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Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Fr., 25.10.2013, 18:30
von Corumbra Myosotis
Bin gerade über folgenden Artikel gestolpert ...
Klick
Will von meiner Seite gar nicht groß darüber diskutieren, weil mir bei dem Gejammer, Viktimisierung und Sätzen wie "Psychiater neigen dazu, den Fehler bei sich zu suchen [...]." (meiner Meinung und Erfahrung nach völlig fernab der Realität ...) die Galle hochkommt, aber ich kann mir vorstellen, daß er für einige hier durchaus interessant sein kann.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 14:33
von R.L.Fellner
Hallo Corumbra,
das tut mir leid, dass Sie bislang offenbar einen sehr negativen Eindruck von Fachärzten gewonnen haben.
Ihre verallgemeinernde, im Beitrag mitschwindende Unterstellung allerdings finde ich sehr gewagt, um nicht zu sagen, anmaßend. Woher möchten, ja können Sie denn wissen, was im Kopf eines Arztes vorgeht, der einen Patienten verloren hat?
Im Gegensatz zu Ihnen finde ich es sogar bemerkenswert, dass hier jemand kurzzeitig den Nimbus des "über menschlichen Problemen stehenden Helfers" verlassen und ein Bild darüber vermittelt hat, mit welchen psychischen Belastungen und inneren Konflikten in psychosozialen und ärztlichen Berufe Tätige mitunter ausgesetzt sind.
Freundliche Grüße,
R.L.Fellner
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 14:48
von Sunny75
Ziemlich selbstmitleidig, der gute Mann - und nur darauf bedacht, die eigene Haut zu retten
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 14:56
von Corumbra Myosotis
Sehr geehrter Herr Fellner,
ich wollte keinesfalls pauschalisieren. Falls das so angekommen ist, entschuldige ich mich.
Es mag durchaus sein, daß der Schreiber eine löbliche Ausnahme ist, aber sicher nicht die Regel. Und eben das - in meinen Augen - Pauschalisieren seinerseits (Man hätte Angst davor dieses Beruf zu ergreifen, wegen der ganzen Anzeigen, Psychiater - er sprach nicht in der ersten Person - würde sich ja auchsoviele Gedanken machen über ihre Fehlerhaftigkeit, etc. ... ) ist eben das, was mir aufstößt.
Das sollte keine Hetze gegen Psychiater und Psychiatrien sein. Glauben Sie mir, dafür hätte ganz andere Worte gegeben.
Und ich maße mir auch nicht an, daß ich wüsste, was in Kopf eines anderen Menschen vorgeht (egal ob Psychiater oder Bäcker ...) und kann bei aller Mühe auch keine Stelle finden, an der sich diese "Anmaßung" meinerseits belegen ließe.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 19:09
von Carla1
Oh, wie grauenhaft! Konnte den Artikel kaum zu Ende lesen
Meiner Meinung nach hätte der gute Mann besser einen anderen Beruf wählen sollen. Er scheint den Anforderungen ja nicht wirklich gewachsen zu sein. Die armen Patienten!
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 21:02
von hope_81
Ich persönlich finde den Artikel sehr, sehr gut.
Frage mich, warum er so negativ aufstößt?
Einerseits fragen sich die Patienten, ob sie ihren Theras wichtig sind und dann können sie es nicht ertragen,
dass es so ist.
Verstehe ich nicht.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 21:47
von Christie
Hallo,
in mir löst der Artikel auch kein gutes Gefühl aus. Ich habe selbst meinen besten Freund durch Suizid verloren, und sein Therapeut hat auf Wunsch der Eltern an der Beerdigung eine (ziemlich lange) Rede gehalten. Ich weiss nicht genau, was die Eltern sich davon erhofften, aber für mich und unsere gemeinsamen Freunde war das ganz schrecklich. Alle sind verzweifelt, es gibt echte und hilflose Worte von Familie, Freunden, Kollegen, und dann mittendrin dieser Typ, der auf eine irgendwie diffus besserwisserische Art auch noch seinen Senf dazu geben muss. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich auch nicht weiss, WAS genau er hätte sagen sollen, was irgendwie erträglich gewesen wäre. Im Grunde ist es ihm ja anzurechnen, dass er sich überhaupt bereit erklärt hat, dem Wunsch der Eltern nachzukommen.
Trotzdem: für Angehörige und enge Freunde ist der Schmerz, den ein Therapeut im Vergleich zu ihnen nach einem Suizid vielleicht empfinden mag, halt geradezu lächerlich. Und seine Angst vor möglichen rechtlichen Konsequenzen oder negativer Presse, die der Autor hier als so bedrohlich herausstreicht, erst recht. Ich denke, dass das der Grund für manch ablehnende Reaktion ist.
Ich finde es prinzipiell sehr positiv, einen Bericht eines Therapeuten zum emotionalen Umgang mit seiner Arbeit und seinen Patienten zu lesen, aber Suizide - wo die anderen Betroffenen so unendlich viel mehr leiden - sind vielleicht nicht das glücklichste Beispiel, um öffentlich die angeblich zu geringe Wertschätzung des Berufsstands zu beklagen.
Beste Grüsse
Christie
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 21:55
von Hamna
Frage mich, warum er so negativ aufstößt?
Also, ich kann das bei solchen Aussagen:
Schwieriger ist es, wenn die Polizei einen Patienten unter Zwang einliefert. [...] Es gibt Patienten, die gegen diese Freiheitseinschränkung klagen. Und wenn geklagt wird, findet eine Gerichtsverhandlung statt. In der beurteilt ein Richter mithilfe von sachverständigen Ärzten die Diagnose und die Angemessenheit der Maßnahmen, welche der Psychiater getroffen hat. Nun ist es in einigen Fällen so, und man sollte dies nicht unbedingt bedauern, dass klagende Patienten in einer solchen Rekursverhandlung "freigesprochen" werden. Dies heißt dann, die vom Psychiater getroffene Maßnahme, mit der der Patient beschützt und behandelt werden soll, wird vom Gericht als überzogen und nicht notwendig beurteilt. [...] Helfen würde mir – und sicherlich allen Ärzten – aber eine größere Rechtssicherheit seitens der Justiz [...]
schon nachvollziehen. Ist das die eigentliche Motivation für den Artikel? Psychiatrie also doch bitte als rechtsfreier Raum?
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 22:13
von Corumbra Myosotis
Ich persönlich hab es auch noch nie erlebt, daß sich ein Richter nach dem Wunsch des Patienten und nicht nach der "Fachmeinung" richtet ... Aber vielleicht ist das in D (schon von Bundesland zu Bundesland) ja auch anders ...
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 22:17
von kaja
Ich sehe in diesem Artikel die Furcht vor dem Suizid eines Patienten. Allerdings nicht um des Patienten Willen, sondern aus Sorge vor Unannehmlichkeiten mit Angehörigen und juristischen Folgen. Immerhin ist der Verfasser ehrlich und das sollte man wohl begrüßen.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 22:23
von Fundevogel
Corumbra Myosotis hat geschrieben:Ich persönlich hab es auch noch nie erlebt, daß sich ein Richter nach dem Wunsch des Patienten und nicht nach der "Fachmeinung" richtet
Ich schon ... bin aber nicht aus D. Und es ging auch nicht um Depression, sondern um Schizophrenie. Zwangseingewiesener Patient (wegen Fremdaggression, nicht Autoaggression) hat geklagt und wurde entlassen.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 22:31
von Corumbra Myosotis
Ja, okay, Du hast Recht, Fundevogel. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich ging bei meinem Gedanken von Ersturteilen aus. Bei Widerspruch wird dann doch gerne entlassen, weil das einen zu großen Aufwand bedeutet ...
War bei mir jedenfalls so, aber bis dahin dauert es erstmal eine Weile und das kann eine Menge Zeit sein, um Schaden zu verursachen. Aber das ist eine andere Geschichte ...
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 22:37
von Holunder
Dann muss ich darauf achten, dass kein "Fehler" aus der Dokumentation herausgelesen werden kann, da ich mich ja nicht juristisch belasten kann und will.
Das stösst mir an dem Artikel auf! Wenn er sich wirklich hinterfragt, dann sollte er sich dem auch stellen!
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 23:24
von Fundevogel
@Corumbra: Das ging über den Patientenanwalt; also ob das ein "richtiges" langes Gerichtsverfahren war, weiß ich jetzt auch nicht. Wie auch immer: es ist immer furchtbar.
Finde ich ein sehr sensibles und wichtiges Thema:
Psychische Krankheiten, Selbstverantwortung, Fremdverantwortung.
Re: Schuld des Psychiaters bei Suizid?
Verfasst: Sa., 26.10.2013, 23:38
von Corumbra Myosotis
Ich weiß nicht, wie es sich in Österreich damit verhält, hier war es jedenfalls so, daß die Klinik den Antrag auf Zwangsunterbringung zurückziehen bzw. diese vor Ablauf abbrechen konnte und somit eine Verhandlung (und sicherlich jede Menge Papierkram) umgehen konnte.
Allerdings weiß ich auch nicht, ob das nicht eher ein reiner Sonderfall war, da man mir zugetragen hat, daß die Oberärztin wohl öfter mit dem Gericht zu tun hatte, weil ich wohl nicht die einzige Patientin war, der es da nicht allzu gut erging und sie schlicht keine Lust dazu hatte, sich mit noch einem Verfahren herumzuschlagen ...