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Sa., 12.12.2015, 18:26
@ Mio
Zum zweiten Teil Deines letzten postings, Deinen Erlebnissen mit dieser Kampfsport-Gruppe, kann ich aus eigenem Erleben wenig beitragen - ich habe eine sehr große, auf traumatischen Jugenderlebnissen beruhende Abneigung gegen (nicht-sexuelle) körperliche Aktivitäten in der Gruppe, mit oder vor anderen, dererlei mein Leben lang gemieden. Ich muß schon sehr eng mit jemandem befreundet sein, um mit ihm Fahrrad zu fahren o.ä.
Es verhält sich aber - wie immer S. Freud folgend - so, daß jede körperliche Aktivität, gerade Sport, sexuell erregend ist. Die Erregung bleibt in vielen Fällen unterschwellig, wird, wenn sie denn wahrgenommen wird, explizit nicht-sexuell interpretiert, wobei ich glaube, daß da schon bereits der Abwehrmechanismus der Verleugnung eine Rolle spielen könnte. Sport ist deswegen hervorragend geeignet, (sexuelle) Libido abzuführen. Das sei der Grund, so Freud in den "Drei Abhandlungen", weswegen Sport in der heutigen Erziehung so eine große Rolle spiele.
Ab hier spekuliere ich nun frei: Im Kampfsport nun treffen die zwei grundsätzlichen Erregungsarten und Triebe des Menschen zusammen: Sex und Aggression, die Libido-Abfuhr ist deswegen wohl enorm, saugt die ungebundene Libido regelrecht an sich, und führt dementsprechend bei sehr vielen, die Kampfsport betreiben, zu einer zumindest zeitweise festen, stabilen Libido-Besetzung. Man wird zum "fan" - die jeweilige Tätigkeit erhält regelrecht den Rang, den auch eine sexuelle Beziehung im engeren Wortsinne zugewiesen bekommt. Die Gefühle von Konkurrenz und Eifersucht, die Beziehungspartner gelegentlich dem intensiven, "leidenschaftlich" betriebenen Sport ihres Partners gegenüberbringen, erscheinen mir von daher garnicht mal so weit weggeholt.
In Vereinen und Gruppen, in denen es regelmässig einen Trainer gibt, kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu, nämlich denjenigen der Herstellung einer "Masse", die einem "Führer" folgt. In den asiatischen Kampfsportarten ist es ja auch nicht selten, daß solche Führer mit priesterlichen Titeln angesprochen, und zumindest beim Training auch mit zeremonieller Hochachtung zu behandeln sind. Das verstärkt natürlich die Stellung des Führers, erhöht seine Autorität, ebenso wie die verschiedenen Rangklassen, die sich auch in äusserlichen Abzeichen niederschlagen, wie man sie vom Karate ja kennt. Wird der einzelne Mensch zum Bestandteil einer Masse, dann vermindert sich schlagartig seine Intelligenz, seine Fähigkeit zur Reflexion seiner Selbst und seiner Umwelt. Gleichzeitig erhöht sich seine Beeinflußbarkeit durch die Masse und insbesondere den Führer. Darüber gibt es ein berühmtes kleines Büchlein von einem französischen Zeitgenossen Freuds, Gustave Le Bon: Die Psychologie der Massen, das Freud sehr hoch schätzte, ihn zu "Massenpsychologie und Ich-Analyse" anregte, einer kulturpsychologischen Monographie, die im ersten Teil eine glossierte Wiedergabe von Le Bons Buch darstellt. Ich kann auch gerade Le Bon nur empfehlen - es ist eines der hellsichtigsten Bücher, die ich je gelesen haben, stellt sich dar wie ein vorweggenommener Kommentar zu den traurigen Massenereignissen des 20. Jahrhunderts.
Ich beschränke mich hier einmal auf diese Referate, ohne weiter zu versuchen, die psychosoziale Situation einer solchen Kampfsportgruppe - ich bin stets versucht: Wehrsportgruppe zu schreiben, hony soit, qui mal y pense ! - unter diese allgemeinen Thesen zu subsumieren.
Vielleicht hast Du Lust, mir insofern ein bischen entgegenzukommen ?
Gruß
Möbius