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Jan 22
Willkommen! Abonnieren Sie den Psychotherapie-Blog RSS-Feed, um über die neuesten Artikel informiert zu werden. Danke für Ihren Besuch. Ich habe im Laufe der Zeit Kennziffern zum Thema “Suizid” zusammengetragen – hier finden Sie eine Kompendium davon, gewissermaßen eine Übersicht über die derzeit bekannten Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Thema.
Häufigkeit
Nach Schätzungen stirbt jährlich eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht einem alle 40 Sekunden – tatsächlich dürfte diese Zahl aber sogar noch deutlich höher liegen, da die entsprechenden Ziffern in vielen Ländern offiziell zu niedrig angegeben werden. Der Suizid trägt folglich mit mindestens 1,5 Prozent zu den weltweiten Todesfällen bei und ist die zehnthäufigste Todesursache. 2006, dem letzen Jahr, für das Daten verfügbar sind, haben sich 140.000, d.s. 11,1 von 100.000 Menschen, das Leben genommen. Am gefährdesten sind Menschen unter 25 Jahren, bei denen sich keine Änderung ergeben hat, und ältere Menschen, bei denen ein deutlicher Rückgang der Suizide zu beobachten ist.
 Trends in einigen OECD-Ländern, Bild: OECD
Zur Regionalität: innerhalb Europas liegen die Raten in den nördlichen Ländern generell etwas höher als in den südlichen. Ein Effekt des Breitengrads auf die Suizidrate konnte in Japan festgestellt werden, was auf einen Einfluss der täglichen Sonnenscheindauer schließen lässt. Dennoch können andere Länder auf den in Japan verglichenen Breitengraden deutlich unterschiedliche Suizidraten haben, etwa Großbritannien oder Ungarn. Suizid ist ein erhebliches Problem in den vormaligen Staaten der Sowjetunion, und mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide ereignen sich in China, wo 3,6 Prozent aller Todesfälle auf Selbsttötung beruhen.
Besonders deutlich sind die Suizidraten in jüngster Zeit in Südkorea angestiegen: nämlich um 172% auf 21,5 von 100.000. Die Zahl der Selbsttötungen von Männern hat sich seit 1990 von 12 auf 100.000 fast verdreifacht und beträgt nun 32 auf 100.000. Mit 13 von 100.000 liegt die Selbstmordrate auch bei den Frauen am höchsten. Die OECD führt den Anstieg der Selbstmorde auf den wirtschaftlichen Niedergang, die schwindende soziale Integration und die Auflösung der traditionellen Familienbindungen zurück. Ob das allerdings Südkorea, Mexiko (+43%), Japan (+32%)und Portugal (+9%), die ebenfalls eine Zunahme der Selbstmordrate verzeichnen, gegenüber den anderen Ländern wirklich auszeichnet, darf bezweifelt werden. In Ungarn ist die Selbstmordrate zwar um 41 Prozent zurückgegangen, aber das Land liegt mit 21 auf 100.000 Selbstmorden dennoch an zweiter Stelle nach Südkorea. Auch Finnland hat mit 18 eine überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate, gefolgt von Frankreich (14,2), der Schweiz (14), Polen (13,2) und Österreich (12,6; 27/100000 bei Männern, 10/100000 bei Frauen). Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde gegenüber 1990 um 37 Prozent gesunken ist, liegt mit 9,1 im unteren Drittel. Abgesehen von Großbritannien (6,1) und Mexiko (3,1) scheint die Lage am Mittelmeer den Menschen gut zu tun. In Spanien (6,3) und Italien (4,8) bringen sich deutlich weniger Menschen um als in den übrigen OECD-Ländern. Und am wenigsten zieht es die Griechen in den Selbstmord. Hier töten sich nur 2,8 auf 100.000 selbst.
Noch einige Details zu Österreich: die Krisenintervention Salzburg (von anderen sind mir keine Daten bekannt) verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. Jährlich sterben in Österreich mehr Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wählten 1.551 den Freitod, darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern.
Weitere Gender-Details: in den Industrieländern beträgt das Geschlechterverhältnis bezüglich des Suizids etwa zwei bis vier (Männer) zu eins (Frauen) und scheint zuzunehmen. Asiatische Länder zeigen ein kleineres Verhältnis, aber auch dieses scheint anzusteigen. Nur in China sterben mehr Frauen als Männer durch Suizid.
Risikofaktoren für Suizid
Unter der Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben, gehören zu den wichtigsten derzeit bekannten:
- männliches Geschlecht (OECD: 17,6 von 100.000 Männern, 5,2 bei Frauen)
- frühere Selbstverletzungen
- psychiatrische Störungen und/oder
- Alkohol-/Medikamentenmissbrauch
- Erziehung
- Suiziddarstellungen in den Medien
- Rauchen
Genetik und Neurobiologie
Autopsien von Suizidopfern ergaben Änderungen der zentralen Neurotransmissionsfunktionen, beispielsweise des Serotonin-Systems (stimmungsregulierendes Hormon). Niedrige Cholesterinkonzentrationen sind mit höherem Suizidrisiko verknüpft, das Risiko ist jedoch größer, wenn der niedrigere Spiegel über Diäten anstatt Statinen erreicht wurde. Die Autoren vermuten, dass dies davon herrühren könnte, dass Diät haltende Menschen ein höheres Risiko für psychische Probleme hätten. Bislang jedoch lägen hierfür keine bekräftigenden Hinweise vor. Familiäre Vorgeschichten mit Selbsttötungen verdoppeln zumindest das Risiko für Mädchen und Frauen. Obwohl die Beweislage zwar dürftig ist, sind ein hohes Maß an aggressiven Verhaltensweisen wie auch Impulsivität mit einem erhöhten Suizidrisiko verknüpft. Suizidraten nehmen über die Jugendjahre hinweg insbesondere bei Jungen zu und ein Suizidrisiko aufgrund einer erblichen Komponente tritt vor allem auf mütterlicher Seite auf.
Berufsgruppen
Suizidraten sind unter Nichtbeschäftigten höher als bei Berufstätigen. Höhere Raten sind teils auch mit psychischen Erkrankungen verknüpft, welche wiederum mit Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht werden.
Unter den Berufstätigen dagegen zeigen einige Gruppen ein berufsbedingtes erhöhtes Risiko: praktische Ärzte haben in den meisten Ländern ein hohes Risiko, wobei jedoch Ärztinnen generell das höchste Risiko aufweisen. Krankenschwestern wird ebenfalls ein hohes Risiko zugeordnet. In diesen beiden Berufsgruppen scheint der Zugang zu Giften ein wichtiger Faktor zu sein, der die hohen Raten bestimmt. Unter den Ärzten gelten Anästhesisten als besonders gefährdet, denn für viele Suizide werden betäubende Medikamente verwendet. Mehrere andere Gruppen mit berufsbedingtem Hochrisiko (insbesondere Zahnärzte, Apotheker, Tierärzte und Landwirte) haben ebenfalls leichten Zugang zu den Suizid erleichternden Giften und Medikamenten.
Altersgruppen und ethnische Zugehörigkeit
Suizidraten liegen in den meisten Ländern unter den älteren Menschen am höchsten, in den letzten 50 Jahren jedoch sind auch die Raten unter der jüngeren Bevölkerung gestiegen, insbesondere bei Männern. Suizide werden am häufigsten im Frühling verübt, auch da besonders unter Männern. Im Frühling oder Frühsommer Geborene, hier besonders Frauen, haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Amerikaner europäischer Herkunft haben höhere Suizidraten als Amerikaner lateinamerikanischen oder afrikanischen Ursprungs, wobei sich dieser Unterschied auf Grund der gestiegenen Suizidrate unter jungen Afroamerikanern langsam nivelliert. Indigene Gruppen, wie beispielsweise Aborigines in Australien und Ureinwohner Nordamerikas, haben ebenfalls höhere Suizidraten, möglicherweise auf Grund kulturell-gesellschaftlicher Ausgrenzung und stärkerem Alkoholmissbrauch.
Suizidmethoden
Ganz generell bevorzugen Männer eher gewalttätige Mittel der Selbsttötung (zum Beispiel durch Hängen oder Erschießen), Frauen weniger gewaltsame Formen (Selbstvergiftung), was vermutlich die Erklärung für den starken Unterschied erfolgter Suizide zwischen Männern und Frauen (siehe oben) und den Suizidversuchen sind, die bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig erfolgen. Verschiedene Bevölkerungen wenden unterschiedliche Methoden an, insbesondere in Südasien verbrennen sich Frauen üblicherweise selbst. Der Zugang zu spezifischen Methoden könnte der Faktor sein, der zur Umsetzung der Suizidgedanken in die Tat führt. In den USA werden bei den meisten Suiziden Schusswaffen verwendet, wobei das Risiko der Anwendung dort am höchsten ist, wo Schusswaffen in Haushalten vorzufinden sind. In den ländlichen Gebieten vieler Entwicklungsländer ist das Verschlucken von Pestiziden die häufigste Methode, was die Giftigkeit, die leichte Verfügbarkeit und die mangelhafte Lagerung wiederspiegelt. Bis zu 30 Prozent der weltweiten Suizide beruhen auf dem Verschlucken von Pestiziden.
Komorbiditäten und Zusammenhänge mit psychischen Störungen
Psychische Probleme sind ein wesentlicher Faktor bei Selbsttötungen. Von etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, wird angenommen, dass sie an einer Art psychiatrischer Störung litten. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid. Klinische Anzeichen einer Selbsttötung bei Depressionskranken beinhalten frühere Selbstverletzungen, Hoffnungslosigkeit und suizidale Tendenzen. Etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung sterben durch Suizid, wobei das Risiko zu Beginn der Erkrankung am höchsten ist. Etwa 5 Prozent der Schizophreniekranken sterben ebenfalls durch Suizid. Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklärt zum Teil, warum das Risiko bei Frauen nach brustvergrößernden Operationen zunimmt.
Die Gesundheit spielt ebenso eine Rolle, jedoch mit einigen seltsamen Ergebnissen. Überraschenderweise weisen Menschen mit erhöhtem Body-Mass-Index BMI ein zwar stärkeres Depressionsrisiko auf, dennoch liegt bei ihnen das Suizidrisiko niedriger (15 Prozent Rückgang im Suizidrisiko pro 5 Kilogramm Zunahme pro Quadratmeter Körperoberfläche beim BMI). Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Krebserkrankungen, insbesondere des Kopfes und des Halses, HIV/AIDS, Multiple Sklerose, Epilepsie und eine Reihe anderer Erkrankungen steigern das Suizidrisiko ebenfalls.
Andere Faktoren, die das Suizidrisiko steigern, umfassen körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch über die Kindheit hinweg, die gesamte Bevölkerung betreffende Ereignisse wie Naturkatastrophen und den Tod von Prominenten. Nach dem Tod der Prinzessin von Wales, Diana, im Jahr 1997, stiegen die Suizidraten um 17 Prozent an, am deutlichsten in ihrer eigenen Altersgruppe. Kriegsgeschehen verringert die Suizidraten, möglicherweise auf Grund des sozialen Zusammenhalts, der in den Gemeinschaften erzeugt wird. Menschen, die durch Suizid einen Verlust erlitten haben, stehen selbst unter erhöhtem Risiko, und Suizidhäufungen können in Gemeinschaften oder durch Internet-Kontakte auftreten. Die Autoren fügen hinzu: “Ein erheblicher Anteil der Hinweise zeigt, dass bestimmte Medientypen, die über suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, in der allgemeinen Bevölkerung Suizidverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können.”
Jüngste Untersuchungen zeigen brisanterweise auch, daß Antidepressiva selbst gerade bei Jugendlichen, aber auch z.T. bei Erwachsenen Suizidgedanken induzieren können. Dazu konnten Sie hier im Blog schon früher einige Artikel finden, z.B. Suizidrisiko bei Jugendlichen unter Antidepressiva deutlich höher als bei Älteren oder unter dem Tag “Suizid“.
(Quellen: Health at a Glance 2009: OECD Indicators, MedAustria)
Suizid und SVV (Selbstverletzung)
Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, bestätigen Fartcek und Pausch unisono. Die Ursachen dafür liegen häufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frühen Kindesalter. “Das Gehirn weist eine hohe Plastizität auf und ist durch äußere Einflüsse sehr veränderbar”, erläuterte der Primar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren für spätere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufügen. Das Ausdrücken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.
Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund für die immer früher auftretenden Depressionen nennen Experten die frühere Pubertät und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es für Jugendliche viel leichter, eine Krise zu überwinden.
Wie können Suizide verhindert werden?
Der Anspruch, Suizide verhindern zu können, wäre ein schwierig zu erfüllender, da eine große Zahl von Faktoren beteiligt ist, bis es tatsächlich zu Suizidversuchen kommt. Strategien könnten auf Hochrisikogruppen abzielen oder versuchen, das Risiko der Bevölkerung als Ganzes zu verringern. Zum einen sollte jede Person mit Depressionen auch auf ein Suizidrisiko hin untersucht werden, indem spezifisch nach Selbsttötungsgedanken und –plänen gefragt wird. Insofern ist speziell auch die einschlägige Ausbildung und Vorgangsweise von Ärzten wichtig: Studien aus den nordeuropäischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20 bis 30%, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.
In Fällen hohen oder unmittelbar bevorstehenden Suizidrisikos sind sofortige Maßnahmen notwendig, darunter Wachsamkeit und Überwachung der Betroffenen, gegebenenfalls durch Krankenhauseinweisung. Außerdem müssen potenzielle Methoden zum Suizid entfernt und eine energische Behandlung der verknüpften psychiatrischen Störung eingeleitet werden.
Auch eine Veränderung des allgemeinen Zugangs zu gefährlichen Methoden und Mitteln kann zur Verhinderung von Suiziden beitragen. Die Einführung von Sicherheitsgittern auf Brücken und verstärkte Kontrolle auf Schusswaffen, wie auch die sicherere Lagerung von Pestiziden und Giften, insbesondere in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer können die Risiken deutlich senken. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle der Medien, die von Suiziden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben. Wer einwenden mag, daß Suizidwillige in jedem Fall Mittel und Wege finden würden, ihr Ziel umzusetzen, mag überrascht sein, daß z.B. bei der Umstellung vom giftigen Leuchtgas auf das ungiftige Nordseegas in England dort die Selbsttötungen drastisch zurückgingen, während z.B. in Japan nach dem Erscheinen zweier Filme, welche das Thema Suizid romantisch-idealisiert behandelten, die entsprechenden Ziffern signifikant anstiegen. Helsinki hatte in den 90er Jahren die weltweit höchste Suizidrate und konnte diese durch Präventionsprogramme auf 18 pro 100.000 senken.
Und weil im Internet neben Selbstmordforen Ratschläge und Hinweise für das Begehen von Suizid angeboten, teils wie in Japan online auch Vereinbarungen getroffen werden, kollektiv Selbstmord zu begehen, will die Regierung Südkoreas (das jüngst den weltweit stärksten Anstieg von Suiziden verzeichnen mußte, siehe oben) zur Prävention u.a. auch Internet-Sperren einführen. Erschwert werden soll die Suche nach Informationen auf Internetportalen über Selbstmord, ebenso sollen bestimmte Suchbegriffe wie Selbstmord, ‘wie kann ich sterben’, ‘kollektiver Selbstmord’, Selbstmordtechniken etc. gesperrt werden. Zudem soll die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass die Polizei die persönlichen Daten der Benutzer von Internetprovidern anfordern kann, die Selbstmord anpreisen oder Selbstmordwilligen Rat anbieten wollen. So sollen Informationen über Selbstmord gelöscht werden, man will in diesem Zusammenhang auch gegen Betreiber von Intercafes vorgehen.
Die Herausforderungen, Suizide in den Entwicklungsländern zu verhindern, erfordern besondere Aufmerksamkeit, da die meiste Forschung zwar in den Industrieländern erfolgt, die höchste Suizidrate jedoch in den Entwicklungsländern zu finden ist. Auch wird von einschlägig Forschenden auch eine jüngere Metaanalyse randomisierter Studien diskutiert, die vermuten lässt, dass das Risiko für Tod und Suizid bei Lithium nehmenden Personen mit Störungen der Stimmungslage um 60 Prozent verringert wurde.
Behandlung von Depression
Dass psychologische Betreuung in vielen Fällen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter schweren Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Ich habe zu diesem Thema einen ausführlichen Artikel im Publikationsbereich meiner Website verfaßt (siehe auch Linkverweis ganz unten), der spezifisch die aktuellen Behandlungsformen von Depressionen beschreibt und kommentiert.
(weitere Quellen: APA, AZ, Der Standard 03.06.04, The Lancet Vol. 373, Issue 9672, p.1372-1381, 18 April 2009, Telepolis [1], s.a. obige Quellenhinweise)
Noch mehr Informationen:
Artikel “Depression – Mythen und Fakten um eine Zeitkrankheit”
weitere Blog-Einträge zum Thema Suizid 
Diskussion des Artikels im Psychotherapie-Forum (derzeit 1 Antwort):
(Klicken Sie hier, um den Eintrag im Psychotherapie-Forum zu diskutieren)
Abgelegt unter: Psy-Pressespiegel von r.l.fellner
Tags: ADHS, ADS, Alkohol-Abusus, Alkoholismus, Anorexie, Antidepressiva, bipolare störung, BMI, Depression, Dysmorphophobie, Epilepsie, Genetik, Internet, Krieg, Magersucht, Missbrauch, Neurobiologie, Neuroplastizität, Nikotinabusus, Psychiatrie, Psychosen, Psychotherapie, Selbstverletzung, Suizid, SVV
Jan 20
Laut internen Statistiken der italienischen Gesellschaft zur Bekämpfung der Suchtkrankheiten (SIIPAC) ist im vergangenen Jahrzehnt die Zahl der einkaufssüchtigen ItalienerInnen um zehn Prozent gewachsen und betrifft heute in Italien ca. 5% der erwachsenen Bevölkerung.
85 Prozent der “Shopaholics” seien Frauen, doch in den vergangenen Jahren habe auch die Zahl der betroffenen Männer stark zugenommen. “An Shopping-Manie leiden normale Menschen, die meist zwischen 35 und 40 Jahren sind. Einige sind sogar zu illegalem Verhalten bereit, um sich das Geld zum Einkaufen neuer Dinge zu verschaffen”, so C. Guerreschi, Präsident der Gesellschaft.
In einem Interview mit dem Magazin “Girl” hat Victoria Beckham offen ihr zwanghaftes Einkaufen zugegeben: “Zu Weihnachten habe ich zu viel ausgegeben. Konsum ist wie eine Droge. Je mehr man hat, desto mehr wünscht man sich. Wenn ich in Mailand bin, kann ich der Versuchung nicht widerstehen. All diese Waren in den wunderschönen Boutiquen rufen mir zu: ‘Kauf mich, bitte kauf mich”, erklärte sie. Zur Entschuldigung meinte sie: “Shopping hilft der Wirtschaft in dieser Krisensituation.”
Beckham liegt offenbar im Trend, denn viele Betroffenen kaufen aus Frust, Mangel an sozialen Kontakten oder Depression ein. Nur selten werden die gekauften Kleider, elektronischen Artikel oder Accessoires wirklich benötigt, sondern bleiben meist ungenutzt in den Schränken liegen. Ein Problem erkennen die meisten erst dann, wenn sie sich wegen ihrer Sucht verschulden.
Die “Shopping-Manie” wird in Italien wie auch die Spielsucht bereits als Krankheit behandelt. “Oft werden Patienten von ihren Angehörigen zu uns gebracht, nachdem sie die Familie finanziell an den Rand des Bankrotts getrieben haben”, so ein Psychologe der Organisation. “Die tiefe Ursache ist Depression, die zum Zwang führt, mit Materiellem die innere Leere zu füllen. Hinter der Sucht stehen auch Angst und Flucht vor der Verantwortung”, so der Psychologe. 
Jan 20
Frauen mit Magersucht (Anorexia Nervosa) weisen eine deutlich reduzierte Dichte grauer Zellen in bestimmten Bereichen des Gehirns auf, die mit der Verarbeitung von Körperbildern zu tun haben.
Dieses Ergebnis brachten Untersuchungen magersüchtiger und gesunder Frauen, deren Selbsteinschätzungen Forscher der Ruhr-Universität Bochum mit den Analysen von Kernspintomografen verglichen, zutage. Nicht nur war bei anorektischen Patientinnen das gesamte Volumen des Gehirns verringert, sondern es fielen in zwei Regionen des Gehirns besonders starke Verringerungen der grauen Zellen auf: die eine Region wurde vor einigen Jahren als diejenige identifiziert, die vorrangig für die visuelle Verarbeitung von menschlichen Körpern zuständig ist (Extrastriate Body Area, EBA), die zweite Region mit verminderter Dichte grauer Substanz befand sich im oberen, hinteren Teil des Schläfenlappen – und auch diese Gehirnregion wird mit der Verarbeitung von Körperbildern in Verbindung gebracht.
Nicht sicher sind die Forscher derzeit noch, ob es sich bei den Auffälligkeiten des Gehirns um eine Prädisposition handelt, die die Entstehung einer Essstörung begünstigt, oder um Veränderungen, die erst durch die Krankheit auftreten. Die Auffälligkeiten im Gehirn könnten jedoch das Zustandekommen der gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers bei Frauen mit Essstörungen erklären: die Patientinnen nehmen sich selbst als dick wahr, obwohl sie objektiv untergewichtig sind – ein aufrechterhaltender Faktor für die Essstörung.
Aus psychotherapeutischer Sicht ist zu sagen, daß eine Einschränkung des wissenschaftlichen Suchfokus auf ein simples “Entweder – Oder” vermutlich nur teilweise sinnvoll nutzbare Ergebnisse zutage fördern dürfte. Die Erfolge von Psychotherapie in der Behandlung von Eßstörungen zeigen ja gerade, daß die betreffenden Hirnveränderungen offensichtlich nicht irreversibel sein dürften oder zumindest nicht zwangsläufig lebenslang zur Anorexie verurteilen. Forschungen rund um das Phänomen der Neuroplastizität unterstützen die Hinweise auf derartige Wechselwirkungen (siehe auch mein Artikel zur Behandlung der Depression).
(Quelle: Behavioral Brain Research Vol 206, Issue 1, 5 Jan 2010, pg 63-67 (doi: 10.1016/j.bbr.2009.08.035)) 
Jan 20
Nach einer Analyse der Daten von 2.755 männlichen Angestellten, welche zu Beginn einer kürzlich abgeschlossenen Studie des Stressforskningsinstitutet der Universität Stockholm noch keinen Herzanfall erlitten hatten, zeigte sich zumindest für Männer eine Assoziation zwischen “unterdrückter Bewältigung” infolge einer unfair gefühlten Behandlung und gesteigertem kardialem Risiko.
Für die Untersuchung wurden die verschiedenen Strategien, Dinge für sich zu behalten, als unterdrückte Bewältigung definiert. Die Teilnehmer wurden gefragt, welche Strategien sie anwendeten: Ereignisse vorbeigehen zu lassen ohne etwas zu sagen, aus einem Konflikt einfach auszusteigen, Symptome wie Kopf- oder Magenschmerzen zu haben oder zu Hause schlechter Laune zu sein. Faktoren wie Rauchen, Alkohol, körperliche Aktivität, Bildung, Diabetes, Anforderungen im Beruf und Entscheidungsfreiheit wurden berücksichtigt, Blutdruck, BMI und Cholesterinwerte gemessen. Die Männer waren zu Beginn der Studie in den Jahren 1992 bis 1995 durchschnittlich 41 Jahre alt. Informationen über einen Myokardinfarkt oder Tod aufgrund eines Herzanfalls bis zum Jahr 2003 wurden aus den nationalen Datenbanken zu Krankenhausaufenthalten und Todesfällen entnommen.
Bis 2003 hatten 47 der 2.755 Männer einen Myokardinfarkt oder starben an einer Herzerkrankung. Jene, die häufig oder oft einfach einem Konflikt auswichen oder nichts sagten, verfügten über ein doppelt so hohes Herzrisiko als jene Männer, die sich unangenehmen Situationen stellen und versuchten sie zu lösen (2,29 [95% CI 1,00-5,29]). Kopf- und Magenschmerzen oder schlechte Laune zu Hause erhöhten das Risiko nicht.
(Quellen: J Epidemiol Community Health; 2009, Nov 24; MedAustria) 
Jan 20
Laut einer kürzlich publizierten Studie könnte Schlafmangel zumindest bei Jugendlichen zu Depressionen und Suizidgedanken führen. Wissenschafter der Columbia University in New York und Kollegen analysierten Daten von über 15.000 Schülern der 7.-12. Schulstufe, wonach für Jugendliche, die von ihren Eltern erst nach Mitternacht oder später zu Bett geschickt wurden, im Vergleich zu jenen, die vor 10 Uhr abends zu Bett gingen, ein um 24 Prozent höheres Depressionsrisiko errechnet werden konnte (OR=1,24; 95% CI 1,04-1,49). Die Rate an Probanden mit Suizidgedanken war bei den Spät-Schlafengehern um 20 Prozent gesteigert (OR=1,20; 95% CI 1,01-1,41).
Schlafmangel bei Jugendlichen stellt demnach offenbar einen Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen dar. Ausreichend guter Schlaf dagegen könnte als Präventivmaßnahme oder Therapie-unterstützend bei Depressionen eingesetzt werden.
Forschungsergebnisse gab es darüber hinaus auch zum Thema Schlafentzug: offenbar ist es nicht möglich, zu wenig Schlaf z.B. am Wochenende nachzuholen. Forscher am Bostoner Brigham and Women’s Hospital berichteten im Journal ‘Science Translational Medicine’, dass Schlafmangel über einen längeren Zeitraum Konzentration und Leistungsfähigkeit einschränkt. Das sei ein Hinweis darauf, dass Menschen mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten besonders anfällig für Fehler sind, auch wenn sie versuchen, den verlorenen Schlaf zu kompensieren.
Die US-Forscher untersuchten dazu acht Jugendliche ohne Schlafstörungen, die über einen Zeitraum von drei Wochen jeweils 30 Stunden ohne Unterbrechung wach blieben und anschließend zehn Stunden schliefen, was in etwa mit den Arbeitszeiten von Ärzten, die nach einer Nacht mit Abrufbereitschaft gelegentlich 33 Stunden wach sind und dann zehn Stunden schlafen, vergleichbar ist. Dann folgten Aufmerksamkeits- und Reaktionstests, deren Ergebnisse mit denen einer Kontrollgruppe mit regelmäßigen Schlafrhythmen verglichen wurden. Beide Gruppen schnitten über den gesamten Versuchszeitraum gleich ab, wenn der Test zwei Stunden nach dem Aufwachen durchgeführt wurde. Je länger der Versuch jedoch andauerte, desto deutlicher verschlechterten sich die Ergebnisse in Tests am Ende der Wachzeit. Lag die Reaktionsdauer in der ersten Woche bei 0,7 Sekunden, betrug sie in der dritten Woche mit 2,0 Sekunden bereits das dreifache. Wegen der geringen Anzahl an Probanden soll der Versuch nun in größeren Maßstab wiederholt werden.
Dass ausbleibender Schlaf gefährliche Wirkungen haben kann, zeigen bereits frühere Forschungen. “Nach 17 Stunden Wachzeit am Stück reagiert der Mensch so, wie wenn er 0,5 Promille Alkohol im Blut hätte, nach 24 Stunden sogar wie bei 1,0 bis 1,2 Promille. Dauert die Wachzeit deutlich länger, beginnen Halluzinationen“, erklärt M. Walzl, Neurologe und Psychiater der Landesnervenklinik Graz. Chronischer Schlafmangel sei ein Merkmal der heutigen Zeit: “Seit 100 Jahren schon schlafen wir um zwei Stunden pro Tag zu kurz, derzeit durchschnittlich 6,5 bis 6,8 Stunden”, extrem sei dies bei Kindern und Jugendlichen zu beoachten: “Viele überbrücken das Nicht-einschlafen-können mit Fernsehen oder Videospielen, haben dann massive Alpträume und zeigen am nächsten Tag arge Konzentrationsstörungen, Unruhe und Unaufmerksamkeit.” Im Berufsalltag seien besonders Schichtarbeiter von chronischem Schlafentzug betroffen. “Medizinisch wäre die Vorverlegung des Schichtsystems um zwei Stunden sinnvoll, auch sollte man am besten direkt vor der Nachtschicht schlafen”, rät Walzl. Sei es unvermeidbar, eine Nacht durchzuarbeiten, solle man zu Mitternacht ein kurzes Mittagsschläfchen machen. “Zwischen ein und drei Uhr morgen und auch zur selben Zeit nachmittags ist unsere Leistungskurve auf einem absoluten Minimum. 20 Minuten Schlaf zuvor können Wunder wirken”.
(Quellen: Der Standard, Sleep; 2010, 33: 97-106, “Uncovering Residual Effects of Chronic Sleep Loss on Human Performance” in: Science Translational Magazine Vol 2 Issue 14 (13 Jan 2010)) 
Dez 30
Im Psychotherapie – Diskussionsforum meiner Website verwies ein Diskussionsteilnehmer kürzlich auf ein Interview auf kath.net, in dem der Autor Manfred Lütz (welcher auch Facharzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie ist) mit folgenden Aussagen zitiert wird:
“Seelsorge ist viel mehr als Psychotherapie! Sie ist eine existenzielle Beziehung zwischen zwei Menschen. Dagegen ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient eine zweckgerichtete Beziehung auf Zeit für Geld. Doch den Sinn des Lebens gibt es nicht auf Zeit für Geld.
…
Lütz: [Der Seelsorger] darf von sich erzählen und er darf sagen: “Ich bete für dich, vertrau auf Jesus Christus!” – er darf also über die wirklich wichtigen Dinge reden.
kath.net: Sie dürfen das nicht?
Lütz: Nein!
kath.net: Warum nicht?
Lütz: Weil dann die Gefahr besteht, dass ich einen Menschen manipuliere. Wenn ich einem Menschen mit den Methoden der Wissenschaft aus der Depression geholfen habe, dann habe ich für ihn natürlich eine hohe Autorität.
Und wenn ich diese Autorität dazu missbrauche, diesem Menschen den Glauben aufzunötigen, dann trete ich ihm zu nahe. Die Glaubensentscheidung ist eine freie Entscheidung. Es ist mir wichtig, dass es an unserem Krankenhaus gute Seelsorger gibt, die die Patienten existenziell begleiten. Und wer eine schwere psychische Krise überwunden hat, der stellt sich oft tiefere Fragen als die oberflächlich plätschernden unheilbar Normalen.
…
Provozierend gesagt: Der Seelsorger kann echt sein, während ich als Therapeut letztlich künstlich bin, da ich in der Therapie methodisch mit Menschen rede.”
Ich habe das Interview auch abseits der zitierten Textpassagen gelesen, und so interessant manche der dort vertretenen Gedanken zu lesen waren, so unbehaglich fühlte ich mich beim Lesen anderer – u.a. bei den oben zitierten, speziell auch was seine (immerhin als prominenter Facharzt geäußerten) hemdsärmeligen “Krankheits”-Definitionen sowie sein Verständnis von “Echtheit” (was auch immer er in diesem Kontext damit meinen mag) im Feld psychosozialer Beratung und Therapie betrifft. Zumindest für mich möchte ich bitteschön in Anspruch nehmen, ebenfalls “echt” zu sein, wenn ich mit Klientinnen und Klienten spreche. Zur in Nebensätzen mitvermittelten Botschaft, daß kirchliche Instutionen ohne Gegenleistung (gewissermaßen selbstlos) agieren würden und nur am “ewigen” Wohl ihrer Klientel interessiert wären, kann bei mit der aktuellen und historischen Kirchengeschichte auch nur halbwegs Vertrauten nur Stirnrunzeln erzeugen.
Zur Fragestellung selbst: ich halte es für gut und wichtig, wenn gerade Menschen in einer Krisensituation wissen, was sie in einem Beratungs- oder Therapiekontext erwarten können.
Seelsorger, Mönche usw. können beraterisch äußerst gut ausgebildete und einfühlsame sowie hinsichtlich des Einflusses ihrer jeweiligen Religion sehr neutrale Helfer sein – das Problem ist lediglich, daß einem als Hilfesuchender das “package“, das ihn bei der jeweiligen Person erwartet, zunächst einmal ja unbekannt ist, wenn man sich ihr in einer extrem heiklen und verwundbaren Lebenslage anvertraut.
Bei Psychotherapie dagegen ist es so, daß das Setting und viele Grenzziehungen methodisch und gesetzlich recht klar abgesteckt sind – i.d.R. weiß man als Klient also, was einen dort erwartet.
Unrühmliche Ausnahmen (Seelsorger, die letztlich mehr oder weniger subtil indoktrinieren, oder aufgrund eigener psychischer Schwächen übergriffige Therapeuten) gibt es in beiden Bereichen.
Nun wage ich zu behaupten, daß bei den überwiegend meisten psychischen Störungen und Erkrankungen (im Sinne des ICD-10) Psychotherapie allein “durchaus gut” weiterhelfen kann – für den entsprechenden seelischen Heilungsprozess ist also keinerlei religiöser Glaube erforderlich (was Psychotherapie für Religionen übrigens immer schon zu einer natürlichen und potenziell gefährlichen Konkurrenz machte). Auf das lt. Lütz “wirklich Wichtige” (wofür? und für wen?), nämlich das zitierte “Ich bete für dich, vertrau auf Jesus Christus!” kann man insofern verzichten – solang es “nur” um psychische Heilung und Gesundung geht.
Anders verhält es sich, wenn man spirituellen (religiösen) Beistand auf der Basis der eigenen spirituellen (religiösen) Grundüberzeugungen sucht oder schlicht Zuspruch, menschliche Wärme. Da kann Seelsorge, wie ich meine, Großes leisten – etwas, auf das Menschen, die dasselbe im Grunde in einer Therapie suchen, verzichten müssen (und davon dann mitunter, wie man ja auch hier im Psychotherapie-Forum immer wieder lesen kann, enttäuscht sind). Der Seelsorger kann es sich aufgrund seiner weitgehend frei durch ihn selbst interpretierbaren Rolle leisten, Hilfesuchenden emotional und vielleicht auch körperlich sehr nahe zu kommen, ihnen auch nahezu Beliebiges z.B. über den Nutzen von Gebeten an Jesus Christus oder Schutzheilige zu erzählen – teils also auf eine Weise zu agieren, die für einen professionellen Psychotherapeuten einer Verletzung der Berufspflichten gleichkäme. Aus demselben Grunde sind mir, wie ich nicht müde werde, zu betonen, umgekehrt auch PsychotherapeutInnen suspekt, die die anerkannte Heilmethode Psychotherapie in der Praxis freizügigst (und unnötigerweise!) mit Esoterik oder Religion vermanschen.
Die Thematik halte ich für insgesamt sehr spannend – und für wichtig, da ich absolut von der Wichtigkeit klarer Rahmenbedingungen überzeugt bin. Unter den folgenden zwei Links finden sich weitere Überlegungen und Analysen zur Thematik – dieser Text befaßt sich mit Spiritualisierungstrends in der Psychotherapie und Therapeutisierungstrends in der christlichen Seelsorge, U. Rauchfleischs’ Buch “Wer sorgt für die Seele?: Grenzgänge zwischen Psychotherapie und Seelsorge” befaßt sich mit den Problemen und Fragestellungen, die ich oben angerissen habe, jedoch naturgemäß noch weitaus genauer, und versucht abzureißen, wie ein konstruktives Miteinander von Psychotherapie und Seelsorge aussehen kann.
In diesem Fall persönlich das “Therapeutenkäppi” tragend kann ich nur sagen, daß ich die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragestellungen im Leben für äußerst bereichernd und wichtig halte – insofern haben diese natürlich auch (ebenso wie z.B. Fragen der Sexualität) Raum in einer Psychotherapie zu bekommen, sofern TherapeutIn und KlientIn sich wohl damit fühlen, sich mit diesem Bereich gemeinsam dialogisch auseinanderzusetzen! Allerdings ist mir dafür der Arbeitstitel “Spiritualität” wichtig – welchen religiösen Überzeugungen jemand nahesteht (oder nicht) ist für mich da eigentlich zweitrangig, solange der Rahmen für das Gespräch offen und der Therapeut neutral genug ist (nur dann oder andererseits bei sehr ähnlichen religiösen Grundüberzeugungen hielte ich es für vertretbar, sich diesen in einer Therapie zu widmen). Das ist gleichzeitig auch noch ein weiterer klarer Unterschied zur Seelsorge, die ja letztendlich immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Religion des Anbieters stattfindet – ob dies der jeweilige Seelsorger, Rabbi, Mönch oder Imam sich selbst oder den sich ihm Anvertrauenden eingestehen mag oder nicht…
(Das zitierte Interview zum Nachlesen: “Das Böse ist Therapeuten nicht zugänglich“, in: kath.net, 12/2009) 
Dez 29
Eine sehr interessante Auflistung von Studien findet sich in einem Artikel [1] in Telepolis: in diesen wurde nachgewiesen, daß bestimmte psychologische Tendenzen oder persönliche Neigungen sich offenbar in den sozialen Netzen, in denen sie auftreten, im Laufe der Zeit verbreiten. Was in bestimmten Fällen (Rauchentwöhnung, Spaß an bestimmten Tätigkeiten, Lebenszufriedenheit und Glück) ein Segen sein kann, ist in anderen (Einsamkeit, Eßstörungen, Kriminalität, Depression) wohl ein Fluch… Erklärbar ist diese Neigung wohl mit der enormen Wichtigkeit, die unser engeres soziales Umfeld seit urgeschichtlichen Zeiten hatte. Einzelgänger hatten während den Anfängen der Menschheit keine Chance zu überleben, jeder war gut beraten, sich mit dem eigenen “tribe” zu arrangieren und die eigenen sozialen Parameter mit jenen der anderen Gruppenmitglieder abzustimmen. Im Grunde ist dies auch heute noch wichtig – wenn es sich viele auch nicht eingestehen mögen, wo doch der Individualismus (z.T. sogar auf Kosten anderer) das aktuelle gesellschaftliche Ideal in der westlichen Kultur darstellt. Die vorliegenden Studien zeigen, wie sehr wir de facto unbewußt mit unserem sozialen Umfeld verbunden sind und uns diesem anpassen.
In eine ähnliche Kerbe schlagen auch zwei andere Artikel der Website: laut aktuellen Statistiken habe sich die Häufigkeit von Störungen aus dem Autismus-Spektrum [2] (z.B. auch Asperger-Syndrom) und antisozialem Verhalten [3] während der letzten Jahre signifikant erhöht. Bereits 1% der 8-Jährigen (1 von 110 Kindern) soll autistisch sein, im Jahre 2007 war es noch 1 von 150 Kindern. Und in England, wo seit 1998 “antisoziales Verhalten” definiert und schließlich die berüchtigten “Anti-Social Behaviour Orders” (ASBO) erlassen wurden, ist mittlerweile angeblich jede Sekunde ein Brite “Opfer von antisozialem Verhalten”. Was nicht allzu verwunderlich ist, liest man in den entsprechenden Unterlagen, daß schon “teenagers hanging around on the streets” als antisozial einzustufen sind.
Der sprunghafte Zunahme derartiger Zahlen könnte ganz einfach darin liegen, dass Ärzte, Pädadogen oder Richter Kinder häufiger entsprechend einstufen:
“Wenn neue Normen und damit Normverletzungen von einer Gesellschaft eingeführt werden, wächst auch die Wahrnehmung dafür. Wenn es sich um vermeintlich abweichendes Verhalten handelt, wächst die Angst, die zuvor möglicherweise gar nicht vorhanden war. Ganz ähnlich ist das mit neuen Störungen und Krankheitsbildern. Plötzlich gibt es eine Welle an Autismus, Internetsucht oder Aufmerksamkeitsstörungen. Und keiner weiß wirklich, ob es neue Krankheitsformen sind oder sich eben nur die Norm verschoben hat.”
Quellen: [1], [2], [3] 
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Tags: Adipositas, Aggression, Antisozial, Antisozialität, ASBO, Autismus, Depression, Disziplin, Einsamkeit, Essstörungen, Glücklichkeit, Jugendliche, Normierung, Peer Groups, Raucherentwöhnung, Schuld, Soziale Netze, Soziologie
Dez 19
Das österreichische Testmagazin “Konsument” vergleicht in seiner Jänner-Ausgabe nikotinfreie Therapiehilfen. Das Ergebnis: Beratung und psychotherapeutische Unterstützung, eventuell in Kombination mit Medikamenten, führen eher zur Abstinenz als viele “alternative” Mittel.
Unter den rezeptpflichtigen Medikamenten zeigte sich bei Varenicilin, daß es häufig Nebeneffekte mit sich bringt, etwa Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit sowie depressive Verstimmungen. Nach einem Jahr liegt die Abstinenzrate bei 20%, unklar ist jedoch, ob der Effekt über die Anwendungsdauer hinaus anhält. Beim “Antidepressivum” Bupropion (aka Wellbutrin, Amfebutamon, Zyban) existieren noch zu wenig Daten bezüglich Nebenwirkungen und Langzeiterfolg, kurzfristig jedoch kann es bei der Entwöhnung unterstützen.
Zu Homöopathie, Bachblütentherapie und Akupunktur wurde von Konsument festgestellt, daß bisher “kein wissenschaftlicher Beweis für eine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung vorliegt”.
Die Papaya, Haselnuß, Pfefferminz und Eukalyptus enthaltenden NTB-Kräuterretten sind günstig, die Belastung “mit toxischen und kanzerogenen Rauchinhaltstoffen” sei allerdings ebenfalls sehr hoch, so die Analyse. Zur Zigarettenattrappe Smoz aus Kunststoff mit Pfefferminz-, Erdbeer- oder Zitronenaroma weist der Hersteller selbst darauf hin, dass Smoz nicht für den Nikotinentzug geeignet ist.
Auch für den Einsatz von Hypnose in der Raucherentwöhnung gibt es laut “Konsument” bisher keine wissenschaftlichen Nachweise.
Raucherberatung und Psychotherapie: Die von Krankenkassen und Ärzten angebotenen Beratungen sowie psychotherapeutische Verfahren erhöhen die Erfolgsquoten deutlich, so die Tester. Bei einzelnen davon entspricht die Wirksamkeit jener einer Zyban-Behandlung: nach einem Jahr waren 39% rauchfrei, während im gleichen Zeitraum nur 12% der medikamentös behandelten Raucher abstinent blieben.
Hinweis R.L.Fellner:
Den Testergebnissen zur Hypnose muß allerdings deutlich widersprochen werden, jedenfalls, sofern “Hypnose” mit Hypnotherapie gleichgesetzt wird. Zur Wirksamkeit letzterer existieren umfangreiche Studien, die erste davon jene von Kline aus dem Jahre 1980. Allerdings weisen viele dieser Studien z.T. erhebliche methodische Mängel auf, wie C.C.Schweizer in ihrer Arbeit “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” korrekt feststellt. Dieser zufolge dürfte die Erfolgsquote von Hypnotherapie je nach eingesetzter Methodik zwischen 25% und 46% liegen.
(Quellen: Konsument 01/2010, Der Standard 18.12.2009, Schweizer, Cornelie C., “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” (Diss. , 2006), Kline M.V., “The Use Of Extended Group Hypnotherapy Sessions in Controlling Cigarette Habituation” in: The Internations Journal of Clinical and Experimental Hypnosis. 18. 270-282) 
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Tags: Abhängigkeit, Akupunktur, Amfebutamon, Bachblüten, Bupropion, Homöopathie, Hypnose, Hypnotherapie, Nikotin, Nikotinabusus, Psychotherapie, Raucherentwöhnung, Sucht, Wellbutrin, Zigaretten, Zyban
Dez 15
Den aktuellen Stand der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen wurde kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) präsentiert.
Unter einer Persönlichkeitsstörung versteht man die extrem starke Ausprägung eines Persönlichkeitsstils wie etwa die zwanghafte, stark abhängige, ängstlich-vermeidende, paranoide, schizoide, die Aufmerksamkeit suchende, antisoziale oder stark narzisstische Veranlagung (Klassifikation siehe ICD-10). Charakteristisch ist bei allen Formen fehlende Flexibilität im Verhalten. Zwischen sechs und neun Prozent der Europäer leben mit so einer Störung, unter Psychiatrie-Patienten beträgt der Anteil in Deutschland sogar 40 Prozent. Betroffene, die besonders stressanfällig, emotional labil und ängstlich sind, entwickeln häufig andere psychische Folgeerkrankungen.
Man nimmt heute an, dass ein belastendes Lebensereignis oder eine nicht gelöste Lebensaufgabe dazu führen können, dass ein durch Vererbung, Beziehungs- oder Esserfahrungen geprägter Persönlichkeitsstil kranke Formen annimmt, die auch Behandlung erfordern. “Glaubte man lange, PS würden erstmals in der Pubertät auftreten und dann stabil bleiben, können das aktuelle Studien nicht bestätigen. Bei 35 Prozent der Patienten liegt das Vollbild der Störung nach zwei Jahren, bei 85 Prozent nach acht Jahren nicht mehr vor”, so Sabine C. Herpertz, Direktorin der Heidelberger Universitätsklinik für allgemeine Psychiatrie. Ohne Behandlung könne ein zur Krankheit gewordener Persönlichkeitsstil fatale Auswirkungen haben, die bis zum Suizid reichen.
Die am besten erforschte Persönlichkeitsstörung ist Borderline (BPS). Schlüsselpunkt sei das Training bestimmter Fertigkeiten, wie z.B. die der Regulation von Emotionen und Stress, die Steigerung des Selbstwertgefühls, das Achten auf sich selbst und sich in Schlüsselsituationen abzulenken oder zu entspannen. Bewährte Ansätze seien jene der DBT, Tiefenpsychologie, basale Kognitionen (z.B. in der Systemischen Therapie) oder auf Mentalisierung (z.B. in der Hypnotherapie), bei der man unter anderem auch die richtige Interpretation des eigenen oder fremden Verhaltens einübt.
Wer zu einer Persönlichkeitsstörung neige, sei laut Herpertz nicht von seiner genetischen Disposition abhängig, sondern könne lernen, die Auswirkungen auf Psyche und Verhalten zu steuern. Am besten vor Persönlichkeitsstörung geschützt seien extrovertierte, kontaktfreudige Charaktere, die nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen. “Günstig ist auch Ausdauer in Lebensaufgaben und Frust sowie soziale Zuverlässigkeit.” Allerdings können auch zuviel Skrupel sowie schädlicher Perfektionismus, übertriebene Ausdauer, Unfähigkeit zum Genuss und extreme Extrovertiertheit zu Problemen führen. “Es gilt stets den Weg der Mitte zu finden”, so die Heidelberger Psychiaterin.
(Quellen: Der Standard, DGPPN (Presseinfo / Abstract)) 
Dez 13
In der vorletzten Ausgabe der deutschen Ausgabe des Magazins “Wirtschaftswoche” erschien ein Artikel, der einem beim Lesen mitunter die Haare zu Berge stehen ließ.
Mit Geschenken, Gutscheinen, Geld und Umsatzbeteiligung köderte Ratiopharm Ärzte. Geheime Unterlagen zeigen nun im Detail, mit welch dubiosen Methoden der Pharmahersteller seinen Konkurrenten Hexal bekämpfte. Der Bericht ist insgesamt
96 Seiten lang, und gibt einen Einblick davon, wie es um das moralische Innenleben eines Medikamentenkonzerns noch jüngst bestellt war. Penibel haben Ermittler der Landespolizeidirektion Tübingen E-Mails und Tagungsunterlagen des Pillenherstellers Ratiopharm ausgewertet, die sie bei Managern und Außendienstmitarbeitern im Herbst 2006 sicherstellen ließen. “Alle Mittel einsetzen!” oder “Umsatz um jeden Preis!” hieß es da. Einmal auch schlicht: “Verordner kaufen.” Der komplette, bisher unter Verschluss gehaltene Bericht liegt der WirtschaftsWoche vor.
Den vollen Artikel finden Sie in der Wirtschaftswoche (Auszug siehe Quellenverweis), und der Anti-Korruptions-Organisation WikiLeaks sei Dank steht die dem Artikel zugrundeliegende Ermittlungsakte auch online zur Verfügung (Links siehe unten).
(Quellen: WirtschaftsWoche, WikiLeaks) 
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