Verhaltenstherapie mit traumatherapeutischen Elementen?

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.

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Verhaltenstherapie mit traumatherapeutischen Elementen?

Beitrag Do., 17.10.2019, 13:50

Hallo, meine Psychiaterin hat mir sehr ans Herz gelegt, doch Therapie zu machen, obwohl sich bei mir ziemlich viel dagegen sträubt. Ihr Vorschlag ist eine Verhaltenstherapie in der auch traumatherapeutisch gearbeitet wird. Ich kann mir darunter kaum etwas vorstellen und wollte euch mal fragen, wie ich mir das vorzustellen habe? (Sie kann ich erst in einigen Monaten fragen, weil ich erst dann einen Termin habe... deshalb die Frage hier.) Was wird da gemacht?

Vielen Dank und euch allen einen schönen Tag!

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Inga
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Beitrag Do., 17.10.2019, 18:23

"Traumatherapeutisch" können sehr unterschiedliche Methoden sein. Es gibt welche, die aus der Tiefenpsychologie oder analytischen Therapie kmmen, und andere, die von Verhaltenstheras entwicelt wurden. Wobei das auch wieder unterschieliche sind - soviel ich weiss zählen z.B. EMDR und Somatic Experiencing (kann man beides googeln) zu den explizit traumatherapeutischen Methoden, die von VerhaltenstherapeutInnen gern angewandt werden, aber nicht jede bietet das an. Ich selber hab gute Erfahrungen mit Schematherapie bei einer Verhaltenstherapeutin gemacht, da wird dann z.B. mit Imaginationen, Stuhlarbeit und Nachbeelterung gearbeitet. Das ist aber kein speziell traumatherapeutisches Verfahren, es heisst lediglich, dass auch Traumata mit dieser Methode bearbeitet werden können. Generell habe ich VerhaltenstherapeutInnen als auskunftsfreudig erlebt, Du kannst also, wenn Du Dir das überlegst, im Vorgespräch die jeweiligen Theras fragen und dann entscheiden, ob Du das ausprobieren möchstest.


mio
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Beitrag Do., 17.10.2019, 19:45

"Traumatherapie" ist erst mal einfach eine "Zusatzausbildung", also etwas "übergeordnetes".
Ein Therapeut der diese Weiterbildung durchlaufen hat ist dann in Traumatherapie zertifiziert.

Daneben gibt es wie von Inga bereits angesprochen verschiedenste Methoden/Techniken die die Integration der traumatischen Erfahrungen erleichtern/ermöglichen sollen/können bzw. Deinen Umgang damit verbessern.

In welchen Techniken die Therapeutin bei der Du den Termin hast ausgebildet ist und was sie in Deinem Fall davon für geeignet hält kannst Du ohne Probleme nachfragen. Traumatherapeuten arbeiten in der Regel sehr transparent und klären da auch gerne entsprechend auf. Wenn Dir selbst eine Technik ungeeignet erscheint oder für Dich nicht passt dann darfst Du das arbeiten mit dieser Technik auch ablehnen, ein guter Traumatherapeut wird das akzeptieren und mit Dir nach Alternativen schauen, entweder in seinem "eigenen Repertoire" oder aber indem er Dich entsprechend zu weiteren Möglichkeiten die es neben seinen Methoden gibt berät soweit er das kann.

Es gibt also nicht die "eine" Traumatherapie, vielmehr gibt es alle möglichen "Bauklötzchen" die zur Anwendung gebracht werden können, je nach Einzelfall des Patienten und Ausbildung(en) des Therapeuten.

Der grundlegende Gedanke/das grundlegende Ziel dabei ist allerdings immer, dass nicht "integrierte" traumatische Erfahrungen besser "integriert" werden "müssen", damit sie ihre "autonome Wirkkraft" verlieren können bzw. dass Du lernst Strategien zu entwickeln die Du diesem Erleben entgegen setzen kannst.

Mal vereinfach gesagt: Wenn Du zB. einen lebensbedrohlichen Unfall hattest dann kann es passieren dass Deine "Seele" diese "Erfahrung" nicht integrieren konnte, weil Deine "Verarbeitungskapazitäten" zu dem Zeitpunkt davon "überfordert" waren. Nun bleibt die Erfahrung "isoliert" in Dir "bestehen" und "verknüpft" sich nicht mit Deiner sonstigen Biografie (was im Grunde bedeutet dass sie integriert wird, von Dir als "vergangen" und damit als "heute ungefährlich" verortet wird) sondern führt sozusagen in Dir ein "Eigenleben".

Im Falle des Unfalls könnte das zB. bedeuten dass Du danach Angst vor Situationen hast die der Unfallsituation ähneln und diese Angst nicht "steuern" kannst. Also zB. Panik bekommst sobald Du ein "rotes Auto" siehst weil Du während des Unfalls ein rotes Auto gesehen hast. Das "rote Auto" ist für Dein "Unbewusstes" dann ein Trigger und der schubst Dich sozusagen auf der Zeitachse "zurück" in die Situation des Unfalls.

In der Therapie wird nun versucht diese "Trigger" einerseits "aufzuspüren" und andererseits sozusagen "unschädlich" zu machen indem Du das geschehene entweder mit Hilfe der Therapie integrierst oder einen passenderen Umgang damit erlernst und so diesem "Automatismus" nicht mehr so stark ausgeliefert bist.

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Montana
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Beitrag Do., 17.10.2019, 22:26

Es gibt keine standardisierte Zusatzausbildung in Traumatherapie und es mag der eine oder andere Anbieter Zertifikate ausstellen, aber das darf man nicht mit einer staatlichen Ausbildung verwechseln. Der Begriff ist ja nicht geschützt und damit darf sich jeder Traumatherapie auf die Fahnen schreiben. Entsprechend unterschiedlich sind die Vorgehensweisen. Was auch Sinn macht, denn DAS Trauma gibt es nicht. Grundsätzlich macht es z.B. einen Unterschied, ob es sich um einen einmaligen Vorfall im Erwachsenenalter handelt oder um über Jahre wiederholte in der Kindheit. Ob es sich um ein Unglück handelt oder eine Straftat. Es gibt viel Literatur zu dem Thema. Da würde ich mich etwas einlesen um bei Therapeuten die richtigen Fragen stellen zu können.


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Beitrag Do., 17.10.2019, 22:39

Montana hat geschrieben:
Do., 17.10.2019, 22:26
aber das darf man nicht mit einer staatlichen Ausbildung verwechseln
Mit zertifiziert meine ich Ausbildungen die offiziell als Zusatzausbildungen anerkannt sind und werden. Nicht irgendeinen "Wald- und Wiesenschein". Und DIE gibt es. Diese Weiterbildungen sind staatlich anerkannt und werden auch auf die "Punktekonten" der Therapeuten offiziell angerechnet. Das ist also kein völlig "ungeschütztes" System wenn es sich um die entsprechenden Institute und Therapeuten mit entsprechender Ausbildung oder gar Kassenzulassung handelt. Zu solchen Fortbildungen erhält auch nicht jeder Hans und Franz Zugang sondern es bedarf schon gewisser "Grundqualifikationen", die allerdings unterschiedlich sind je nach Institut.

Ein seriöser Therapeut gibt das entweder von vorne herein auf seiner Homepage an oder beantwortet Nachfragen diesbezüglich im Gespräch.

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Montana
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Beitrag Do., 17.10.2019, 23:01

Ja, klar, aber es ist eben kein geschützter Begriff. Darum sind Nachfragen absolut zu empfehlen. Und es bieten - nebenbei bemerkt - auch seriöse Therapeuten ohne Zusatzausbildung Traumatherapie an. Weil sie z.B. denken, ihr Verfahren ist so toll und ihre Ausbildung so umfassend, dass sie grundsätzlich jede Störung therapieren können. Das mag sogar so sein, ist aber für Patienten nicht nachvollziehbar oder gar überprüfbar.


mio
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Beitrag Do., 17.10.2019, 23:11

Montana hat geschrieben:
Do., 17.10.2019, 23:01
Und es bieten - nebenbei bemerkt - auch seriöse Therapeuten ohne Zusatzausbildung Traumatherapie an. Weil sie z.B. denken, ihr Verfahren ist so toll und ihre Ausbildung so umfassend, dass sie grundsätzlich jede Störung therapieren können.
Streng genommen dürfen die das aber SO gar nicht deklarieren wenn ihnen die entsprechende Zusatzausbildung fehlt. "Klassisch" gilt aber halt jede "seelische Wunde/Verletzung" als Trauma, also so frei nach Freud. Nur dass das halt nicht so viel mit der "Moderne" zu tun hat. Und na ja, gegen "ewig gestrige" ist glaube ich kaum ein Kraut gewachsen, es sei denn man kennt sich selbst ein bisschen aus...

Ich würde von Therapeuten die da nicht differenzieren können eher Abstand nehmen.

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spirit-cologne
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Beitrag Do., 17.10.2019, 23:46

Montana hat geschrieben:
Do., 17.10.2019, 23:01
Und es bieten - nebenbei bemerkt - auch seriöse Therapeuten ohne Zusatzausbildung Traumatherapie an. Weil sie z.B. denken, ihr Verfahren ist so toll und ihre Ausbildung so umfassend, dass sie grundsätzlich jede Störung therapieren können.
Na ja, manchmal ist das ja auch so. Z.B. können je nach Ausbildungsinstitut die Therapeuten in der Ausbildung unterschiedliche Schwerpunkte wählen, Zusatzqualifikationen erwerben usw. Oder es gibt Therapeuten, die ihre Kompetenz durch langjährige Arbeit in einer Traumaklinik ergänzt durch Literaturstudium erworben haben und nicht durch irgendwelche Zusatzseminare. Letztendlich sagt in meinen Augen so eine Bescheinigung ja auch nur aus, dass der Betreffende die Seminare XYZ zu einem Thema besucht hat, aber nichts darüber, wieviel davon wirklich hängen geblieben ist, welche praktische Erfahrungen er hat, geschweige denn, wie gut er seine Sache macht. Es gibt auch Therapeuten, die Zusatzqualifikationen geradezu "sammeln", aber wenn sie dann zu viele davon haben und dementsprechend wenig Gelegenheit, jede einzelne davon in der Praxis auch regelmäßig anzuwenden, nützen die nicht viel, weil es dann wieder vergessen wird.
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Beitrag Do., 17.10.2019, 23:56

spirit-cologne hat geschrieben:
Do., 17.10.2019, 23:46
Letztendlich sagt in meinen Augen so eine Bescheinigung ja auch nur aus, dass der Betreffende die Seminare XYZ zu einem Thema besucht hat, aber nichts darüber, wieviel davon wirklich hängen geblieben ist, welche praktische Erfahrungen er hat, geschweige denn, wie gut er seine Sache macht.
Aber auch das ist doch auch durchaus festgelegt und geregelt wenn es sich um anerkannte Zusatzausbildungen handelt. Da gehört dann ja schon auch "praktische Anwendung" und die "Supervision" dessen mit rein anhand von "Fallbeispielen" in der eigenen Praxis die sozusagen "beobachtet" und "überwacht" werden.

Wir haben uns da am Anfang total dran "gestört" obwohl es an sich um was ging was uns grundsätzlich geholfen hat (Schematherapeutischer Ansatz den Frau Thera damals gerade "gelernt" hat), weil wir uns wie ein "Versuchskaninchen" vorkamen. Aber sie brauchte diese "Versuchskaninchen" halt auch für die Ausbildung (wir waren es dann nicht, haben aber dennoch von der "Technik" profitiert... :lol: ).

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spirit-cologne
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Beitrag Fr., 18.10.2019, 00:40

Aber glaubst du echt, dass 5 oder 6 Behandlungen, die man irgendwann mal unter Supervision (wobei da ja nur vor- und nachbesprochen wird, "überwacht" wird da nix) gemacht hat, einen für alle Zeit zu einem routinierten Experten auf dem Gebiet machen? Ich würde eher danach fragen, wie viele Traumapatienten jemand bereits behandelt hat und auch aktuell noch behandelt.
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Beitrag Fr., 18.10.2019, 00:53

Nein, das glaube ich nicht. Aber ich denke dass jemand der sich für sowas als "Fortbildungsweg" entscheidet eine andere "Sichtweise" hat als jemand der sowas eher "ausschließt". Und für mich fängt es DA an, bei der "Sichtweise".

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Montana
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Beitrag Fr., 18.10.2019, 09:48

Da hab ich leider schon Dinge gehört, die etwas ganz anderes sagen.
Bei einem Erstgespräch neulich habe ich wirklich einfach nachgefragt um zu erfahren, ob ich mit meinem Problem dort richtig bin. Der Therapeut hat freundlich und ausführlich geantwortet und ich habe mich damit gut gefühlt. Das sagt mehr als jedes Zertifikat.

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Beitrag Fr., 18.10.2019, 09:51

Ich glaube, dass nicht nur die Sichtweise über die Teilnahme an einer Fortbildung entscheidet, sondern oft auch das Portemonnaie, der Terminkalender und die Erwartung, ob man dort noch was Neues lernen kann. Wenn man z.B. in einer Traumaklinik gearbeitet und interne (also nicht zertifizierte) Fortbildungen besucht hat, wird man es sich überlegen, wozu man jede Menge Geld und freie Wochenenden investieren soll um Inhalte zu lernen, die man aus der eigenen Praxis und internen Schulungen sowieso schon kennt.M.E. sind Nachweise über absolvierte Fortbildungen allenfalls ein Zeichen dafür, dass jemand diese Fortbildung für sich hilfreich genug fand, um Geld und Zeit dort hinein zu investieren.

Das kann aus echtem Interesse, und dem Wunsch, schwerpunktmäßig in diesem Bereich zu arbeiten heraus passiert sein, es kann aber auch ebenso (vor allem bei akademisch orientierten Therapeuten in universitären Ambulanzen o.ä.) der Gedanke dahinter stecken, dass sich das gut in der Vita macht, möglichst viele Fortbildungen vorweisen zu können, ohne diese dann auch wirklich alle praktisch umsetzen zu können. Man hat also keinesfalls die Sicherheit einen "Spezialisten" vor sich zu haben und sollte sich daher nicht zu sehr auf solche Fortbildungszertifikate verlassen.

Es ist auch nicht jeder Nichtraucher, der schonmal bei einem Nichtraucherseminar war...
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stern
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Beitrag Fr., 18.10.2019, 12:25

Traumatherapie ist in keiner Weise ein geschützter Begriff... dahinter kann sich alles mögliche und unmögliche verbergen. Das kann dann nur der Therapeut erläutern, wie er arbeitet. Verhaltenstherapie wäre ein Richtlinienverfahren, in die das dann eingebettet werden kann. Vielleicht bezeichnen es aber auch schon manche als Traumatherapie nicht, wenn sie mit traumatisierten Patienten Traumata bearbeiten. Who knows.Es gibt hier nicht nur einen Weg. Ich würde mich auch nicht so sehr an die Empfehlung des Psychiaters klammern, sondern schauen was zusagt. Es gibt nicht nur einen Weg... hängt halt von den Schwierigkeiten ab... und das muss letzlich der übernehmenden Th. und Patient sehen, was passt.
Liebe Grüsse
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»Er wirft den Kopf zurück und spricht: "Wohin ich blicke, Lump und Wicht!" Doch in den Spiegel blickt er nicht«
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Beitrag Di., 22.10.2019, 07:40

Erst einmal vielen Dank, ich werde nochmal mit meiner Psychiaterin über ihre Vorstellung dazu reden. Dauert leider noch, bis ich einen Termin habe. Deshalb hab ich hier mal in die Runde gefragt- und das Gefühl, ich muss erstmal meine Psychiaterin etwas ausquetschen, was genau sie sich für mich vorstellt. Also: Danke!