt wünsche ich mir, dass das so bleibt. Ich will da gar nicht ran. Der andere Teil bezieht sich auf Ereignisse, die erst viel später stattfanden und die mir relativ klar im Kopf sind. An diesen Erinnerungen zweifle ich nicht, aber ich zweifle an deren traumatischen Charakter. Weil ich es damals nicht als traumatisch erlebt habe. Ich habe einfach gar nichts gefühlt, nichts, ich habe mich jedes Mal nur ausgeklinkt und danach weitergemacht, als wäre nichts gewesen und jahrelang nicht mehr daran gedacht.
Und das kommt halt auch dazu; müssen für eine PTBS die Symptome nicht innerhalb eines halben Jahres danach auftreten? Das ist bei mir nicht der Fall, die Symptome traten erst viel später auf. Und wenn es so schlimm gewesen wäre, hätte ich damals nicht schon in irgendeiner Form darauf reagieren müssen? Die Essstörung war damals ziemlich schlimm und ich hab eine Menge Drogen konsumiert, aber das war beides bereits vorher der Fall gewesen.

Es ergibt schon Sinn, dass das nicht-Anerkennen bzw. nicht einmal Benennen-Können eine Schutzstrategie der Psyche darstellt, um mit Erlebnissen fertig zu werden, die sonst zu viel wären. Etwas Ähnliches meinte mein Therapeut auch einmal. Und vielleicht ist die Akzeptanz dessen, dass es passiert ist und schlimm war, wirklich bereits ein Teil des Verarbeitens. Das finde ich eine interessante Perspektive.
lisbeth hat geschrieben:
So., 11.10.2020, 15:39
Und das wird sich auch verändern, ganz allmählich. Was sicherlich besser ist, als wenn das ganz plötzlich passiert, weil dir dann etwas, was dich bisher emotional stabilisert hat, auf einmal weggerissen wird, und das kann dann erneut tiefe Erschütterungen verursachen.
Ironischerweise ist genau das aber ein wenig die naive Vorstellung, die ich so hatte. Dass es mich in der Therapie emotional irgendwann überwältigt, ich endlich einmal weinen kann und danach bin ich ‚geheilt‘ und alles ist wieder gut, ich hab einen Zugang zu meinen Gefühlen gefunden und lebe von da an glücklich und in Frieden. Nur passiert das nicht. Ich kann noch immer nicht weinen, obwohl ich weiß, dass da ein ganzes Meer an Tränen ist. Ich spüre es, aber ich komme nicht heran.

Ich kann gerade nicht mehr schreiben, tut mir leid. Danke euch für eure Worte.

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Sadako
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Beitrag So., 11.10.2020, 20:44

@peponi ich hoffe, dass es für dich ok ist, wenn ich da noch mal antworte. Es kommt schon deutlich rüber, dass das Thema belastend für dich ist.
peponi hat geschrieben:
So., 11.10.2020, 20:23
Der andere Teil bezieht sich auf Ereignisse, die erst viel später stattfanden und die mir relativ klar im Kopf sind. An diesen Erinnerungen zweifle ich nicht, aber ich zweifle an deren traumatischen Charakter. Weil ich es damals nicht als traumatisch erlebt habe. Ich habe einfach gar nichts gefühlt, nichts, ich habe mich jedes Mal nur ausgeklinkt und danach weitergemacht, als wäre nichts gewesen und jahrelang nicht mehr daran gedacht.
Und das kommt halt auch dazu; müssen für eine PTBS die Symptome nicht innerhalb eines halben Jahres danach auftreten? Das ist bei mir nicht der Fall, die Symptome traten erst viel später auf. Und wenn es so schlimm gewesen wäre, hätte ich damals nicht schon in irgendeiner Form darauf reagieren müssen?
Ich erinnere ähnlich wie du beschreibst spätere Erlebnisse, die eigentlich klassisch traumatisch sind und ich hab die auch ohne jede emotionale Reaktion oder Nachklang erlebt bzw abgehakt. Ich glaube dass es damit zu tun hat, dass die Dauertraumasituation in der ich aufgewachsen bin, mich so geprägt hat, dass ich mit sehr ausgeprägten Verteidigungsmechanismen in eine bedrohliche Situation gehe. In sofern habe ich mich auch nicht traumatisiert gefühlt, weil ich dass mit Dissoziation abgewehrt habe.
Was die sechs Monate angeht, das macht Sinn als Kriterium bei einem Monotrauma aber nicht bei einer andauernden Traumatisierung über Monate oder Jahre während der Kindheit. Es gibt zwar Überschneidungen zwischen PTSD und kPTSD aber es gibt auch ganz viele große Unterschiede. Insbesondere wird bei letzterem die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst bze verändert. Es gibt im im Grunde keinen Zustand vor der Störung, zumindest dann nicht, wenn die Traumasituation im frühen Kindesalter begann.

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chrysokoll
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Beitrag So., 11.10.2020, 21:58

die kPTBS wird ja auch im nächsten ICD auftauchen soweit ich informiert bin.
Das ist gut so, weil die "klassische" PTBS eben solche Fälle nicht wirklich abdeckt.

Du sprichst da übrigens auch etwas an was mich sehr belastet:
Dass es keinen Zustand vor der Sötrung gibt, und ich den nicht "finden", nicht wieder herstellen kann

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peponi
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Beitrag Mo., 12.10.2020, 10:48

Hallo,

ich habe eure Beiträge gestern noch gelesen, aber es nicht mehr geschafft, sie zu beantworten, tut mir leid.

Sadako, was du beschreibst, geht mir ziemlich nahe. Genau das trifft es. Es waren Erlebnisse, die mich zum damaligen Zeitpunkt völlig kalt gelassen haben. Ich habe darauf zwar nicht mit Dissoziationen reagiert wie du bzw. nur das eine Mal, aber ich habe generell kein großes Problem mit einer dissoziativen Symptomatik, das kommt nur extrem selten bei mir vor. Meine ‚Verteidigungsmechanismen‘ sind andere, allerdings sind die auch recht gut ausgeprägt.
Um das zu konkretisieren: ein Teil der Erlebnisse bezieht sich auf das Alter von 9 bis 11 Jahren, also schon nicht mehr frühe Kindheit. Die anderen waren im Alter von 17 bis 20. Zu dem aus der Kindheit habe ich wirklich keinen emotionalen Bezug bzw. wenn, dann nur abwehrend. Neulich sind wir in der Therapie diesem Thema sehr nahe gekommen, da ist mir im Sitzen mein Kreislauf völlig zusammengebrochen und ich wäre fast ohnmächtig geworden. Das hat mir deutlich gezeigt, dass ich das Thema nicht anrühren sollte. Ich halte es auch nicht für zielführend, in der Vergangenheit zu wühlen und schlafende Hunde zu wecken. Ich will mit dem arbeiten und umgehen können, was bereits da ist. Und das sind die späteren Erlebnisse. Aber da verstehe ich einfach nicht, warum sie mich jetzt so belasten, wenn sie es damals nicht taten. Deine Argumentation leuchtet mir ein, wenn es darum geht, warum man die Erlebnisse zum damaligen Zeitpunkt nicht als traumatisch erlebt hat. Aber heute tun sie es, eigentlich hat die ganze PTBS-Symptomatik, die ich ja auch wirklich habe, nur einen Bezug darauf. Es fühlt sich einfach so an wie „Damals war es in Ordnung und ich habe mitgemacht und es irgendwie auch drauf angelegt, aber Jahre später ändere ich meine Meinung und behaupte von nun an, dass ich es nie gewollt habe“. Und das ist ein verdammt ekliges Gefühl, für das ich mich so unglaublich verabscheue.

Das Zweite ist das mit dem Zustand vor der Störung. Ja, den gibt es nicht wirklich, ich war vor diesen Erlebnissen schon gestört und habe eigentlich seit meinem 11. Lebensjahr konsequent nur eine Symptomverschiebung betrieben. Da gibt es kein Zurück, man weiß nicht mal, wie ein Leben ohne das sein könnte.

Mit diesen komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen kenne ich mich nicht wirklich aus. Ich habe mit meinem Therapeuten auch nie wirklich über die Diagnose gesprochen, nur kurz im Kontext mit diesem Bericht an den Gutachter. Macht das denn so einen Unterschied bzw. legt ein anderes Behandlungskonzept nahe? Wenn diese komplexe Störung vom ICD derzeit nicht einmal abgedeckt wird, wie läuft das dann praktisch in den Therapien ab, wenn diese Diagnose bei euch dennoch nahe liegt?

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Sadako
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Beitrag Mo., 12.10.2020, 13:32

peponi hat geschrieben:
Mo., 12.10.2020, 10:48
Hallo,

ich habe eure Beiträge gestern noch gelesen, aber es nicht mehr geschafft, sie zu beantworten, tut mir leid.
Und das sind die späteren Erlebnisse. Aber da verstehe ich einfach nicht, warum sie mich jetzt so belasten, wenn sie es damals nicht taten.
Ich kann nur vermuten, oder die die Hypothese meiner Therapeutin weitergeben... Wenn man bedingt durch frühere Traumata am Limit ist... Ganz wenig Gefühl von Sicherheit und Stabilität hat, dann kann man es sich nicht leisten, die Nachwirkungen des Traumas in irgendeiner Art wahrzunehmen. Hab ich erlebt, abgehakt, weiter im Text. Sobald sich die Situation etwas verbessert und man ein Stück mehr Rückhalt und Kapazität hat klopfen die Erinnerungen, die ja nicht nochmal abgespeichert wurden sondern eher traumatisch abgespalten, wieder an und „sagen“ dir: hallo, das ist etwas schief gegangen, kümmere dich da bitte mal drum.
So paradox es klingt, es braucht eine gewisse Stabilität um die klassischen posttraumatischen Symptome zuzulassen. Wenn es zu wackelig ist bleibt man im Überlebensmodus und funktioniert erst mal weiter. In sofern ist es ein gutes Zeichen, wenn du die Auswirkungen der späteren Traumata jetzt spürst, auch wenn es nicht schön ist...das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Ich teile deine Sicht und habe auch nicht das Ziel in der Therapie jeden Stein umzudrehen und mir so den Boden unter den Füßen wegzureißen. Dein Satz trifft es
Ich will mit dem arbeiten und umgehen können, was bereits da ist.
Bei mir sind es leider auch Erinnerungstrümmer aus der frühen Kindheit und es ist nicht leicht damit umzugehen.

Macht das denn so einen Unterschied bzw. legt ein anderes Behandlungskonzept nahe? Wenn diese komplexe Störung vom ICD derzeit nicht einmal abgedeckt wird, wie läuft das dann praktisch in den Therapien ab, wenn diese Diagnose bei euch dennoch nahe liegt?
Ich denke schon, dass es für die Behandlung relevant ist. Bei einer „einfachen“ PTBS die ein Mensch entwickelt, der vor dem Trauma eine relativ gesunde reife Persönlichkeitsstruktur hatte, sind andere Ressourcen vorhanden, auf die man in der Therapie zurückgreifen kann. Bei einer KPTBS hat sich die Persönlichkeitsstruktur quasi um das Trauma herum entwickelt und ganz grundlegende Dinge wie Grundvertrauen in sich selbst und andere Menschen, Bindungsfähigkeit und Fähigkeit zur Gefühlsregulation sind oft beeinträchtigt. An diesen Dingen muss gearbeitet werden und reine Traumakonfrontation ist oft der falsche Weg.
Wobei die meisten Therapeuten (hoffentlich) keine „Diagnose“ sondern einen Menschen behandeln und solche Dinge, wie ich sie da beispielhaft genannt habe, erkennen und entsprechend behandeln.

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Cangaroo5
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Beitrag Mi., 14.10.2020, 16:42

Hi peponi,

bei mir wurde vor Kurzem erst eine komplexe PTBS festgestellt. Die ursprüngliche Traumatisierung fand meines Empfindens nach zwischen 15 und 21 Jahren statt. Durch die Therapie bin ich erst draufgekommen, dass alles schon viel früher begann, und ich keine traumafreie Welt kenne. Das war für mich der Schock meines Lebens und ich kam gar nicht gut damit klar, auch mit der Diagnose nicht.
Ehrlich gesagt kiefel ich immer noch dran, weil ich mich frage, wie es möglich ist, krasse Dinge vor sich selbst so supergut zu verstecken. PTBS Diagnose habe ich seit 12 Jahren, aber ich habe sie nie ernst genommen, für mich waren es einfach Depressionen die einen neuen Namen bekamen.

Glücklicherweise hab ich seit Jänner einen tollen Therapeuten, der gut erklären kann und Tausende Fragen mit aller Geduld und immer wieder beantwortet, dabei aber auch mal mit dem Finger in die Wunde sticht damit ich nicht vergesse, dass die wirklich da ist (bin ein guter Verdränger!!!).

Ich hab ein bisschen gebraucht, um dort nicht wieder alles abzuwiegeln - da bremst er mich aus / nicht alles zu beschönigen - da rückt er die Dinge in ein Licht, wo auch ich sehe dass das nicht richtig war / Vertrauen zu haben in das „wir“ - ich hab mich anfangs dran gestört dass er immer „wir gehen das an, wir machen das gemeinsam...“ - für mich war bisher Therapie so, dass da gegenüber jemand sitzt, der klug daher redet, aber wenig Ahnung hat von den Vorgängen im Inneren von mir, weil er ja selber „normal“ ist. Es war ein ich-und-der da, aber nie ein „wir“. Jetzt wird es langsam eines, weil ich merke, dass ich Hoffnung bekomme. Mal mehr, mal weniger, aber ich habe das tatsächliche, reale Gefühl dass er mir zur Seite steht. Das macht es einfacher, den Blickwinkel zu wechseln von: war eh ned so schlimm, zu: Oh Gott was für ein Grauen. Der Therapeut hat zB einfach meine Geschichte genommen, und genau diese Geschichte über meine Tochter erzählt. Da erst wurde mir klar, dass ich eine komische Selbstsicht habe.
Beschönigen und Verdrängen ist Selbstschutz, den man nur aufgeben kann, wenn einem jemand hilft.

Dissoziation ist für mich was völlig Normales, es hat bei mir einen anderen Namen und ich dachte auch, dass das jeder hat. Ich komme mir grad so irre vor wie noch nie in meinem Leben, weil ich die Dinge nun besser verstehe und wenn ich sie richtig einsortiere, bin ich eben völlig verkorkst im Gehirn. Ich hab mir als erfolgreiche Businesswoman besser gefallen. Jetzt bin ich ein riesiger Haufen Probleme. Ich bin in Erwerbsunfähigkeit deswegen (seit 2018!) und hab mein Unternehmen dadurch verloren. Ich kann manchmal über gar nichts reden, manchmal schon, aber sehr distanziert und total gefühllos. Deswegen war ich immer erschrocken, wenn das Gegenüber das total arg fand.

Ich habe jetzt erst, 30 Jahre nach dem vermeintlichen Auslöser, verstanden was Dissoziation ist und wozu sie da ist.
Meine PTBS wurde 20 Jahre nach den Ereignissen erstmals festgestellt. Es gibt hier keine Grenze von einem halben Jahr. Es kann auch ein halbes Leben sein. Zweifle nicht an dir. Wundere dich über nichts. Manche Dinge sind so abgespalten, dass man sie mit sich selbst nicht mehr in Verbindung bringen kann. Ich bin auch grad am Weg und ich versuche aktiv, meine Neugier und mein Interesse an psychischen Vorgängen über die Panik zu legen. Gelingt selten. Aber manchmal, und ich seh das als Fortschritt - weil ich Hilfe hab, die objektiv urteilt und mir immer wieder sagt, dass der Weg gerade anstrengend, aber richtig ist.
Seit ich diesen Therapeuten habe, ist auch keinerlei Selbstverletzung vorgekommen, und ich flippe weniger aus. Wir kamen mit EMDR nicht weiter, da zuviele Baustellen. Mein Therapeut lässt kreative Lösungen zu. Wir versuchen Vieles. Derzeit plane ich grad eine neue Methode, ich kann mich gut selbst austricksen und das sollte ich ausnützen, denke ich. ZB: Ich drehe durch > mein Hund dreht durch, das ist einfach so. Jetzt kann ich das als Verstärker willkommen heißen, oooder ich beruhige den HUND. So kriege ich die „Schuld“ weg von mir, wenn ich IHM erkläre, dass es keinen Grund gibt sich aufzuregen. Und solange ich aufgeregt bin, KANN er nicht ruhig werden. So muss ich mich beruhigen, um ihn zu beruhigen, weil ich ja will dass es ihm gut geht.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute! Musst nix antworten! Will nur sagen - ich versteh dich sehr gut und es ist möglich, im tiefsten Abgrund ein Seil zu finden. Wir müssen dann „nur noch“ raufklettern. Ganz liebe Grüße, cangaroo5

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malerin
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Beitrag Fr., 16.10.2020, 00:37

Hallo peponi,

was du beschreibst, kommt mir auch sehr bekannt vor und wie du gemerkt hast, vielen anderen hier auch. Ich habe lange Zeit nicht gewußt, dass ich ein komplexes Trauma habe, obwohl ich schon viele Jahre zuvor mit Pausen in psychotherpeutischer Behandlung war. Man nannte es Depressionen oder Psychosomatische Störung, weil ich auch viele körperliche Probleme habe.
Mein Thera sagt aber immer, dass er sehr zurückhaltend mit Diagnosen ist, weil er sagt, er behandelt den Menschen und nicht die Diagnose und viele psychische Erkrankungen sind auch so komplex, dass viele andere Störungen noch dazu kommen.

Erst jetzt nach sehr vielen Jahren steht fest dass ich eine KPTBS habe. Im ICD-10 nennt man es noch nicht KPTBS sondern andauernde Persönlichkeitsänderung (icd 62.0).
Ich bin jetzt seit fast 2 Jahren wieder beim Therapeuten und ich kann dir nur Raten, setz dich nicht unter Druck. Es brauch Zeit, bis man versteht, warum man so reagiert und warum man sich so fühlt. Mit einem guten Therapeuten, kann sich aber vieles verbessern.
Man muss vielleicht nicht jeden Stein umdrehen aber es nützt auch nichts, die Konfrontation zu vermeiden - allerdings alles zu seiner Zeit,- da man ein Trauma nur verarbeiten kann, wenn man sich mit ihm konfrontiert und wenn man es annimmt und akzeptiert - zumindest ist das meine Erfahrung. Bevor man damit beginnt, muss man aber erstmal stabil genug dafür sein.

LG malerin