Mrz 14

("Old Love" by PrincessMemi @ Deviantart)

Der Frühling naht: alles beginnt wieder zu blühen, und auch viele von uns merken, wie die “Lebenssäfte” wieder verstärkt zu fließen beginnen. Der Frühling gilt traditionell als Zeit des Verliebens, der Romantik. Doch wie geht es den älteren Menschen, wie erleben sie diese Zeit? Hat sich bei ihnen das Thema “Liebe” erledigt oder handelt es sich vielleicht mehr um ein gesellschaftliches Tabu, sich ein ernsthaftes “Verlieben” oder gar sexuelle Beziehungen bei älteren Menschen gar nicht mehr zu erwarten oder abzuwerten?

Der Wiener Psychotherapeut und Paartherapeut Richard L. Fellner führte zu diesem Thema ein Gespräch mit einem Redakteur der Zeitschrift “Gesünder Leben“.

GL: “Sind Schmetterlinge im Bauch unabhängig vom Alter?”

rlf: “Zum Verlieben ist man nie zu alt! Und wäre es nicht auch traurig, wenn ab einem bestimmten Alter niemand mehr die Chance hätte, bei uns auch nur das geringste Kribbelgefühl in der Brust zu erzeugen..?

GL: “Was ist das Geheimnis wahrer Liebe?”

rlf: “Diese Frage ließe ich lieber “Julia” oder “Romeo” beantworten! ;-)

Aus paartherapeutischer Sicht gibt es dafür kein Universalrezept. Vielmehr wissen wir heute, dass das Gefühl von “Liebe” sowohl historisch als auch kulturell immer schon sehr grossen Wandlungen unterworfen war und bis heute ist. Unser “ideales Liebes-Modell” von heute wird also vermutlich nicht auch das von morgen sein, und in unterschiedlichen Kulturen werden von Partnern mitunter höchst unterschiedlichste Qualitäten erwartet. Was aber die meisten “Liebes-Ideen” vereint, ist a) die Bedeutung der Kompatibilität (Vereinbarkeit) der jeweiligen Bedürfnisse und Erwartungen der Partner, dass b) diese Bedürfnisse und Erwartungen von beiden kommuniziert werden können und – das ist ebenfalls ganz wesentlich – c) dass diese in ihrer Umwelt lebbar sind.
Selbst in unserer vordergründig toleranten Gesellschaft gibt es ja ganz bestimmte Kriterien, an denen die “Qualität” von Beziehungen gemessen wird, und mitunter kann es dazu kommen, dass Partnerschaften letztendlich vor allem daran zerbrechen, weil sie von Freunden und Bekannten nicht respektiert werden. Und schon wieder könnten “Romeo & Julia” mitdiskutieren …”

GL: “In wieweit erlebt man eine Beziehung als 20jähriger anders als als 50/60jähriger?”

rlf: “Jüngere Menschen werfen sich meist mit ihrer gesamten Persönlichkeit in ihre Partnerschaften. Eine Beziehungskrise wird dann rasch auch zu einer regelrechten Lebenskrise. Ältere Menschen dagegen verfügen bereits über mehr Beziehungserfahrung, sind zudem meist in der Lage, auftretende Probleme in einem größeren und damit auch gelasseneren Kontext zu sehen.
Es kann ihnen dadurch allerdings auch schwerer fallen, zu vertrauen, oder den “Schmetterlingen im Bauch” Flugfreiheit zu geben.

GL: “Stimmt es, dass Verliebt-Sein und Liebe nicht dasselbe ist?”

rlf: “Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei schlicht um unterschiedliche hormonelle Stadien. Am Beginn einer Beziehung gibt es hormonelle “peaks”, intensivste Glücksgefühle, der Partner wird dann häufig idealisiert gesehen. Von “Liebe” würde ich dagegen insbesondere dann sprechen, wenn bei einer Beziehung eine gewisse “Selbstlosigkeit” der Partner zu beobachten ist, und “Partnerschaft” nicht nur der Arbeitstitel ist, sondern echten Teamgeist und Kooperation ausdrückt.
Wenn man sich also auch mal selbst hintanstellt und bereit ist, Kompromisse einzugehen oder sogar eigene Bedürfnisse eine gewisse Zeit lang im Interesse des Partners unterzuordnen, das ist Liebe: ein langfristiges Fundament, bei dem einer für den anderen sorgt und für ihn da ist. Wo versucht wird, mit Krisen umzugehen und diese aufzulösen, statt gleich das Weite zu suchen, “weil mir das nicht mehr gut tut“.

Das letztere Modell entspricht eher einer konsumorientierten Sicht von Beziehung, in der man sich bedient und genießt – aber weiterzieht, wenn der Genuss auszubleiben droht oder sich gar in ein Unwohlgefühl verkehrt. Damit, also eigentlich mit dem heute bei uns im Westen dominierenden Beziehungsmodell verglichen, sind etwa die traditionellen (bei uns aber häufig abgewerteten) afrikanischen oder asiatischen Beziehungsmodelle, in denen es mehr um Versorgung und Stabilität geht, aber die Partnerschaften deutlich weniger mit emotionalen Bedürfnissen aller Art aufgeladen sind, deutlich tragfähiger und krisenresistenter. Meine Tätigkeit in Asien und mit bikulturellen Paaren war in dieser Hinsicht sehr lehrreich und denk-erweiternd für mich.

GL: “Was sind die häufigsten Fehler, die junge, aber auch ältere Paare machen?”

rlf: “1) Kommunizieren Sie! Wenn Probleme und Unannehmlichkeiten im Beziehungsleben ständig nur verdrängt werden, ist ein “dickes Ende” meist unausweichlich. Es ist  wichtig, dass Ihr Partner, Ihre Partnerin weiss, woran er/sie mit Ihnen ist, was Sie brauchen, um sich wohlzufühlen, und was Sie stört.

2) Lassen Sie es auch mal gut sein! Wer glaubt, alles ausdiskutieren zu müssen, oder irgendwann den Partner endlich so zurechtformen zu können, dass er für einen keine Ecken und Kanten mehr hat, für den wird die Beziehung nicht nur zu einer Art “Zweitjob”, sondern früher oder später geht wohl auch die Freude an ihr – oder am Partner – verloren.

3) Schützen Sie Ihre Partnerschaft vor anderen! Jeder darf die “ideale Beziehung” für sich selbst definieren, doch fordern Sie diesen Respekt durchaus auch für Ihre eigene Partnerschaft ein. Diese muss in erster Linie nämlich nicht den Ansprüchen der anderen genügen, sondern vor allem Ihren eigenen und jenen Ihres Partners/Ihrer Partnerin.

(Das Interview erschien in der Ausgabe 04/2012 der Zeitschrift)

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Mrz 08

Frauen empfanden positive Gefühle, wenn sie die Enttäuschung ihrer Partner wahrnahmen, da dies für sie sein “Engagement” und seine “Investition" in die gemeinsame Zeit ausdrückte. Photo Credit: ALAMY, Telegraph

Eine von der Harvard Medical School durchgeführte Studie ergab, dass sich Ehefrauen oder Freundinnen freuen, wenn ihre Partner Emotionen zeigen, da sie dies als Zeichen einer gesunden Beziehung interpretieren. Weiters zeigte die Studie, dass die Frauen sich besser fühlten, wenn sie zuvor verärgert waren, ihr Mann dies aber deutlich wahrnahm. Die Männer jedoch fühlten sich dadurch nicht besser.

Die größte Freude empfanden Frauen jedoch, wenn ihr Partner deutlich Unzufriedenheit oder Ärger zeigte, da es für sie sein starkes “Engagement” oder “Investment” in ihre gemeinsame Zeit ausdrückte.

Dr. S. Cohen, Leiter der im Journal of Family veröffentlichten Studie, sagte in einem Interview: “Für Frauen drückt der Ärger ihres Partners offenbar emotionales Engagement in die Beziehung aus, auch in schwierigen Zeiten. Dies steht im Einklang mit dem, was über die Unzufrieden heit bekannt ist, die Frauen häufig erleben, wenn sich ihre männlichen Partner emotional zurückziehen und und Konflikten ausweichen.

Basis der von der American Psychological Association veröffentlichten Studie waren sehr unterschiedlich gewählte, 156 heterosexuelle Paare. Mehr als 100 der jüngeren, städtischen Paare, lebten in einer exklusiven, aber nicht unbedingt verheirateten Partnerschaft. Bei den meisten anderen Paare existierten z.T. große Unterschiede in der Art, in der sie Konflikte lösen und Emotionen ausdrücken, die übrigen Teilnehmer waren älter, stammten aus der Mittelschicht und waren verheiratet. Insgesamt waren 71 Prozent der Befragten weiß, 56 Prozent verheiratet, und die durchschnittliche Dauer ihrer Beziehungen war 3,5 Jahre.

Während der Studie wurde jeder Teilnehmer gebeten, einen während der letzten 2 Monate stattgefundenen Vorfall mit dem Partner zu beschreiben, der als frustrierend, enttäuschend oder ärgerlich erlebt wurde. Die Forscher nahmen die Teilnehmer bei einer kurzen Zusammenfassung des Vorfalls auf, und brachten das Paar anschließend zusammen, um die Aufnahmen beiden vorzuspielen. Mit der Begründung, sie könnten danach wahrscheinlich das Geschehene besser verstehen, sollte von ihnen danach der Vorfall danach nochmals besprochen werden, was ebenfalls aufgenommen wurde. Diese Videoaufnahme wurde ihnen dann ebenfalls gezeigt, während ihre negativen und positiven Reaktionen mit Hilfe eines elektronischen Gerätes bewertet wurden.
Später wurden sechs 30-Sekunden-Clips zu den emotionalsten der stattgefundenen Diskussionen dann den Teilnehmern, die zuvor Fragebögen über ihre Gefühle ausgefüllt hatten, die Aufnahmen dargestellt. Die allgemeine Zufriedenheit mit der Beziehung wurde gemessen, und ob die Befragten ihre Partner als einfühlsam empfanden.

Das Ergebnis: “Insgesamt deuten die Ergebnisse dieser Studie darauf hin, dass Männer offenbar zufriedener in ihren Beziehungen sind, wenn sie die positiven Emotionen ihrer Partner genau “ablesen” können, während die Zufriedenheit von Frauen in ihren Beziehungen dann steigt, wenn sie bei ihren Partnern negative Gefühle ablesen können.” Weiters interessant: “Die Zufriedenheit der Frauen war stärker von ihrer Wahrnehmung abhängig, dass ihre Partner ihre negativen Emotionen zu verstehen suchten, als von der tatsächlichen Genauigkeit, mit der die Männer diese Emotionen ablesen konnten.”

(Quellen: Telegraph 03/2012, APA)

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Jan 20

Burnout oder Boreout – im letzten Blog-Eintrag habe ich bereits erwähnt, dass Menschen, die an chronischer Unterforderung leiden, ähnliche Symptome entwickeln können wie solche, die mit Überlastung im Job zu kämpfen haben. Interessanterweise zeigen sich bei beiden Problemkreisen sehr ähnliche neurologische und hormonelle Veränderungen, und leider ähneln sich auch deren Konsequenzen: chronische Unterforderung und Langweile kann ebenso wie Burnout zu Erkrankungen des Herz- und Kreislaufsystems und des  Verdauungsapparates führen und das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöhen.

Hier sind 3 typische Anzeichen für eine Burnout- oder Boreout-Dynamik:

  • Körperliche, geistige und/oder emotionale Erschöpfung: Freizeit existiert nicht oder vergeht mit einem “Wimpernschlag” ohne jedes Gefühl von Erholung (Burnout) oder sie fühlt sich unendlich lange an, wobei zunehmend Essen oder Trinken zum Höhepunkt jedes Tages wird (Boreout).
  • Depersonalisation / Zynismus: grobe, unfreundliche oder abweisende Reaktionen anderen gegenüber, besonders jenen Leuten, mit denen man regelmäßig zu tun hat. Das Ziel dieses Verhaltens kann als Versuch gesehen werden, eine Distanz zu jenen Leuten herzustellen, die man subjektiv als Auslöser der eigenen Unwohlgefühle empfindet.
  • Reduzierte Fähigkeit zur Selbsteinschätzung: die Betroffenen haben das Gefühl, nichts weiterzubringen, ihre Zeit zu vergeuden oder zu versagen (Burnout) oder sinnlos vor sich hinzuleben (Boreout). Ein Gefühl des Versagens und der Ineffektivität der Lebensgestaltung ist beiden gemein und zeigt einen zunehmenden Verlust an Vertrauen in unsere Fähigkeiten.


Das Hauptproblem im Umgang mit fortgeschrittenen Formen von Boreout und Burnout ist, dass man keinen Zugang zu den üblichen Ressourcen von Energie, Kreativität und positiver Lebenseinstellung mehr hat, die dabei helfen könnten, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Häufig wird statt dessen die Situation sogar noch verschlimmert, indem die Betroffenen sich nur noch mehr anstrengen, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Doch jede Strategie, um einem Burnout-Prozess wirkungsvoll zu begegnen, muss im Endeffekt eine Reduktion der Belastungen und das Wiederfinden von Balance zum Inhalt haben. Dafür sind allerdings mitunter drastische Schritte erforderlich, wie z.B. in Extremfällen sogar ein vorübergehender Ausstieg aus der “Tretmühle Job”. Auch organisatorische Veränderungen oder eine Änderung des “Selbst-Managements” kann nötig sein, um sich nicht nach kurzer Zeit (etwa nach einem Kurzurlaub) wieder in derselben Situation wiederzufinden. Es nützt auch nichts, sich über die Firma oder “die Situation” zu beklagen – denn zu einem hohen Grad ist es letztendlich unsere eigene Psyche, die unsere Grenzen setzt – und manche von uns anfälliger dafür macht, irgendwann “auszubrennen” oder zu “verlangweilen” – insofern liegt es auch sehr stark an uns selbst, die nötigen Schritte zu setzen, die uns wieder zurück zu Glücklichkeit und innerer Balance führen können.

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012.
Eine umfangreichere Version dieses Artikels finden Sie hier: “Burnout oder Depression)

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Jan 20

[English version ]

“Burnout in Thailand? Unmöglich!”

… das würden wohl die meisten von uns denken.
Doch die Syptome von “Burnout” müssen nicht immer nur in hohem beruflichem Druck ihren Ursprung, sondern können auch ganz andere Ursachen haben.

Grundsätzlich existieren 3 Gruppen von Menschen, die sich sogar bei der  Auswanderung in ein sonniges, asiatisches Tropenland anfällig dafür sind, eine Burnout-Symptomatik zu entwickeln:

Zum einen gibt es Ausländer, die versuchen, im Ausland ihren Lebenserwerb zu bestreiten und bei in- oder ausländischen Firmen angestellt sind. Häufig müssen sie von Beginn an mit hohem Druck und großen Erwartungen am Arbeitsplatz fertig werden, sind aber auf die kulturellen Unterschiede, mit denen sie im Ausland umzugehen haben, weitgehend unvorbereitet und hatten diese unterschätzt. Viele sind überrascht und letztlich überfordert von der Herausforderung, das “alte” Leben aufzugeben, und nahezu zeitgleich ein neues Zuhause zu finden, es einzurichten und sich darin heimisch zu fühlen, sich an einen komplett neuen Kollegenkreis und ihre Arbeitshaltung zu gewöhnen, sich in der neuen Umgebung zu orientieren und gleichzeitig all die Erwartungen zu erfüllen, die sie an sich selbst stellen.

Dann gibt es die Ausländer, die im Ausland selbständig arbeiten möchten. Diese “Expat-Unternehmer” sind nahezu ganz auf sich allein gestellt, und gehen von der Annahme aus, dass ihre Erfahrungen als Touristen sie genügend auf das neue Traumprojekt vorbereitet haben sollten. Doch schon nach kurzer Zeit haben sie mit zahlreichen Hürden unterschiedlichster Art zu kämpfen. Vieles funktioniert nicht so, wie es daheim mit demselben Aufwand an Einsatz und Geld geklappt hätte. Die Summe der vielen kleinen Ärgernisse schliesslich raubt vielen nicht nur sukzessive die Freude an ihrem Traum z.B. vom “eigenen Restaurant in Asien”, sondern führt zu regelrechter Frustration und einem Gefühl, vielleicht niemals an einen Punkt zu gelangen, an dem alles so läuft wie erhofft. Und ich habe noch nicht mal die gerade in Schwellenländern und Entwicklungsländern omnipräsenten Themen “Bürokratie” und Korruption angeschnitten..!

Einige mag es vielleicht überraschen, dass sogar der Ruhestand in gemeinhin als “Traumdestinationen” empfundenen Ländern wie jenen Südostasiens oder Südamerikas zu “Burnout” führen kann.
Die vielen Veränderungen, die eine Auswanderung mit sich bringt, habe ich bereits erwähnt – aber sogar, wenn am Beginn eigentlich alles gut lief, kann nach einiger Zeit die Freude verflachen und von einzelnen Schwierigkeiten und Ärgernissen, sozialer Isolation oder sozialen Konflikten ausgehöhlt werden. Zusätzlich leiden viele westliche Auswanderer an einem Mangel an Herausforderung und Kommunikation: sie sind “bored out” von der täglichen Routine, die sich nach einiger Zeit einstellt und bei der sich dann mitunter der Tag nur mehr um die “Höhepunkte” Essen oder Trinken dreht. Sogar jemanden zu finden, mit dem man sich wohl fühlt und sich gut austauschen kann, kann schwierig sein. Doch ‘Boreout’ kann zu ähnlichen körperlichen Symptomen wie Burnout führen und uns längerfristig genauso krank und depressiv machen. Insofern ist es wichtig, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und entsprechend aktiv zu werden, bevor man von der eigenen Negativität wie gelähmt ist.

In einem Folge-Eintrag werde ich typische Burnout- und Boreout-Symptome beschreiben und Strategien, wie mit diesen umgegangen werden kann.

(Dieser Kurzartikel ist die “Blog-Version” einer wöchentlichen Zeitungsartikel-Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012; Bildquelle: blog.madisonwhoswho.com)

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Jan 20

Seit einigen Jahren beobachte ich eine deutliche Zunahme von Menschen – insbesondere Männern -, die unter teils massiven Ängsten leiden, pädophile Neigungen zu haben. Auch wenn diese Ängste unbegründet sind, erzeugen sie in ihrer Intensität bei den Betroffenen doch massiven Leidensdruck – diagnostisch ist dann von Zwangsgedanken zu sprechen, eine Störung, die sich von Pädophilie klar zu unterscheiden ist.

In den meisten Fällen fand zu einem früheren Zeitpunkt ein “Initialereignis” statt, nach dem die Angst, möglicherweise pädophil zu sein, zum ersten Mal auftrat – z.B. körperliche Erregung bei der Berührung eines jungen Mädchens, ein sexuell gefärbter Traum, als erregend empfundene Filmszenen oder auch Bilder, die als pädoerotisch bis pädopornografisch einstufbar sind. Von diesem Zeitpunkt an werden die eigenen Gedankenläufe, etwa bezüglich “junger Mädchen” oder “Buben”, sehr genau beobachtet. So wird z.B. innerlich geprüft, ob sich emotionale oder körperliche Regungen einstellen, wenn den Betroffenen ein minderjähriges Mädchen über den Weg läuft oder Phantasie-Szenen werden experimentell im Kopf durchgespielt.
Im Unterschied zum normaltypischen Umgang mit der prinzipiellen Idee, über eigene pädophile Neigungen zu verfügen, ist Personen, die unter Zwangsgedanken leiden, die Kontrolle über die damit verbundenen Gedankenläufe weitgehend entzogen. Obwohl sich das reale sexuelle Interesse auf volljährige Personen richtet, scheint in der inneren Vorstellung jederzeit mit dem Schlimmsten, nämlich dem plötzlichen und nicht beherrschbaren Aufflammen von realen sexuellen Gefühlen für Minderjährige, gerechnet werden zu müssen.

Die Prognose von Zwangsgedanken aber ist alles andere als erfreulich, es handelt sich dabei um eine von der möglichen Ausprägung her sehr schwere und die Lebensqualität massiv einschränkende psychische Störungsform. Was mit gelegentlichen, beunruhigenden Gedanken beginnt, kann im Verlauf weniger Jahre oder gar Monate ein Ausmass annehmen, das ein geregeltes Leben und das Empfinden jeglicher Lebensfreude verunmöglicht. Ein erhebliches Problem besteht zudem darin, dass PatientInnen mitunter auch im realen Leben (also nicht nur gedanklich) “überprüfen” wollen, ob z.B. sexuelle Übergriffe als erregend empfunden würden. Es kann dann fatalerweise auch zu realen Übergriffen auf Minderjährige kommen, bei denen dann tatsächlich erstmals eine Grenze im realen Leben überschritten wurde – etwas, das bei rechtzeitiger therapeutischer Behandlung vermutlich niemals passiert wäre, aber nun erstmals potentielle rechtliche und auch weitere psychische Auswirkungen (z.B. starke Schuldgefühle und Ängste) hat.

Der nach solchen Erfahrungen meist weiter steigende psychische Druck und das strafrechtliche Risiko alleine rechtfertigen eine möglichst frühzeitige psychotherapeutische Behandlung dieser Form von Zwangsgedanken. Im Unterschied zu den meisten anderen Formen von Zwangsstörungen, deren Querwirkung auf Dritte i.d.R. sehr begrenzt ausfallen dürfte oder ganz ausbleibt, besteht bei unter pädophilen Zwangsgedanken leidenden Personen nämlich ein gewisses Risiko von Handlungen, die sie in die Grauzone strafrechtlich relevanter Taten oder darüber hinaus führt.

Hinweis: dieser Artikel ist die Kurzfassung meines umfangreichen Artikels zum Thema “Pädophile Zwangsgedanken“.

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Jan 20

Auch nach so vielen Jahren in meinem Beruf kann es mich immer noch begeistern, wenn Leute sich entschließen, mit Hilfe von Beratung oder Therapie ihr Leben zu verbessern. Bei Kindern und Jugendlichen ist der Grund dafür offensichtlich: sie haben ihr ganzes Leben noch vor sich, und wenn sie da anfängliche Hindernisse erfolgreich überwinden können, ist es großartig. Die andere Altersgruppe sind jene Personen, die ihre Lebensmitte überschritten haben. Warum? “Ältere” Menschen sind in unserer Gesellschaft mit dem Vorurteil konfrontiert, sich nicht mehr ändern zu können. Der Prozess des Älterwerdens generell wird von vielen abgewertet, die die Einstellung haben, dass 30 zu werden schon schlimm genug ist, aber das Leben ab einem Alter von 40-50 Jahren nur mehr schlechter werden kann.

Doch tatsächlich ist nicht viel dran an diesem Klischeebild, und überraschenderweise ist der tropische Teil Asiens eine gute Region, sich davon zu überzeugen. Während die Mehrheit der hier lebenden Auswanderer entweder am Rande eines durch einen Auslandseinsatz bedingten Burnouts steht, am sog. “Expat-Syndrom” leidet oder andererseits einem hedonistischen Lebensstil frönt, den sie sich nicht durch gesellschaftliche oder sonstige Regeln einschränken lassen möchte, kann man immer mehr Menschen finden, die für ihr Alter großartig aussehen und auf verschiedenste Art und Weise alles Nötige dafür tun, um nicht nur ein noch möglichst langes und gesundes, sondern auch ein möglichst glückliches Auswanderer-Leben führen zu können. Fairerweise muss gesagt werden, dass einer solchen Haltung nicht selten Schockereignisse wie Herzinfarkte, sexuelle Funktionsstörungen oder andere Krankheiten vorausgingen. Manchmal folgte sie jedoch auch auch aus der Erkenntnis, dass sich unser Körper und unsere Psyche nun einmal nicht austricksen lassen: wenn unser Körper krank zu werden und uns dadurch dauerhafte “Zügel” zu verpassen droht oder unsere Psyche unsere Lebensfreude chronisch einschränkt, bleibt letztendlich nur die Option, die Abwärtsspirale möglichst umgehend zu unterbrechen: zunächst einmal das Problem zu erkennen und zu akzeptieren (idealerweise häufig mittels “Kickstart” durch ärztliche oder therapeutische Hilfe), und dann unseren Lebensstil möglichst umgehend radikal zu ändern.

So traf ich Menschen, die dem Rauchen, Trinken oder anderen Formen des Substanzmißbrauchs aufhörten, Menschen, die ihren Körper auch nach Jahrzehnten des Übergewichts wieder in Form brachten, 70 Jahre alte Männer, die wieder zu verloren geglaubten sexuellen Freuden fanden, und ältere Paare, die offenbar erst auswandern mussten, um herauszufinden, dass sie mit ein wenig Unterstützung ihre Ehe reparieren konnten.

Für manche kommen solche Umkehrschwünge zu spät – für andere aber sind sie die ersten Schritte zu einem neuen Leben. Ich möchte diesen kleinen Artikel mit einem schönen Zitat der Schriftstellerin Helen H. Santmyer (1895-1986) beschließen:

“Zeit – unsere Jugend – sie ist nie wirklich zu Ende, nicht wahr? All das findet in unseren Köpfen statt.”

(Dieser Kurzartikel ist Teil einer wöchentlichen Serie, die sich mit psychischen Problemen von Expats und generellen Themen psychischer Gesundheit befaßt und in verschiedenen Medien Thailands veröffentlicht wird, 2012)

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Jan 17

Lange Zeit galt das Hirn eines Erwachsenen als starr festgelegtes, fix verdrahtetes Organ. Modernste wissenschaftliche Erkenntnisse jedoch zeigen das Gegenteil, und beweisen damit nicht nur etwas, das Buddhisten schon immer wussten, sondern illustrieren nebenbei auch, warum Psychotherapie “funktioniert” und dass viele unserer kleinen und größeren Schwächen stärker veränderbar sind, als wir das zu hoffen wagten.

Eine der faszinierendsten Forschungsbereiche der Neurobiologie ist jene zur so genannten “Neuroplastizität” oder “neuronalen Plastizität“. Darunter versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich in Abhängigkeit von der Verwendung in ihren Eigenschaften zu verändern. Je nach betrachtetem System spricht man auch von synaptischer Plastizität oder kortikaler Plastizität. Die Grundlagen für diese Entdeckung der Anpassungsfähigkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.

Forscher an der Universität Zürich wiesen beispielsweise nach, dass sich bei jemandem, der nach einem rechten Oberarmbruch nur noch die linke Hand benutzt, bereits nach 16 Tagen markante anatomische Veränderungen in bestimmten Hirngebieten zeigen: die Dicke der linksseitigen Hirnareale wird reduziert, hingegen vergrößern sich die rechtsseitigen Areale, die die Verletzung kompensieren. Auch die Feinmotorik der kompensierenden Hand verbessert sich deutlich.

Andere einfache, aber in ihren Resultaten erstaunliche Tests bestätigen, dass schon die bloße Vorstellung Hirnreale vergrößern lässt: Der Hirnforscher Pascual-Leone etwa ließ Freiwillige ein simples Klavierstück üben und untersuchte anschließend die entsprechend motorischen Regionen im Hirn der Probanden. Der Bereich, welcher für die Steuerung der Fingerbewegungen verantwortlich ist, vergrößerte sich. In gewissem Sinne stimmt also der bei Lehrern beliebte Vergleich mit dem Gehirn als Muskel: werden bestimmte Areale durch steten Gebrauch stärker genutzt, entwickeln sich diese offenbar stärker – unsere Fähigkeiten und die speicherbare Information nehmen zu.

In einem anderen Experiment sollten sich Versuchspersonen nur im Geiste vorstellen, das Klavierstück zu spielen. Die erstaunliche Erkenntnis: hier veränderten sich genau die gleichen Hirnreale wie bei den tatsächlich Übenden. Allein mit dem Denken oder mit Hilfe geistigen Trainings können also offenbar physiologische Veränderungen des Gehirns durch Veränderungen der beteiligten neuronalen Schaltkreise bewirkt werden.
Verblüffend ist auch die Geschichte des Malers Esref Armagan, der von Geburt an blind ist. Trotzdem ist er fähig, realistische Bilder von Gebäuden und Landschaften zu erschaffen, die er nur aus Beschreibungen kennt. Obwohl sein Sehareal nie einen externen visuellen Reiz empfing, ist der zugeordnete Hirnbereich so aktiv wie bei einem Sehenden: allein durch die Beschreibungen der Objekte, welche er auf Papier bringt, erkennt sein Gehirn also mentale Bilder.

Die blosse Vorstellungskraft bewirkt folglich Enormes, und wir kennen ähnliche Effekte auch aus der Psychotherapie. Bei dieser werden letzlich in der therapeutischen Praxis neue Verhaltensweisen und Denkkonzepte “ausprobiert” – und können zunehmend auch im Leben “draussen” umgesetzt werden. Stück für Stück werden alte und hinderliche Denkkonzepte in solche umgewandelt, die uns zufriedener, selbstsicherer und hinsichtlich der Erreichung unserer ganz persönlichen Ziele und Bedürfnisse “erfolgreicher” machen. Dies erklärt, warum Psychotherapie sogar bei schweren psychischen Erkrankungen und neurologischen Störungen unterstützende Effekte erzielen kann.

In der Meditation erfahrenen Buddhisten ist all dies ohnehin nicht neu: ist man imstande, sich lange Zeit auf nur einen Gedanken zu konzentrieren, können auch negative Gedanken gezielt überwunden werden können. Werden jene Gedanken überwunden, die einen bestimmten psychischen Leidenszustand hervorrufen, kann über die Funktion der Neuroplastizität eine physiologische Änderung jener Schaltkreise im Gehirn bewirkt werden, die diese negativen Gedanken laufend hervorriefen. Was also in der Psychotherapie durch externe und professionelle Begleitung erreicht wird, erreichen buddhistische Mönche durch jahrelange Meditationspraxis auch alleine.

Dokumentiert sind heilende Effekte der Neuroplastizität auch nach Schlaganfällen, in der Schmerzbehandlung, beim Autismus, bei Lähmungserscheinungen, Lernschwierigkeiten, bei Phantomschmerzen und vielen mehr (viele davon sind im unten erwähnten Video und in der Literaturliste detailliert vorgestellt). Die Neuroplastizität scheint ein Evolutionsfaktor zu sein, mittels dessen sich Menschen den Anforderungen der Umwelt sukzessive anpassen können.

Link-Tipps:
Der Wille, die Neurobiologie und die Psychotherapie von Hilarion G. Petzold (Hrsg.) und Johanna Sieper (Hrsg.)
Neustart im Kopf von Norman Doidge
Neue Gedanken – Neues Gehirn von Sharon Begley
weitere Bücher zum Thema Neurobiologie

Videos:
Neustart im Kopf – TV-Dokumentation; der kanadische Psychiater und Psychoanalytiker Norman Doidge schildert sehr anschaulich die Erforschung der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns.
NeuroplasticityTraumata, Kultureinflüsse, aber auch Jonglieren verändert das Gehirn
Norman Doidge – The Brain that Changes – (Vortrag; am Rande: über Psychoanalyse als erster Ansatz, das Denken gezielt zu verändern)

(Quellen: N. Langer et.al, Effects of limb immobilization on brain plasticity in: Neurology, Jan 17, 2012; Image sources: psychofonie.ch, persoenlichkeits-blog.de)
Hinweis: dieser Blog-Eintrag wird laufend aktualisiert; Erstveröffentlichung: 08/2010; letztes Update: 18.01.2012

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Jan 15

Ein Test, der auf Kriterien und Anzeichen für die folgenden Persönlichkeitsstörungen prüft, wurde von mir nun auch auf meiner deutschsprachigen Website online gestellt:

  • Psychopathie / Antisoziale Persönlichkeitsstörung
  • Narzissistische Persönlichkeitsstörung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung

Sogar bei manchen Fachleuten besteht Verwirrung über die genauen Unterschiede und Bedeutungen zwischen Psychopathie (“antisozialer Persönlichkeitsstörung”), Soziopathie, Narzissmus und histrionischer Persönlichkeitsstörung – und mehr noch gerade bei jenen Personen, die Probleme in ihren Beziehungen zu anderen wahrnehmen und Orientierung benötigen würden, um dem Ursprung dieser Probleme auf den Grund zu gehen. Dieser Selbsttest versucht dabei zu helfen, indem auf typische Symptome und Wesenszüge jeder einzelne der genannten Störungen geprüft und dann eine separate Auswertung zur Verfügung gestellt wird.

http://www.psychotherapiepraxis.at/surveys/test_psychopathie.phtml

Um so zuverlässige Resultate zu ermöglichen wie möglich, kombiniert dieser Selbsttest Screening-Methoden, die auf der Hare Psychopathie-Checkliste (welche in der klinischen Forschung und Praxis angewendet wird, um Psychopathie festzustellen) mit klinischen Markern für narzisstische Persönlichkeiten und histrionische Persönlichkeitsstörungen, basierend auf den Diagnoseschemata DSM-IV and ICD-10. Der Test hat daher ein vergleichsweise hohes Potential, verläßliche Resultate sogar über das Internet zu erzielen. Es muß jedoch korrekterweise darauf hingewiesen werden, dass die Qualität der Testergebnisse geringer ausfallen kann, wenn die Fragen unehrlich beantwortet werden oder die betreffende Person unter verzerrter Wahrnehmung leidet – gerade diese beiden Persönlichkeitsfaktoren jedoch sind potenzielle Züge von Menschen mit diversen Persönlichkeitsstörungen. Im Unterschied zu den meisten anderen Tests auf meiner Website kann es also sinnvoll sein, sich die Antworten genau zu überlegen und sie ggf. sogar im Beisein des Partners oder eines nahestehenden Vertrauten durchzuführen.

(Image source: 2.bp.blogspot.com)

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Jan 09

In einem Artikel stellte K. McGonigal, Psychologin an der Stanford University, eine praktische Anwendung für Erkenntnisse aus zwei kürzlich veröffentlichten Studien vor, die den Wert selbst einfachster schriftlicher Übungen auf unsere Psyche illustrieren.

In einer Studie reduzierte die Intervention Schadenfreude. Nach einer kurzen Schreibaufgabe berichteten die Teilnehmer, weniger Schadenfreude über die Fehlleistungen einer anderen Person zu empfinden. Die meisten Menschen beschreiben Schadenfreude als positive Emotion – doch tatsächlich kann sie ein großes Hindernis für unser Glück darstellen. Je mehr wir uns am Leiden anderer erfreuen, desto schwieriger ist es für uns, aus dem Glück der anderen auch für uns selbst positive Gefühle zu beziehen, Mitgefühl für andere zu empfinden, aber auch eigene emotionale Bedürfnisse adäquat wahrzunehmen und zu nähren.

Die Versuche in der zweiten Studie, welche unter etwa denselben Versuchsbedingungen stattfand, erhöhten den Mut der Teilnehmer, Details über ihre eigenen medizinischen Risiken zu erfahren – etwas, das die meisten Menschen aus Angst, etwaige bedrohliche Krankheiten herauszufinden, instinktiv abwehren. Doch Offenheit gegenüber potenziell bedrohlichen Informationen kann nicht nur Leben retten, sie ist auch die Grundlage für die Möglichkeit, neue Perspektiven und Sichtweisen auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen.

Zusammen deuten diese Studien auf die Möglichkeit, mittels einer 15-Minuten-Aufgabe sowohl Mut als auch Mitgefühl zu erhöhen, Stress zu reduzieren, die Selbstkontrolle und die Ausdauer im Angesicht von Herausforderungen zu erhöhen. So können Sie diese Methode McGonial zufolge auch für sich selbst nutzen:

  1. Machen Sie eine Liste der 3 für Sie wichtigsten Werte. “Werte”, das können Prinzipien, Stärken, persönliche Qualitäten,  Rollen oder Erfahrungen sein, die subjektiv sinnvoll und wichtig für Sie sind. Typische Beispiele sind Tugenden (wie Ehrlichkeit, Geduld, Mut, Mitgefühl), die Fähigkeit, die positiven Seiten und Potenziale des Lebens sehen zu können, Glaube, Verbindung zur Natur, Dienst an der Gemeinschaft oder Familie, Gesundheit, lebenslanges Lernen, Abenteuer, Tradition, Kreativität, und ähnliche Qualitäten.
  2. Wenn Sie kurzfristig eine Dosis zusätzlicher Selbstbestätigung benötigen, wählen Sie einen dieser Werte und schreiben für 5-15 Minuten auf, warum gerade dieser Wert für Sie wichtig ist – und ein Beispiel dafür, wie Sie ihn leben. Sie könnten beispielsweise über eine vergangene Erfahrung schreiben, eine Zeit in Ihrem Leben, wo Ihnen dieser Wert half, eine Herausforderung zu bestehen. Oder auch etwas, bei dem Ihnen dieser Wert tagtäglich hilft. Wenn Ihr Wert beispielsweise Großzügigkeit ist, könnten Sie über ein Erlebnis schreiben, bei dem Sie einen Menschen in einer schwierigen Situation unterstützten, oder warum Sie regelmäßig Zeit und Geld für einen bestimmten wohltätigen Zweck einsetzen.

Diese Technik hilft vermutlich nicht dabei, dauerhaft mehr Selbstwertgefühl, Selbstkontrolle etc. zu erwerben, kann aber vorübergehend dabei unterstützen, sich selbstsicherer und gelassener hinsichtlich bestimmter Herausforderungen zu fühlen und diese damit besser zu bestehen.

(Quellen:  McGonial, K, “Find Your Courage and Compassion with One Question” in: psychologytoday.com; Howell JL & Shepperd JA, “Reducing information avoidance through affirmation. Psychological Science” in: Psychological Science; van Dijk WW, van Koningsbruggen GM, Ouwerkerk JW, & Wesseling YM (2011), “Self-esteem, self-affirmation, and schadenfreude.” in: Emotion, 11(6), 1445-1449. Photo Credit: freestockphotos.biz)

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Jan 05

Bei ihrer Einführung wurde Viagra als neue Hoffnung für all jene beworben (und prompt gefeiert), die unter Erektionsstörungen litten. Tatsächlich wurden Belege dafür gefunden, was manche Sexualtherapeuten (unter anderem auch ich) bereits von Beginn an vermuteten: ähnlich den Effekten bei sog. “Testosteron-Kuren” (künstlicher Testosteron-Verabreichung) läßt die Wirkung der Potenzpille bei länger dauernder Einnahme zum Teil massiv nach.

Wissenschaftler dreier Universitäten in den USA und in Saudiarabien untersuchten, ob die Wirkung von Viagra, Cialis und Levitra auch anhält, wenn das Medikament längerfristig eingenommen wird und veröffentlichten die Ergebnisse der Studie im Journal of Urology. Per Telephoninterview wurden 151 Patienten befragt, die im Jahre 1997 Viagra verschrieben bekommen hatten. Die Ursachen für die Erektionsstörungen der Patienten waren operative Prostataentfernungen, Diabetes, oder neurologische Störungen.

Anfangs verbesserte sich bei drei Viertel der Teilnehmer die Erektionfähigkeit soweit, dass sie wieder normalen Geschlechtsverkehr haben konnten. Bei 15% dieser Patienten waren dazu 100mg Sildenafil (die maximale für männliche Erwachsene angeratene Dosis), notwendig, 83% der Patienten kamen mit 50mg aus und 2% benötigten nur 25mg.
Nach drei Jahren wurden die Patienten nochmals befragt, und es stellte sich heraus: die neuen Sexfreuden hatten nicht lange angehalten. Etwa die Hälfte der Patienten hatte die Potenzpille wegen Wirkungslosigkeit bereits ganz abgesetzt. Und 37% jener Männer, die noch auf Viagra bauten, waren mittlerweile auf die Maximaldosis umgestiegen.

Die Ernüchterung über die angeblichen Wunderkräfte der blauen Pille ist in der Fachwelt groß. “Nach meinen Beobachtungen wirkt Viagra nur bei der Hälfte aller Patienten mit körperlich bedingten Erektionsstörungen”, erklärt P. Derahshani, Leiter der Urologischen Abteilung der Kölner Klinik am Ring. Ein gesundheitlich problematischer Aspekt bestehe darin, dass beim Auftreten von Gewöhnungseffekten die Dosis nur bei jenen Patienten gesteigert werden kann, die vorher 25 oder 50mg eingenommen haben, denn eine Dosis über 100mg erhöht das Risiko von Nebenwirkungen wie Kreislaufsschwäche, Übelkeit oder Kopfschmerzen beträchtlich.

Kein Ersatz für Psychotherapie bzw. Sexualtherapie

“Man sollte nicht vergessen, dass bei Erektionsproblemen Viagra nur bei solchen Männern indiziert ist, deren Potenzschwäche körperliche Ursachen hat”, sagte der Wiener Urologe Werner Reiter von der Impotenz-Ambulanz am Wiener Allgemeinen Krankenhaus in einem Interview mit der “Süddeutschen” (SZ). Vor allem bei älteren Männern, die viel rauchen und an Bluthochdruck oder Herzerkrankungen leiden, verliere Viagra nach längerer Einnahme an Wirkung. Bei Männern mit stabilem Gesundheitszustand beobachtet der Spezialist hingegen selten einen Gewöhnungseffekt.
“Wenn die Gründe für die Impotenz im psychischen Bereich liegen, deckt Viagra im besten Fall anfangs die Impotenz-Symptome zu”, warnt Reiter. Langfristig könne diesen Patienten nur mit einer Psychotherapie bzw. Sexualtherapie geholfen werden.

Gesundheitsrisiken mitunter fatal unterschätzt

Fatalerweise wird von vielen Männern das Risiko von Selbstmedikation ignoriert. Doch stattliche 40 Prozent der Männer, die wegen Erektionsproblemen zum Arzt gehen, leiden an einer Arteriosklerose der Herzkranzgefäße (welche jedoch nicht immer die Ursache der Erektilen Dysfunktion darstellen muss). Impotenz “kann jedoch das Anzeichen einer Erkrankung oder einer beginnenden Erkrankung sein. Symptome aber einfach blind wegbringen zu wollen hat sich weder in der Medizin, noch in der Psychotherapie als gewinnbringend erwiesen”, so Sexualtherapeut Karl F. Stifter. Es gehe darum, den Menschen ganzheitlich im Auge zu behalten, und dazu gehört auch, bei Erektionsproblemen zunächst einmal körperliche Ursachen und Symptome abzuklären.

Der in den Pillen enhaltene Wirkstoff (Sildenafil bei Viagra, Vardenafil bei Levitra und Tadalafil bei Cialis) fördert die Entspannung der glatten Muskulatur im Schwellkörper und unterstützt so die Erektionfähigkeit. Die Besonderheit ist, dass die Wirkung erst mit einer sexuellen Erregung einsetzt – Erektionsprobleme werden also insbesondere dann nicht von ihr gelöst, wenn psychische Ursachen die Erektion behindern.

In geringem Maße beeinflussen die Wirkstoffe auch chemische Reaktionen innerhalb unseres Körpers, die unsere visuellen Empfindungen steuern. Daher gehört zu ihren Nebenwirkungen auch eine spezielle Form der Sehstörung, bei der man alles leicht blau getönt sieht. Piloten dürfen daher mindestens 12 Stunden vor einem Flug kein Viagra einnehmen. Auf die mittlerweile nachgewiesene Schädigung des Hörvermögens durch eine Langzeiteinnahme der Potenzmittel habe ich bereits in einem früheren Blog-Artikel hingewiesen.

Noch weitaus problematischer als dieses “blaue Wunder” ist aber wie erwähnt die Gefahr, bei bestehender Herzschwäche einen Infarkt zu erleiden. Denn als Medikamente, die in die Blutzirkulation des Körpers eingreifen, haben Viagra & Co. besondere Risiken für Herz und Kreislauf. Insbesondere Patienten, die Nitroglycerin oder Blutdruck senkende Mittel einnehmen müssen, welche ebenfalls die glatte Muskulatur entspannen, dürfen die Tabletten nicht einnehmen, da sich die Wirkung der Mittel gegenseitig verstärkt. Zusammen mit nitrathaltigen Medikamenten (z.B. für Angina pectoris) kann der Wirkstoff zu einem tödlichen Blutdruckabfall und bei Männern mit Herzkrankheiten zu Kreislaufversagen führen. Eine entsprechende Untersuchung durch einen Arzt ist daher unbedingt angezeigt, bevor man diese einnimmt.

Tatsächlich sind keine anderen Medikamente aufgrund fahrlässiger Anwendung für so viele Todesfälle verantwortlich wie die neuen “Erektionshelfer”. Europaweit wurden allein während der ersten 3 Jahre nach dessen Einführung weltweit 616 Todesfälle nach der Einnahme von Viagra gemeldet. Die leichte Verfügbarkeit der Tabletten über das Internet oder den Schwarzmarkt stellt ein großes Problem dar, da sie zum einen zur Selbstmedikation regelrecht einlädt, und es sich zum anderen bei manchen so bezogenen Tabletten um gesundheitsgefährdende Imitate handelt. Der Markt der Imitate, die größtenteils aus Indien und China stammen, ist nämlich kaum zu kontrollieren, mit den damit verbundenen Risken für die Endanwender, die die so bezogenen Tabletten häufig nicht nur in viel zu jungen Jahren, sondern auch auf eigene Faust als “Lifestyle”-Droge einsetzen.

Zu befürchten ist also einmal mehr, dass bereits derzeit die Zahl der “Viagra-Veteranen” mit multisystemischen Erektionsstörungen (= psychogene Erektile Dysfunktion plus bereits organisch bedingter Wirkungslosigkeit erektionshelfender Mittel) massiv zunimmt. Diese Männer dürften sich speziell dann, wenn die Erektionsfähigkeit aus ganz natürlichen Gründen (altersbedingt oder als Nebeneffekt körperlicher Erkrankungen) abnimmt, in einer unglücklichen Sackgasse wiederfinden.
Nachgewiesenermaßen sind bei der überwiegenden Mehrheit der Männer unter dem 50. Lebensjahr Erektionsprobleme psychisch bedingt – selbst diesen aber ist aus sexualtherapeutischer Sicht unbedingt angeraten, diese zunächst ärztlich abklären zu lassen. Werden dabei keine klaren Indizien für körperliche Ursachen gefunden, sollte man im Interesse seiner Gesundheit (und vielleicht auch, um sich die “Trumpfkarte” der Pillen für schwierigere Zeiten aufzuheben) sexualtherapeutische Beratung suchen, statt reflexartig zu den einfach verfügbaren problematischen “blauen Pillen” zu greifen.

(Quellen: Reuters.com; Rizk El-Galley et.al., “Long-Term Efficiacy of Sildenafil and Tachyphylaxis Effect” in: The Journal of Urology – September 2001 (Vol. 166, Issue 3, Pages 927-931); Image source: creakyeasel.com)

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14.03.12