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Niniwech
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Post Thu, 28.Jun.07, 15:06      Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hallo zusammen,

Ich habe gerade ein Problem bei der Therapie.

Mir ist im Alltag und im Internet immer auf den Keks gegangen, dass jeder 2. depressiv sein will, oder mißbraucht worden sein will, oder irgend ein traumatisches Erlebnis erlebt haben will und dass Ritzen zur Modererscheinung wurde.

Ich habe mich immer davon distanzieren wollen, und habe immer ein bisschen die Meinung vertreten: Wer nur genug danach sucht, wird immer ein "schlimmes" (haha) Erlebnis in der Kindheit finden, deswegen soll man nicht so tun als wär man was besonderes.

Jetzt, da ich zum ersten Mal selbst mit einer Therapeutin über mich und meine Probleme und Vergangenheit sprechen soll, habe ich gerade deswegen Hemmungen.

Wenn ich versuche zu sagen, warum ich denke, dass ich mich (sagen wir) dannunddann schlecht gefühlt habe, oder ein Erlebnis von meiner Mutter oder meinem Bruder erzählen will, oder darüber, dass ich mich geschnitten habe, habe ich den Eindruck selbst fremde Geschichten nachzuerzählen (auch wenn es nicht stimmt). Ich habe immer den Eindruck, dass es so wirkt, als würde ich mich nur interessant machen wollen und meine Probleme aufbauschen - oder umgekehrt als würde ich nach leichten schuldigen für meine Probleme suchen wollen (nach dem Motto "ah ja natürlich die Mutter ist schuld...")
Und deswegen druckse ich rum und versuche immer alles zu relativieren und super differenziert zu schildern, was meine Therapeutin aber glaub nicht so gut findet, und außerdem bringts ja nix, manche Dinge nicht zu sagen, denn Gedanken lesen kann die Frau ja nicht.

Ich weiß nicht, ob man mein Problem auch nur ansatzweise nachvollziehen kann. ^^ Aber wenn ja, kennt das irgendwer?
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tanzendes_irrlicht
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Post Thu, 28.Jun.07, 16:09      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hey Niniwech,

ich glaube, Du hast das "meine-Probleme-sind-nicht-so-schlimm"-Syndrom Wink

Vielen geht es vor und zu Beginn (und zwischendrin Rolling Eyes ) der Therapie so, dass ihnen die eigenen Erlebnisse und Probleme als gar nicht dramatisch, als unwichtig vorkommen. Viele können gar nicht mehr fühlen, was denn daran schlimm sein soll und das Erzählen von Ereignissen als das eines Fremden wahrgenommen.
Und wenn man seine eigenen Probleme als trivial empfindet, kann man solche anderer auch nicht ernst nehmen.

Was glaubst Du, was es Dir gutes bringt, so zu denken?
Was glaubst Du würde passieren, wenn Du Gefühle zu Deinem Erzählten empfindest?

Lg,

Irrlicht

_________________
Toleranz ist, wenn sich die Menschheit in die Menschlichkeit verliebt. C.M.
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Niniwech
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Post Fri, 29.Jun.07, 9:25      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Huhu Irrlicht

danke dass du antwortest grinsend

Naja auf deine Fragen finde ich nicht wirklich eine Antwort. Ich könnt mir nur vorstellen, dass ich gelernt habe, dass das, was eigentlich wirklich bewundernswert ist, ist wenn man stark ist und sich selbst aufrappelt und andere unterstützt selbst wenns einem nicht gut geht und so, und ich hab einfach total angst, dass sie mich für nen Jammerlappen hält.
Viele Menschen sagen, sie finden mich selbstbewusst, weil ich direkt bin und nicht schüchtern und nicht auf den Mund gefallen aber eigentlich hab ich schon ein geringes Selbstbewusstsein in dem Sinne, dass ich immer Angst habe, andere Leute könnten mich nicht anerkennen oder gering von mir denken, und die Angst hab ich halt bei ihr auch.

Aber vermutlich geht es echt vielen so und sie wird bestimmt geduldig sein.
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vb3rzm
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Post Fri, 29.Jun.07, 10:07      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hallo Niniwech,

Schwäche und sich schwach zu fühlen gehört zum Leben dazu, genauso wie Stärke und sich stark zu fühlen. Ein schöner Allgemeinplatz, nicht? So ziemlich das Erste was wir auf dieser Welt erleben ist Angst und wir schreien uns die Seele aus dem Leib, bis endlich jemand kommt und uns von unserem Hunger oder Bauchdrücken oder Angst erlöst.

Jeder, der ein schreiendes Kind hört, möchte, dass das Kind aufhört zu schreien. Die die sich nicht mehr spüren, sind genervt und halten halb erbost Ausschau nach der säumigen Betreuungsperson, die, die sich spüren halten inne und sind betroffen. Jeder hört die Not.

Was die Gesellschaft im Allgemeinen über Schwäche denkt, ist das eine, was du zu Schwäche empfindest, das Deine. Es auszuhalten, nicht immer für sich selbst, in sich selbst, eine Lösung zu finden, zu fragen lernen und abzuwarten ob man eine Lösung selbst findet oder jemanden anderen bittet zu helfen eine Lösung zu finden, kann der Anfang sein, sich damit abzufinden, nicht immer alles nur aus sich selbst beantworten zu können.

Das ist für mich einer der Punkte, an dem man anfängt zu erkennen, dass empfundene Schwäche einfach eine Frage an sich selbst ist, für die man noch keine Antwort hat.

Wenn ich es schon wüßte, bräuchte ich mich nicht zufragen, hätte ich schon eine Antwort und würde mich stark fühlen.

Ist man schwach, weil man nicht alles weiß?

_________________
Das Gefühl des geliebt werdens ist ein Wiederhall der Liebe, die Du in DIR trägst. geronimos secret
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Niniwech
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Post Fri, 29.Jun.07, 10:36      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Naja, ich weiß ja eigentlich schon, dass "wahre" Stärke eben auch ist, dass man andere um Hilfe bittet.

Ich glaube meine Therapeutin will, dass ich Antworten in meiner Vergangenheit suche, was ja eigentlich auch Sinn macht, weil momentan ja "eigentlich" alles in Ordnung ist und ich mich trotzdem schlecht fühle.

Ich denke ja auch, dass der Grund, weswegen ich immer so Angst habe, oder so sexuell verklemmt bin vielleicht in der Vergangenheit liegt.
Andererseits fällt es mir schwer zwischen relevant und nicht relevant zu untscheiden, teilweise sogar zwischen echt so gewesen und nicht so gewesen.

Zum Bsp hab ich mich neulich dran erinnert, dass mein Bruder, er ist 9 Jahre älter viele Jahre diese Dr.spielchen mit mir gespielt hat, als ich klein war hat mich beim Geschichten erzählten gestreichelt, ich habs auch sehr genossen und nach mehr verlangt, später hat er mich auch aufgeklärt (sein Penis war der erste, den ich im erigierten Zustand beobachten durfte), und später auch mal oral befriedigt (erfolglos - vermutlich wollte er üben), bis ich es eines Tages plötzlich sehr schlimm fand und ihn angeschrien habe deswegen - danach haben wir nie mehr auf diese Weise zusammen "gespielt" und auch nie drüber geredet.
Nun frage ich mich dann, wenn ich das erzähle, bausche ich eine Geschichte total auf? Schiebe ich meinem armen Bruder Schuld über meine jetzigen Probleme in die Schuhe?
Dann ist mir eingefallen, dass ich ja mit meinem kleinen Nachbarn, der allerdings ein Jahr jüger war als ich, auch immer diese Spielchen gespielt habe, nur dass es mir mit ihm gar keinen Spaß gemacht hat und ich jedes mal wenn ich allein mit ihm war angst davor hatte, dass er das vorschlagen würde (nur war ich als Kind so unselbstbewusst, dass ich mich da immer unterbuttern ließ). Naja ist also dieser Nachbar der "Böse"?
Oder ist das beides nicht so wichtig, und ich mach aus ner Mücke nen Elefanten und eigentlich ist das Problem ein ganz anderes? Vielleicht bin ich eigentlich nur spätreif und nicht sexuell verklemmt und die ganzen Überlegungen müßig.
Oder finde ich nur diese Dinge, weil ich jetzt danach suche, was das alles vielleicht gar nicht so, sondern ganz anders?
Vielleicht sind auch die Psychospielchen meiner Mutter schuld? Oder diese bösen Kinder, die mich gehänselt haben? Oder einfach, dass ich so eher unterwürfig von der Persönlichkeit her war und da kann keiner was für außer die bösen Gene? Oder vielleicht ist das alles Blödsinn?

Das sind dann so die Fragen, die ich mir stelle.
Ich denke das Leben ist ja voller Dinge, die einem eigentlich nicht gefallen haben, aber deswegen gleich sagen, diese Dinge seien schuld daran, dass man nachhaltig gestört ist? Ist vielleicht ein bisschen übertrieben.

Ich habe immer den Eindruck, wenn ich so was denke, ich würde nen "Schuldigen" in der Vergangenheit suchen wollen, damit ich das arme Opfer sein kann, und diese Vorgehensweise ist mir echt zuwider.

Ich weiß auch nicht, wovor ich eigentlich mehr Angst habe, sollte ich es ihr erzählen - dass sie es total wichtig findet (aha aufgebauscht), oder mir bestätigt, dass es nicht so wichtig ist (aha, hab ich mich angestellt).
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anna7379
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Post Fri, 29.Jun.07, 10:46      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hallo Niniwech!

Dein Bruder hat dich oral befriedigt? Shocked Ich denke, wenn du das deiner Therapeutin erzählst, wird sie kaum davon ausgehen, dass du etwas "aufbauschen" willst.

Hast du denn nicht auch ein bisschen das Gefühl, dass deine Therapeutin selbst entscheiden kann, was in dem Moment für sie wichtig ist, oder wovon sie denkt, dass ihr darüber sprechen solltet?

Ich denke, du solltest ihr all das, was du uns hier schreibst, und auch in der Art und Weise, deiner Therapeutin erzählen und erst mal schauen, was sie damit "macht" und wie sie worauf reagiert.

Manchmal erzähle ich meiner Therapeutin etwas, das ich selbst für ungeheuer wichtig halte, sie sagt dann aber, dass das doch gerade gar nicht das Thema ist, und was anderes wichtiger. Dann gibt es Stunde, in denen ich das Gefühl habe, ich erzähle nur banale Dinge, doch mit Hilfe meiner Therapeutin finde ich dann oft heraus, dass es eigentlich ganz schön wichtig und relevant ist, was ich da erzähle.

Kannst du ein bisschen darauf vertrauen, dass deine Therapeutin dein Gesagtes selbst ein bisschen einordnet und ihr unter dieser Prämisse einfach ALLES erzählen?

Liebe Grüße,

anna

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Niniwech
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Post Sat, 30.Jun.07, 11:03      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Gut danke, ihr habt mir Mut gemacht grinsend
Hoffentlich traue ich mich dann auch tatsächlich Cool
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schnu
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Post Sat, 30.Jun.07, 11:44      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hallo

Noch ein Gedanke von mir:
Du sagst, du hättest Angst, dass du unwichtige Dinge als wichtig darstellst. Oder dass du Leuten die Schuld für ein Verhalten gibst, dass du in Wirklichkeit selbst verschuldest.

Was wichtig ist kommt immer auf den Standpunkt an. Wenn man die globalen Probleme der Menschheit betrachtet, sind Hunger, Krankheit, Krieg wichtige Probleme und alles andere absolut irrelevant im Vergleich. Wenn du das Universum in seiner Gesamtheit betrachtest, ist es dir wahrscheinlich auch wirklich wurscht, ob die Erde verschwindet, wenn du keinen persönlichen Bezug zu ihr hast. Wenn du umgekehrt die Welt aus den Augen eines neugeborenen Babys betrachtest, ist das einzige wichtige, dass du in den Arm genommen und geschützt und gefüttert wirst. Jedes Baby empfindet seine Probleme als die fundamental wichtigsten und es hat damit von seinem Standpunkt aus gesehen total recht.
Was ich sagen will, ist: Vielleicht ist es überhaupt nicht wichtig zu wissen ob objektiv dein Bruder etwas Schlechtes oder etwas Folgenreichen getan hat. Vielleicht ist FÜR DICH nur wichtig, wie es dir damit geht. Deine Therapeutin ist dazu da, sich um dich und um deine Wahrnehmung und deine persönliche Geschichte zu kümmern. Was für dich wichtige Erinnerungen sind und was nicht, muss nicht mit einer historisch-wissenschaftlich-neutralen Betrachtung übereinstimmen. In der Therapie bist du als Subjekt das Thema, da darfst du auch subjektiv sein.
Es geht ja nicht darum, die anderen zu verurteilen, sondern herauszufinden, wie du das Leben erlebt hat und welche Erlebnisse dich geprägt haben. Wenn du das berichtest, was wichtig für dich war, bauscht du nichts auf, sondern berichtest von deinem persönlichen Standpunkt und der hat eine ebensogroße Berechtigung wie jeder andere Standpunkt, denke ich.

Ich wünsch dir viel Glück

schnu
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AnnaK
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Post Tue, 03.Jul.07, 12:25      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Fein, hab zu lange gebraucht zum Schreiben und nu ist der ganze Text weg Sad

Was Du da beschreibst kommt mir sehr bekannt vor.
Ich habe auch lange mit mir gehadert. Ich gehöre nicht in die Therapie, mir ist doch nie sowas schlimmes widerfahren. Der Platz gehört anderen Leuten die größere Probleme haben als ich...
Und gleichzeitig wollte ich NIEMALS zu den Menschen gehören die ich eigentlich immer verabscheut habe: Menschen die den Fehler immer bei anderen suchen, die sich aufspielen und ewig jammern. ganz schlimm fand ich das, und wollte wirklich ganz dringend niemals so sein.

Die wirklich triftigen Gründe warum ich die Thera aufgesucht habe, sind dabei wieder völlig in den Hintergrund gerutscht.

Mittlerweile weiß ich, dass ich meilenweit davon entfernt bin so zu sein. Lieber behalte ich meine Probleme unter der Oberfläche und lass mich davon zerfressen, als das Risiko einzugehen, dass mich jemand auch nur mit einem Auge schief anschaut. Für abfällige Blicke hab ich einen Bombensensor!
Ich habe auch lieber Stunden in diesem ätzenden Schweigen verbracht, als das Risiko einzugehen das falsche Bild zu übermitteln. Ich weiß mittlerweile auch, warum ich die Vorstellung so zu sein, SO schrecklich fand.

Ich kann Dir nicht sagem, wie DU das Problem lösen sollst. Den Weg musst Du selbst beschreiten.
Ich kann Dir nur sagen, das Beste was ich je gemacht habe, war genau diese Hemmung zu thematisieren. Waren ein paar krasse Stunden, aber das was ich zurückbekommen habe, ist toll!
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Niniwech
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Post Tue, 03.Jul.07, 13:11      Re: Reden über "verbreitete" Themen Reply with quoteBack to top

Hallo zusammen,

Ich will nur kurz schreiben, dass ich mich getraut habe diese Dinge, über die ich nachgedacht habe, zu erzählen.
Meine Therapeutin hat auch ein bisschen nachgeholfen und nachgefragt, sie wusste wohl dass was im Busch war und auch wo sie suchen muss (so gut ist sie) grad das mit meinem Bruder ging mir ganz schwer über die Lippen, aber dann wars raus.
Nun ich will nicht den Hinhalt der Therapiestunde wiedererzählen, aber sie fand es wichtig. Und in dem Moment als sie mir sagte, wie wichtig das alles ist, habe ich auch gespürt, dass es wichtig ist..
Ich muss noch sehr viel darüber nachdenken, und bin auch ziemlich aufgewühlt, und ich weiß auch noch nicht wie mir das alles hilft, aber ich bin doch recht sicher, dass es eine gute Sache ist/war mit ihr darüber zu reden.

Auf jeden Fall wollt ich euch danken, dass ihr mir Mut gemacht habt - vielleicht hätte ich mich auch so (mit Therapeutenhilfe) getraut, vielleicht auch nicht.
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