Gefühl der Ablehnung und Konfliktmuster

Liebeskummer und Liebessorgen aller Art, sowie Eifersucht und Trennungen sind die zentralen Themen in diesem Forumsbereich (Beitrags-Haltedauer: 6 Monate).
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Theory
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Gefühl der Ablehnung und Konfliktmuster

Beitrag Sa., 02.01.2021, 11:09

Hallo zusammen,

Heute komme ich zum ersten Mal mit einem Anliegen zu euch, bei dem es um meinen Freund geht. Wir sind schon seit 5 Jahren zusammen und leben seit 3 Jahren in einer Wohnung. Ich habe keinen Kinderwunsch, und für ihn ist das in Ordnung.

Eigentlich war es bisher sehr harmonisch, und das ist es auch die meiste Zeit. Wir gehen beide unseren Hobbies nach, arbeiten beide Vollzeit (jetzt seit März aus dem Home Office wegen Covid19). Und grundsätzlich respektieren wir uns und unsere Eigenheiten.

Es ist auch eine sehr liebevolle Beziehung, und wir reden recht offen miteinander, auch über unsere Gefühle. Ich muss dazu sagen, dass das eher von mir kommt, da ich eine Therapie und bereits viele Coaching Stunden hinter mir habe, und ich mich sehr gerne mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetze, generell viel lese und auch glaube, dass alles lösbar/heilbar ist.
Mein Freund hat daran kein Interesse. Er ist nicht so emotional wie ich, eher rational und für ihn muss es reichen, wenn er einmal sagt, was er denkt - dann sei alles dazu gesagt. Damit kommen wir auch schon zum Problem, denn hier sind wir sehr unterschiedlich:

Wo ich sehr emotional und gefühlstorientiert bin, und auch meine Auf- und Abs habe, da ist er eigentlich konstant „normal“ drauf, ohne besondere Ausschläge. Weder nach oben, noch nach unten. Ich glaube schon, dass er mich gern hat und liebt.

In letzter Zeit habe ich, warum auch immer, ein größeres Bedürfnis an Nähe. Im Sommer/Herbst haben wir uns aus meiner Sicht nicht so viel Zeit gegenseitig geschenkt, ich habe oft Abends Kurse gemacht, aber so richtig was zusammen gemacht haben wir eher selten. Aus seiner Perspektive „machen wir ständig was zusammen“ und „er tut eh was ich will“ ....

Nun habe ich in den letzten Tagen angesprochen, dass mir „was fehlt“. Mir fehlt grade, dass ich etwas mehr seine Zuneigung zu mir spüre. Wir haben kaum mehr miteinander geschlafen in letzter Zeit und meine Umarmungen „hole“ ich mir, indem ich ihn halt umarme, aber von ihm kommt das selten (kann mich nicht erinnern). Nach dem Essen geht er meist direkt in sein Zimmer, aber wenn ich ihn anspreche, sagt er, es sei alles in Ordnung.

Grundsätzlich will ich ihm das auch glauben, aber ich kämpfe damit, dass ich mich gerade nicht geliebt fühle.
Ich brauche gerade mehr Nähe, mehr Zärtlichkeit, mehr Gespräche und zwar von IHM aus. Ich will spüren, dass er mich liebt und gern Zeit mit mir vergbringt. Als ich ihn drauf angesprochen habe, meinte er direkt „ok, dann machen wir morgen X und Sonntag Y“. Aber das ist nicht das, was ich will.... er macht dann diese Vorschläge „um es abzuhaken“. Aber das kommt doch nicht von ihm...?

Dann ist er wieder in sein Zimmer abgehauen.

Schließlich wollte ich mit ihm reden und er meinte dann ruppig, dass ich ihn damit „nerve“ und ich ihm „seine Tage versaue“. Das war für mich natürlich die maximale Ablehnung. Folglich habe ich ihn beschimpft und in einem kurzen, heftigen Wutanfall ein Glas auf dem Boden aufgehauen. :cry: Ich konnte mich dann schnell beruhigen und schlafen, aber ich hätte ich am liebsten direkt getrennt, habe auch sowas gesagt, dass ich mich trennen will. Ich hatte das in keiner Beziehung und vor unsererm Zusammenleben ist mir das nie passiert - ich bin eigentlich niemand, der Dinge einfach so zerstört im Wutanfall. Seit letztem Jahr aber geht es mir immer öfter so...und immer ist es das gleiche Muster: wir streiten, er reagiert mit Ablehnung und zieht sich zurück/will nicht mit mir reden, ich komme schwer damit klar „ausgesperrt“ zu werden und falls er dann auch noch verletztende Dinge sagt, platzt bei mir alles und ich haue ein Glas kaputt. Langsam gehen mir die schönen Kristallgläser aus ::?

Wie klingt das für euch?

Was passiert hier eigentlich?

Ich verstehe mich selbst nicht, warum ich auf einmal so Wutanfälle bekomme (dauert nur kurz, ist aber heftig und eine Reaktion in den ersten 10 Sekunden nachdem er was verletztendes sagt).

Ich bin auch nicht sicher, ob es einfach „mein Thema“ ist, dass ich mich abgelehnt fühle, oder ob ich meine Bedürfnisse äußern „darf“?

Ich bin so gespannt auf eure Sicht der Dinge...

Vielen Dank und ein gutes Neues Jahr

Theory


hey_jude
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Beitrag Sa., 02.01.2021, 14:12

Habe genau das gleiche schon von zwei Bekannten gehört. Verschiedenes Nähe-Distanz-Bedürfnis. Die einen haben sich, nach ein paar Versuchen es zu verändern, getrennt (finde ich vernünftig) , die andere Bekannte hat ihren Freund genau wegen dieses Nähe-Distanz-Problems zu einer Paartherapie überredet. Ihr Freund tut mir leid.

Wenn du seine Aufmerksamkeit möchtest, müsstest du wohl irgendetwas machen, was attraktiv für ihn ist und diese latente Forderungshaltung zurückschrauben.

Ich finde äußern darf man alles. Und ich kann auch nicht beurteilen, ob das eher dein Thema ist, tendiere aber in die Richtung.
Du fühlst ein Loch in dir und dein Freud soll das jetzt füllen, find ich nicht ok.
Wäre natürlich schön wenn er das von allein bemerken würde und darauf reagiert, aber so ein Typ ist er dann scheinbar nicht (du kennst ihn ja) oder er hat mit sich selbst zu tun...

Ich bin übrigens Single und möchte derzeit auf keinen Fall eine Beziehung, deswegen ist meine Meinung vllt nicht ganz so ausschlaggebend. Ich hätte auf so etwas keine Lust und Nerven, für mich ist es in einer Beziehung wichtig, das man ein ähnliches Nähe-Distanz Bedürfnis hat. Das gibt sonst Frust oder Unterdrückung (sich verbiegen müssen) auf einer Seite, es sei denn man findet eine Lösung, natürlich. Für eine mögliche Lösung dürfen die Bedürfnisse aber vermutlich nicht allzu weit auseianderliegen.
Mir kam das bekannt vor, was du da schilderst (von den Bekannten und auch aus einer meiner Beziehungen), mich regt das irgendwie auf, dieses Lechzen nach mehr Nähe (kenne das von meinem Ex, allerdings ohne Gesprächsversuch, er war dann einfach eingeschnappt, wenn ich nicht funktioniert habe, seine Bedürfnisse nicht erahnt und versorgt habe- da war es dann umgekehrt) Ich bin da mglw befangen, bei dir ist es vllt anders...wenn sich das Bedürfnis verändert, verändert sich die Beziehung. Ich würde niemanden zu mehr Nähe überreden wollen, wenn Gespräche nicht helfen (nicht endlos oft und viel), arrangiere ich mich entweder oder es geht nicht mehr. Ist nicht so einfach und sagt sich jetzt so locker. Jedenfalls, bleibt es so, wird eine/r leiden...oder es ist sowieso nur eine Phase und ihr findet ohne viel "Gequatsche", ganz automatisch wieder näher zueinander...(ohne drauf rumzureiten, zu problematisieren und es damit immer größer werden lassen)

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Beitrag Sa., 02.01.2021, 16:39

Danke für deine Gedanken zum Thema.

Ich glaube schon, dass wir ein ähnliches Nähe Distanz Bedürfnis bisher hatten.

Aber es kann sein, dass es sich bei mir Grad verändert oder verändert hat. ... Vielleicht vermisse ich dieses Jahr auch einfach nur meine Freunde und Familie, und nun “muss er das Loch stopfen”...

Sonst bin eigentlich ICH diejenige, die lieber alleine was machen will und fast genervt ist, weil er so ein Stubenhocker ist....

Bestimmt erwarte ich grad einfach nur zu viel von ihm. Immerhin muss er grad Partner, Freund, und Familie sein.... vielleicht etwas viel verlangt.


Ich sollte echt mehr raus gehen, aber ich habe in der Stadt eigentlich niemanden, bin zum Arbeiten hier hin gezogen, meine Familie wohne eine Tagesreise entfernt....

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Airo
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Beitrag Di., 05.01.2021, 22:09

Für einen Konflikt braucht es zwei, deshalb ist es das Problem von euch beiden, bzw. des Aueinandertreffens der jeweiligen Thematiken.

Kann es sein, dass dein Freund eher schluckt statt sich Raum zu nehmen?
Ja, solange du einforderst drängst du ihn glaub in eine Ecke und verschlimmerst dadurch das Problem.
Es ist ja nicht so, dass er einfach per se für deine Bedürfnisse zuständig ist.
Aber klar, das ist bestimmt schwierig für dich, wenn du mehr Nähe möchtest.

Ich hoffe, ihr findet einen Mittelweg.

Lieben Gruss

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Mie
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Beitrag Mi., 06.01.2021, 19:23

Hi TE

Ich finde es komisch dass du ein Gespräch zu erzwingen versuchst und dann so reagierst wenn du auf Granit beisst.

Ich weiss auch nicht was dein Freund hat aber scheinbar findet er deine Herangehensweise nicht so hilfreich wie du das siehst.

Und anschliessend wie ein trotziges Kind das Glas auf den Boden hauen also spätestens da wäre bei mir Ende. Da hätt ich dich rausgeworfen und gesagt wenn du dich wieder wie eine erwachsene Person benehmen kannst, kannst du zurückkommen.
Wenn du wegen sowas die Beziehung schmeissen willst gut das ist deine Entscheidung. Aber das Wort Konfliktlösungsfähigkeit oder Bereitschaft dazu würde ich dann nicht mehr in den Mund nehmen.

Der Einzige in dieser Runde der hier überhaupt nicht zu beneiden ist ist dein Freund.

Denn der schluckt zurzeit alles runter was nur geht.

Schönen Tag noch

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Malia
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Beitrag Do., 07.01.2021, 12:46

Mein spontaner Gedanke zum Problem:
Hast du mal ausprobiert, was passiert, wenn du dich rar machst, Distanz hältst und ihn wirklich den ersten Schritt machen lässt?
Moralisten sind Menschen, die sich dort kratzen, wo es andere juckt.
Samuel Beckett

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Federchen
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Beitrag So., 10.01.2021, 21:40

Oh, das Thema finde ich auch ganz schwierig. Ich werde in solchen Situationen zwar nicht wütend und schmeiße Gläser runter, aber bis zu genau der Stelle kann ich quasi alles, was du geschrieben hast, sehr gut nachfühlen.

Bisher war es fast in jeder Beziehung so, dass ich früher oder später auch an diesen Punkt gekommen bin, an dem ich das Gefühl hatte, der andere will nicht so viel/liebt nicht so viel/hat wenig Lust auf gemeinsame Zeit etc. In meiner letzten Beziehung war es ganz schlimm, aber da war das Nähe-/Distanzbedürfnis von uns beiden auch komplett unterschiedlich und letztendlich blieb und nichts anderes übrig als uns zu trennen.

Und jetzt merke ich, dass es wirklich nicht (nur) am Gegenüber liegt, sondern einfach daran, dass ich jede kleinste „Distanzierung“ als Ablehnung sehe und starke Verlustängste habe.

Und so sehr ich auch versuche, diese Gefühle zu erklären, es kommt gefühlt beim Gegenüber einfach nicht an. Führte teilweise auch zu solchen „jetzt hast du mir den Tag versaut“-Aussagen und Ruppigkeit. Langsam fange ich aber an zu verstehen, dass das teilweise gar nicht ankommen muss, weil das etwas ist, mit dem ich selbst klarkommen muss. Das Gefühl aushalten vllt.?

Ruppigkeit als Antwort ist ja auch oft einfach etwas, das aufkommt, wenn man schon versucht hat, den anderen „zufrieden zu stellen“. Wie bei deinem Freund, der dann vorschlägt, Samstag dies und Sonntag jenes zu unternehmen. Und statt „froh“ über den Vorschlag zu sein, bist du traurig, dass er eben nicht von alleine darauf gekommen ist bzw. nicht dasselbe Bedürfnis hat. Das sagst du ihm natürlich irgendwann und er ist frustriert.

Versteh mich nicht falsch, ich kann das, glaube ich, sehr gut nachvollziehen und habe da die gleichen Gedanken wie du. Aber nachdem sich das nun bei den verschiedensten Personen wiederholt, glaube ich wirklich, dass da irgendein Problem in mir liegt. Gerade treffe ich jemanden ganz frisch (drei Monate) und diese Gedanken fangen teilweise schon wieder an, obwohl ich keinen Mann kenne, der so viel Nähe braucht wie er. Ich versuche mich gerade am „mitteilen“ (aber nur: ich brauche viel „Aufmerksamkeit“ und „Nähe“ und habe schnell das Gefühl, abgelehnt zu werden) und aushalten.

Und deine Wut kommt vllt. auch daher, dass du wütend darüber bist, dass er dich nicht versteht? Ich neige in solchen Situationen, in denen ich dem Gegenüber meine Gefühle scheinbar nicht näherbringen kann, zur Selbstverletzung. Ich schreibe hier „scheinbar“, weil ich nicht glaube, dass es tatsächlich so ist. Aber nur, weil jemand nicht direkt sein „Verhalten“ meinem Wunsch entsprechend ändert, heißt das nicht, dass er es nicht verstanden hat oder ich ihm nicht wichtig bin. Andererseits.. wenn die Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen zu groß ist, wird es eben schwierig.

Vllt geht das für dich aber in eine komplett falsche Richtung.