Ich reagiere auf Fehler seltsam

Das Leben ist wesentlich durch unsere Arbeit geprägt. Der Job kann jedoch auch Quelle von Ärger und Frustration sein, oder persönliche Probleme geradezu auf die Spitze treiben...
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MinaM
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Ich reagiere auf Fehler seltsam

Beitrag Di., 04.03.2008, 20:20

Hallo,
Ich arbeite seit einem halben Jahr, in einem großen Unternehmen. Zur Zeit bin ich in einem Zweier-Team in einem Projekt beschäftigt, nur mein ummittelbarer Vorgesetzter und ich. Ich mache meine Arbeit sehr gründlich und genau. Mir passieren höchsten mal Flüchtigkeitsfehler, die jedoch selten vorkommen, und auch wieder leicht korrigierbar sind. Also kein Drama. Nun ist ein größerer/mittelscherer Fehler passiert (der jedoch nicht durch meine Schuld verusacht wurde). Der jedoch an mir hängen bleibt und mir zugeschrieben wird. (Dir Ursache liegt vorwiegend an meinem Vorgesetzten, der trotz meines Nachfragens, mir die erforderlichen Informationen nicht zukommen ließ.) Mein Vorgesetzter hat die Angewohnheit Fehler (besonders seine) auf andere zu schieben (insbesondere auf mich). Was mich berechtigter Weise ärgerlich macht. Und nun komme ich zum eigentlichen Problem:
Meine (innere) Reaktion auf diesen ungerechtfertigte Fehlerzuweisungen, waren so heftig, ich war voller Wut, fühlte mich so ungerecht behandelt. Gleichzeitig hatte ich auch Angst. Obwohl ich trotz diesem Fehler bestimmt nicht meinem Job verlieren werde. Ich habe mich zurückgezogen musste 4 (!) Beruhigungstabletten nehmen, weil ich am ganzen Körper zitterte. Danach konnte ich einigermaßen wieder ruhig denken.
Ich entschloss mich dann zu unseren gemeinsamen Chef zu gehen (der übrigens sehr vernünftig und verständnisvoll ist)
Da ich ruhig war, konnte ich meine Argumente sachlich vortragen (ohne meine Vorgesetzten dabei anzuschwärzen) Ich erklärte ihm, dass ich von wichtigen Informationen ausgeschlossen werden, und das das bereits wiederholt vorkam, das ich damit immer Mehrarbeitleisten muss, auch am WE um die durch fehlende Information entstandenen „Fehler“ wieder auszubügeln. Ich sagte ihm auch dass ich mehr in den Informationsfluss eingebunden werden will. Das ganze sagte ich sehr sachlich und argumentativ gut. Er hat dann anschließen mit meinen Vorgesetzten gesprochen.

Aber ich frage mich warum habe ich auf das ganze psychisch und auch körperlich so extrem reagiert. Das ich 4 Beruhigungstabletten brauchte? So voll Wut und Aggression, dass ich jederzeit Angst hatte es könnte ohne die Tabletten wie ein Orkan aus mir herausberechen. Wenn ich ruhig bin sind meine Argumente gut und überzeugend. Wenn ich allerdings so ein Nervenbündel bin, wäre ich eine Katastrophe und wenn es aus mir herausberechen würde wäre es mein berufliches Aus. In meiner Firma herrscht sehr viel Konkurrenzdenken. Die Arbeit ist sehr fordernd.
Ich selbst habe gar nicht so große Ambitionien. Will nur das meine Arbeit die ich gut mache anerkannt wird. Aber mein Vorgesetzter neigt dazu seine Fehler auf andere abzuschieben, besonders auf mich. Ich misstraue ihm zutiefst. Er hält mich auch von unserem Chef und Projektleiter fern, damit ich nicht meine Ansichten schildern kann. Also bei diesen Gesprächen darf ich nicht dabei sein. Da vermute ich, dass er meine Leistungen auf sein Konto schreibt, und seine Fehler auf meins.
Ich bin bestimmt zurecht wütend.
Aber warum nur so extrem? Warum kann ich nicht gelassener reagieren ohne BT?
Meine Reaktion ist übrigens eine Kombination aus Angst und Aggression, dass sich sichtbar durch Zittern und Verwirrtheit äußert.

Weiß jemand einen Rat?

Grüße,
genua
Nichts bereuen ist aller Weisheit Anfang.
- Ludwig Börne

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Tara
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Beitrag Di., 04.03.2008, 21:52

Hallo Genua!
Wie krankhaft wir nicht konditioniert sind!?! Es ist echt traurig, dass wir uns so sehr selbst verleugnen müssen, um in dieser Leistungsgesellschaft bestehen zu können- die Wut und Aggression die du da aufstaust überrascht mich überhaupt nicht! Um den Druck irgendwie zu kompensieren, schmeißt du dir Beruhigungspillen rein, dein Vorgesetzter wird sich wahrscheinlich eine Line Koks ziehen und euer Chef packts ohne seinen täglichen Whiskey nicht!
Das wird so lange rennen, bis der Körper völlig auslässt und du in ein totales BurnOut kippst- glaub mir, ich hab das alles durchgemacht und bin nach vielen Monaten seit meines Zusammenbruchs noch immer nicht ganz bei mir.... Ich mein, dein Schachzug war gut- fragt sich nur wann sich dein Vorgesetzter an dir rächen wird... ich wünsch es dir nicht!!! Dagegen würde ich euch für eurer Unternehmen, sofern soziale Kompetenzen und echte Teamarbeit wirklich gefragt sind- eine gute TeamSupervision ans Herz legen... weiß, dass ist völlig utopisch- die Haie fressen die kleinen Fische und dieses äußerst perverse und inhumane Prinzip zieht sich durch fast alle wirtschaftlich orientierten Betriebe..... was soll ich sagen;- Ich schätze du bist eine strebsame Frau und als solche wirst du wohl dein Ding durchziehen und dich (unter Einfluss von BP) gegen die Männerdomäne weiterhin mit aller Macht behaupten...
"Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können." (Einstein)

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kugelrund
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Beitrag Mi., 05.03.2008, 09:27

Hallo genua!

Ich bin auch eine Person, die sehr sensibel (ist das das richtige Wort?) auf solche Ungerechtigkeiten reagiert und zwar auch, wenn es anderen passiert.

Bei mir ist es so, dass dann meine Stimme anfängt zu zittern und danach dann die Tränen
Habe es auch noch nicht wirklich in den Griff bekommen, also kann ich dir noch leider keinen wirklichen Tip geben. Was mir jedoch geholfen hat, ist als ich mich einer Kampfsportart angefangen habe und so im Training die Wut und Aggression rauszulassen. Das brachte mir auch etwas mehr Gefühl von Stärke und Durchsetzungsvermögen
Leider musste ich nach 2 Jahren damit aufhören. Aber Handschuhe anziehen und auf Kissen o.ä. einschlagen (auch mental) geht immernoch und wirkt etwas, wenn auch nicht mehr so stark...

Lg kugelrund

PS Mein Freund hatte auch so einen Vorgesetzten und obwohl die Geschäftsleitung davon wusste und schlussendlich auch "sah" wie es in Wahrheit ist, passierte nichts. Mein Freund hat jetzt letzten Monat gekündigt

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MinaM
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Beitrag Do., 06.03.2008, 02:07

Hallo,

vielen Dank für eure Antworten.
Wie ging es weiter: Also gestern, ein Tag nach dem Vorfall, war ich total gefrustet und missmutig. Obwohl ich nicht wollte das man mir meinen Missmut ansieht, konnte ich es natürlich nicht verbergen. Und innerlich schwellte in mir eine solche Aggression (ich habe tausend „Morde“ begangen in meiner Phantasie). Und gleichzeitig nährte das wieder erneute Aggression in mir, da ich solches Denken als „schlecht“ im Sinne von „moralisch schlecht“ bewerte. Und das es ja nur ein Indiz für meine innere Unzufriedenheit ist, die ich anscheinend nicht in den Griff bekomme. Irgendwann habe ich gedacht, nun ja dann laufe ich eben mit missmutigem Gesicht rum, kann auch nichts machen, man kann nicht jeden Tag gut und „professionell“ aufgelegt sein. So eine Art sch*** Egal Gefühl, solange ich nicht über jemanden „verbal“ herfalle. Aber ein falsches Wort, von der Seite, besonders von diesem Kollegen und ich hätte für nichts mehr garantieren können...
Mein Kollege ist übrigens auf vorsichtige Distanz zu mir gegangen. Und hat Anzeichen gezeigt, dass er sich doch mit mir gut stellen will.
Ich bin momentan sehr verwirrt. Jetzt (es ist fast 2 Uhr Nachts) kann ich nicht schlafen, da mich meine Probleme wach halten (muss sagen, dass ich auch noch viele unbewältigte private Probleme habe), das entzieht einem natürlich die Energie für die Arbeit. Mein Aggressionen scheinen sich allmählich durch eine Depression abzulösen. Also im Moment fühle ich mich eher depressiv. Ich bin verwirrt. Meine Gedanken kreisen ständig hin und her. Von Arbeit zu privaten Problem, vom Privaten zur Arbeit. Alles vermischt sich irgendwie in meinem Kopf. Sogar Ereignisse aus der Vergangenheit, vergangene Enttäuschungen, steigen wieder in mir auf, gleichzeitig Angst, die Arbeit nicht zu schaffen, ein Gefühl des ungerecht behandelt werdens, Gedanken wie „wo liegt der Fehler an mir?“. Es ist schwer zu glauben, für mich selbst, dass das alles nur an diesem einem Vorfall liegt (der zugegebener maßen sehr ärgerlich ist). Aber irgendwo sind doch da auch sehr viel unbewältigte Probleme? Meine heftige Reaktion ist wohl darauf zurückzuführen. Oder wie seht ihr das?

Danke euch noch mal
lg
genua
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expat
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Beitrag Do., 06.03.2008, 05:25

genua hat geschrieben:Aber irgendwo sind doch da auch sehr viel unbewältigte Probleme? Meine heftige Reaktion ist wohl darauf zurückzuführen. Oder wie seht ihr das?
Das siehst du sicher richtig. Wir sind alle vorbelastet.So wie ein hochempfindlicher Film, der durch Vorbelichtung sensibler wird. Ungerechtigkeiten ohne Gegenwehr ertragen zu müssen, zeigt die eigene Machtlosigkeit. Was du erlebst, ist die Abwehr des tief in dir verborgenen und verdrängten Schmerzerlebnisses der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins in der frühen Kindheit. So jedenfalls habe ich mir das bei mir selbst erklärt. Ich kann auch Ungerechtigkeiten auf den Tod nicht leiden und habe mein Leben lang überreagiert. Die Psyche will sich anhand solcher Ereignisse in der Gegenwart nicht an die alten verdrängten Verletzungen erinnern lassen und projiziert den alten Schmerz einfach auf die reale Situation, die dadurch noch bedrohlicher erscheint. Die Vergangenheit versteckt sich hinter der Gegenwart und gaukelt uns vor, dass unser Leid durchaus real berechtigt ist. Abgesehen von solchen Zwangsmechanismen ist natürlich eine Gegenwehr gegen Ungerechtigkeiten ein sinnvoller Prozess, denn schließlich haben wir (beinahe) alle den Wunsch, unsere Weltsicht auch bei anderen wiederzufinden.
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sofa-held
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Beitrag Sa., 08.03.2008, 19:34

hallo Genua,

ich reagierte ebenso seltsam und nahm dann auch Benzos, gelegentlich auch vier Stück. Aber man muss sich immer im Klaren sein, dass man damit die wahren Gefühle verdrängt und quasi auf emotionalen Kredit lebt. Bei mir führte es zum Burnout und eine leichte Abhängigkeit (also niedrigdosiert) ist mir geblieben. Im Nachhinein denke ich, dass das ein zu hoher Preis ist, dafür immer schön cool rüber zu kommen und anspruchsvoll zu argumentieren.
wenn ich die Chance hätte noch einmal anders handeln, dann würde ich nichts nehmen und meine Wut herausplärren. Hauptsache nicht abhängig werden. Notfalls eine Kündigung in Kauf nehmen. Nichts ist schlimmer als die Wut via Drogen in sich hineinzufressen.

lg sofa-held

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Fritz
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Beitrag Sa., 08.03.2008, 22:49

Ich habe neulich meinen Chef angebrüllt vor Wut! Dann bin ich zu seiner und meiner gemeinsamen Vorgesetzten gegangen und habe gesagt, was ich getan habe und warum - und dann hat sie sich um den Fall gekümmert (ihm gesagt, dass ich endlich weiterarbeiten darf - er hatte mich blockert!)

Und seitdem geht es mir gut, ich denke zwar trotzdem an Kündigung, aber bis es soweit ist, darf ich arbeiten und muss nicht mehr diskutieren...

LG
Fritz

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Beitrag So., 09.03.2008, 00:57

sofa-held hat geschrieben:Nichts ist schlimmer als die Wut via Drogen in sich hineinzufressen.
Bedenke, dass die Wut ja eigentlich auch nicht das ursprüngliche Gefühl ist.
Das war's
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