Loslassen - aber wie

Liebeskummer und Liebessorgen aller Art, sowie Eifersucht und Trennungen sind die zentralen Themen in diesem Forumsbereich (Beitrags-Haltedauer: 6 Monate).
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Tröte
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Loslassen - aber wie

Beitrag Do., 07.11.2019, 14:28

Hallo zusammen,
ich habe eine eher allgemein gehaltene Frage, auch wenn sie ggf auf eine akute Situation bezogen werden könnte.

Mir fällt an mir zunehmend auf, dass ich Probleme mit dem "loslassen" habe und (warum auch immer) in destruktiven Beziehungen bleibe oder Beziehungen eingehe, bei denen "jeder andere" fragt, warum ich mir sowas antue.
Wenn ich mich dann trenne (oder getrennt werde ;) ) brauche ich wirklich lange, bis ich das ganze verarbeitet habe.
Ich kann keine Fotos löschen oder Wegschmeissen und habe immer wieder große Impulse der Kontaktaufnahme, bzw. neige ich dann auch dazu oft in whatsapp die Onlinezeit zu "kontrollieren", alles Dinge, die mir ja eigentlich mehr schaden, als gut tun, aber obwohl ich das weiss, kann ich nicht anders .
Erinnerungen und Gedanken, wie " nie wieder zusammen sprechen, kochen, kuscheln,..." machen mich unendlich traurig.
Rein rational nehme ich natürlich wahr, dass die Trennung ggf. sogar richtig und gut für mich ist.
Gefühlsmässig tendiere ich jedoch wirklich dazu (im übertragenen Sinn) das Pflaster "abzuknibbeln", anstatt es mit einem Rutsch abzureissen und es dann heilen zu lassen.

Habt Ihr TIps, bzw. wie Ihr das loslassen besser kompensiert?
Ich glaube (nein, ich weiss), dass es bei mir vermutlich auch daran liegt, dass mein soziales Umfeld dann auch "wegbricht". Sprich, ich dann u.a. die Feiertage alleine verbringe, was die ganze Sache natürlich nicht einfacher macht.
Prinzipiell bin ich schon aktiv, ich gehe oft zum Sport, mache Musik, gehe Tanzen....habe 2-3 sehr gute Freunde, die aber leider alle weiter weg wohnen und man sich nicht mal "eben" auf einen Kaffee oder so treffen kann.
Das erleichtert die Situation nicht wirklich, aber ich muss für mich trotzdem einen Weg finden. Vielleicht habt Ihr ja Tips, wie ich daran arbeiten kann?

Vielen Dank und Grüße
Tröte
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Möbius
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Beitrag Do., 07.11.2019, 22:13

Es gibt eine Monographie von S. Freud „Über Trauer und Melancholie“, die man zB im Projekt Gutenberg auch online lesen kann. „Melancholie“ - heute ein philosophischer Begriff – war zu Freuds Lebzeiten eine Diagnose gewesen, die sich in etwa mit der heutigen „Depression“ deckt.

Dort skizziert Freud eine seiner genialen Metaphern: die Libido erstreckt sich mit ihren „Pseudopodien“ wie eine Amöbe in unterschiedliche Richtungen auf mehrere Objekte, von denen der Beziehungspartner wohl meist den größten Anteil an der „Masse“ jener Amöbe auf sich zieht. Auf dieser „Objektbesetzung“ haftet die Libido mit ihrem Pseudopodium an, „rastet ein“. Geht diese Objektbesetzung verloren, dann hängt dieses Pseudopodium „in der Luft“, und das verursacht diesen Schmerz, der im Todesfall „Trauer“ genannt wird und durch die „Trauerarbeit“, welche die Religionen anbieten, allmählich abgebaut wird. Die „Trauerarbeit“ steht auch heute noch im Zentrum der Traumatherapie: Traumapatienten haben einen mehr oder weniger großen Teil ihres Lebens verloren, und müssen ihn „betrauern“, was heißt: jede einzelne Objektbesetzung nochmals „durchgehen“ und sich genau dadurch von ihr ablösen, so daß sich jenes – metaphorische – Pseudopodium der Libido zurückzieht und sich die Libido anderen Objekten zuwenden kann.

Diese „Trauerarbeit“ obliegt auch jedem „Ex“ einer sexuellen Beziehung, die ja heutezutage sehr volatil sind. Der ehemalige Partner muß „betrauert“ werden wie ein Toter … aber das bekommen nur recht wenige wirklich hin. Für so einige wird die Trennung zum Trauma und damit zur Hypothek jeder weiteren Beziehung.

Ein ganz anderes Kapitel ist das Festhalten an „destruktiven Beziehungen“. Aus der psychonanalytischen Sicht ist es zunächst der Wiederholungszwang, der eine frühere Beziehung, die als destruktiv empfunden worden und zum Trauma geworden war, „re-inszenieren“ will und damit verarbeiten will. Regelmässig sind es Beziehungen aus der Kindheit, nur all zu oft diejenigen aus dem Ödipus-Komplex. Aber auch ein Zwang zur Selbstbestrafung - „Autoaggression“ - kann dahinter stehen, wenn man immer wieder destruktive Beziehungen eingeht oder unterhält. Dann ist es eine verdrängte Schuldzuweisung, die man angenommen - „introjiziert“ - hat und für die man Buße tun will, wobei alldies im Unbewußten verortet ist, dem Bewußtsein nicht zugänglich ist.

Aber das sind nur zwei Hauptfälle, mit denen sich die Psychoanalyse immer wieder beschäftigen muß. Ob sie im Einzelfall vorliegen, kann man nicht wissen.

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Miss_Understood
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Beitrag Fr., 08.11.2019, 09:52

Ich glaube auch, dass das zwei paar Schuhe sind, tröte.

Loslassen an sich - dabei tue ich mir auch schwer. Sehr. Und es dauert fast immer extrem lange. Und wie ich das schneller vollziehe habe ich auch noch nicht durchschlagende Erfolge.

ABLENKEN. Ja, das ist wirklich gut. So banal das klingt. Sich in die Arbeit stürzen. Oder ein Umzug. Ähem.
ich glaub, bei mir sind die Verbindungen dann einfach stark. Gerade, wenn es um Menschen geht.

Was jetzt das festhalten an wirklich destruktiven Beziehungen anbelangt, habe ich keine Erfahrung; die gehe ich zum Glück erst gar nicht ein.

ABLENKEN heißt für viele aber auch bei Beziehungen sich schnell in die nächste stürzen. Ich KANN DAS leider nicht. Inzwischen wünschte ich, ich könnte es, aber wie kommt man dahin?

Ich hatte mal ein Buch, leider habe ich die Autorin vergessen, die schlug ein bestimmtes Abschiedsritual vor. Dann gibt es auch systemische Formate, sowas wie ein Rückgabe-Ritual, DAS habe ich als ziemlich stark erlebt. Was es bei mir gelöst hat, war das Gefühl in einer Sache seinerzeit. Blöderweise sind meine GEDANKEN aber recht stark, die in den Griff zu kriegen fand und finde ich mühsamer.
:!!: :!!: :!!:

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Tröte
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Beitrag Fr., 08.11.2019, 12:01

Hallo Möbius,
schön, dass Du antwortest, Deine Beiträge haben mir in dem anderen Thread schon sehr gefallen.

Möbius hat geschrieben:
Do., 07.11.2019, 22:13
Diese „Trauerarbeit“ obliegt auch jedem „Ex“ einer sexuellen Beziehung, die ja heutezutage sehr volatil sind. Der ehemalige Partner muß „betrauert“ werden wie ein Toter … aber das bekommen nur recht wenige wirklich hin. Für so einige wird die Trennung zum Trauma und damit zur Hypothek jeder weiteren Beziehung.
aber wie sieht die "Betrauerung" in der Praxis aus?
Ich nehme mir Zeit traurig zu sein und weine viel. Ich habe keinen Kontakt zu der Ex-Beziehung, wenngleich ich schon geneigt bin und den Impuls habe Kontakt aufzunehmen und hier kommt glaub ich auch die weiter unten beschriebene "Autoagression" hinzu, ich auch ganz bewusst Dinge mache, die mir nicht gut tun (z.B. bei whatsapp schauen, ob online etc)...
Ich habe irgendwo gelesen, dass man alle Bilder/Fotos und Erinnerungen löschen soll, nicht, um den anderen zu vergessen/zu bestrafen, sondern wegen sich selbst. Ich denke jedoch, dass das nicht notwendig ist, seine "Vergangenheit" wegzuwerfen. Man sollte sie nur dorthin packen, wo man sie aktuell nicht sehen kann.

Möbius hat geschrieben:
Do., 07.11.2019, 22:13
Ein ganz anderes Kapitel ist das Festhalten an „destruktiven Beziehungen“. Aus der psychonanalytischen Sicht ist es zunächst der Wiederholungszwang, der eine frühere Beziehung, die als destruktiv empfunden worden und zum Trauma geworden war, „re-inszenieren“ will und damit verarbeiten will. Regelmässig sind es Beziehungen aus der Kindheit, nur all zu oft diejenigen aus dem Ödipus-Komplex. Aber auch ein Zwang zur Selbstbestrafung - „Autoaggression“ - kann dahinter stehen, wenn man immer wieder destruktive Beziehungen eingeht oder unterhält. Dann ist es eine verdrängte Schuldzuweisung, die man angenommen - „introjiziert“ - hat und für die man Buße tun will, wobei alldies im Unbewußten verortet ist, dem Bewußtsein nicht zugänglich ist.
Leuchtet mir ein... ich weiss auch, dass das mit meiner Mutter zu tun hat, die mir wenig/keine Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbrachte...Stichwort Urvertrauen und so. Ich bekomme es trotzdem nicht übereinander, wieso mich dann Menschen mit Nähe-Distanz-Problem "anziehen".

VG Tröte
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Beitrag Fr., 08.11.2019, 12:08

Hallo Miss Understood,
auch Dir vielen Dank für Deine Antwort :->
Miss_Understood hat geschrieben:
Fr., 08.11.2019, 09:52
ABLENKEN. Ja, das ist wirklich gut. So banal das klingt. Sich in die Arbeit stürzen. Oder ein Umzug. Ähem.
ich glaub, bei mir sind die Verbindungen dann einfach stark. Gerade, wenn es um Menschen geht.
Willkommen im Club... es ist nicht so, als wenn ich nur zu Hause hocke. Ich gehe 3x die Woche zum Fitness, 1x/Woche zum Tanzen, bin gerade wegen St. Martin viel unterwegs, ich treffe dann und wann Freunde...und trotzdem.... wenn ich dann abends alleine nach Hause fahre werde ich traurig und fühle mich einsam "die anderen fahren gemeinsam heim, bzw. sind ein Paar und ich bekomm es einfach nicht auf die Kette eine schöne Beziehung zu führen".

Miss_Understood hat geschrieben:
Fr., 08.11.2019, 09:52
Was jetzt das festhalten an wirklich destruktiven Beziehungen anbelangt, habe ich keine Erfahrung; die gehe ich zum Glück erst gar nicht ein.
Hast Du da ein "Frühwarnsystem"? Ich scheine bei so was vlt. sehr blind zu sein. Z.b. hatte ich eine kurze Affaire mit jemanden, der ein Bindungsproblem hat. Immer nachdem wir eine schöne Zeit verbrachten wurde ich danach "abgeschossen". Durch Zufall habe ich jemanden kennengelernt, der diese Person auch gedatet und das direkt erkannt hat und den Kontakt abgebrochen hat. Ich frage mich, wieso ich da so blind bin...bzw. sie das direkt gemerkt hat.
Miss_Understood hat geschrieben:
Fr., 08.11.2019, 09:52
ABLENKEN heißt für viele aber auch bei Beziehungen sich schnell in die nächste stürzen. Ich KANN DAS leider nicht. Inzwischen wünschte ich, ich könnte es, aber wie kommt man dahin?
ich glaube nicht, dass das eine erstrebenswerte Sache ist. Ich finde es wichtig erst das alte zu verarbeiten und sich dann in Neues zu stürzen, da man sonst seine "Altlasten" mit in die neue Beziehung trägt nud das kann zu neuen Problemen führen.
Miss_Understood hat geschrieben:
Fr., 08.11.2019, 09:52
Ich hatte mal ein Buch, leider habe ich die Autorin vergessen, die schlug ein bestimmtes Abschiedsritual vor. Dann gibt es auch systemische Formate, sowas wie ein Rückgabe-Ritual, DAS habe ich als ziemlich stark erlebt. Was es bei mir gelöst hat, war das Gefühl in einer Sache seinerzeit. Blöderweise sind meine GEDANKEN aber recht stark, die in den Griff zu kriegen fand und finde ich mühsamer.
Das habe ich irgendwie nicht verstanden,sorry,.....

VG
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Möbius
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Beitrag Sa., 09.11.2019, 16:43

@ Tröte

Betrauern heißt – nach meinem Guru Freud – daß man jede einzelne „Libidoposition“ der verlorenen Objektbesetzung noch einmal durchgeht und genau dadurch ablöst. „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung!“ - Der gutgemeinte Ratschlag „nach vorne zu schauen“ und das Verlorene „auslöschen“ und vergessen zu wollen geht also genau in die falsche Richtung. Vergessen kann man nämlich keine wesentlichen Erinnerungen – man kann sie nur ins Unbewußte verschieben, „verdrängen“, wo sie dann ein beträchtliches Unwesen zu treiben imstande sind.

Wie dieses „durchgehen“ ablaufen soll, kann ich mangels genügender Kenntnis der Umstände nicht sagen – nur allgemein, daß die Trauerarbeit ein Spiel bleiben muß, dh ein vom „Ernst“ örtlich-zeitlich abgegrenzter Bereich mit seinen eigenen Regeln. Das ist der kulturwissenschaftliche Spiel-Begriff Johan Huizingas aus seinem Essay „Homo ludens“, das ich neben „Über Trauer und Melancholie“ von S. Freud jedem Trauenden nur wärmstens auf den Nachttisch legen will.

Das heißt zunächst, daß man sich bemüht, das Gedenken an die verlorene Geliebte in einer Art Ritual „einzuhegen“. Man kann zB einen Abschiedsbrief schreiben, der nicht abgeschickt werden soll, und genau darum auch schonungslos offen und schier endlos lange sein darf. Für die Arbeit an diesem Brief reserviert man sich eine bestimmte Stunde am Tag – ausserhalb dieser Zeit landet dieser Brief im Ordner im Regal und wird nicht hervorgezogen. Aber das ist, wie gesagt, nur ein Beispiel, welches das Prinzip der Eingrenzung der Trauer auf dieses „Spielfeld“ verdeutlichen soll.

Lesbische Beziehungen sind wohl idR die intensivsten sexuellen Beziehungen überhaupt – in ihnen lebt die exklusive 24/7-Beziehung zwischen Mutter und Kind der ersten Lebensphase teilweise wieder auf, lesbische Partnerinnen sind sich – wohl zumeist wechselseitig - Mutter und Kind. Das hat gute aber eben auch schlechte Seiten und eine der schlechtesten Seiten ist die Wunde, die das Ende einer lesbischen Beziehung va in die Psyche derjenige (Ex-)Partnerin reißt, welche die Beziehung „eigentlich“ gerne fortgesetzt hätte. Je mehr diese – regelmässig unbewußte - Erinnerung an die ursprüngliche Mutter-Kind-Beziehung in die aktuelle lesbische Beziehung hineinspielt, um so traumatischer kann das Ende der aktuellen Beziehung werden. Damit wird auch vielleicht deutlicher, warum solche Beziehungen aktiv durch die Trauerarbeit aufgearbeitet und abgelöst werden müssen und ein Wegschieben nicht funzen kann.

Es spricht m.E. auch nichts dagegen, diese traurige Aufgabe zum Thema in einer Psychotherapie zu machen, wenn es „Raum dafür“ gibt.

Das Ergegnis dieser Trauerarbeit stellt sich, wenn sie funktioniert, nicht auf einmal ein, wie etwa die Extraktion eines kariösen Zahnes, auch nicht linear „jeden Tag ein bischen“, sondern in Sprüngen, je nachdem, welche Wertigkeit die einzelnen Libidopositionen, die einzelnen Bedeutungen der Beziehung für den Trauernden haben. Es kann schnell gehen, aber auch lange dauern. Sie muß aber geleistet werden, weil man erst nach der vollständigen Ablösung vom verlorenen Partner frei ist für eine neue Beziehung.

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Tröte
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Beitrag Mo., 11.11.2019, 12:51

Möbius hat geschrieben:
Sa., 09.11.2019, 16:43
Das heißt zunächst, daß man sich bemüht, das Gedenken an die verlorene Geliebte in einer Art Ritual „einzuhegen“. Man kann zB einen Abschiedsbrief schreiben, der nicht abgeschickt werden soll, und genau darum auch schonungslos offen und schier endlos lange sein darf. Für die Arbeit an diesem Brief reserviert man sich eine bestimmte Stunde am Tag – ausserhalb dieser Zeit landet dieser Brief im Ordner im Regal und wird nicht hervorgezogen. Aber das ist, wie gesagt, nur ein Beispiel, welches das Prinzip der Eingrenzung der Trauer auf dieses „Spielfeld“ verdeutlichen soll.
Das habe ich gemacht. Die Frage nach dem "Warum" und der Schmerz bleibt trotzdem.
Ich weiss auch nicht, ob das etwas mit Autoagression zu tun hat, dass ich Dinge tue, wohlwissen, dass es mir hinterher schlechter geht und ich noch schlechter loslassen kann.
Möbius hat geschrieben:
Sa., 09.11.2019, 16:43
Es spricht m.E. auch nichts dagegen, diese traurige Aufgabe zum Thema in einer Psychotherapie zu machen, wenn es „Raum dafür“ gibt.
ich habe morgen wieder Termin bei meiner Therapeutin und da wird es sicherlich Hauptthema sein. Selten habe ich den Termin so herbeigesehnt.
Möbius hat geschrieben:
Sa., 09.11.2019, 16:43
Das Ergegnis dieser Trauerarbeit stellt sich, wenn sie funktioniert, nicht auf einmal ein, wie etwa die Extraktion eines kariösen Zahnes, auch nicht linear „jeden Tag ein bischen“, sondern in Sprüngen, je nachdem, welche Wertigkeit die einzelnen Libidopositionen, die einzelnen Bedeutungen der Beziehung für den Trauernden haben. Es kann schnell gehen, aber auch lange dauern. Sie muß aber geleistet werden, weil man erst nach der vollständigen Ablösung vom verlorenen Partner frei ist für eine neue Beziehung.
Ja, das merke ich auch. Es ist jeden Tag anders. Mal schlimmer, mal ein bisschen besser. Kommt aber auch darauf an, was ich konkret gemacht habe ("Stalking" ist da eher verschlimmernd)... Arbeit lenkt ab, alleine auf der Couch ist ganz schlimm.
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Möbius
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Beitrag Mo., 11.11.2019, 20:38

Eine von Freuds genialischen Metaphern ist die von der Amöbe – dem Einzeller, der keine feste Körperform hat, sondern seine „Pseudopodien“ in jede beliebige Richtung erstrecken und auch wieder einziehen kann. Genauso verhalte es sich mit der Libido, schreibt Freud in „Über Trauer und Melancholie“. Nur beim Säugling ist die Libido auf ein einziges Objekt konzentriert: die Mutter (oder die Person, die deren Aufgaben wahrnimmt) – beim Erwachsenen ist die Libido in vielfältiger Weise in unterschiedliche Richtungen mit den jeweiligen Objektbesetzungen aufgeteilt. Man kann sich das vielleicht vorstellen wie eine Nervenzelle, deren Synapsen in viel verschiedene Richtungen abgehen können. Im Gegensatz zur Nervenzelle ist die „Libidoökonomie“ jedoch nicht ein für alle mal stabil, sondern kann sich im Lebensverlauf uU sehr drastisch ändern.

Der Beziehungspartner ist – beim Erwachsenen – nur eine von mehreren Objektbesetzungen. Da gibt es auch noch Familie (Eltern, Kinder, Verwandte), Freunde, Kollegen, Nachbarn, den Beruf, Hobbys usw usw. Salopp formuliert ist alles, was wir mit Leidenschaft tun: ursprünglich sexuelle Libido, die häufig jedoch auf „sublimierte“ Ebenen gehoben worden ist, dh auf höhere Kulturstufen.

Es geschieht nun immer wieder im Laufe eines Menschenlebens, daß eine dieser Objektbesetzungen wegfällt. Beziehungen sind heutezutage sehr volatil, ebenso wie das Arbeitsleben. Manche Hobbys können – manchmal urplötzlich – nicht mehr ausgeübt werden, häufig aus wirtschaftlichen Gründen. Leidenschaftlich betriebene Sportarten können gesundheitsbedingt nicht mehr ausgeübt werden usw. Fällt eine Objektbesetzung weg, dann hängt zunächst dieses „Pseudopodium“ der „Amöbe Libido“ buchstäblich „in der Luft“ und genau das verursacht den Schmerz. Die in der Luft hängende Objektbesetzung durch Trauerarbeit abzulösen, ist ein Weg, wie die nunmehr „notleidende“ Libidoökonomie wieder stabilisiert werden kann. Es gibt aber noch einen anderen Weg, der idR unwillkürlich beschritten wird: der Betrag an Libido, der in jener verlorenen Objektbesetzung gebunden war, fließt nunmehr anderen, noch vorhandenen Objektbesetzungen zu und in vielen Fällen dem ursprünglichen Hauptkanal der Libido: der Sexualität.

Es ist bezeichnend, daß im heterosexuellen Milieu die „Swingerkarriere“ oftmals erst sehr spät begonnen wird, Mitte der Vierziger Jahre: die Kinder – die auch eine sehr starke Objektbesetzung darstellen – sind „aus dem Gröbsten raus“, häufig schon „aus dem Haus“ und da entdecken diese Elternpaare ihre Sexualität völlig neu. Auch die vermehrte Sexualität im Urlaub oder bei längeren Krankschreibungen, die sexueller Aktivität nicht entgegenstehen, ist ein solches Phänomen.

Es ist nun in gewissem Umfang möglich, diesen Prozeß des „Abfliessens“ der Libido aus einer verlorenen Objektbesetzung zur Sexualität oder zu anderen Objektbesetzungen bewußt zu fördern. Das ist auch das Körnchen Wahrheit, daß hinter den Ratschlägen steht, auf zu neuen Ufern zu gehen, statt hinter vergossener Milch herzuweinen. Man kann sich zB „in die Arbeit stürzen“, die ebenfalls eine starke Objektbesetzung darstellen kann. Trauerarbeit zur Ablösung der verlorenen Objektbesetzung und Schritte zu neuen Ufern schließen sich durchaus nicht aus.

Es gibt schließlich – weiter nach Freud, hier den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ – neben der Sexualität noch einige andere Wege originärer Libidioabfuhr, nämlich „Muskeltätigkeit“ - Sport, körperliche Arbeit – dann die „intellektuelle Leistung“, die Temperaturreize und schließlich die „schnelle Bewegung durch den Raum“ - bei Freud ist groteskerweise das Eisenbahnfahren beschrieben, was seinerzeit (1905) das schnellste Fortbewegungsmittel gewesen war.

Ich selbst führe einen beträchtlichen Teil meiner sehr starken Libido durch Fahrradfahren (Muskeltätigkeit, schnelle Bewegung) und durch Temperaturreize ab, gerade in diesen Tagen: ich bin „Winterbader“ nach Kneipp und diese „Kälteanwendungen“ haben für mich die Wertigkeit von 2-3 Orgasmen. Freilich: diese Möglichkeit setzt die Abhärtung voraus, die heutezutage nur wenige erreichen. Der Weg dorthin ist sehr leidvoll. Ich habe ihn wegen einer (psychosomatischen) Hautkrankheit vor 10 Jahren durchgehalten, bin heute sehr froh über die „psychodynamischen“ Nebenwirkungen. Aber das geht auch softer, zB in der Sauna.

Das forcieren solcher Tätigkeiten: Temperaturreize, schnelle Bewegung, Sport / körperliche Arbeit, intellektuelle Leistung kann also auch hilfreich sein, um jene „notleidende Libido“ aus der verlorenen Objektbesetzung zurückzuholen.

Die wirksamste Libidoabfuhr: die schiere Sexualität, die mir als biologischem Mann in der „schwulen Szene“ offensteht, ist leider für Lesben kaum erreichbar, weil es lesbische Promiskuität „aus der der Natur der Sache“ nicht gibt. Allenfalls die Autoerotik stünde insofern offen, aber das ist auch „Typfrage“ und ich möchte auch nicht „zu nahe treten“.

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Beitrag Mi., 13.11.2019, 09:50

Möbius hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 20:38
Der Beziehungspartner ist – beim Erwachsenen – nur eine von mehreren Objektbesetzungen. Da gibt es auch noch Familie (Eltern, Kinder, Verwandte), Freunde, Kollegen, Nachbarn, den Beruf, Hobbys usw usw. Salopp formuliert ist alles, was wir mit Leidenschaft tun: ursprünglich sexuelle Libido, die häufig jedoch auf „sublimierte“ Ebenen gehoben worden ist, dh auf höhere Kulturstufen.
Möbius hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 20:38
Es geschieht nun immer wieder im Laufe eines Menschenlebens, daß eine dieser Objektbesetzungen wegfällt. Beziehungen sind heutezutage sehr volatil, ebenso wie das Arbeitsleben. Manche Hobbys können – manchmal urplötzlich – nicht mehr ausgeübt werden, häufig aus wirtschaftlichen Gründen. Leidenschaftlich betriebene Sportarten können gesundheitsbedingt nicht mehr ausgeübt werden usw. Fällt eine Objektbesetzung weg, dann hängt zunächst dieses „Pseudopodium“ der „Amöbe Libido“ buchstäblich „in der Luft“ und genau das verursacht den Schmerz
Danke Möbius für Deinen Beitrag!
Ich glaube das hängt bei mir in soweit eben auch zusammen, dass ich seinerzeit im Rahmen meiner Therapie den Kontakt zu meiner Familie und vielen "Freunden" abgebrochen habe und sich mein soziales Umfeld auf wenige Freunde (die auch noch weiter weg wohnen) und dem "Umfeld" in einer Partnerschaft bezieht.
Da ist das Loslassen in einer Partnerschaft nicht nur wegen der Beziehung, sondern auch des Wegbruchs eines ggf. für mich angenehmen sozialen Umfelds schwierig. Denn das hat ja zB. auch die Konsequenz, dass ich mir überlegen muss, was bzw. wie ich Weihnachten verbringen möchte. Natürlich habe ich "Angebote", aber irgendwie fühle ich mich da wie das 3. Rad am Wagen und es ist eben nicht "mein Weihnachten". Alleine Weihnachten zu verbringen (ja, das habe ich auch schon ein paar Mal durch) ist auch nicht wirklich ein erstrebenswertes Ziel (auch wenn man es überlebt, keine Frage).
Möbius hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 20:38
Das ist auch das Körnchen Wahrheit, daß hinter den Ratschlägen steht, auf zu neuen Ufern zu gehen, statt hinter vergossener Milch herzuweinen. Man kann sich zB „in die Arbeit stürzen“, die ebenfalls eine starke Objektbesetzung darstellen kann. Trauerarbeit zur Ablösung der verlorenen Objektbesetzung und Schritte zu neuen Ufern schließen sich durchaus nicht aus.
finde ich für mich sehr schwer umzusetzen. Ich hänge einfach sehr lange in destruktiven Verhaltensweisen.
Ich habe vorgestern mit jemandem zum Thema "loslassen" gesprochen und fand seine Definition etwas tröstlich, weil er meinte "loslassen" heisst, man lässt den Partner... in Ruhe... in Frieden....
das finde ich ganz marginal tröstend, weil es nicht so was "endgültiges" hat (wir sprechen, hören... uns nie wieder).
Möbius hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 20:38
Ich selbst führe einen beträchtlichen Teil meiner sehr starken Libido durch Fahrradfahren (Muskeltätigkeit, schnelle Bewegung) und durch Temperaturreize ab, gerade in diesen Tagen: ich bin „Winterbader“ nach Kneipp und diese „Kälteanwendungen“ haben für mich die Wertigkeit von 2-3 Orgasmen. Freilich: diese Möglichkeit setzt die Abhärtung voraus, die heutezutage nur wenige erreichen. Der Weg dorthin ist sehr leidvoll. Ich habe ihn wegen einer (psychosomatischen) Hautkrankheit vor 10 Jahren durchgehalten, bin heute sehr froh über die „psychodynamischen“ Nebenwirkungen. Aber das geht auch softer, zB in der Sauna.
ich gehe aktuell 3x die Woche ins Fitness und 1x Woche zum Squardance. Beides tut mir gut (mit einem Orgasmus würde ich es jedoch nicht vergleichen wollen :lol: ). Ich glaube das liegt daran, dass Sport Stress (Cortisol) abbaut und "Glückshormone" produziert. Ich meine ich hätte mal so etwas gehört/gelesen. Würde auch für mich Sinn machen.Nur die Nachhaltigkeit ist bei mir das Problem.
Ich versuche sehr aktiv zu sein, mache wie gesagt viel Sport, gehe Arbeiten, aktuell bin ich auch noch wegen St. Martin viel unterwegs. Und doch ist es dann für mich sehr schlimm abends alleine nach Hause zu fahren und dann auf der Couch zu sitzen. Mir die Frage zu stellen, ob es den Partner/die Partnerin überhaupt gibt, der passt und mit dem ich (und sie) möglichst bis ans Lebensende zusammen sein möchte.
Das zieht mich (natürlich) sehr runter. Insbesondere wenn ich mir dann "alte Schriftwechsel" meiner Ex, Fotos oder sonstwas reinziehe...ja, dann geht es bei mir massiv in eine Abwärtsspirale. Kognititv weiss ich, was ich tun kann oder besser bleiben lassen würde. Aber das Herz ist aktuell stärker als der Kopf... blöd...
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Beitrag Mi., 13.11.2019, 09:52

Möbius hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 20:38
Die wirksamste Libidoabfuhr: die schiere Sexualität, die mir als biologischem Mann in der „schwulen Szene“ offensteht, ist leider für Lesben kaum erreichbar, weil es lesbische Promiskuität „aus der der Natur der Sache“ nicht gibt. Allenfalls die Autoerotik stünde insofern offen, aber das ist auch „Typfrage“ und ich möchte auch nicht „zu nahe treten“.
Mir ist Sex zwar auch wichtig, aber aktuell nicht das was mir fehlt (das kann ich mir im Zweifel auch selbst geben, bzw. mir bei Bedarf jemanden suchen (wobei ich das noch nicht gemacht habe). Mir fehlen Vertrauen, Nähe, Kuscheln, jemanden an meiner Seite zu wissen, geliebt zu werden und klar im RAhmen dessen, auch Sexualität.
Aber wenn Du mich jetzt fragst, ob ich lieber Nähe oder Sex will, würde ich Nähe wählen.

VG
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Fairness
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Beitrag Mi., 13.11.2019, 15:33

Tröte hat geschrieben:
Mo., 11.11.2019, 12:51
Das habe ich gemacht. Die Frage nach dem "Warum" und der Schmerz bleibt trotzdem.
Liebe Tröte, die Frage "Warum" etwas so war oder sein musste, kenne ich. Und ich kenne das auch so, dass in mir eine Sammlung an Antworten war, einige davon waren besser erträglich als andere und die gesamte Antwort ist manchmal schwer zu erfahren, manchmal verstehen beide Seiten nicht so recht, was da nicht klappt.

Ich wusste, dass es gut ist, dass ich loslasse, als es für mich möglich wurde, die schlimmste vorstellbare Möglichkeit zu akzeptieren, indem ich das meine von dem des Anderen getrennt habe. Es ist ganz interessant, weil seitdem kann ich in mir haargenau nachspüren, wann meine Schwäche in der Beziehung zum Anderen "anspringt", es ist nicht mehr so unbewusst triebhaft und es ist dann möglich, das Schöne zu genießen und dabei vorsichtig bleiben.

Vor allem lass diese Gefühle in dir zu, genauso wie sie kommen, damit du den Kontakt zu dir nicht verlierst. Es wird mit der Zeit besser, auch wenn es sich am Anfang heftig anfühlt. Kummer ist so alt wie der Mensch, viele Menschen gehen da durch und lernen daraus. Ich wünsche dir eine gute Sitzung in der Therapie.
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre das die Offenheit... gerade, wenn es bekannt zu sein scheint.

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Beitrag Fr., 15.11.2019, 09:51

Liebe Fairness,
vielen Dank für Deine Antwort.
Fairness hat geschrieben:
Mi., 13.11.2019, 15:33
... dass in mir eine Sammlung an Antworten war, einige davon waren besser erträglich als andere und die gesamte Antwort ist manchmal schwer zu erfahren, manchmal verstehen beide Seiten nicht so recht, was da nicht klappt.
So geht es mir auch. Die schlimmste Antwort für mich ist "ich liebe Dich nicht (mehr)".
Gefühlt kann ich schlechter loslassen als andere und ich habe in den letzten Tagen viel Zeit investiert zu schauen, was meine Anteile an der Trennung waren und eben auch, warum ich (ist ja rein subjektiv, aber mein Eindruck) sehr viel mehr leider und schwerer loslassen kann, als andere.
Ich glaube, nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Verlustängstler bin. Je mehr angst ich fühle, desto mehr investiere ich. DAs ist bei Menschen, die eher Bindungsängstler sind zuviel, zu eng, zu nah und zu anstrengend. Dann gehen die weg und das schürt wieder meine Angst. Also eine sehr negative Dynamik. Aber anstatt auf die Bremse zu treten, damit der Verlust nicht eintritt, gebe ich "noch mehr" bis der Verlust eintritt, bzw. es gar nicht mehr geht. :-((
Fairness hat geschrieben:
Mi., 13.11.2019, 15:33
Ich wusste, dass es gut ist, dass ich loslasse, als es für mich möglich wurde, die schlimmste vorstellbare Möglichkeit zu akzeptieren, indem ich das meine von dem des Anderen getrennt habe. Es ist ganz interessant, weil seitdem kann ich in mir haargenau nachspüren, wann meine Schwäche in der Beziehung zum Anderen "anspringt", es ist nicht mehr so unbewusst triebhaft und es ist dann möglich, das Schöne zu genießen und dabei vorsichtig bleiben.
Ich glaube, dass das auch eine sehr gute Strategie ist. Die Frage nach dem wie bleibt, sprich, wie hast Du gelernt es wirklich differenziert zu betrachten? Und dann auch bei Dir zu bleiben? Ich bin oft so aktionistisch und mache was "um was zu machen"....
Fairness hat geschrieben:
Mi., 13.11.2019, 15:33
Vor allem lass diese Gefühle in dir zu, genauso wie sie kommen, damit du den Kontakt zu dir nicht verlierst. Es wird mit der Zeit besser, auch wenn es sich am Anfang heftig anfühlt. Kummer ist so alt wie der Mensch, viele Menschen gehen da durch und lernen daraus. Ich wünsche dir eine gute Sitzung in der Therapie.
Das mache ich auf jeden Fall, ich trauer und weine, ich nehme mir die Zeit für mich, auch wenn es sich sch... und einsam einfühlt. Zeitgleich versuche ich meine Struktur und mein Ablauf so gut es geht beizubehalten. Das klappt nicht perfekt und nicht immer, aber im Großen und Ganzen schon.

VG
Tröte
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Fairness
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Beitrag Fr., 15.11.2019, 12:00

Liebe Tröte,
Tröte hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 09:51
So geht es mir auch. Die schlimmste Antwort für mich ist "ich liebe Dich nicht (mehr)".
Das Traurige für mich war das Verständnis, dass ein paar Menschen, welche glaubten mich zu kennen, kannten mich nicht. Sie liebten ihre Vorstellung von mir, das Bild, welches sie in sich getragen haben, schon bevor sie mir begegnet sind. Mich haben sie nicht erkannt, auch wenn ich offen kommuniziert hab und es ist nicht nur one way Street, ich war oder bin ähnlich, mehr oder weniger. Im besten Fall liebten sie Teile von mir, welche sie erkannt haben, aber mehr in die Tiefe haben wir das zusammen nicht geschafft. Bei unterschiedlichen Beziehungen mögen die Gründe unterschiedlich sein.

Das Verständnis, hier gibt es die Möglichkeit noch etwas zu (mit)gestalten, aber dort nicht mehr, weil dort vielleicht ein hartnäckiger Abwehr welcher Art auch immer herrscht, dann das Zuhören dem Gegenüber und die Selbstreflektion, und das Spüren und Wissen darüber ob ich erkannt wurde (wer bin ich, welche Stärken und Schwächen hab ich, wofür stehe ich), sind das, was mir hilft, bei mir zu bleiben, denn das ist etwas, was ich für mich meistens einschätzen kann und was ich von mir aus kommunizieren kann. Und wenn es nicht mehr weitergeht, nehme ich die verletzten Gefühle an (falls es aufgrund gewisser Nähe zu solchen kommt)..

Was mir gegen den Schmerz geholfen hat, war neue Menschen in mein Leben reinzulassen, neue Beziehungen einzugehen und zu erkennen... Auch wenn das nicht der eine konkrete vermisste Mensch ist, gibt es viele, mit welchen andere schöne Beziehungen eingegangen werden können und in welchen wir uns gegenseitig viel Freude bereiten können. Und ich frage mich im Vergleich zu früher oft... Wie viel fantasiere ich, oder sehe ich das vernünftig, was sind die Umstände? Und dann bin ich weniger enttäuscht oder gestresst - weil die Antworten mich in der Realität ankern.
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre das die Offenheit... gerade, wenn es bekannt zu sein scheint.

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Beitrag Fr., 15.11.2019, 13:58

Fairness hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 12:00
, welche sie erkannt haben, aber mehr in die Tiefe haben wir das zusammen nicht geschafft. Bei unterschiedlichen Beziehungen mögen die Gründe unterschiedlich sein.
Finde ich in der heutigen Zeit auch wirklich schwer zu finden. Die Mentalität ist doch eher "ist anstrengend? Neuer Partner", anstatt den anderen kennenzulernen mit allen Vorzügen und Macken, aber dazu gehört eben auch ein gewisses Maß an Tiefgang.
Fairness hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 12:00
Das Verständnis, hier gibt es die Möglichkeit noch etwas zu (mit)gestalten, aber dort nicht mehr, weil dort vielleicht ein hartnäckiger Abwehr welcher Art auch immer herrscht, dann das Zuhören dem Gegenüber und die Selbstreflektion, und das Spüren und Wissen darüber ob ich erkannt wurde (wer bin ich, welche Stärken und Schwächen hab ich, wofür stehe ich), sind das, was mir hilft, bei mir zu bleiben, denn das ist etwas, was ich für mich meistens einschätzen kann und was ich von mir aus kommunizieren kann. Und wenn es nicht mehr weitergeht, nehme ich die verletzten Gefühle an (falls es aufgrund gewisser Nähe zu solchen kommt)..
Das fällt mir so unglaublich schwer, insbesondere Dein letzter Satz: die verletzten Gefühle anzunehmen.
Fairness hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 12:00
Was mir gegen den Schmerz geholfen hat, war neue Menschen in mein Leben reinzulassen, neue Beziehungen einzugehen und zu erkennen... Auch wenn das nicht der eine konkrete vermisste Mensch ist, gibt es viele, mit welchen andere schöne Beziehungen eingegangen werden können und in welchen wir uns gegenseitig viel Freude bereiten können. Und ich frage mich im Vergleich zu früher oft... Wie viel fantasiere ich, oder sehe ich das vernünftig, was sind die Umstände? Und dann bin ich weniger enttäuscht oder gestresst - weil die Antworten mich in der Realität ankern.
Kannst Du diese Beziehung dann auch mit der gleichen Liebe und "Tiefe" eingehen?
Wenn ich noch im Liebeskummer bin, brauche ich erst eine Zeit alles zu verarbeiten, um den Kopf (und das Herz) frei zu bekommen, überhaupt jemand anderen in mein Herz zu lassen.
Natürlich gibt es Situationen (ist mir dieses Jahr passiert), wo das eine noch nicht so ganz verarbeitet ist, baer ich schon frei war, mich auf was anderes (sexuelles) einzulassen.
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Fairness
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Beitrag Fr., 15.11.2019, 14:15

Tröte hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 13:58
Kannst Du diese Beziehung dann auch mit der gleichen Liebe und "Tiefe" eingehen?
Ich fasse die Beziehungen etwas allgemeiner, meine nicht nur Liebesbeziehungen... denn es ging mir jetzt mehr um die Verarbeitung des Verlusts, welcher noch Fragen offen lässt und solches Trauern, welches aus verschiedenen Situationen entstehen kann.

Tröte hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 13:58
Wenn ich noch im Liebeskummer bin, brauche ich erst eine Zeit alles zu verarbeiten, um den Kopf (und das Herz) frei zu bekommen, überhaupt jemand anderen in mein Herz zu lassen.
Das kann ich gut verstehen, wenn du mit deinem Herzen voll drin warst.. Die Gefühle brauchen ihre Zeit, das ist normal. Nur, vielleicht versuche, dich nicht gedanklich fertig zu machen. :neutral:

Tröte hat geschrieben:
Fr., 15.11.2019, 13:58
Das fällt mir so unglaublich schwer, insbesondere Dein letzter Satz: die verletzten Gefühle anzunehmen.
Ja, das fällt erstmal schwer, aber dann wird das zunehmend leichter und weniger enttäuschend. Nur Mut. :rose:
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre das die Offenheit... gerade, wenn es bekannt zu sein scheint.