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Paniker
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Post Sun, 10.Jul.05, 2:34      5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo,
es ist 3.00 Uhr in der Nacht, und ich sitze gerade vor dem PC, weil ich wieder mal an einem "Herzinfarkt" sterbe.

Ich bin 48 Jahre alt, mit 23 Jahren fing es an. Plötzlich und ohne jeden Anlaß wurde mir im Kino "schwummerig", ich bekam weiche Beine, Atemnot und das Gefühl, sofort den Film verlassen zu müssen. Schon kurze Zeit später hatte ich während des Autofahrens plötzlich massive Herzschmerzen und bekam Schweißausbrüche. Von da an fing ich an, mich zu beobachten und rechnete insgeheim immer mit einem neuen "Anfall" - der dann auch prompt eintrat.

Irgendwann im Laufe der Jahre konzentrierten sich alle Symptome nur noch auf mein Herz. Urplötzlich ohne ohne jeden besonderen Anlaß, also aus "heiterem Himmel", hatte ich Schmerzen in der Brust, die bis in den Arm ausstrahlten. Der Puls ging hoch bis auf 180. Der Schweiß lief in Strömen, ich bekam kaum noch Luft und glaubte, jeden Moment an einem Herzinfarkt sterben zu müssen. Ich zitterte und bebte am ganzen Körper.
Ich wurde Dauergast bei Internisten und Notärzten, die teilweise nachts zu mir nach Haus kamen, weil ich gerade mal wieder "starb". Ich kann die EKG's und die anderen Untersuchungen alle nicht mehr zählen - aber sie waren immer ohne Befund. Stellenweise war es peinlich ohne Ende. Ich lag auf dem Untersuchungstisch und meinte, jeden Moment sterben zu müssen, aber der Arzt teilte mir munter und frohgelaunt mit, daß alles in bester Ordnung sei.

Und die Anfälle gingen weiter. Ich traute mich nachts nicht mehr, Auto zu fahren. Auf jeder Fahrtstrecke, auch tagsüber, schielte ich unbewußt auf Schilder, wo eine Arztpraxis ist, wenn gerade in diesem Moment was passieren sollte. Meine täglichen Gedanken kreisten nur noch um mein Herz und meine "Herzanfälle". Wenn ich im Fernsehen etwas über das Herz sah oder Berichte über das Herz las, schaltete ich schnell um oder überblätterte die Seite. Ich wollte es gar nicht wissen!

Beruhigungsmittel habe ich nie genommen - wegen der Angst, süchtig zu werden. Auch eine Therapie habe ich niemals gemacht. Als "ganzer Kerl" und als "Mann wie ein Baum" war mir das einfach zu dämlich.

Eine Zeitlang hatte ich plötzlich Ruhe, dann ging es wieder los. Jetzt hat ein ehemaliger Geschäftspartner von mir 4 Bypässe bekommen - und schon sterbe ich wieder an einem "Herzinfarkt" nach dem anderen.

Wenn ich Alkohol trinke, hören die Beschwerden sofort auf. Aber jetzt bin ich auf einmal auch noch ein Angsthäschen. Mein letzter Arztbesuch liegt schon mehr als 5 Jahre zurück. Jetzt bin ich 48 und keine 25 mehr. Ich rauche und habe Übergewicht. Ergo: ich traue mich nicht zum Arzt. Ich habe Angst, daß nun plötzlich wirklich eine schwere Herzerkrankung festgestellt wird und ich "am Rande des Todes" bin. Irgendwie ein total paradoxes Verhalten, aber es ist nun mal so. Ich habe ANGST vor einem Arztbesuch.

Und so "sterbe" ich momentan wieder einmal in Abständen vor mich hin - und keiner sieht es mir an. Ich spreche auch nicht darüber, weder mit der Ehefrau, noch mit der Verwandtschaft. Ich versuche andauernd, dieses leidige Thema mental in den Griff zu bekommen - aber ich ertappe mich immer wieder dabei, daß meine Gedanken quasi rund um die Uhr nur um mein Herz und die Angst vor einem Herzinfarkt kreisen. Alleine eine Schlagzeile wie "statistisch gesehen erleiden Männer mit 47 Jahren den ersten Herzinfarkt" läßt mich schon wieder Schmerzen in der Brust bekommen und wieder einmal an den Tod denken. Manchmal möchte ich schreien und toben vor Wut, daß ich mich durch meine eigenen Gedanken fertig mache - aber es hilft nichts. Ich werde wohl noch weitere 5.000 "Herzinfarkte" erleiden müssen, ehe es mich irgendwann einmal wirklich erwischt.

Ist das nicht albern und paradox? Bin ich noch ein MANN oder nur noch ein Angsthäschen? Müßte man nicht darüber lachen, wenn es (für mich) nicht so traurig und ernst wäre?
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Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 5:35      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Paniker,

MANNsein und Angst zu haben sind für mich keine Gegensätze, auch ich habe große Angst vor Krankheiten, dem Alter(n) und dem Tod, auch vor Arztbesuchen, insbesondere den Diagnosen, - sehe darin aber kein paradoxes Verhalten. Ich muss mir hinundwieder richtig klarmachen, dass Die Ärzte ja auf unserer Seite stehen, aber die Diagnosen haben schon etwas von (Todes-)Urteilen an sich.

Hast Du generell Angst vor dem Tod? Auch vor anderen Krankheiten?

Eigentlich glaubst Du doch, dass es noch nicht soweit sei, hast Dich schon so oft in "falschen Alarm" gesteigert, mach Dir das doch immer wieder bewusst, dass es JETZT gerade sehr unwahrscheinlich ist, einen Herzanfall zu bekommen.

Wenn Du es schaffen könntest Dein Leben umzustellen, mit dem Rauchen aufzuhören (einzuschränken), Dich gesund zu ernähren, abzunehmen, Sport zu treiben, Dein Herz würde es Dir sicherlich danken und vermutlich ginge auch die Angst zurück.

Über eine Therapie gegen die Angst würde ich auch als "ganzer Kerl" noch mal nachdenken, die hat schon so manchem "Mann wie ein Baum" geholfen besser mit sich und seinen Ängsten klarzukommen.

LG Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 10:03      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Jörg,

"Angst" vor dem Tod habe ich eher wenig, aber merkwürdigerweise beschäftige ich mich immer öfter mit dem Thema, daß auch ich irgendwann mal abtreten muß. Und Angst vor anderen Krankheiten habe ich komischerweise auch so gut wie nie. Obwohl ich Raucher bin, habe ich hier nur ein "schlechtes Gewissen", aber keine Angst vor Krebs. Anscheinend sind alle Sorgen dermaßen nur auf mein Herz fixiert, daß ich gar keine Zeit habe, über andere Krankheiten nachzudenken. Meine "Herzinfarkte" bzw. meine "Herzerkrankung" füllen mich voll aus.

Mit dem "Gesund leben" ist das so eine Sache, momentan schaffe ich es kaum noch, mich aufzuraffen. In den beschwerdefreien Phasen mache ich mir darüber keine Gedanken, weil ich mich quitschfidel fühle. In den Phasen, wo ich wieder "schwer krank" bin, brauche ich meine ganze Willenskraft für mein "Leiden". Da würde ich es NIE schaffen, z.B. mit dem Rauchen aufzuhören, da würde ich wahnsinnig werden. Mit dem Übergewicht kriege ich es ab und zu hin, abzunehmen - habe es dann aber ruckzuck wieder drauf. Bis vor einigen Jahren war ich sportlich ziemlich aktiv, da war ich fast jeden Tag im Eisstadion. Aber das schlief dann auch irgendwann ein. Und momentan kann ich mich einfach zu nichts aufraffen, weil ich eben wieder einmal meine "ich sterbe eh bald" Phase habe. Das ist irgendwie ein verdammter Kreislauf.

Ärztliche Hilfe (also psychische) habe ich wahrscheinlich deswegen nie in Anspruch genommen, weil es ja niemals kontinuerlich bergab ging oder immer schlimmer wurde. In den beschwerdefreien Phasen tanke ich wieder Kraft. In den "Krankheitsphasen" rede ich mir dann immer wieder verzweifelt ein, daß es bald wieder besser sein wird. Und so schleppe ich mich dann irgendwie von Jahr zu Jahr.

Viele Grüße
Udo
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Post Sun, 10.Jul.05, 16:58      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallöchen...

Wen ich mal meine Erfahrungen dazu mitteilen darf: hin und wieder, beispielsweise wennich großen emotionalen Streß habe schnürt sich mir meineKehle zu, d. h. ich denke, ich bekomme keine Luft mehr alles in mir zieht sich zusammen, ich atme schneller, schwitze erbämlich und dann bekomme ich auch noch Fieber, so ein 'Anfall' ist dann ft noch mit Darmschmerzen und schweren Kopfschmerzen verbunden und geht so nach einer Stunde wieder weg... Ich habe diese 'Anfälle' komischerweise nur, wenn ich gerade alleine bin und mir dann noch dabei den Kopf zerbreche was ich jetzt tue wenn ich gar keine Luft mehr bekomme und wann mich wer wohl finden mag.... Ich hasse es, ich hasse es Sad
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Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 18:16      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Das ist ja oft so. Wenn man darüber nachdenkt, keine Ablenkung hat, den Anfall regelrecht erwartet, dann kommt er auch.
Die ganzen körperlichen Symptome besagen im Grunde gar nichts. Der eine hat diese, der andere jene, ich habe es auch schon geschafft, mich z.B. in Fieber "hereinzusteigern".

@ Udo,
mal eine etwas provokante Frage: wenn Du den Tod eigentlich nicht fürchtest, vor Krebs etc. keine Angst hast, was wäre denn an einem Herzanfall so schlimm (nicht böse gemeint)?
Ist es vielleicht das JETZT?

LG Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 18:37      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Hans-Jörg,

vielleicht habe ich mich etwas mißverständlich ausgedrückt, ich versuche es noch mal zu erklären.

Da für mich anscheinend nur noch HERZ, HERZ, HERZ existiert, haben alle anderen Ängste vor anderen Krankheiten an Bedeutung verloren. Dafür habe ich keine Zeit mehr, weil ich eben nur auf den "Herzinfarkt" fixiert bin. Noch nicht einmal auf einen Herzanfall, sondern wirklich auf den schlimmsten aller Fälle, daß ich einfach in der nächsten Minute umfalle, der Notarzt kommt und leider nur noch den Tod feststellen kann - entweder sofort oder auf dem Weg in die Klinik oder gerade nach der Einlieferung. Ich kann mir das sogar richtig schön plastisch vorstellen! Grausam, nicht?

Ich fürchte den Tod also sehr wohl, aber eben den INFARKTTOD.

Dazu kommt, daß meine "Anfälle" momentan eine andere Qualität gewonnen haben. Waren es früher teilweise 5-8 Attacken am Tag, die meist so um die 30 Minuten dauerten, habe ich jetzt Tage, wo es von morgens bis abends im Grunde genommen eine einzige Attacke ist (also z.B. den ganzen Tag Schmerzen und Druck in der Brust, die bis in den linken Arm ausstrahlen). Das kommt sicher durch das ständige "Reinlauschen" in den eigenen Körper, die falsche Atmung, die ständige Muskelanspannung. Wenn ich mir dann ein halbes Bierglas voll Korn trinke, kann ich förmlich spüren, wie schon ein paar Minuten später die Anspannung nachläßt und ich lockerer werde. Aber verständlicherweise nutze ich diese "Radikalkur" so selten wie möglich.

Irgendwie ist das alles so schwer zu erklären. Bei einem "Anfall" bin ich ein jammerndes Häufchen Elend und danach körperlich ausgebrannt wie nach einem 10.000m-Lauf. Bin ich mal beschwerdefrei, strotze ich vor Kraft und Energie und bin manchmal richtig überkandidelt vor guter Laune.

Viele Grüße
Udo
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Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 19:14      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Udo nochmals,

dass Du nur den Infarkttod fürchtest, ist für mich schwer nachzuvollziehen.
Ich fürchte den Tod, im Zweifel vielleicht den qualvolleren etwas mehr, wobei ich nicht denke, dass der Infarkttod der Schlimmste ist - geht doch wenigstens schnell (in Deiner Vorstellung zumindest).

Ist für Dich eine andere Todesart nicht vorstellbar? Bist Du fest davon überzeugt eines Tages am Herzinfarkt zu sterben, an nichts anderem?
Habe ich es jetzt richtig verstanden, dass Du einen Herzanfall gar nicht fürchtest?

Die Symptome kommen sicherlich vom ständigen "Reinlauschen" in den eigenen Körper, der falsche Atmung, der ständige Muskelanspannung usw.
Ist natürlich ziemlich heftig ausgeprägt inzwischen. Daher nochmal mein Vorschlag: eine Therapie zu machen!

Was erhoffst Du Dir vom Schreiben hier?

Mit dem Alkohol wird das vermutlich auch keine dauerhafte Lösung werden, zumal soetwas schnell andere Probleme nachsichzieht.

Viele Grüße
Hans-Jörg
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Post Sun, 10.Jul.05, 20:49      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hans-Jörg,

wenn ich "normal drauf" bin, denke ich natürlich wie jeder andere Mensch sporadisch an Krankheiten, Unfälle, etc. und den Tod. Aber das sind Sekundengedanken, die absolut vernachlässigbar sind. Es ist richtig, daß ich ausschließlich den HERZTOD befürchte. Ich gehe also direkt "in die Vollen". Ich komme so gut wie nie auf die Idee, daß es auch etwas harmloses sein könnte, das man mit Tabletten behandeln könnte. Infolgedessen ist für mich auch ein "Herzanfall" viel zu harmlos, ich denke lieber gleich das Schlimmste. Und natürlich denke ich auch daran, daß der Herzinfarkt mit grausamen Schmerzen verbunden sein wird.

Das Schreiben hilft mir, lenkt mich ab und beruhigt mich – also schon sowas wie eine "Therapie". Vor einigen Wochen hatte ich nachts mal einen "Anfall", der so schlimm war, daß ich förmlich schweißüberströmt an den Schreibtisch gekrochen bin. Online fand ich eine sehr interessante Seite mit Erfahrungsberichten und Hilferufen. Ich las, wie viele andere ähnliche Probleme haben – und wie vielen Menschen es noch "dreckiger" geht, weil sie z.B. noch nicht mal mehr das Haus verlassen können oder das gesamte private Umfeld dadurch in die Brüche gegangen ist. Das Lesen dieser Berichte – oft auch mit vielen medizinischen Details gespickt – hat meine volle Konzentration in Anspruch genommen und mich somit abgelenkt. Und schon eine halbe Stunde später waren alle Symptome wieder verschwunden.

So jetzt auch in diesem Moment. Sobald ich mich sachlich und schriftlich damit auseinandersetze und mir vor Augen führe, wie oft ich in den letzten 25 Jahren schon "gestorben" bin und jetzt gerade deine Frage beantworte, obwohl ich doch als "Schwerkranker" in dieser Sekunde wohl andere Probleme haben und besser einen Arzt rufen sollte – dann geht es mir besser!

Auf einen Nenner gebracht: würde ich jetzt ein Buch über Herzinfarkte, Anzeichen und Symptome lesen, dann kannst du sicher sein, daß ich spätestens 30 Minuten später genau DIESE Symptome alle haben würde. Würde ich dagegen ein Buch über Herzphobien lesen und alle meine Symptome dort wiedererkennen, würde mich das sofort wieder beruhigen nach dem Motto "Siehst du, Udo, du bist nicht krank, sondern nur ein Phobiker!"

Grüße von Udo
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Post Sun, 10.Jul.05, 21:11      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Udo,

Du hast das Problem seit Du 23 bist?
Was war zu der Zeit? Warst Du überfordert? Hattest Du zuviel Streß? Lag Dir etwas auf dem Herzen? Hattest Du Angst vor irgendetwas?

Manchmal symbolisiert die Paniksache etwas anderes. Schonmal in Erwägung gezogen?

Vielleicht ist Dir Deine Problem auch in irgendeiner Hinsicht nützlich?
Kümmert sich Deine Familie dann stärker um Dich? Oder gönnst Du Dir dann vielleichtmal eine Auszeit?

Angelique
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Post Sun, 10.Jul.05, 21:58      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Angelique,

stimmt - seit dem 23. Lebensjahr. Auslöser war wohl die Tatsache, daß ich zu dieser Zeit einen Job hatte, der mich richtiggehend ANKOTZTE und wo es mir jeden Tag immer schwerer fiel, ohne Ekel zur Arbeit zu fahren. Ich mußte dort auch Nachtschicht machen, womit ich gar nicht klar kam. Da spielte mein Körper total verrückt. Parallel dazu hatte gerade meine "erste große Liebe" nach 4 Jahren mit mir Schluß gemacht. Das war wohl der Auslöser für den ersten "Anfall", der ja noch nichts mit einer Herzphobie zu tun hatte.

Alles danach ist wohl dadurch entstanden, daß mich dieser erste "Anfall" so massiv und so sehr erschütterte (ich war sowas von kerngesund), daß ich mich rund um die Uhr selbst beobachtete und plötzlich selbst ein kleines Ziehen im Halsmuskel als Herzerkrankung ansah. Dadurch hat sich die ganze Geschichte wohl ausschließlich auf das Herz fixiert, während andere eben Probleme mit dem Magen oder Kopfschmerzen oder was weiß ich haben.

Meine Familie bekommt davon kaum was mit. Der Witz ist, daß ich noch nie im Krankenhaus war und auch noch nie krank war. Ärzte kenne ich nur durch gelegentliche Kontrolluntersuchungen und von früher, als ich einen "Herzinfarkt" nach dem anderen hatte und fast jeden Arzt im Umkreis von 100 km schon mit Vornamen kannte. Wie es sich für einen ordentlichen Herzphobiker gehört, bekomme ich meine "Herzinfarkte" meist nachts oder wenn ich alleine bin. Nachts stehe ich dann schnell auf und verziehe mich ins Büro (Büro ist im Haus).

Passiert es im Beisein der Familie, dann überspiele ich es so, daß es keiner merkt. Da die "Anfälle" im Beisein anderer auch nie so schlimm sind, merkt mir auch kaum jemand was an. Ich täusche dann Magenschmerzen oder sowas vor.

"Auszeiten" gönne ich mir zwangsläufig. Ich wurde vor 2 Jahren von meiner Firma "wegrationalisiert" und habe seitdem nichts neues gefunden. Da ich ein "Arbeitstier" bin, hat diese Situation sicher auch dazu beigetragen, daß sich meine "Herzinfarkte" momentan wieder häufen.

Gruß Udo
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angelique
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Post Sun, 10.Jul.05, 22:30      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Udo,

ist ja faszinierend, dann war es vielleicht tatsächlich das "gebrochene Herz" und das Dir etwas auf dem Herzen lag der "Scheiß- Job".

O.k., Du hast dich dann aufs Herz konzentriert, aber warum nicht auf ein anderes Organ? Warum das Herz?

Was ich nicht verstehe: Du wirkst so einsichtig, als würdest Du prima über Dich Bescheid wissen (hast bestimmt auch viel gegrübelt...)
Aber warum gehst Du nicht zur Therapie? Ist es Dir zu peinlich? Mußt Du der große Mann sein in Deiner Ehe? Hast Du kein Vertrauen zu Deiner Frau? Zu Deiner Familie? Warum verbirgst Du Dich?

Hast Du eine Idee, warum die Anfälle nur so schlimm sind, wenn keiner da ist? Glaubst Du, Deine Familie
könnte Dir noch helfen? Dich schnell zum Arzt bringen?

Bist Du stolz darauf, nie krank gewesen zu sein? Denn wäre ja ein Selbstbetrug. Was heißt das schon, daß Dich niemand behandelt hat? Doch nur, daß Du diesen Mist noch mit Dir rum schleppen mußt.

Du schreibst, Du bist ein Arbeitstier, daß Deine Anfälle sich jetzt wieder häufen? Vielleicht liegt Dir ja doch noch was auf dem Herzen? Das der Scheiß-Job diesmal fehlt?

Bist Du mit Deiner Ehe zufrieden? Ich kanns mir kaum vorstellen, warum müßtest Du Dich sonst verbergen?

Alles Gute
Angelique
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Post Sun, 10.Jul.05, 22:57      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Angelique,

keine Ahnung, warum es gerade das Herz ist. Die Anfälle nach dem ersten Anfall waren immer mit Pulsrasen, Herzschmerzen und Druck in der Brust verbunden - da habe ich mich dann wohl unbewußt nur auf das HERZ "spezialisiert".

Ich weiß nicht mehr, wie viele Tonnen Fachlektüre ich in den letzten 25 Jahren zu diesem Thema verschlungen habe. Eine Therapie wäre mir nicht peinlich. Aber vielleicht bin ich einfach so überheblich, daß ich denke, durch diese Unmenge Lektüre genau zu wissen, was mit mir los ist und daß mir ein Therapeut auch nicht mehr helfen kann als ich mir selbst. Und von Medikamenten bzw. Psychopharmaka will ich schon gar nichts wissen.

Meine Ehe ist hervorragend, es wird vielleicht tatsächlich an "dem großen Mann" liegen, der sich irgendwo dumm vorkommen würde, wenn er sich mit 1,93 m und 110 Kilo als Angsthäschen zeigt. Außerdem - warum sollte ich andere damit behelligen, wenn ich doch schon 5.000 "Herzinfarkte" erfolgreich überlebt habe und sicher auch die nächsten 5.000 noch schaffe? Das sehe ich irgendwie nicht als "verbergen". Ich würde sicher nicht 18 Jahre Ehe mitmachen, wenn ich nicht zufrieden damit wäre.

Nie krank gewesen zu sein hat nichts mit "Stolz" zu tun. Ich wollte damit nur sagen, daß ich also nicht ein krankheitsanfälliger Typ bin oder durch irgendeine Erkrankung belastet bin oder generell so eingestellt bin, daß ich bei jedem Wehwehchen gleich einen Arzt rufen würde.

Zum Arbeitstier: Diesen Schei...job hatte ich mit 26 geschmissen und mich dann ziemlich erfolgreich selbständig gemacht. Hier wurde ich aber von meinem "Brötchengeber" wegrationalisiert (Auschließlichkeitsvertrag). Es geht sicher nicht nur um den fehlenden Job, sondern auch um das Gefühl der Nutzlosigkeit, der Frusterlebnisse auf dem Arbeitsmarkt, das Gefühl, keine Perspektiven mehr zu haben und so weiter und so weiter. Mir fehlt einfach die "Action", ich komme mir momentan wie ein alter Opa vor.

Gruß Udo
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Post Mon, 11.Jul.05, 1:16      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Hallo Udo,

Du schreibst:

Quote:
keine Ahnung, warum es gerade das Herz ist. Die Anfälle nach dem ersten Anfall waren immer mit Pulsrasen, Herzschmerzen und Druck in der Brust verbunden - da habe ich mich dann wohl unbewußt nur auf das HERZ "spezialisiert".


Ja, unbewußt. Und das hatte wohl seine Gründe. Eben, weil Du Probleme hattest, die Dich überfordert haben. Man kann so ein Problem auch verschieben. Man hat andere, wirkliche Probleme, verschiebt die Problematik auf das Herz beispielsweise, hat dann Anfälle und geht damit der vielleicht schmerzhafteren Auseinandersetzung mit dem wirklichen Problem aus dem Weg. Um Dir diese Möglichkeit der Erklärung anzudeuten, hatte ich gefragt "Warum ausgerechnet das Herz?".


Aus Deinem weiteren Text zeichnet sich für mich eben doch Dein Stolz ab. Und Deine Angst, Deinem eigenen Anspruch an Dich als Mann nicht gerecht werden zu können.

Du sagst ja viel über Deinen Stolz und das was Du vor Dir selbst sein willst aus.

Du schreibst:

Quote:

es wird vielleicht tatsächlich an "dem großen Mann" liegen, der sich irgendwo dumm vorkommen würde, wenn er sich mit 1,93 m und 110 Kilo als Angsthäschen zeigt


Und
Quote:

Ich wollte damit nur sagen, daß ich also nicht ein krankheitsanfälliger Typ bin oder durch irgendeine Erkrankung belastet bin oder generell so eingestellt bin, daß ich bei jedem Wehwehchen gleich einen Arzt rufen würde.


Du bist eben ein gestandener Mann und stolz darauf daß Du Deine Probleme selbst lösen kannst und nicht ständig zum Arzt rennst, wie irgendeine Memme. Verstehe ich völlig. Nur blockiert Dich das jetzt.

Ich glaube Dir daß Deine Ehe Dich zufriedenstellt. Du hast keine Angst daß Deine Frau Dich verachtet, sondern daß Du Dich verachten mußt, wenn Du doch "schwach" bist.

Hast Du Deinen Stolz mal hinterfragt? Vielleicht kannst Du Dich dann davon lösen, daß Du kein "Angsthase" sein darfst.
Vielleicht bist Du auch gar kein "Angsthase", nur weil Du nicht alles immer im Griff haben kannst?
Dann ist es doch Tatsache, daß Du ein Problem hast. Ich könnte mir vorstellen, daß Du noch mit Dir selbst ringst, um Dir das eingestehen zu können. Ist das so?
Warum kannst Du nicht auch mal ein Problem haben? Glaubst Du, die Menschen in Deiner Umgebung haben keine? Wer weiß. was die verbergen müßen, weil sie sich vor sich selbst schämen.
Und was ist das eigentlich für eine Stärke, die Dich, als jemand der sich offenbar auch durchkämpfen mußte und konnte, dazu bringt, vor Dir wegzulaufen und so zu bagatellisieren, indem Du schreibst:

Quote:
Außerdem - warum sollte ich andere damit behelligen, wenn ich doch schon 5.000 "Herzinfarkte" erfolgreich überlebt habe und sicher auch die nächsten 5.000 noch schaffe?


Merkst Du die Angst in dem Satz, dieses "Darf ich auch schwach sein, darf ich auch mal jemanden behelligen, darf ich auch Probleme haben"?

Dann schreibst Du noch:

Quote:
Es geht sicher nicht nur um den fehlenden Job, sondern auch um das Gefühl der Nutzlosigkeit, der Frusterlebnisse auf dem Arbeitsmarkt, das Gefühl, keine Perspektiven mehr zu haben und so weiter und so weiter. Mir fehlt einfach die "Action", ich komme mir momentan wie ein alter Opa vor.


Versteh ich. Es ist schlimm. Das wollte ich andeuten, als ich schrieb "Der scheiß-Job fehlt". Daß Du genug Gründe hast für Deine Attacken. Weil Dir doch einiges auf dem Herzen liegt. Vielleicht werden die Anfälle ja wirklich schlimmer, je mehr Dir auf dem Herzen liegt. Daraus folgt: Du könntest daran arbeiten, daß Dich weniger bedrückt.

Gruß
Angelique
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Post Mon, 11.Jul.05, 6:44      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Guten Morgen Udo,

ja, wenn ich einen Bericht über irgendeine Krankheit lese, habe ich die dort beschriebenen Symptome auch sehr oft. Das ist seit meiner Kindheit so, einmal im Jahr (schätze ich mal) sind auch Herzbeschwerden dran.

Ich habe eigentlich gelernt, dass es bis jetzt fast immer "nur" psychosomatisch war und das beruhigt mich auch beim nächsten Mal. Schwierig wird es, wenn etwas Neues dazukommt. Ansonnsten sage ich mir, es war die letzten 1000 Male nichts "Echtes", also ist die Chance sehr groß, dass es dieses Mal wieder so sein wird.
Gerade zu erkennen, bei (überraschender) Ablenkung sind die Symptome im Nu weg, hat mir sehr geholfen, auch mein Unterbewusstsein von der Harmlosigkeit meiner "Einbildungen" zu überzeugen.

LG Hans-Jörg
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Post Mon, 11.Jul.05, 8:53      Re: 5.000 "Herzinfarkte" in 25 Jahren Reply with quoteBack to top

Vermutlich sind diese hypochondrischen, eingebildeten Krankheiten recht häufig verbreitet.

Ich selber hatte in der Vergangenheit oft eine ausgeprägte Angst vor Krebs. Krebserkrankungen haben ja häufig am Anfang keine markanten Symptome - umso einfacher kann man sich einbilden, man hätte Krebs. Ich habe etliche medizinische Lehrbücher über Krebs gelesen und war nach der Lektüre jedesmal davon überzeugt, schwer krank zu sein. Seltsamerweise gab es auch immer irgendwelche passenden Krankheitszeichen (Verdauungsbeschwerden, unklare Bauchschmerzen etc.).
Zeitweise war ich davon überzeugt, in Kürze mit einem Anus praeter leben zu müssen (wegen eines eingebildeten Darmtumors). Ein anderes Mal war ich mir sicher, dass man mir demnächst wegen eines Mundtumors den halben Unterkiefer wegoperieren müsste (ich habe seit meiner Kindheit eine Art Knoten unter der Zunge, der aber immer gleich ist und sich nie verändert). Und jeder Hautfleck wurde gleich zum malignen Melanom...

Da aber nun diese "Krankheiten" schon seit vielen Jahren in meinem Kopf existieren und sie weder schlimmer geworden sind und ich auch nicht daran gestorben bin, habe ich inzwischen gelernt, damit zu leben.

Neben der Krebsangst habe ich auch immer mal wieder unklare Schmerzen in der Brust. Da aber bei kardiologischen Untersuchungen keine schwerwiegenden Befunde festgestellt wurden, machen mir diese Schmerzen auch keine Sorgen mehr. Vermutlich sind es Verspannungen der Muskulatur.

Naja, seitdem ich diese Ängste zwar zulasse, sie aber andererseits nur noch beobachtend wahrnehme, geht es mir damit eigentlich ganz gut.

Viele Grüße,
Martin
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