Apr 15

Störungen aus dem Autismus-Spektrum werden in ihrer Komplexität bis heute nur unzureichend verstanden.

Dies ist ein “Sammeleintrag” ähnlich meinen Blog-Einträgen zu den Themen “Partnersuche” oder “Suizid“, in dem ich Forschungsergebnisse zum Autismus-Spektrum (davon insbesondere auch dem Asperger-Syndrom) zusammentrage. Falls Ihnen einschlägige Studien bekannt sind, die hier noch nicht gelistet sind, füge ich sie nach einer kurzen E-Mail gerne hinzu.

ASD (Autism Spectrum Disorder) ist der Name für eine bestimmte Gruppe von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, die das Sozialverhalten und die Kommunikation der Betroffenen beeinflussen. Sie werden durch seltene genetische Varianten verursacht, die beeinflussen, wie das Gehirn wächst und sich entwickelt. Gerade im psychotherapeutischen Bereich stigmatisiert man Menschen heute nur mehr ungern verallgemeinernd als “Autisten”, sondern verortet sie eher in ihrer individuellen Ausprägung auf dem gesamten, breit gelagerten Spektrum dieser Störungssymptomatik.

Zur Einleitung möchte ich einige häufige Grundannahmen sowie den tatsächlichen therapeutischen Wissensstand zum Thema Autismus anführen. Sie basieren auf einem Interview mit Dr. Peter Szatmari, einem der führenden Autismus-Forscher in Kanada.

MYTHOS: “Es gibt immer mehr Autisten.”

FAKT: Die Prävalenz von Menschen, die mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert wurden, nahm seit Mitte der 1980er-Jahre etwa um das Zehnfache zu – vermutlich jedoch vor allem deshalb, weil sich seither die diagnostischen Kriterien veränderten, und auch ein stärkeres Wissen im medizinischen und therapeutischen Bereich über die Erscheinungsformen von Autismus-Störungen in unterschiedlichen Altersstufen existiert. Es gibt keine Hinweise auf Umweltfaktoren, die für den Anstieg der Häufigkeit verantwortlich sein könnten (siehe auch: http://www.heise.de/tp/news/USA-Starker-Anstieg-von-Autismus-bei-Kindern-2006864.html )

MYTHOS: “Impfungen verursachen Autismus.”

FAKT: Es gilt heute als absolut gesichert, dass Autismus nicht durch Impfstoffe verursacht wird. Die erste und bislang einzige “wissenschaftliche” Studie, die zu diesem Thema veröffentlicht wurde, wurde widerlegt. Die darin getroffene Behauptung wurde als betrügerisch erkannt und wird z.T. juristisch verfolgt. In einigen Regionen wurden dennoch jene Wirkstoffe, die angeblich Autismus hätten verursachen sollen, aus den Impfstoffen entfernt, was aber die Zahlen der Autismus-Diagnosen nicht beeinflußte.
Einen PT-Blog-Eintrag zu diesem Thema finden Sie auch hier: https://www.psychotherapiepraxis.at/pt-blog/autismus-impfschaeden/ .

MYTHOS: “Erziehungsfehler sind der Grund für Störungen aus dem Autismus-Spektrum.”

FAKT: Dieser Mythos stammt aus qualitativ sehr schlechten Forschungsansätzen der 1950er-Jahre (z.B. Bruno Bettelheim), wurde aber bereits in den 1960er-Jahren weitgehend widerlegt. Es gibt absolut keinen Beweis dafür, dass schlechte Erziehung oder schlechte Eltern-Kind-Beziehungen Autismus verursachen. ASD wird durch genetische Faktoren verursacht, möglicherweise mit Umweltfaktoren in utero kombiniert.

MYTHOS: “Nur Jungen können Autismus haben.”

FAKT: Das Geschlechterverhältnis bei dieser Art von Störung ist in etwa 4 Jungen zu 1 Mädchen. Mädchen können ebenso wie Jungen an ASD erkranken, sind aber häufig stärker betroffen als diese. Das könnte an der teils unterschiedlichen Symptomatik liegen, welche die korrekte Diagnose häufig verzögert. Wegen dieser Schwankungen sollten die diagnostischen Kriterien für Mädchen angepasst werden.

MYTHOS: “ASD kann mit einer Diät oder andere alternativen Behandlungen geheilt werden.”

FAKT: Ob Autismus “geheilt” werden kann oder nicht, ist umstritten – es gilt jedoch als gesichert, dass Kinder mit ASD bessere Fortschritte erzielen können, wenn sie z.B. früher und intensiver Förderungsmaßnahmen erfahren.

MYTHOS: “Menschen mit ASD haben verkümmerte Gefühle und knüpfen nicht gerne Kontakte.”

FAKT: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen fühlen sehr wohl Emotionen und möchten auch Kontakte knüpfen, aber ihre Kommunikation und der Ausdruck ihrer Gefühle ist untypisch und wird in seiner Art von anderen häufig als schwierig empfunden. Auch ist der Kontaktwunsch häufig nicht so intensiv wie bei regulär entwickelten Kindern und Erwachsenen.

MYTHOS: “Autismus verleiht den Betroffenen spezielle Fähigkeiten oder macht sie genial.”

FAKT: Diese Vorstellung stammt aus älteren Forschungen, die suggerierten, daß viele Autismus-Betroffene trotz stark reduzierten Sprachausdrucks oder kognitiver Behinderungen ein fantastisches Gedächtnis oder z.B. ein überdurchschnittliches Zeichen- oder Rechentalent hätten. Für eine kleine Minderheit von Autismus-Spektrum-Störung-Betroffenen stimmt das, aber wäre treffender, diese Fähigkeiten als starke Teilleistungsstärken zu sehen, statt sie als “Genialität” zu bezeichnen. Die Definition eines Genies erfordert einen IQ von über 120, der bei Autismus-Betroffenen leider weitaus weniger wahrscheinlich ist als in der Durchschnittsbevölkerung.

MYTHOS: “Autistische Kinder sollten in speziellen Programmen gezielt gefördert werden.”

FAKT: Kinder mit ASD profitieren von Interaktionen mit alterstypisch entwickelten Kindern, weil dies ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten verbessert und ihre eigenen wiederholenden Spielmuster reduziert. Die Behandlungsempfehlung ist heute, Kinder nach Möglichkeit im Bildungs-Mainstream zu halten und sie nur unter außergewöhnlichen Umständen und für kurze Zeiträume aus diesen herauszuziehen. Kinder mit Autismus-Störungen benötigen allerdings besondere Bildungspläne, die ihre Behinderung berücksichtigen.

MYTHOS: “Man sollte versuchen, wiederholende Verhaltensmuster autistischer Kinder zu stoppen.”

FAKT: Wichtig ist es, die Funktion dieser Verhaltensmuster zu verstehen. Diese kann z.B. im Überwinden von Langeweile bestehen, aber auch Stress oder ein Spielbedürfnis ausdrücken. Ziel der Behandlung ist in diesem Bereich, das sich wiederholende Verhalten in Richtung eines mehr entwicklungsförderlichen und typischen Spiels zu ändern. Es geht also um die Veränderung der Ursachen der Verhaltensmuster statt darum, lediglich das gezeigte Verhalten zu verändern.

MYTHOS: “Kinder mit Autismus können nicht selbständige Erwachsene werden.”

FAKT: Die Bandbreite der Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder mit Asperger-Syndrom ist enorm. Viele Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen können als Erwachsene unabhängig leben, arbeiten, enge Freundschaften entwickeln, auch romantische Beziehungen. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die meisten Erwachsenen mit derartigen Störungen immer irgendeine Art von Unterstützung benötigen, doch kann dies oft in größeren Abständen erfolgen (z.B. regelmäßige Psychotherapie in ambulantem Rahmen). Viele Autisten dagegen benötigen spezielle Vollzeitbetreuung, aber auch hier gibt es die gesamte Bandbreite vom klinischen Kontext bis zu Services, wie sie in jeder größeren Stadt zur Verfügung stehen (z.B. betreutes Wohnen, Integrations-Arbeitsplätze etc.).

Noch einige weitere Fakten zum Thema Autismus:

Quellen: Debunking Autism Myths, 11/2015
Image sources: sciencebasedmedicine.org (brain)

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Jan 16
Hellinger bei Aufstellung

Hellinger bei Aufstellung*

Zufällig bin ich kürzlich auf Videos gestoßen, die Sequenzen aus einem sog. “Aufstellungs-Seminar” von Bert Hellinger und seiner Frau zeigen, das diese in Russland durchführten (soweit mir bekannt, im Jahre 2009). Im folgenden Abschnitt arbeitet Frau Hellinger mit einer Mutter und ihrer Tochter:

Was man hier sieht, entspricht allerdings in keiner Weise dem heute üblichen (psycho-)therapeutischen Handeln. Selbst in direktiven und provokativen Therapieansätzen respektieren Psychotherapeuten die Grenzen ihrer KlientInnen und versuchen einfühlend herauszuhören, was diese benötigen! Sie passen ihr eigenes Handeln wie auch die Methodik ihres Vorgehens den Bedürfnissen jener Menschen an, die in aller Regel seelisch verletzt sind und eine sichere Atmosphäre benötigen. Was hier passiert, ist aber, wie unschwer zu erkennen ist, wiederholt und z.T. massiv grenzüberschreitend – und man fragt sich unweigerlich, wofür das, das Hellinger insistierend von den Frauen fordert, denn eigentlich genau gut sein soll. Es ist schmerzvoll, mitanzusehen, wie sich beide innerlich winden, und was danach kommt und dann von Herrn und Frau Hellinger zu hören ist, macht mich regelrecht fassungslos.
Die rigoros eingeforderte Unterwerfung einer (von Hellinger axiomatisch vorgegebenen) Hierarchie gegenüber wird dann noch weiter auf die Spitze getrieben, als er nicht einmal während der Nachbesprechung duldet, dass in der angespannten Atmosphäre eine Frau mit ihrer Sitznachbarin zu tuscheln beginnt – statt vielleicht zu fragen, ob sie eine Frage oder etwas beizutragen hat, verweist er sie sogleich des Raumes und subsumiert danach lächelnd: “Jetzt sieht sie, wer hier der Große ist.”
In der systemischen Therapie sagen wir ja sogar: “Der Klient ist der ‘Chef’!” Wir unterstellen also, daß unsere KlientInnen in aller Regel sehr gut spüren, wo ihre Grenzen liegen, es braucht also kein “Pushen” des Therapeuten, um Verbesserungen zu erzielen. Somit ist es doppelt schwer auszuhalten, dass Hellinger’s “Familienstellen” dennoch häufig mit “Systemischen Strukturaufstellungen” verwechselt wird. Dieser Blog-Beitrag soll mit bei der Aufklärung darüber helfen, dass trotz der ähnlich klingenden Begriffe beide Ansätze keineswegs dasselbe “beinhalten”.

Der zweite Ausschnitt schlägt in eine Kerbe, die leider ebenfalls zu Hellinger und seinem Weltbild gehört: jene, die Mitgefühl mit den Opfern von Auschwitz und Wut den Tätern gegenüber empfinden, selbst als Täter, und Auschwitz als “göttlichen Ort, heiligen Platz” zu bezeichnen, dürfte sich für die meisten jener, die während des 2. Weltkriegs Familienmitglieder verloren haben, wohl wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Terror, Genozid und andere grausame Verbrechen, die Menschen einander antun, sind also von einer sog. “höheren Ebene” aus betrachtet gerechtfertigt, da sie Frieden und Entwicklung zur Folge haben? Friede und Entwicklung folgen vielleicht einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Kriegen, vielleicht kann eine gewisse Form von “Reifung” Gewalttaten folgen – aber stehen sie deshalb auch in kausalem Zusammenhang? Warum sollte man sich überhaupt mit Verhandlungen oder sonstigen Anstrengungen, Lösungen und Verbesserungen auf konstruktive Art zu erreichen aufhalten, wenn man damit die eigentliche Lösung, nämlich “Frieden durch Krieg” (und zahllose Tote und Verletzte) ja nur aufhielte? Selbst wenn man einen rein entwicklungshistorischen Standpunkt einnimmt, sind diese Äußerungen Hellingers (die immerhin die Grundlage seines Tuns mitdefinieren) in all ihren Konsequenzen an Kälte wohl nur schwer zu untertreffen – haben aber nichts mit einer am Menschen, seiner Gesundheit und einer auch an einem gesunden sozialen Miteinander orientierten Psychotherapie zu tun. Diese nämlich ist häufig genug mit den Folgen von Kriegen und Gewalt (und sei es “nur” psychischer Gewalt) konfrontiert und dann in aller Regel bemüht, die betroffenen Menschen dort in ihrem Schmerz und ihren erlittenen Verletzungen abzuholen, wo sie sind und eine neue Perspektive zu entwickeln – statt ihnen zu suggerieren, es hätte wohl so sein müssen, und die “Rangordnungen” wären nun einmal ebenso wie die damit verbundenen Folgen “anzunehmen”.

Ich hatte von Bert Hellinger schon seit längerer Zeit nichts mehr gehört, und war doch ein wenig erstaunt, daß er nun auch in anderen Ländern aktiv ist – zu alldem auch in einem davon, in dem Obrigkeitshörigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung auch heute noch tief verwurzelt ist. Ich bezweifle, dass seine in diesem Seminar getätigten Aussagen im heutigen Deutschland protestlos hingenommen worden wären. Selbst mußte ich den Abspielvorgang öfters unterbrechen, weil mir beim Zusehen das Herz weh tat und ich erst mal wieder meine Gedanken sortieren mußte. Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Videos hier überhaupt eine “Plattform” geben oder sie nicht nur im KollegInnenkreis teilen sollte, aber immerhin dienen weite Teile meiner Website der Aufklärung und dem Bemühen, die konstruktiven und hilfreichen Aspekte humanistisch orientierter und professionell ausgeübter Psychotherapie zu vermitteln. Ein Beispiel für etwas zu bringen, das therapeutischen Anspruch zwar erhebt, dabei aber Menschen verletzt (ja z.T. retraumatisieren kann) und von oben herab belehrt statt “mit den Menschen” zu gehen und ihnen zuzuhören, kann im Sinne eines Kontrasts hoffentlich ebenfalls Orientierungshilfe bieten.

Zuletzt möchte ich gerade angesichts des von Hellinger für seine Methode verwendeten Begriffs der “Aufstellungen” darauf hinweisen, daß Systemaufstellungen – professionell durchgeführt und begleitet – auch völlig ohne direktive Eingriffe und “Belehrungen” a’la Hellinger – starke und positive Wirkungen haben können. Sie sind methodisch eine Weiterentwicklung der sog. Skulpturarbeit, und wurden auch ihrerseits bis heute stetig weiterentwickelt. Nicht nur in Bezug auf Einzelpersonen, Familien und Gruppen werden sie bewährt eingesetzt, sondern auch in Firmen, sozialen Einrichtungen, im Rahmen von Supervision, Coaching und Beratung sowie im Zuge der Einzeltherapie (z.B. mittels des sog. “Familienbretts”) sind sie anwendbar. Einen Überblick können Sie sich in meinem einschlägigen Info-Artikel (siehe untenstehender Link) verschaffen. Um nicht nur zu vermitteln, wie es nicht ablaufen sollte, finden Sie hier eine Vorstellung an verfügbaren, fachlich anerkannten und in ihrer Wirksamkeit nahezu durchwegs gut beforschten Therapiemethoden.

Weiterführende Informationen:

Bild: martinbuchholz.com

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Jan 05

Was ist der Unterschied zwischen dem Störungsbild der Depression und “schlechter Stimmung” bzw. “Traurigkeit”? Diese häufig gestellte Frage ist mitunter schwierig zu beantworten, und tatsächlich kann es alles andere als einfach sein, zu unterscheiden, ob es sich bei verschiedenen Zeichen von Niedergeschlagenheit oder etwa auch körperlichen Symptomen nicht tatsächlich im Grunde um eine Depression handeln könnte.

Um diesbezüglich etwas Licht ins Dunkel zu bringen (vielleicht sogar in metaphorischem Sinne), möchte ich Sie einladen, den auf meiner Website verfügbaren Online-Test auf Depression durchzuführen, oder sehen Sie sich das untenstehende kurze Video mit ersten Informationen zu dieser Thematik an. Gerne können Sie weiter unten auch Ihre Erfahrungen und Beobachtungen anbringen – vielleicht können diese anderen weiterhelfen, die sich selbst ähnliche Fragen stellen.

Hier bei dieser Gelegenheit noch ein schöner Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Depression und verfügbaren Therapie-Ansätzen:

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Oct 24

Arno Gruen (Foto: SRF, 2015)

Ein großer Versteher der menschlichen Psyche ist von uns gegangen – der Psychoanalytiker und Psychologe Arno Gruen (*1923 in Berlin) ist am 20.10.2015 in Zürich verstorben. Im Alter von 13 Jahren emigrierte Gruen’s jüdische Familie in die USA, wo er später Psychologie studierte und ab 1954 die psychologische Abteilung der ersten therapeutischen Kinderklinik in Harlem leitete. 1958 eröffnete er eine psychoanalytische Praxis in New York und promovierte beim Freud-Schüler Theodor Reik. Später folgten Professuren in Neurologie und Psychologie. Seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen wieder in der Schweiz, unterhielt aber nach wie vor viele Verbindungen in die USA.

Unter dem Eindruck der Geschehnisse in den Konzentrationslagern und der Dynamiken des Faschismus entwickelte Gruen ein tiefes Verständnis für die Funktionsmechanismen von Autorität, Gewalt, Fremdenhass, menschlicher Destruktivität und Angst, widmete sich aber auch aktuellen gesellschaftspolitischen Themen wie etwa dem islamistischen Terrorismus. Er verfaßte in ihrer Tiefe außergewöhnliche Werke, die einen neuen Blick besonders auf die geknechtete menschliche Psyche, die sich häufig unter einer gefühlskalten oder aalglatten Erscheinung verbirgt, eröffnet hat. Mit Gruen geht ein ganz feiner, unaufdringlicher Beobachter der menschlichen Psyche verloren, der mich als praktizierender Therapeut in meinem Tun und meinem eigenen Verständnis der Triebkräfte des Menschseins, der Empathie, den Abgründen der Gewalt und des Extremismus stark beeinflußt hat. Ich hatte vor einigen Jahren brieflichen Kontakt mit Gruen, in dem mich seine Bescheidenheit und sein Bemühen, “da zu sein” und auch da wieder seine Beobachtungsgabe und Einsichtsfähigkeit beeindruckte. Er war kein “Belehrer”, der sich im Glanz der Öffentlichkeit und der Medien sonnte, sondern ein leiser Nachdenker und einfühlsamer Zuhörer, dessen Intensität und Tiefe sich oft erst in dem, was seine Sprache transportierte, erschloß.

Das vorerst letzte Buch “Wider die kalte Vernunft”, einer Kritik der abstrakten Rationalisierung, wird voraussichtlich in wenigen Monaten erscheinen.

Interviews und empfehlenswerte Literatur:

Interview mit Arno Gruen in “Sternstunde Kultur”, 06/2015

 

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Oct 20

Ein gefundenes Fressen für die Medien war die kürzliche Freigabe von Flibanserin (vertrieben als “Addyi”) in den USA, ein neu entwickeltes Medikament, das die Lust von Frauen auf Sex steigern soll. Im Unterschied zu Viagra wirkt Flibanserin allerdings weniger auf körperlicher, sondern vielmehr auf neurologischer Ebene: eigentlich handelt es sich bei dem Medikament um ein Antidepressivum, das den Serotonin-Spiegel (welcher lusthemmend wirkt) absenkt, und die Konzentration der Glückshormone Dopamin und Noradrenalin anhebt (was sich libidosteigernd auswirken kann). Insofern ist auch der ‘modus operandi’ der Einnahme wie bei AD’s: die Pille muß täglich eingenommen werden, egal, ob Sex geplant ist oder nicht. Und frau muß mit Nebenwirkungen rechnen, wie sie auch bei der Einnahme von Antidepressiva auftreten können, etwa Schlafstörungen, Schwindel, Übelkeit, Schläfrigkeit, Angstsymptomen. Gefährlich soll die Einnahme gar in Verbindung mit Alkoholkonsum sein – was gerade bei einem solchen Arzneimittel einigermaßen ironisch anmutet.

Zugelassen wurde das Mittel für Frauen vor der Menopause, welche an einem Mangel an sexuellem Verlangen leiden. Hiefür wurden, wohl aus Marketing-Gründen, sogar zwei neue Krankheitsbegriffe geschaffen: “Hypoactive Sexual Desire Disorder” (HSDD) und “Female Sexual Dysfunction” (FSD) und prompt Studien präsentiert, denen zufolge bis zu 25% der Frauen an dieser “Störung” leiden sollen. All dies, obwohl ja Libidomangel bereits sowohl im Diagnoseverzeichnis ICD-10 als auch dem DSM definiert ist. Laut der zulassenden FDA soll das Medikament nur verschrieben werden, wenn der Lustmangel nicht durch die aktuellen Lebensumstände bedingt ist, also z.B. durch Schwangerschaft, Stillphase, Krankheiten, Medikamenteneinnahme oder Probleme in der Partnerschaft. Man braucht jedoch kein großer Skeptiker zu sein, um zu bezweifeln, dass besonders in der USA die wenigsten Ärzte zögern werden, ihren Patientinnen Antidepressiva dieser speziellen Art zu verschreiben.

Die konkrete Wirkung des Medikaments ist fragwürdig: im Vergleich mit Placebos hatten Frauen, die Flibanserin/Addyi einnahmen, gerade einmal 1/2-1x häufiger Sex.

Insofern wirft die Freigabe des Arzneimittels unweigerlich Fragen auf: muß denn in einer funktionierenden Partnerschaft tatsächlich ein Partner Medikamente einnehmen, nur weil beide unterschiedlich oft Lust verspüren? Und wenn es denn schon sein muß, warum gerade mit einem Medikament behandeln, das offenbar nicht nur kaum wirkt, sondern auch die bescheidene Wirksamkeit mit dem Risiko signifikanter Nebenwirkungen erkauft?

Tatsächlich wies nun eine neue an der MedUni Wien durchgeführte Studie nach, dass Placebos sich als zumindest ebenso wirksam für die sexuelle Libido der Frau erweisen wie beide aktuell verfügbaren “Behandlungsmethoden” mittels Flibanserin oder Oxytocin. Die Studienleiterin, M. Bayerle-Edereine, erklärt sich dies mit der intensiveren und offeneren Kommunikation der Paare als Begleiterscheinung der Studie, und sagt zudem: “Sexuelle Probleme sind häufiger durch laufenden Stress verursacht als durch Mängel im weiblichen Hormonhaushalt.” Auch wenn das eine das andere nicht ausschließt, und auch hormonelle Störungen durchaus streßbedingt sein können, kann ich aus der Arbeit mit Paaren dennoch bestätigen, dass das Grundelement erfolgreicher Sexualtherapie zunächst in der Beseitigung der Hürden zu einer erfüllenden Sexualität besteht. Insofern sind zunächst einmal mögliche Ursachen zu erkunden und zu behandeln, statt gleich zu den erstbesten Medikamenten zu greifen, die versprechen, die Probleme auf “technische” Weise zu beseitigen.

Weiterführende Artikel zum Thema:
Moynihan, Ray: “The making of a disease: female sexual dysfunction“, BMJ 2003; 326:45 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.326.7379.45, 2003
Moynihan, Ray: “Merging of marketing and medical science: female sexual dysfunction“, BMJ 2010; 341:c5050 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.c5050, 2010
Dana A. Muin et al.: “Effect of long-term intranasal oxytocin on sexual dysfunction in premenopausal and postmenopausal women: a randomized trial”, in: Fertility and Sterility (2015). DOI: 10.1016/j.fertnstert.2015.06.010
Image source: http://www.yypharm.com/

Sep 27

(Image: dw.com)

Der Flugzeugabsturz am 24. März 2015 hat die Weltöffentlichkeit schockiert – denn er wurde durch den Piloten, der sich (wie sich nachher herausstellte) aufgrund von schweren Depressionen in ärztlicher Behandlung befand, gezielt herbeigeführt. 150 Menschen kamen dabei ums Leben.

Wie sich nun herausstellt, könnte der Grund für den psychischen Ausnahmezustand, in dem sich der Pilot befand, in seiner Nutzung von Antidepressiva gelegen haben. Bestimmte Arzneimittelgruppen, insbesondere jene der sogenannten SSRI’s (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), Antidepressiva wie Prozac und Paxil, Antipsychotika, Benzodiazepine wie Valium, Anti-Raucher- und Anti-Asthma-Medikamente, Antihistaminika oder auch solche mit stimulierender Wirkung wie Ritalin können nachweislich Suizide oder Tötungsdelikte auslösen. Sie sind auf der Website des Psychiaters aufgelistet (siehe untenstehender Link).

Das Risiko dafür, dass es zu derart massiven Handlungen kommt, ist grundsätzlich gering – sollte aber auch nicht völlig negiert werden. Und es unterstreicht, wie wichtig die ergänzende psychotherapeutische Begleitung von Menschen, die etwa unter Depressionen oder Angststörungen leiden, ist: nicht nur werden durch sie wichtige Bewältigungsstrategien erlernt, nebenbei entsteht durch das Vertrauensverhältnis Klient/in – Therapeut/in auch eine Verbindung, die schwierigste Phasen überwinden helfen kann, sowie eine Eingriffsmöglichkeit der Therapeuten, wenn diese merken, dass ihre Klienten etwa in ein präsuizidales Syndrom abgleiten.

Zum Weiterlesen:

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Jan 11

Tribut für die Todesopfer während der Attacke auf “Charlie Hebdo” am Place de la République (Paris). Bild: Aurelien Meunier/Getty

Der Schock über das Attentat in Paris sitzt tief – und trifft auf ein bereits seit Jahren tief sitzendes, aber immer noch weiter wachsendes Mißtrauen gegenüber der islamischen Religion selbst ebenso wie ihren Anhängern. Schon 2012 etwa waren einer Emnid-Umfrage zufolge 53% von befragten nichtmuslimischen Deutschen der Meinung, der Islam sei sehr oder eher bedrohlich – 2014 waren es bereits 57%. Dass der Islam nicht in die westliche Welt passe, sagten letztes Jahr bereits 61%, 2012 waren es noch 52%. Auch als invasiv wird der Islam erlebt: laut einer Umfrage des Linzer Market-Instituts empfinden die Hälfte der Österreicher den Islam als Gefahr für die österreichische Kultur, 45% meinen, dass der Islam schon jetzt zu viel Einfluss in Österreich habe.

Eine der Ursachen für diese Entwicklung könnte im wachsenden Anteil der muslimischen Bevölkerung an der europäischen Bevölkerung und einem damit verbundenen, subjektiven Gefühl von “Unterwanderung” liegen. Aus soziologischen Untersuchungen weiß man, das hiefür bei vielen Menschen schon scheinbar banale Gründe wie in kulturellen Unterschieden oder religiösen Vorschriften begründete Äußerlichkeiten ausreichen (etwa die Art der Kleidung, man erinnere sich an die teils sogar gerichtlich ausgetragenen Konflikte z.B. rund um das Tragen von Niqabs/Hijabs/Burkas). Doch auch mangelnde Integration eingewanderter Muslime (z.B. schon auf grundlegendsten Ebenen wie z.B. des Erlernens der jeweiligen Landessprachen), insbesondere aber wohl die massive Expansion des sog. “Islamischen Staates” in Syrien und dem Irak verbunden mit per Bild- und Videoclips verbreiteten grausamen Massakern und Exekutionen durch die salafistischen Islamisten, all dies verstärkt das Gefühl von “unheimlichen”, “gefährlichen” Muslimen.

Bemerkenswert ist hinsichtlich der Statistik, dass Menschen, die keinen Kontakt mit Muslimen haben, diese mit 66% deutlich häufiger als bedrohlich empfinden als jene mit Kontakten (43%). 71% der Menschen ohne Kontakte halten den Islam für nicht in die westliche Welt passend, bei den anderen sind es 42%; 29% ohne Kontakte wollen Muslime nicht mehr ins Land lassen, bei den anderen sind es 15%. Dennoch verbleibt auch bei Menschen, die Muslime kennen, ein relativ hoher Anteil von Ablehnung, wohl aufgrund des Umstandes, dass persönlich Bekannte nicht zuallererst über ihren religiösen Glauben wahrgenommen werden. Sind Vorurteile aber erst einmal verankert, dann haben positive Attribute es schwer, sich durchzusetzen. Aber wie kann man als Atheist, Christ oder als Angehöriger anderer religiöser Richtungen den Islam überhaupt korrekt einschätzen? Selbst unter den Muslimen gibt es solche, die die Position vertreten, der Koran als Grundpfeiler dieser Religion wäre “wortwörtlich zu nehmen”, während andere auf die sog. Suren verweisen, welche gewissermaßen “Aktualisierungen” der ursprünglichen Schriften darstellen. Zudem wird in einer klassischen Koran-Interpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert jeder Koranvers mit mehreren Interpretationen und sodann “..aber Gott weiß es besser.” abgeschlossen, also ausgedrückt, dass man als Mensch die mögliche Bedeutung des Verses womöglich gar nicht verstehen könne. Aufgrund dieser Unklarheit ist es möglich, dass einzelne Vertreter des Islam Lehrmeinungen anführen, denen zufolge etwa “Ungläubige zu vernichten seien”, andere jedoch diese Interpretation entschieden ablehnen.

Wir als Angehörige eines stark christlich geprägten Kulturkreises werden hierbei durchaus an die Schwierigkeit der Interpretation “hiesiger” heiliger Schriften erinnert. So ist ja beispielsweise auch in der Bibel nachzulesen, dass ein Kind getötet werden soll, wenn es seine Eltern schimpft, oder dass Sex während der Menstruation mit dem Tode zu bestrafen ist (Levitikus, Kapitel 20). Doch auch wenn es in unserer sogenannten “aufgeklärten Gesellschaft” immer noch viele strenggläubige Christen gibt: nicht einmal die extremsten unter ihnen würden tatsächlich solchen Tötungsaufrufen folgen (hoffe ich doch). Das ist beim Islam aufgrund seiner Verwurzelung in zum Teil auch heute noch sehr archaisch geprägten Gesellschaften und seines impliziten Anspruches, auch politischen Einfluss auszuüben (Scharia), zumindest in Teilbereichen anders – aus diesen Gründen kann jedoch auch nicht, wie manche Islamtheoretiker argumentieren, einfach generalisierend behauptet werden, “der Islam an sich” sei eine friedliche, gewaltlose Religion – ebenso wie auch in der christlichen Religionsgeschichte sind auch in jener des des Islam Gewaltakte explizit religiös begründet worden.

Photo src: AlJazeera.com

Ich möchte mich hier jedoch nicht als Religionskenner oder Kulturhistoriker ausgeben – der bin ich nicht. Aus psychologischer Sicht und als jemand, der sich recht eingehend mit der Dynamik von Gewalt, Traumata etc. befaßt hat, befürchte ich allerdings, dass eine weitere Ausweitung des Drucks gegen Muslime in unserer Gesellschaft keineswegs die gewünschten Effekte haben, sondern nur zu einer noch stärkeren Isolierung der orthodox Gläubigen führen dürfte. Alle historischen Erfahrungen mit der Repression von Bevölkerungsgruppen weisen in genau diese Richtung. Versteht man den Jihadismus als “Bewegung der [ökonomischen, politischen] Verlierer”, kann man eigentlich gar nicht anders, als sich zu fragen, wie diesen Menschen wieder eine positive Perspektive ermöglicht werden kann. In Europa wäre es essenziell, die Integration jenes Teiles unserer Gesellschaft, der der islamischen Richtung angehört (und zu dem übrigens auch “originale” Mitteleuropäer zählen!), wo immer es relevant sein könnte, voranzutreiben. Sicherlich gibt es auch Bereiche, in denen den Betreffenden Integration durchaus auch abverlangt werden kann. Ebenso wie sog. “Sekten” haben sich auch Religionen ultimativ der Staatsautorität zu unterwerfen, unsere Gesellschaft und ihre Individuen sind vor Schaden zu bewahren. Diese Einstellung findet sich übrigens auch in den muslimischen Ländern selbst, wo sich selbstverständlich auch Touristen oder westliche Expats weitestgehend in die jeweiligen landes- und kulturspezifischen Regeln und Normen einzufügen haben.

Hinsichtlich gefürchteter Attentäter möchte ich auf die Arbeiten von Arno Gruen verweisen, der nachwies, wie Gewaltneigungen in sozialen Systemen wie etwa den Familien weitergegeben werden. Zum einen können Gewalterfahrungen und Repression offenbar selbst bei später gegen die Gewaltsysteme Revoltierenden zu neuen Formen der Gewaltausübung führen. Die Unterdrückten bleiben – gerade auch bei Hassgefühlen den Beherrschenden gegenüber – mit diesen identifiziert, haben aber den Kontakt zu ihren Gefühlen und zu ihrer Kernidentität verloren. Derartig emotional gestörte Menschen agieren häufig mit Gewalt gegen das, was sie (zumindest subjektiv) als gewalttätig erlebt haben.

Immerhin aber haben sie tatsächlich, real oder subjektiv erlebt, Gewalt erfahren. Attentäter sind jedoch keineswegs immer nur “Betroffene”. Von Soziopathen etwa weiß man, dass sie häufig unbewußt nach Möglichkeiten suchen, den enormen emotionalen Druck, unter dem sie stehen, durch Zerstörung zu entladen. Eine solches legitimierende Ideologie entwickelt dann für sie in weiterer Folge ganz von selbst Faszination, ist aber gewissermaßen nur ein Vehikel für die eigentlich gesuchte Gewalterfahrung. So liegt etwa bei den für viele erstaunlich hoch wirkenden Zahlen westlicher Ausländer, welche in den fernen Osten “pilgern” (pun intended), um dort am Krieg teilzunehmen und “Ungläubige zu vernichten”, aus psychologischer Sicht die Vermutung nahe, dass sich ihnen der radikale Islamismus schlicht als Möglichkeit anbot, anderen Menschen Schmerz zuzufügen oder sich gar in der archaischen Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, vor einer Kamera oder zumindest ebenso radikalen “Glaubensbrüdern” zu inszenieren und selbst zu erleben – und zwar ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Der Islam wird damit für derartige, in ihrer Persönlichkeit und Humanität schwerst gestörte Menschen zu einer Projektionsfläche und von ihnen instrumentalisiert, um sich auszuagieren.

Von derartigen Entwicklungen und Instrumentalisierungen werden sich sowohl verantwortungsvolle westliche Politiker, als auch islamische Theoretiker und Prediger explizit abgrenzen müssen: erstere, indem sie der Bevölkerung gegenüber differenzieren – weder als Relativierer auftreten, noch im Teich der beunruhigten Teile der Bevölkerung nach billigen (langfristig aber teuer zu bezahlenden) Wählerstimmen fischen. Islamische Schlüsselpersönlichkeiten wiederum müßten klar kommunizieren, dass in ihren Reihen kein Platz für Gewalttäter ist. Und zwar nach innen ebenso wie nach außen.

Der “Shift” unserer Gesellschaft in Richtung zunehmender religiöser Pluralität und kultureller Vielfalt bringt erhöhten Dialogbedarf mit sich. Wollen wir den inneren Zusammenhalt und die Integrität unserer kulturellen Werte gerade in jenen Zeiten stärken, in denen einfache Wahrheiten und Zuschreibungen nicht mehr greifen und einzelne Gruppierungen gezielt destruktive Absichten verfolgen, benötigt es umso mehr Anstrengungen, diese Kluften zu schließen und durch gezielten Dialog zu überbrücken.

Quellen:

 

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Oct 29

Benzodiazepine werden häufig dann verschrieben, wenn Menschen unter starken Angststörungen leiden, fallweise verschreiben sie Ärzte auch bei hartnäckigen Schlafstörungen.

Doch wie aus einer eben publizierten kanadischen Studie hervorgeht, könnte die langfristige Einnahme von Benzodiazepinen das Alzheimerrisiko steigern. In einer Untersuchung, die kürzlich im British Medical Journal veröffentlicht wurde, wurden die Daten einer Krankenversicherung aus Quebec von einer Gruppe älterer Menschen (darunter 1796 Alzheimer-Betroffene und 7184 gesunde Personen) rückwirkend hinsichtlich der Quantität und Dosierung ihres Benzodiazepinkonsums ausgewertet.

Das Ergebnis: PatientInnen, die Benzodiazepine über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten eingenommen hatten, zeigten ein um 51% erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Die Zahlen der Erkrankten waren umso höher, je länger die Beruhigungsmittel eingenommen wurden. Mögliche Gründe dafür sind noch unklar.

Die Studienautoren wiesen darauf hin, dass bei aller Bedeutung dieser Arzneimittelgruppe Benzodiazepine niemals länger als drei Monate durchgehend eingenommen werden sollten.

(Quelle: “Benzodiazepine use and risk of Alzheimer’s disease: Case-Control Study“; Image source:treatment4addiction.com)

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Oct 05
Foto: Time

Foto: Time

Aufmerksame VerfolgerInnen der Tagesnachrichten werden dieser Tage vielleicht erstaunt die Neuigkeit aus Kalifornien vernommen haben, dass sexuelle Akte von StudentInnen der dortigen Universitäten zukünftig “bewilligungspflichtig” sein werden. Das dieser Tage vom kalifornischen Senat bewilligte Gesetz “Bill 967” wird Universitäten verpflichten, entsprechende Standards (wie auch Beratung und andere prophylaktische Maßnahmen) zur Verhinderung sexuellen Missbrauches zu implementieren, wenn sie zukünftig noch staatliche Förderung erhalten wollen. Lebt es sich denn in kalifornischen Universitäten so gefährlich? Offenbar ja: beinahe jede 5. Studentin wurde dort angeblich bereits einmal Opfer “sexuellen Missbrauches”. Die Apostrophierung ist bewußt gewählt, denn in einem Staat, der beabsichtigt, sexuelle Handlungen als strafbar zu definieren, sofern sie nicht davor und während dessen mehrmals explizit – verbal oder schriftlich – als erwünscht bezeichnet werden, scheint die Grenze des Erlaubten sehr eng gesteckt.

“Passive” Zustimmung wird also zukünftig nicht ausreichen, damit sich StudentInnen auf legale Weise sinnlichen Freuden hingeben können, diese allein wäre zukünftig als Missbrauch wertbar. Vielmehr wird während erotischer oder sexueller Aktivitäten, damit verbundener Positionsänderungen, “Steigerungsstufen” und dergleichen die Zustimmung mehrmals “enthusiastisch” (Nova Scotia Student Group) wiederholt werden müssen (“(only) yes means yes!”), da anfängliches Einverständnis zu einem späteren Zeitpunkt ja auch Ablehnung weichen kann. Dies ist natürlich völlig richtig – aber würde jemand, der – etwa, weil er Gewalttäter oder stark betrunken ist – diese Regelungen denn auch befolgen? Würde die Anzahl seiner Taten abnehmen? Sehr wahrscheinlich nicht. An amerikanischen Universitäten existieren auch Regelungen, denen zufolge Alkoholkonsum erst ab dem 21. Lebensjahr erlaubt ist, dennoch sind gerade die US-Campuses für den dort herrschenden, z.T. massiven Alkoholmissbrauch bekannt. Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien, dass Missbrauch in aller Regel keineswegs eine Folge “mißverständlicher Signale” während zwischenmenschlichen Kontakten ist, sondern TäterInnen vielmehr ganz bewusst die Grenzen ihrer Opfer ignorieren. Somit wird das Gesetz aber weder Missbrauchsopfern helfen noch die Missbrauchszahlen senken – entgegen dem etwas naiven Glauben, ein Gesetz würde alleine durch seine Existenz die Gesellschaft verändern, würden TäterInnen im Fall des Falles vermutlich einfach auch bezüglich der expliziten Zustimmung lügen und behaupten, das Opfer hätte “eindeutig” dem Akt zugestimmt…

Aus gendersensibler Perspektive wird dem weiblichen Geschlecht und dem Ziel einer Nivellierung der geschlechtsspezifischen Machtgefälle zudem höchst wahrscheinlich wieder einmal ein Bärendienst erwiesen: die Annahme etwa, dass unter Einfluss von Alkohol keine legitime Zustimmung zu sexuellen Handlungen möglich ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Doppelmoral. Männer werden als potenzielle Vergewaltiger betrachtet, und Frauen als ihre hilflosen Opfer (oder, um aktuellere Termini zu verwenden, “Überlebende”). Wenn sich zwei junge Menschen betrinken und dann Sex haben, ist der Mann für sein Verhalten verantwortlich, sie aber nicht für ihres. Sogar wenn sie “ja” sagt, muss er ihr im Interesse seiner eigenen Sicherheit im Zweifel unterstellen, dies nicht autonom entscheiden zu können. Wie weitgehend bekannt sein dürfte, ist “betrunkener Sex” natürlich so gut wie immer mit Handlungen verbunden, die man “in nüchternem Zustand so sicher nicht getan hätte”. Doch während früher eine junge Frau eine solche Nacht als Lernerfahrung verbucht und dann wieder den Blick nach vorne gerichtet hätte, vermittelt man ihr heute, dass es sich dabei um ein zerstörerisches Trauma handelt, für das sie keine Verantwortung trägt.

Ist ein derartiges Gesetz – unabhängig von den dahinterstehenden positiven Intentionen! – überhaupt sinnvoll und ausreichend lebensnah? Es definiert Sex in den meisten “erwachsenen” Paarbeziehungen nämlich ab sofort als Vergewaltigung, weil selten mehr als nur nonverbale Signale (wenn überhaupt) abgegeben werden dürften, wenn mit sexuellen Handlungen begonnen wird. Ideologische Überlegungen und surreale Ängste scheinen Vorrang vor realen Fakten zu haben, wenn reale aber doch seltene Gefahren als “Welle der Gewalt” oder die Gesellschaft gar als “rape society”1 verzerrt dargestellt und dann auf dieser Grundlage drastische Gesetze beschlossen werden, welche massiv in die sozialen Beziehungen eingreifen. Frauen werden hierbei infantilisiert und hilflos dargestellt, ja ihnen unter bestimmten Umständen sogar die Fähigkeit zu bewussten Handlungen abgesprochen, während Männer das “gefährliche” Geschlecht und potenzielle Vergewaltiger seien, vor denen die jungen, per definitionem hilflosen Frauen geschützt werden müssen. Tatsächlich weisen US-Anwälte auf Konflikte zwischen dem neuen Gesetz und den Bürgerrechten hin, welche Partnerschaft als schützenswerten Bereich definieren, in den sich der Gesetzgeber nicht einzumischen hat2.

Interessanterweise existieren ähnliche Regelungen auf freiwilliger Basis bereits seit etwa 1 Jahr an den Universitäten von Texas, Yale und einigen Campuses der State University of New York. Dort wird von einer höheren “Bewußtheit” hinsichtlich des Themas sexuellen Mißbrauches berichtet (was auch immer das konkret bedeuten mag), die Zahlen gemeldeter Übergriffe selbst seien aber unverändert, “mehr Forschung” sei nötig. Sollte diese aber nicht vor der Einrichtung von Gesetzen stehen, die massiv in das Privatleben von BürgerInnen eingreifen?

Zum Weiterlesen:
“No Means No” Isn’t Enough. We Need Affirmative Consent Laws to Curb Sexual Assault. (1)
California activists seek to redefine quiet, consensual sex as rape through Senate Bill 967 (2)
California Lawmakers Pass ‘Affirmative Consent’ Sexual Assault Bill
‘Affirmative Consent’ Is Bad for Women
New California Law Could Require Students To Sign A Form For Consensual Sex
The Legal Definition of Consensual Sex is Likely to Change in California: What It Means

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May 28

Bild: Karikatur RABE (Ralf Böhme)

Wenn Sie bei einer österreichischen Krankenkasse versichert sind und um Voll- oder Teilrefundierung für Ihre Psychotherapie-Kosten angesucht haben, wurden Sie vermutlich vor einigen Monaten von einer deutlichen Erweiterung der diesbezüglichen Auskunftsbegehren an Ihre(n) Psychotherapeuten(in) informiert. Bei der Wiener Gebietskrankenkasse soll spätestens im Juli dieses Jahres ein neues Antragsformular verpflichtend vorgeschrieben werden, wenn PatientInnen um Voll- oder Teilrefundierung ansuchen möchten. Dem Versicherungsträger gegenüber werden dann zum Teil sehr persönliche Daten anzugeben sein – Daten, welche mit den Therapieinhalten bzw. den jeweiligen psychischen Beschwerden nicht immer etwas zu tun haben müssen. Ob diese Informationen dann tatsächlich so “vertraulich” bleiben, wie vom Hauptverband immer wieder versichert, darüber muss man sich als ‘geprüfter Österreicher’ nach Bekanntwerden eines intensiven Datenaustausches u.a. mit dem amerikanischen NSA, dem BFIE-Skandal usw. leider so seine Gedanken machen…

Persönlich kann ich das “Bedürfnis” der Versicherungsträger, sicherstellen zu wollen, dass die allozierten Mittel auch sinnvoll eingesetzt werden, selbstverständlich nachvollziehen – allerdings war doch Psychotherapie schon seit jeher ein Stiefkind des Gesundheitssystems: die Refundierungsbeträge von € 21,90 wurden seit mittlerweile fast 25 Jahren (!!) nicht mehr an die Inflation angepasst, da scheint es eine Zumutung, den von psychischen Problemen Betroffenen für diesen anteilig mittlerweile höchst gering gewordenen Betrag auch noch zusätzliche “Datenkanüllen” anzulegen, zumal Zusatzanträge ohnedies auch schon derzeit fast immer einer chefärztlichen Bewilligung bedürfen – also keineswegs nur dem Gutdünken des jeweiligen Psychotherapeuten allein unterworfen sind! Es ergibt sich somit der Eindruck, dass die Kassen PatientInnen, die ihnen rechtmäßig zustehende Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen möchten, schlicht und einfach durch die Angst, dass ihnen die gemachten Angaben eines Tages zum Nachteil gereichen könnten, vergraulen wollen.
Die österreichischen Krankenkassen haben im Jahre 2013 Gewinn erwirtschaftet. Psychische Leiden gehören zu jenen, unter denen Menschen am stärksten leiden, die aber am seltensten frühzeitig erkannt und adäquat behandelt werden [Link].

Wenn auch Sie gegen die verpflichtende Verwendung des neuen Antragsformulars protestieren möchten, unterzeichnen auch Sie bitte die Online-Petition dagegen:

https://secure.avaaz.org/de/petition/Wiener_Gebietskrankenkasse_NEIN_zum_neuen_Krankenkassenformular_fuer_Psychotherapie/

Mehr Informationen für Interessierte: http://derstandard.at/2000001585614/

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27.05.16