Wenn Leben retten krank macht

Die Psyche spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung des körpereigenen Abwehrsystems: immer mehr Krankheiten werden heute als 'psychosomatisch' und damit ggf. psychotherapeutisch relevant betrachtet.
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Wenn Leben retten krank macht

Beitrag So., 30.12.2018, 00:33

Hallo liebe Community,

ich freue mich hier sein zu dürfen! Ich schreibe Euch heute hier um mich ggf. mit Gleichgesinnten auszutauschen, Hilfestellungen zu erhalten oder mit meinem Beitrag vielleicht auch anderen helfen zu können.

Zu meiner Geschichte, ich bin Mitte 30 stehe voll im Leben, bin verheiratet, bin Vater eines Kindes und darf meinen Traumjob ausüben. Wenn da nicht dieses kleine oder vielleicht doch größere Problem nicht wäre.

Ich bin seit 20 Jahren in einer Hilfsorganisation ehrenamtlich und seit ca. 4 Jahren auch hauptberuflich tätig. Vor 4 Jahren war noch alles super und ich war in einem Status der Unsterblichkeit, hatte mir nie Gedanken über Krankheiten oder sonstiges gemacht. Eines Tages wurde ich mit meiner Organisation zu einer heftigen Reanimation gerufen bei der nach langem Kampf ein noch nicht all zu alter Patient verstorben ist. Dieser Einsatz sollte wohl mein Leben bzw. mein Denken drastisch verändert. Der Einsatz hing mir im vergleich zu vielen anderen einige Wochen nach und ich entwickelte Herzstolpern. Dieses Herzstolpern wurde immer extremer und ich musste permanent daran denken und ich wartetet nur darauf bis es wieder kommen würde. Diese permanente Angst verstärkte das Stolpern extrem und ich befürchtetet jeden Moment zu sterben. Ich besuchte zwei Kardiologen die mir versicherten das ich Gesund bin. Ich war kurz beruhigt und die Symptome wurden besser. Kurze Zeit nach meinem Besuch bei den Kardiologen wurden bei mir zufällig zwei mini Knoten in der Schilddrüse festgestellt. Mein Hausarzt schickte mich weil er sich nicht sicher war zu einem Spezialisten. Alleine die Aussage das er sich nicht sicher sei löste bei mir eine ziemliche Panik aus. Interessant war das, dass Herzstolpern seit der Knoten-Diagnose verschwunden war. Daraufhin machte sich ein permanentes Klosgefühl im Hals breit. Der Spezialist gab Entwarnung, trotzdem blieb dieses Klosgefühl im Hals. Ich lasse die Knoten jährlich kontrollieren und berichtetet bei einer Kontrolle von diesem Klosgefühl im Hals. Der Arzt lachte und meinte, diese mini Knoten würden sie niemals spüren oder würden Beschwerden bereiten. Trotzdem waren Sie da :kopfschuettel: . Als ich meine hauptberufliche Tätigkeit bei meiner Hilfsorganisation begonnen hatte wurde eine pflichtgemäße Vorsorgeuntersuchung gemacht. Hier wurde auch mein Oberkörper mit Lunge geröntgt. Diese Untersuchung führte ein Arzt in Ausbildung durch und meinte dann, Herr....... es ist alles in Ordnung jedoch sieht er da einen komischen Schatten in der Lunge :cry: . Mir zog es die Füße weg und ich brach fast zusammen. Jetzt darfst du deinen Traumjob ausüben hast aber Lungenkrebs. Der Chefarzt schaute darauf ebenfalls auf das Röntgenbild und meinte nein nein, da ist nichts. Diese Aussage beruhigte mich jedoch nicht. Erst ein CT der Lunge brachte dann Beruhigung. Es war alles in Ordnung. Vor 2 Jahren ist meine Oma an Leberkrebs recht unschön verstorben. Sie meinte sie hätte immer Schmerzen im rechten Bauch gehabt. Diese Aussage hat sich so in meinen Kopf gebrannt, dass ich seit dem Tag immer wieder einen Druck im Bauch verspüre.

Ich setzte meine Kraft jeden Tag dafür ein um Menschen in lebensbedrohlichen Lagen Hilfe zu leisten, jedoch hat sich eine Extreme Angst vor Krankheiten eingeschlichen. Wenn ich Kopfschmerzen habe denke ich sofort an einen Hirntumor und die Beschwerden halten so lange an bis ich ein anderes Missempfinden verspüre. Ich war vor kurzem völlig Erschöpft zuhause und hatte einen etwas schnelleren Puls als sonst, sofort machte sich Panik breit und ich entwickelte Herzrasen. Seit diesem Ereignis kontrolliere ich ständig meinen Puls und befinde mich regelrecht in einem permanenten Angstzustand der mich und meinen Puls nicht zur Ruhe kommen lassen. Manchmal erwische ich mich zufällig bei einem völlig anderen Gedanken und bin dann während dessen beschwerdefrei. Ich bemerke diesen tollen Zustand, werde dann wieder an meine Ängste erinnert und es geht wieder los.

Ich liebe mein Leben muss aber permanent daran denken eine schlimme Krankheit zu haben. Einerseits bin ich mir fast sicher das ich bestimmt einer der gesündesten Menschen bin, meine Symptome bringen mich jedoch dazu anders zu denken. Ich habe es satt von Arzt zu Arzt zu rennen und bin mir eigentlich auch fast sicher das mir meine Psyche und meine permanente körperliche Alarmbereitschaft meines Körpers diese Beschwerden verursachen.

Daher meine Frage, geht es jemandem genau so, habt ihr Erfahrungen damit und was konntet ihr vielleicht dagegen tun? Ich befinde mich nun seit 2 Sitzungen in einer Verhaltenstherapie und möchte dieses Problem nun wirklich aus meinem Leben schaffen.

Ich liebe meinen Beruf, setzte alles dafür ein anderen bestmögliche zu helfen und werde als Retter dadurch krank. Irgendwie Unfair oder nicht :roll: ?

Herzlichen Dank für Euer Feedback!!!! ;)

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Pinguin Pit
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Beitrag So., 30.12.2018, 00:58

Hallo helfer-in-not,

ja, ich kannte das sehr gut, bei mir hatte es sich erledigt, nachdem ich (allerdings aus anderen Gründen) aus dem Beruf ausgeschieden bin.
Ich finde, Du bist auf einem guten Weg,
Du hast den Auslöser erkannt,
siehst klar den Mechanismus, der hinter Deinen Symptomen steckt
stellst Dich Deinen Ängsten
und hast eine Therapie angefangen.
Besser geht's nicht. Alles Gute und viel Erfolg!
Die Vergangenheit ist nicht tot - sie ist nicht einmal vorbei. (William Faulkner)

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Anna-Luisa
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Beitrag So., 30.12.2018, 01:23

Hallo!

Auch wenn jetzt sicher breiter Widerspruch kommen mag: Ich finde, manche Problematiken lassen sich bereits am Nick erkennen. Zwar ist es in Foren allgemein üblich anonym zu schreiben, wenn jedoch schon der Nick eine Tätigkeit beschreibt, ist oft unschwer zu erkennen, wie stark sich der User über diese identifiziert.

Als ich als junge Erwachsene sehr kranke Menschen begleitete, fiel es mir zunächst sehr schwer, beim Verlassen des Arbeitsplatzes auf Freizeit umzuschalten. Es kam mir absurd vor. Lange Gespräche mit einer dort ebenfalls tätigen Krankenschwester halfen mir sehr. Ich verstand, dass auch die Kranken mehr davon profitieren, wenn ich mich nach Feierabend auch angenehmen Dingen widmete.

Vielleicht wäre es für dich wichtig, dich selber weniger wichtig zu nehmen. Helfen ist natürlich etwas Gutes, aber nicht, wenn man selber am Limit ist.
Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.
(Konfuzius)

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Beitrag So., 30.12.2018, 02:41

Vielen Dank!Ich hoffe das ich auf dem richtigen Weg bin...

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Beitrag So., 30.12.2018, 03:53

Hallo und danke für deinen Beitrag!

Eigentlich nehme ich mich was das Thema und meinen Beruf angeht überhaupt nicht wichtig. Der Nick war so gewählt weil es meine Ursache wohl am besten beschreibt. Eine Trennung zwischen Beruf und Freizeit ist manchmal wahrhaftig nicht einfach. Mal schauen wo das Ganze hin führt. Jedoch sehr beeindruckend was der Kopf so treiben kann...

Grüße


Jenny Doe
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Beitrag So., 30.12.2018, 07:39

Hallo helfer-in-not
hatte mir nie Gedanken über Krankheiten oder sonstiges gemacht.
Ich denke, dieser Satz von Dir gibt Dir eine Antwort auf Dein Problem. Du befindest dich jetzt in einer Zeit in der dir bewusst wird, dass auch du von Krankheit betroffen sein kannst und auch du eines Tages sterben wirst. Das ist eine ganz normale Entwicklung und eine ganz normale Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen, mit denen sich jeder im Lauf seines Lebens beschäftigen muss. Der eine früher, der andere später.
Ich denke, dass es darum geht die Balance wiederzufinden zwischen "ich bin heute gesund, das haben die Ärzte bestätigt" und "es kann sein, dass ich eines Tages erkranke und eines Tages werde ich sterben". Deine Ängste sind zum jetzigen Zeitpunkt irrational, denn die Ärzte bestätigen ja, dass du gesund bist. Andererseits sind sie nicht irrational, denn von Krankheit und Tos ist jeder Mensch betroffen.

Ich kenne das, was du durchmachst aus eigener Erfahrung sehr gut. Mich traf die Auseinandersetzung mit den Themen Krankheit und Tod auch sehr früh, in einem Alter, in dem man eigentlich noch gar nicht von solchen Themen betroffen ist. Im Alter von Anfang 30 sind Themen wie Krankheit und Tod eigentlich noch weit weg.
Aber als meine Mutter mit Anfang 50 an einem Herzinfarkt verstarb änderte sich mein Leben. Plötzlich trat das Bewusstsein in den Vordergrund, dass auch ich eines Tages sterben werde. Als mich dann noch jemand fragte "Deine Oma ist mit 52 an einem Herzinfarkt gestorben, ebenso deine Mutter, ... wie lange hast du noch zu leben?" setzte sich bei mir etwas in Gang was nur noch schwer zu stoppen war, nämlich die Angst, auch ich könnte früh an einem Herzinfarkt sterben. Ich begann mich zu selbst zu beobachten, meine physiologischen Reaktionen zu kontrollieren. Mit dieser ständigen Selbstbeobachtung begannen plötzlich die Symptome, obwohl ich noch wenige Minuten zuvor symptomfrei und kerngesund war.
Ähnliches wiederholte sich als meine Lebensgefährtin starb. Erst hatte sie Zungenkrebs, so dass ihr die Hälfte der Zunge entfernt werden musste, dann wanderte der Krebs in die Lunge und ließ sie versterben. Kurz nach ihrem Tod landete auch ich in der Notaufnahme mit starken Schmerzen im Mund. In diesem Fall gelang es mir vergleichsweise schnell die Angst vor einem Zungenkrebs wieder abzulegen als ich mir bewusst machte, dass es meine Angst ist auch erkranken zu können, die zu solch heftigen Krankheitssymptomen führt.

Beim Thema Tod der Mutter hingegen dauerte es länger, bis ich die Angst wieder ablegen konnte, was auch und vor allem mit dem widersprüchlichen Verhalten der Ärzte zu tun hatte. Ähnlich wie bei mit dem Rötgenbild, in dem zwei Ärzte Unterschiedliches sahen, lief es auch bei mir ab. Eine Arzt diagnostizierte bei mir eine Herzerkrankung, die jedoch von keinem anderen Arzt bestätigt werden konnte. Solche Arzterfahrungen machen es nicht gerade leichter irrationale Ängste abzulegen und dem Arzt zu glauben, dass man gesund ist.

Letztendlich waren es bei mir die Zeit und die Erfahrungen die mir halfen diese Ängste wieder abzulegen.
Der Tod meiner Mutter ist nun 20 Jahre her. Wenn ich wirklich Herzkrank wäre, wie der eine Arzt sagten, dann müsste ich schon längst tot sein. Deshalb glaube ich inzwischen den anderen gefühlten 100 Ärzten, die die Diagnose des Arztes nicht bestätigen konnten.
Zum andere fiel mir auf, dass sich meine Symptome verändern, je nachdem ob ich abgelenkt bin und mal nicht auf meinen Körper achte oder nicht abglenkt bin und mich 24 Stunden lang selbst beobachte. Wenn Symptome durch Ablenkung verschwinden, dann kann ich nicht krank sein. Wenn ich wirklich krank wäre, dann hätte ich die Symptome auch, wenn ich mich mit etwas anderem beschäftige als mit Beobachtung meiner physiologischen Reaktionen. Letztendlich war diese Selbstbeobachtung das Entscheidende. Bewusst wahrzunehmen, wie ich durch Selbstbeobachtung bzw. Ablenkung/Aufmerksamkeit wieder abziehen Symptome auftreten und auch wieder verschwinden lassen kann, war der größte Schritt in Richtung Selbsthilfe und Selbstheilung.


CrazyChild
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Beitrag So., 30.12.2018, 12:17

helfer-in-not hat geschrieben:
So., 30.12.2018, 00:33
und ich war in einem Status der Unsterblichkeit,
Genau DAS ist der Punkt. Ich denke nicht, dass das mit Deiner Arbeit zu tun hat, ich denke eher, JEDER kommt irgendwann an den Punkt, dass ihm das bewusst wird. Der eine früher, der andere später.
Der eine steckt diese Tatsache besser weg, der andere muss daran knabbern. Du hast eine hypochondrische Störung entwickelt und das haben viele Menschen. Als meine Mutter und ihr Lebensgefährte verstarben war auch ich nich relativ jung und entwickelte starkes psychosomatisches Herzstolpern, das sich trotz Therapie über Jahre hielt.
Das Problem unserer Gesellschaft, die meisten leben genau in diesem vermeintlichen Unsterblichkeitsstatus. Und wenn sie durch Schicksalsschläge oder sonstiges erkennen, dass es genau so nicht ist, dass eben JEDER sterben wird, das jedem von uns in jeder Sekunde passieren kann, dann bricht plötzlich eine Welt zusammen und das macht Angst.
Mir hat ein wenig geholfen mich intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen. Zu spüren und zu erfahren, dass der Tod eben leider NICHT weit weg von einem ist, sondern immermit dabei. Das alles ist nur eine Frage der Zeit.
Dieser Tatsache und dieser Angst muss man sich stellen und für sich selbst versuchen einen akzeptablen Weg zu finden.
Auch ich suche noch. Aber ich bin ein Stück weiter. Ich habe akzeptiert dass der Tod immer gleichzeitig mit dem Glück jeweils auf einer Schulter sitzt.
Damit kann man leben lernen. Da bist Du in Deiner VT schon ganz gut aufgehoben.
LG, CrazyChild

***stay strong***

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candle.
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Beitrag So., 30.12.2018, 13:32

Hallo!

Was ich ganz vakant finde ist der Wechsel zwischen Ehrenamt zum festen Job. Da sind die Verantwortlichkeiten sicher unterschiedlich.

Warum hast du das Ehrenamt zum Beruf gemacht? Gab es keine Alternative? Und was war vorher?

Viele Grüße!
candle
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Beitrag So., 30.12.2018, 14:02

Hallo zusammen und herzlichen Dank für Eure Beiträge. So etwas hilft 😉!

@candle
Ja das Thema ist ein zweischneidiges Schwert 😉. Ich komme aus der Industrie und habe eine lange Durststrecke hinter mir um meinen Traumjob ausüben zu können den ich heute machen darf. Daher beißt sich das eine mit dem anderen etwas. Das interessante ist, dass ich in meinem Job in keinster Weise eingeschränkt bin, heftigste Bilder von Unfällen etc. machen mir nichts aus. Wenn ich aber von einer Krankheit mitbekomme die zu einem meiner momentanen Trigger passen wird es zuhause zum Problem.

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candle.
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Beitrag So., 30.12.2018, 14:13

helfer-in-not hat geschrieben:
So., 30.12.2018, 14:02
Wenn ich aber von einer Krankheit mitbekomme die zu einem meiner momentanen Trigger passen wird es zuhause zum Problem.
Das würde ich so nicht überbewerten, weil sich die Psyche eben seinen Weg sucht. Nur WAS es genau ist, weißt du letztlich nicht. Ich denke immer noch, dass es einen Unterschied gibt Leistung im Job zu bringen und dafür Geld zu bekommen als im Ehrenamt mehr oder weniger freiwillig die Sache zu tun. Bringt dir der Gedanke was? Es ist doch schon bemerksenswert, dass das Problem vorher nicht da war, sondern offenbar ab diesem Zeitpunkt des Wechsels.

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Lilli81
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Beitrag Sa., 05.01.2019, 11:25

Du schreibst, dass du dich vor 4 Jahren noch unsterblich gefühlt hast, aber dass vor 2 Jahren deine Oma gestorben ist und du nun auch diesen Druck im Bauch fühlst. Das passt schonmal nicht zusammen. Hast du vor deiner Oma schonmal jemanden verloren?

Was hat dich dazu bewogen eine ehrenamtliche, helfende Tätigkeit auszuführen?


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Beitrag Sa., 05.01.2019, 12:27

CrazyChild hat geschrieben:Das Problem unserer Gesellschaft, die meisten leben genau in diesem vermeintlichen Unsterblichkeitsstatus. Und wenn sie durch Schicksalsschläge oder sonstiges erkennen, dass es genau so nicht ist, dass eben JEDER sterben wird, das jedem von uns in jeder Sekunde passieren kann, dann bricht plötzlich eine Welt zusammen und das macht Angst.
Ich unterstreiche das mal ganz subtil.

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blade
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Beitrag So., 06.01.2019, 05:47

hallo Helfer in Not

ich hoffe Sie bleiben auch noch ein Helfer in Not, nachdem Sie die Angst überwunden haben.

Helfen ist zwar leichter als selbst in Not zu sein (weil man dabei die Kontrolle hat und man in höherem Maß entscheiden kann, wann man wieviel und was tut, im Gegensatz zu den Opfern der Not) aber insbesondere auch freiwillige Helfer sind dennoch stärker den existentiellen Herausforderungen gegenüber exponiert als der Durchschnitt. Und die Welt wäre mE kein besserer Ort ohne diese Geisteshaltung/Bereitschaft mal für andere in die Bresche zu springen (klar gibt es Gegenargumente, die gibt es, trotzdem unterm Strich gesehen...)


Aber Sie haben, meine ich bereits geschrieben, daß es kein "Kopfproblem" ist (sondern dort eher auch Auswirkungen der mutmaßlichen Grundproblematik ….Angst, wie bereits von anderer Seite vorgeschlagen wurde.....auftreten, zB Angstgedanken)


Angst entzieht sich (oft) dem unmittelbaren Zugriff oder wird sogar paradox verstärkt (weshalb mE auch das "Zulassen", was psychodynamisch einem "Nicht Zugreifen" entspricht oft - ebenso paradox - wirken kann)


es gibt auch noch andere Ansätze im Umgang mit Angst/Ängsten......die akute Angst im Einsatz können Sie ja bereits beherrschen. Leider kommt dann die etwas subtilere Angst in der postakuten Stressphase (die ist echt fies, weil sie recht hat, kopfmäßig hat sie mit allem was sie sagt recht, trotzdem lügt sie. sie lügt weil sie nicht wahr ist, sie spricht über Möglichkeiten. Die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten sind wahr, sie sind aber nicht in jedem Fall Realität)


anderer Ansatz: Welche Gefühle lassen die Angst verschwinden? (der Angst etwas entgegen setzen)


PS: Herzkrankheit ist klar definiert, wenn ein Kardiologe sagt, daß Sie nicht herzkrank sind, dann ist das zu 99,9999%

die Wahrheit. Wer suchet, der findet. Suchen Sie nicht am falschen Ort (auch das Gesundheitssystem ist zunehmend Angst-krank)


mfg
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Barida
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Beitrag So., 06.01.2019, 13:27

Ich arbeite auch in einem helfenden Bereich und bin in meinen vielen Berufsjahren inzwischen auch in viele schlimme Ereignisse geraten, sag ich jetzt mal so. Es ist ein grausames Gefühl, zu „versagen“, etwas nicht geschafft zu haben, obwohl man alles versucht hat, zu denken, man war zu langsam oder hat etwas übersehen oder war einfach nicht gut genug. Mir hilft es immer darüber zu reden reden reden und auch darüber zu weinen, vor allem mit meinen Kollegen, weil da braucht man nicht viel zu erklären, die verstehen einen und es schweißt einen als Team ungeheuer zusammen, wenn man darüber spricht.
Aber auch mit den Angehörigen. Es entlastet mich sehr, wenn ich die Situation schildern kann und ich sehen kann, daß die Angehörigen auch entsetzt und schockiert und tieftraurig sind, aber meist ohne Vorwurf, weil sie doch dann auch sehen können, daß man alles versucht hat.

Mich hat mein Beruf doch auch sehr im Allgemeinleben beeinflusst, ich weiß, wie schnell man ohne Vorankündigung sterben kann und auch, daß leben-dürfen und gesund-sein keine Selbstverständlichkeiten sind.
Zwischendurch ist es bei mir auch sehr ausgeufert, und zwar als meine Kinder sehr klein waren und ich den Gedanken hatte: wenn ich jetzt sterbe, haben die Kinder keine Erinnerung an mich. Ich habe daraufhin versucht, die Kinder mit positiven Erlebnissen zu überschütten und habe sie sicher damit auch, wenn auch gut gemeint, überfordert. Das hat sich relativiert, als ich merkte, daß sie mir viele Dinge, die wir gemeinsam gemachte haben, erzählen konnten.

Ich hatte mal auf einer Party ein Gespräch darüber mit einem Pfarrer, der sagte: eigentlich leben wir alle in einer gefühlten Unendlichkeit, nur du nicht, du lebst so, als wäre es jeden Tag zuende. Das trifft es auch ganz gut. Und ich finde es inzwischen, seitdem meine Kinder gute Erinnerungen haben :-), als angenehmes Lebensgefühl. Ich habe keinen Druck, mir irgendwelche bleibenden materiellen Werte anzuschaffen, oder mich mit anderen zu vergleichen, sondern mein „Tagesziel“ ist, möglichst keine „Schulden“ zu hinterlassen und damit meine ich auf der Beziehungsebene.

Generell denk ich aber, daß es in solchen Berufen, in denen schreckliche Dinge passieren, wichtig ist, sich helfen zu lassen und nicht zu denken, daß man da alleine durch muß oder sich „nur“ hinter bissigem Humor zu verstecken, was kurzfristig auch manchmal hilft. Meine Erfahrung ist, je offener ich selber darüber gesprochen habe, desto weicher ist das ganze Team geworden, ja, es ist dann eine Erfahrung, die nicht nur einer trägt, sondern ein ganzes Team, weil man dann hört, daß es die anderen nicht anders gemacht hätten zum Beispiel. Wenn in deinem Team nur Einzelkämpfer sind würde ich mir psychologische Hilfe holen. Und das ist keine Schande.
Ich wünsche dir viel Kraft!
:ermm: Wirrwarr oder Konträres in meinen Texten bitte ich zu entschuldigen. Es sind so viele unterschiedliche Meinungen und Ansichten in mir, ich bin noch auf der Suche nach dem GANZEN.

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Beitrag Mo., 14.01.2019, 07:48

Ich habe aus ähnlichen Gründen mein Ehrenamt aufgegeben. Ich hoffe, Du findest einen Weg ohne Ängste.