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Marla
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Beitrag Mi, 09.Jul.03, 12:04      Alterspsychose / Schizophrenie - Hilfe für Angehörige Antworten mit ZitatNach oben

Hallo zusammen!
Bin sooooo froh, dass ich Eure Seite gefunden habe!
Und ich bin noch viel glücklicher darüber, dass sie unglaublich stark frequentiert wird. Das bedeutet für mich als Angehörige, es gibt sooo viel mehr Menschen, die unter Psychosen / Schizophrenie erkrankt sind, als ich dachte, und es gibt eine Plattform, auf der man sich austauschen, anvertrauen oder um Hilfe bitten kann.
Dafür herzlichen Dank.
Dank auf für Eure tollen Beiträge und Hilfestellungen. Mich beruhigt das ungemein.
Der Grund, weshalb ich mich auch auf diese Plattform eintrage ist folgender:
Vielleicht hat jemand einen guten Rat, den ich dringend brauchen könnte, denn es ist unglaublich schwierig für mich, als frisch konfrontiertes Familienmitglied mit dem Thema Psychose / Schizophrenie umzugehen. Seit ca. 4 Wochen ist meine Mutter an Alters-Psychose / Schizophrenie erkrankt, die Ärzte tun sich sehr schwer mit der genauen Diagnose und lassen uns Angehörige sehr im Ungewissen. Tips und Hilfestellungen fehlen ganz.
Meine Mutter hat panische Angst in ihrer Wohnung zu bleiben, denn sie vermutet eine Art Geheimdienst im Speicher über ihrer Wohnung. Dieser hört sie ab, sieht genau, was sie in der Wohnung macht und will sie auch noch überfallen und ausrauben. Da sie sich aufgrund dessen eingesperrt hat, sah der Geheimdienst nur noch die Möglichkeit, das Haus anzuzünden, um in die Wohnung zu gelangen und Geld und Schmuck zu entwenden und sie umzubringen.
Dies alles geschah nachts um 2 Uhr und meine Mutter fing an, das Haus zu löschen. Die Nachbarn haben toll reagiert und haben sofort meine Schwester benachrichtigt, die in der Nachbarschaft lebt. Es war die Hölle, meine Mutter war völlig verängstig, hatte einen anderen Gesichtsausdruck und es ging ihr grausam schlecht. Seither lebt sie bei meiner Schwester. Ganz nebenbei: es gastiert auch ein Zirkus mit Artisten und Karussels im Baum vor ihrem Haus.
Die erste Reaktion des Arztes war: das sei alterstypisch und völlig normal.
Nun endlich haben wir einen Neurologen gefunden, der ihr Medikamente verschrieben hat und uns mitteilte, dass dies eine Altersdepression /Schizophrenie sei, verbunden mit Parkinson.
Nichts desto Trotz: Meine Mutti hat panische Angst vor ihrer Wohnung, möchte aber auch nicht bei meiner Schwester bleiben, denn sie fühlt sich als Störenfried, wenn sie wieder in der „Realität“ ist. Für meine Schwester (inkl. Familie) bedeutet dies, dass in keinster Weise mehr ein Privatleben stattfindet, da meine Mutter in jedem einen Mittäter des Geheimdienstes vermutet. Sie nehmen meine Mutter aus dem Grund zu nötigen Terminen mit, oder bleiben nun auch oft zu Hause. Meine Schwester ist also ihr Beschützer.
Letztes Wochenende habe ich dann versucht, auf den Wunsch meiner Mutter hin, mit ihr in ihrer Wohnung zu übernachten und wieder ein Stück „Normalität“ in ihr Leben zu bringen und zu testen, ob aufgrund der neuen Medikamente wieder ein einigermaßen eigenständiges Leben für sie möglich ist.
Der Freitag lief gut, es war fast wie früher, nur sehr viel langsamer. Die Nacht war etwas unruhig, da sie 5 x aufgestanden ist, um zu hören, ob der Geheimdienst noch da ist. Er war weg. Am Samstag war sie sehr erschöpft, die Nacht drauf war wieder unruhig, denn sie war wieder 5x auf, weil sie dachte, sie müsse mich (!!!) beschützen und hören, ob jemand käme....es kam niemand, sie waren alle weg. Der Sonntag war ganz ok. Jedoch gegen Abend kamen die Stimmen wieder, diesmal übers Radio (es war aus) und über die Wasserleitungen.
Es war klar, das Projekt „zurück in den Alltag“ war aufs Erste gescheitert und meine Mami war sehr geknickt. Sie glaubt, dass sie nie wieder eigenständig leben kann. Wir Kinder sind alle noch halb im Schockzustand und unendlich traurig und hilflos.
Wer kann mir einen Tip geben? WAAS TUN? Wie wird es weitergehen? Wie wird die Krankheit wohl verlaufen? Glaubt Ihr, dass sie irgendwann wieder in ihre Wohnung zurück kann, hat jemand Erfahrungen in dem Bereich ? Wie kann ich wohl aktiv mithelfen? Noch ist sie am Anfang der Medikamenten-Therapie. Werden die Medikamente auf Dauer helfen? Ist eine Gesprächs-Therapie nützlich? Ich freue mich auf jede Antwort von Leuten, die hier schon Erfahrungen gesammelt haben. DANKE!!
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carrier82
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Beitrag Do, 10.Jul.03, 12:09      Antworten mit ZitatNach oben

Hallo Marla,
erst einmal Hallo und schön, dass du diese Seite gefunden hast- hier gibt es viele hilfreiche Anregungen zum Thema Psychose/ Schizophrenie.
Du hast ja recht ausführlich geschildert, wie es um deine Mutter bestellt ist. Stimmen hören, Geheimdienst etc. sind deutliche Symptome einer akuten Phase dieser Erkrankung.
Es war richtig, mit ihr zum Arzt zu gehen, denn nur eine medikamentöse Behandlung und meistens Therapie können eine Verbesserung ihres Befindens erzielen.
Die Einstellung auf die Neuroleptika dauert in der Regel bis zu vier Wochen, denn es muss erst ein bestimmter Pegel im Blut vorhanden sein, bis die Wirkung dauerhaft eintritt.
Der Verlauf einer Psychose ist nur schwierig einzuschätzen, da es erstens mehrere unterschiedliche Arten der Psychose gibt( etwa manisch- depressive, paranoide...) und zweitens jeder Patient ein individuelles Erleben der Krankheit hat.
Anfangs wird versucht, die Psychose ambulant zu behandeln. So geschehen bei deiner Mutter, die ihre Medikamente zu Hause einnimmt. Stellt sich eine Besserung ein, dann ist gut. Andernfalls kann eine stationäre oder tagesklinische Behandlung notwendig werden, was bedeutet, dass sie über mehrere Monate unter AUfsicht und per Therapieprogramm behandelt wird.
Ob sie danach wieder in ihre Wohnung zurück kann, hängt vom Verlauf der Psychose ab. Generell teilt man sie in drei mögliche Verläufe ein:
1. DIe Psychose ist einmalig.
2. Es treten in zeitlichen Abständen immer wieder psychotische Phasen auf.
3. Dauerhaft psychotisches Erleben.
Welchen Verlauf die Erkrankung nehmen wird, lässt sich erst in einiger Zeit diagnostizieren.

Zur Frage, wie man als Außenstehender helfen kann, ist folgendes zu sagen: Die Situatin ist natürlich neu und angsteinflößend. Eine geliebte Person wird auf einmal paranoid, fühlt sich verfolgt, lebt in ihrer eigenen Welt. Man sollte versuchen, sich alles, was sich in dieser Zeit abspielt, nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, denn es ist ziemlich zermürbend. Sei für deine Mutter da, wenn du Zeit hast, kümmere dich um sie, indem du mit ihr zu Ärzten fährst oder mit ihr spazieren gehst. Auf keinen Fall solltest du explizit anzweifeln, was sie sagt. Für sie sind die Agenten REAL und von der Wirklichkeit nicht zu unterscheiden. Höre ihr zu und versuch sie abzulenken. Beschäftige sie.
Ansonsten kann ich dir nur alles Liebe wünschen und hoffen, dass das alles so bald wie möglich vorbei ist.

LG
c.82
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Marla
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Beitrag Do, 10.Jul.03, 17:00      Antworten mit ZitatNach oben

Hallo carrier82
Hab ganz lieben Dank für deine ausführliche Antwort! Du ahnst nicht, wie froh ich bin, diese Seite und somit ein richtiges Juwel wie dich gefunden zu haben.
Deine Antwort war Balsam auf meine Seele! Nun gibt es doch endlich einen groben Umriss von dem, was noch alles auf uns zukommen kann. Die Unwissenheit über den möglichen Krankheitsverlauf zermürbt mindestens genauso, wie die Symptome der Krankheit selbst. Es ist schwierig, alles auf einmal zu ordnen und zu verarbeiten und zu deuten. Momentan sind wir bemüht, mehr über die Krankeheit zu erfahren. Keiner der Ärzte hat uns das so in dieser Deutlichkeit gesagt wie du. DANKE dafür. Die Docs legen an und für sich mehr Wert auf die Medikation.
Mich haben deine Aussagen sehr beruhigt in Bezug auf die Dinge, die wir Kinder für sie tun können. Wir waren uns sooo unsicher, ob wir das Richtige machen, wenn sie vom Geheimdienst und den Stimmen erzählt. Nun bin ich wirklich froh darüber, instinktiv richtig gehandelt zu haben.
Wir werden ganz, ganz feste dran bleiben und auch weiter immer kreativer werden, was die Freizeitgestaltung angeht, denn meine Mutter hatte vergangenes Jahr 3 Augenoperationen und sieht seit ca. 6 Monaten so gut wie nichts mehr! (Ihre schönen Hobbies, heul!) Sie hört auch leider nicht mehr gut, um es genauer zu sagen, sie hört fast gar nichts mehr. (Das muss dann so sein, als würdest du in einem schwarzen Loch sitzen. Keinerlei Reize mehr, oder?).
Übrigens: Neulich war eine sehr seltsame Situation. Meine Mutter erzählte ganz klar, dass sie sich gerade vorkomme wie eine Märchenerzählerin. Sie sei Autorin eines Buches und schreibe eine komische Geschichte, denn sie wisse ja genau, dass es weder Geheimdienste bei ihr gebe, noch Wasserleitungen oder Radios, mit denen man Wohnungen abhören kann. In dem Moment schöpfst du Hoffnung und denkst, puuuh, nun ist alles vorbei. 2 Minuten später erzählt sie Details vom Geheimdienst, vermischt mit Kriegserlebnissen.
Liebe carrier, danke für deine Mut machende Antwort. Es tut sooo gut, von WISSENDEN Menschen umgeben zu sein. Ich kann dir gar nicht beschreiben, welch haarsträubende Tips ich schon von Bekannten oder Kollegen bekommen habe. Ich glaube, das Wort Altersheim habe ich in den letzten 3, 4 Wochen am häufigsten gehört.
Nochmals herzlichen Dank für deine wertvolle Antwort. Ich drück dich. DANKE!
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carrier82
Helferlein
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Beitrag Fr, 11.Jul.03, 11:41      Antworten mit ZitatNach oben

Eine sehr kompetente und ausführliche Hilfe kann dir auch folgendes Buch vermitteln:

PSYCHOSEN AUS DEN SCHIZOPHRENEN FORMENKREIS (AUtor hab ich grad nicht zur Hand)

Einfach bei google.de oder einem Internetbuchanbieter eingeben oder in Bücherei nachfragen.

Hat mir und Angehörigen sehr weitergeholfen.

Lg
c.82
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