Erwachsene Kinder alkoholkranker Eltern

In diesem Forumsbereich können Sie sich über Schwierigkeiten austauschen, die Sie als Angehörige(r) oder Freund(in) von psychisch Erkrankten bzw. leidenden Personen konfrontiert sind.
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Lalala
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Re: Erwachsene Kinder alkoholkranker Eltern

Beitrag Sa., 08.12.2012, 13:02

achso, was ich noch ergänzen möchte: Ich meine auch viele psychische Probleme durch die Alkoholsucht meiner Eltern entwickelt zu haben. Ich habe eine Angststörung, bin sehr introvertiert, kann schwer Bindungen eingehen (Beziehungen), habe ein Helfer-Syndrom usw. Die ganzen Verhaltensweisen der anderen, die hier schreiben, kenne ich alle zu gut. LG
Leben wird nicht weniger vergänglich, wenn wir uns nicht auf es einlassen, es wird bloß weniger intensiv.

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silent_seb
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Beitrag Sa., 16.09.2017, 07:47

Guten Morgen, @all.

Aufgrund mancher Gegebenheiten bin ich einmal mehr auf der Suche nach mir selbst.

Mich hat dieser Thread sehr angesprochen.

Was ich an mir selber erschreckend finde, ist, wie sehr ich selbst dazu neige, mir meine Wahrnehmung zurecht zu rücken, totale Realitätsverzerrung, obwohl ich Al-Anon und EKA seit Jahren kenne, und 2x mehrmonatige BKH-Aufenthalte hatte.

Dieses eigene Strampeln, Kämpfen hat aber niemals aufgehört. Von mir selber "Perfektion im Sofort / sofortige Er-Lösung" zu verlangen, statt "Fortschritt im Hier und Jetzt" zu erreichen, that's my biggest topic.

Ich bin sehr kopf-gesteuert, und ja, diese meinige Geisteskrankheit (Familienkrankheit Alkoholismus soll 3teilige Krankheit sein --> Körper, Geist und Seele) lässt mich immer wieder verrennen.

In "Mad Max - Fury Road" wurde eine gute Aussage getätigt. "It was hard to know who was more crazy .... me or everyone else." Momentan sage ich, it's defintly me, who is more crazy.

Ein Zitat von Mark Twain lautet, dass die Zeit alle Wunden heile, aber eine schlechte Kosmetikerin wäre. Und heute mit den Konsequenzen ("Narben", ein Suizid des Vaters aufgrund eines alkoholischen Entzuges hinterlässt wohl Narben, oder nicht? ::? ) der Vergangenheit insofern lernen, umzugehen, that's unused, ist ungewohnt. Mein Mißtrauen gegen vieles / viele, von mir selbst immer wieder das perfekt-ideale Bild im Sofort zu verlangen, mich wegen Harmonie ständig versuche wie ein Chamäleon anzupassen und dadurch immer wieder zu verlieren, ...

Eine Frage an denjenigen, die sich angesprochen fühlen. Wie geht es heute bei Dir? Was sind bei Euch sogenannte Resilizienzfaktoren, um sich selber zu behalten?

Ich bedanke mich im Voraus für's Lesen, und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Seba.
What is the plan of being alive?

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Conny11
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Beitrag Fr., 11.06.2021, 08:55

Hallo,

Habe letzte Nacht diesen Thread entdeckt, der mich ziemlich umgehauen hat. Auch wenn hier schon länger niemand mehr geschrieben hat, würde ich gerne meine Geschichte hier lassen.

Mein Vater war Alkoholiker. Ich kann mich in so vielem, was hier bereits erzählt wurde, wiederfinden. Ich habe z.B. ebenfalls ein Problem damit, Besuch zu empfangen. Wenn sich Besuch ankündigt, kriege ich einen regelrechten Putz- und Aufräumwahn, auch wenn meine Wohnung an sich ohnehin meistens herzeigbar ist. Auch wenn alles noch so blitzblank ist, habe ich immer noch das Gefühl, ich hab zu wenig getan. Es wird einfach nie gut genug, um es ruhigen Gewissens herzeigen zu können. Und das gilt auch für mich als Person. Ich habe wirklich oft das Gefühl, nicht gut genug, nicht ‚normal‘ genug für andere zu sein.

Auch habe ich ein Problem damit, Nähe zuzulassen. Ich habe eine gute Freundin, die ich alle heiligen Zeiten mal sehe. Ansonsten halte ich die Leute möglichst auf Abstand. Ich komme zwar mit den meisten gut klar, aber mehr auch nicht. Mein Mann ist zum Glück eine Ausnahme. Als wir uns kennenlernten, erfüllte er wohl alle Kriterien, die es brauchte, um den Panzer zu durchstoßen. Das klappt jetzt immerhin schon seit 13 Jahren.

Als Kind belastete mich am meisten die Unberechenbarkeit meines Vaters. Das bange Warten… Je länger es dauerte, bis er nach Arbeitsschluss auftauchte, umso größer die Gefahr, dass er betrunken war. Und wenn es dann soweit war, habe ich innerlich gefleht, dass meine Mutter nicht mit ihm streitet. Da ging es dann leider oft sehr laut zu. Doch in der kleinen Wohnung, in der wir wohnten, hatte ich ohnehin keine Möglichkeit, es NICHT mitzukriegen. Je nachdem, wie heftig der Streit ausfiel, ist er dann entweder wieder verschwunden oder hat sich auf die Wohnzimmer-Couch gelegt. Bis zum nächsten Morgen war jedenfalls keine Entwarnung angesagt. Da konnte jederzeit wieder alles eskalieren.
Ich muss dazu sagen, dass mein Vater nicht gewalttätig war. Zumindest habe ich das nicht so wahrgenommen. Bedrohlich empfand ich nur diese Unberechenbarkeit. Er hat in seiner Wut z.B. einmal so heftig den Fernseher geschüttelt, dass er beinahe zu Boden stürzte.

An einem meiner Geburtstage sind meine Eltern mit mir shoppen gegangen. Mein Vater hatte vorher etwas getrunken, meine Mutter versuchte, es zu ignorieren. Doch mitten in der Stadt vor zig Leuten eskalierte er dann wieder, beschimpfte meine Mutter wüst und war kurz davor, sie anzugreifen. Er hat sich dann wütend davon gemacht, nachdem er mich kurz davon überzeugen wollte, mit ihm zu kommen. Ich bin bei meiner Mutter geblieben, aber der Tag war natürlich gelaufen.

Einmal wurde er von der Polizei blutüberströmt nach Hause gebracht, nachdem er betrunken mit dem Fahrrad gefahren und gestürzt ist. Er hat sich ein anderes Mal einen Tag vor dem Sommerurlaub (wir wollten ins Ausland zum campen) so betrunken, dass ihm der Führerschein abgenommen wurde. Da meine Mutter damals noch keinen Führerschein hatte, war der Urlaub natürlich abgesagt. Ich weiß noch, dass ich mich damals übergebe habe, als ich das erfahren habe.

Mein Vater lebt nicht mehr. Ich war 11 oder 12, als er gerade wieder einmal versucht hatte, vom Alkohol wegzukommen. Wir hatten da teilweise eine schöne Zeit zusammen. (Ich habe auch aus früherer Kindheit positive Erinnerungen an ihn – er liebte es, mit mir in den Wald zu gehen. Brachte mir vieles bei, was Pflanzen und Tiere betrifft. Er hatte auch teilweise Interessen, die ich heute mit ihm teile.) Nur leider ist er, als ich 12 war, an Krebs erkrankt und innerhalb eines Jahres gestorben.

Ich habe meinem Vater schon lange verziehen, weil ich den Grund für seine Flucht aus der Realität kenne. Er war als junger Mann an einem Arbeitsunfall beteiligt, der zum Tod eines Arbeitskollegen geführt hat. Sein Handeln verursachte den Tod eines Menschen, auch wenn das Urteil des Gerichts ‚nicht schuldig‘ lautete. Er kam damit sein Leben lang nicht klar, und ich denke, das würde ich an seiner Stelle auch nicht.

Der Rucksack, den ich jetzt als Erwachsene mit mir herumtrage, war mir eigentlich gar nicht so bewusst. Ich wusste schon, dass es etwas mit mir gemacht haben muss, aber welche Verhaltensmuster, Ängste, etc. aus welchem Grund existieren, dass ist für mich relativ neu. Ich habe mir heute das Buch „Um die Kindheit betrogen“ von Janet G. Woititz bestellt und hoffe auf viele Aha-Erlebnisse.

Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Thread weiterbesteht und noch viele andere ihre Geschichte erzählen.

Alles Liebe! :)
Conny