Schulmobbing und deren Folgen

Kindheit, Jugend und Ausbildungszeit halten viele Herausforderungen für Kinder, Jugendliche und Eltern bereit - hier ist der Platz, sich darüber auszutauschen (Beitrags-Haltedauer: 1 Jahr).
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Tanaka
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Schulmobbing und deren Folgen

Beitrag Sa., 14.05.2022, 22:45

Vielleicht habt ihr auch Erfahrungen gesammelt wenn es um Mobbing und Diskriminierung in der Schule geht und was die Folgen sein können. Gerne könnt ihr eure Erfahrungen hineinschreiben.

Meine Erfahrungen waren folgende:
Ich hatte eine schöne und friedliche Volksschulzeit und habe immer Freunde gehabt und mich mit allen gut verstanden. Zwar war hatte ich nicht immer die besten Noten und kam deswegen auf eine Hauptschule mit Integrationsklasse.

Doch das was ich dort erlebt habe hat sich bis heute in mein Gedächtnis eingebrannt und werde ich wohl nie vergessen. 4 Jahre lang wurde ich gemobbt, geschlagen, gehänselt und sogar manchmal von den Lehrer/innen schikaniert. Dies hatte auch Auswirkungen auf meine Leistungen. Die Lehrer/innen waren auch sehr unhöflich und man hatte das Gefühl, dass diese keine Kinder möchten. Zwar habe ich die Schule abgeschlossen, doch vergessen habe ich das was ich erlebt habe bis heute nicht. Deswegen fällt es mir auch manchmal schwer Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen und habe manchmal Angst ich könnte viel falsch machen.

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Fairness
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Beitrag So., 15.05.2022, 10:45

Hallo Tanaka,

für die Rohheit mancher anderen Menschen, kannst du nichts.. Wir erfahren die Behandlung durch andere auch basiert darauf, wie diese selbst sind. An der Situation sind sie dann mindestens genauso dran beteiligt, manchmal sogar deutlich mehr, als man selbst.

Vielleicht könntest du dich fragen, wie das begonnen hat - was war die Ursache und warum du so lange dort geblieben bist - und wie du heute mit der Situation umgehen würdest.. was würdest du aus deiner Sicht heute, als Erwachsener, für dich als Kind in deiner Situation damals tun?

Ich habe eine ähnliche Situation erlebt, war während eines Teils meiner Schulzeit gemobbt, durch einige Mitschüler heftig und durch einige Lehrer auch. Weitere Schüler und Lehrer haben das nicht mitbekommen oder haben weggeschaut. Gute Freundschaften mit meinen Gleichaltrigen außerhalb der Schule haben mir während der Zeit viel Halt gegeben.

So wie du, habe ich das ein paar Jahre durchgehalten und rückblickend finde ich es schade, dass ich darüber mit niemandem außerhalb der Schule gesprochen habe, was mir widerfuhr. Auch, dass ich keinen andersartigen Kontakt zu den mobbenden Jugendlichen gesucht habe, dass ich keine Klärung versucht habe, oder vor ihnen darüber schwieg, wie sehr weh es mir tat. Ich wusste damals nur, dass es vorbei sein wird und ich bald in ein anderes Umfeld wechseln würde.

Die Entwicklung war dann aber insofern anders, dass zum Ende damaliger Zeit auch die Schüler, welche mich gemobbt haben, sich etwas verändert haben (ich mich wahrscheinlich auch), und wir haben ein paar Mal etwas zusammen unternommen, ohne jegliche Feindseligkeiten. Fühlte sich aber komisch, ungewohnt an und es ist dann auch keine Freundschaft fürs Leben daraus geworden.

Warum ich darüber damals in der Akutphase nicht sprach - habe geglaubt, dass es meine Familie sehr belasten würde (es war damals eine schon etwas belastete Zeit) und dass sich meine Freunde von mir abwenden würden. Beides wollte, brauchte ich zu vermeiden.

Sie haben das natürlich mitbekommen. Meine Mutter sagte dazu, sie konnten bei bestimmten Themen damals keinen Zugang mehr zu mir finden und ich erinnere mich, dass ich da wirklich hartnäckig war. Ich bin auch vom Charakter her jemand, wer wenig aufmerksam auf sich macht, das hat noch dazu beigetragen. Sie haben das dann meiner beginnenden Pubertät zugeschrieben.

Heute bin ich wieder nach außen offener, das hilft mir im Kontakt sehr und auch dabei, die Erfahrung anders zu betrachten, doch die Introversion wird mir bleiben. Ich will aber, in meinem Alltagsleben mehr aus mir herauskommen.

Was ich damit sagen will, es ist möglich, solche Erfahrungen großteils hinter sich zu lassen, dafür fand ich es jedoch wichtig, diese vorher für sich selbst einzuordnen und auch dafür einen Umgang aus heutiger Sicht zu finden. Die komplexe soziale Situation, aus eigener Sicht und auch der möglichen, beziehungsweise bekannter Sicht der weiteren Beteiligten zu entflechten und die Verantwortungen, Stärken und Schwächen zu erkennen.

Lieben Gruß an dich,
Fairness
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Tanaka
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Beitrag So., 15.05.2022, 14:09

Hi Fairness,
danke für deine Antwort.

Was die genaue Ursache fürs Mobbing war konnte ich nie zu 100% klären. Wahrscheinlich hatten die Stärkeren einfach nur Spaß sich an den Schwächeren und wehrlosen auszutoben. Auch weil ich anders als andere war, akzeptierte man mich nicht. Zwar hatte ich auf Eigeninitiative versucht, ein Gespräch zu finden ohne gleich zu den Lehrern zu gehen, aber mit denen konnten man nicht reden.

Meine Mutter wollte einen Schulwechsel nicht zustimmen und ich musste bis zum Ende dort bleiben. Ich hatte dort keine Freunde und war für alle praktisch ein Außenseiter, obwohl ich immer freundlich und zuvorkommend zu anderen war.

Nachdem die Schule zu Ende war, schwor ich mir fest mit keinen mehr von der Schule in Kontakt zu bleiben und so ist es bis heute.

Einmal bin ich zufällig beim Einkaufen einem ehemaligen Mitschüler aus meiner Klasse begegnet, aber ich machte ihm klar (er war auch einer von denen die mich gehänselt haben), dass ich weder mit ihm noch sonst jemanden von der Schule was zu tun haben möchte. Er meinte nur darauf "wir waren damals noch Kinder und unerfahren" und dass es eh schon ewig her ist. Auch wenn es so ist ändert das nichts an dem was man mir angetan hat. Ich blieb konsequent, brach das Gespräch ab und ging.

Wenn ich zukünftig jemanden aus dieser Zeit sehe, dann gehe ich einfach weiter und rede kein Wort mit denen.

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Fairness
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Beitrag So., 15.05.2022, 15:32

Das tut mir leid zu lesen und finde das richtig schlimm, was du erleben musstest. Wie gut, dass du nun auch selber schauen und entscheiden kannst, mit welchen Menschen du zusammenkommen möchtest, und wann.

Das stimmt, dass manche Kinder, vielleicht auch aufgrund mangelnder Lebenserfahrung, manchmal schlechter die Unterschiede zwischen einander so sein lassen können und je nach dem, mitunter auch wirklich grausam sein können.

In meinem Fall war das damals ein Vorfall mit ein paar Schülern, welchen wir dann mit Klassenlehrerin besprochen haben. Diese hat infolgedessen den involvierten Schülern eine Notiz für die Eltern geschrieben. Ein der Schüler (J.) ist ein paar Tage später hinkend, mit einem blauen Fleck auf dem Auge zum Unterricht gekommen.

Erst später erfuhr ich, dass ihn damals sein Vater zu Hause so geschlagen hat. Vorhin wurde in der Klasse, zwischen ihm und wenigen weiteren Mitschülern, darüber geschwiegen. Wir schwiegen damals alle, jeder über 'seins'.

In normalen Familien würde solcher Vorfall besprochen und das Kind würde daraus vielleicht etwas für die Zukunft mitnehmen. In seinem Fall war das jedoch ganz anders und er war auch ein Kind, in seiner Situation sehr verletzt und überfordert.

Damals ist in ihm eine Welle Hass mir gegenüber entstanden, der sich vermutlich sonst auf den Vater richten würde. Dazu war da noch ein Schüler mit vielen destruktiven Verhaltensweisen, welcher das Mobbing angefeuert und sich amüsiert hat, auch sehr grausam sein konnte, auch zu anderen. Es gab noch zwei drei weitere Schüler, welche so 'am Rande' mitgemacht haben.

Ich konnte die Geschehnisse und das viele Schweigen damals kaum richtig verarbeiten und später, habe ich mich mehr auf die Zukunft konzentriert.

Doch als ich mein Wohnort gewechselt habe, merkte ich, dass es mir schwer fiel, mich in größeren Gruppen zu engagieren. Es hat mir geholfen, die einzelnen Situationen aus der Zeit damals und auch das, was ich später erfuhr, in eine Geschichte zu verbinden.

Mein Mitschüler, J., war leider weiterhin durch seine Familie sehr belastet. Ich traf ihn nochmal Jahre später und erfuhr dann auch von anderen, dass er einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hatte, ist aus einer Höhe von mehreren Etagen gesprungen.

Ich finde das schrecklich, was ihm als Kind und jungem Mann durch seine Familie angetan wurde. Und auch, wie viele Menschen so eine gewaltsame Familie direkt und auch indirekt betreffen kann. Als Kind hatte ich zum Beispiel keine Ahnung über seinen Vater, aber er nahm Einfluss auch auf mein Leben. Und wie viele bei diesem mehrfachen Leid weggeschaut haben.
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Beitrag Mo., 16.05.2022, 06:56

Schlimm, was du da schreibst Fairness! Aber dein differenzierter Blick auf all das, was dir und deim Jungen geschehen ist - das ist so hilfreich. Oft steckt eben so viel mehr dahinter. Und dennoch das eigene Leid anzuerkennen und einzuordnen, das ist gar nicht so leicht.
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Beitrag Mo., 16.05.2022, 07:37

Das stimmt, das war schwer, vor allem, da ich das auch selber weg schieb, nachdem ich damals sah, dass ich da alleine kaum weiter kam, dass ich keine Antwort für mich hatte. Das war dann eine Sammlung an Erinnerungen, welche von einander wie Scherben getrennt waren, vermengt und in einem Sack gepackt.

Meine Eltern hatten damals Beziehungskrise, da war es wackelig und nach dem was ich mitbekam, war es unklar, ob sie zusammen bleiben würden. Ich glaubte damals, dass wenn ich mit meinen Problemen auf sie zukommen würde, würden sie sich dann erst recht trennen, nachdem die Belastung noch höher würde. Es war mir viel wichtiger, dass wir als Familie zusammen bleiben und schätzte das damals so ein, dass ich meine Probleme lieber alleine zu bewältigen probiere.

Und als mit den Jahren neue Information nach und nach dazu kam, durch Begegnungen und Erzählungen, gingen sie auch genauso von einander getrennt zu den anderen Scherben rein.

Es war für mein Leben wichtig, das zusammen zu bringen und auch ergänzen, denn unter anderem auch diese von einander getrennten Erinnerungen, haben über die Jahre mein Selbstbild beeinflusst und auch das, wie ich mein Leben gestaltet habe und wie ich mich in größeren Gruppen gefühlt habe. Verunsichert.

Das Schlimme war das, was mir verborgen war, denn die Situation wäre normalerweise einfach: an sich war das ein Vorfall mit Notiz von Lehrerin. Die Reaktion auf mich, welche danach folgte, empfand ich damals zu hart und in die Länge gezogen.

Ich fragte mich damals als Kind, warum und wann würde das endlich aufhören. Aber ich wusste, dass spätestens, wenn wir mit der Schule fertig waren - das war damals mein entfernter Lichtblick der Hoffnung.

Ich wünsche dir einen schönen Tag, liebe Philo.🌸
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Beitrag Mo., 16.05.2022, 08:54

Das ist schon eine arge Geschichte von dem Jungen.

Als ich in der Berufsschule war, hatte ich auch mit Mobbing zu tun, doch da war die Situation völlig anders, als in der Hauptschule. Schüler die such völlig daneben benahmen, bekamen einen Eintrag ins Klassenbuch oder im allerschlimmsten Fall wurden sie in den Betrieb geschickt.

In meiner damaligen Klasse hatten wir ein deutsches Mädchen, dass hier in Österreich eine Ausbildung anfing, da sie in Deutschland keinen Ausbildungsplatz bekam und auch sie hatte es nicht leicht. Einmal hatte sie mit anderen Mitschülerinnen einen derartigen Streit wo man sie als "Piefke" bezeichnet hatte.

Desweiteren benahmen sich viele Schüler wie Kindergartenkinder und waren aus meiner Sicht jenseits von anständigen Benehmen.

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Beitrag Di., 17.05.2022, 07:54

Tanaka hat geschrieben: Mo., 16.05.2022, 08:54 Das ist schon eine arge Geschichte von dem Jungen.
Ja.. ich fragte mich eine Zeit lang auch bezüglich des weiteren Mitschüler, welcher das Mobbing angeheizt hat, welches hartes Vorbild und welche Geschichte er hinter sich hatte, dass es mir so vorkam, dass er das als Kind fast genossen hat, beliebig andere zu verletzen, sowohl verbal als auch körperlich - oder hinschauen, wenn es andere taten und basiert auf seiner Körpersprache und Äußerungen dabei positiv aufgeregt sein. Zu seinem Leben weiß ich aber so gut wie nichts. Doch ich denke, das musste auch sehr schlimm sein.
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